Sonntag

Philip Kerr: Kalter Frieden (Wunderlich)

Der Beginn des Kalten Kriegs, Südfrankreich, der alte William Somerset Maugham, Bernie und die Frauen – ein packender Spionagethriller von Philip Kerr.

Die Vergangenheit ist ein dunkler Ort, Französische Riviera 1956: Es ist einsam geworden um Bernie Gunther. Um sich vor seinen vielen Feinden zu verstecken, heuert er als Concierge in einem Grandhotel an der Côte d'Azur an – ein langweiliger Brotjob, aber sicher. Als eine höchst attraktive Engländerin ihn bittet, ihr Bridge beizubringen, erfüllt er ihren Wunsch daher nur zu gern. Aber die junge Frau verfolgt ihre eigenen Pläne: Sie will über das Kartenspiel Zugang zu dem Schriftsteller  Somerset Maugham bekommen, der ebenfalls an der Riviera lebt. Auch Bernie lernt Maugham kennen und wird bald von ihm um Hilfe gebeten, denn der Schriftsteller wird erpresst. Bernie soll die Lösegeldübergabe übernehmen. Doch kurz vor der Übergabe wird Bernie von den Briten verhaftet und gerät zwischen die Fronten eines Friedens, der weit brüchiger ist, als sich die Alliierten den Anschein geben.

Kalter Frieden ist der 11. Band der Gunther-Reihe. Der smarte Detektiv tritt wie gewohnt mit viel Selbstironie gepaart mit Zynismus auf. Leider ist dieser Band einer der schwächeren der Reihe. Es liest sich weniger als ein Roman, denn als eine Aneinanderreihung einzelner Geschichten, was das Buch sperrig erscheinen lässt. Philip Kerr hat noch zwei Bände in seinem Nachlass, die mit diesem versöhnen lassen.

Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. 1989 erschien sein erster Roman Feuer in Berlin. Aus dem Debüt entwickelte sich die Serie um den Privatdetektiv Bernhard Gunther. Diese Reihe führte Kerr fort. Für Die Adlon-Verschwörung gewann Philip Kerr den weltweit höchstdotierten Krimipreis der spanischen Mediengruppe RBA und den renommierten Ellis-Peters-Award. Seit 2004 schrieb er als P. B. Kerr an der Fantasy-Kinderbuch-Serie Die Kinder des Dschinn und eroberte damit auch das jugendliche Publikum. Philip Kerr starb überraschend am 23. März 2018 in London.

Kalter Frieden von Philip Kerr ist bei Wunderlich erschienen.
(JK 08/18)

Michael Theurillat: Lenz (Ullstein)

Als Kommissar Eschenbach aus seiner Auszeit zurückkehrt, ist die Welt eine andere. Tochter Kathrin ist bei ihm ausgezogen, seine Vertretung – die kühle, distanzierte Ivy Köhler – bleibt im Dezernat und sagt ihm den Kampf an. Der größte Schock ist jedoch, dass sein alter Freund und Kollege Ewald Lenz verschwunden ist – und unter Terrorverdacht steht. Lenz soll mit seinem enormen Insiderwissen und seinen technischen Fähigkeiten die Seiten gewechselt haben. Ivy Köhler hat ihn geradezu zum Abschuss freigegeben. Da wird ein Toter in Zürich gefunden, Walter Habicht, 62, soll aus Einsamkeit Selbstmord begangen haben. Doch der Kommissar glaubt nicht daran und beginnt sich mit dem Toten fast obsessiv zu beschäftigen, ist er doch im selben Alter wie er. Als Eschenbach ein rares Goldstück aus der Wohnung des Toten ihn Ivy Köhlers Schreibtisch findet, stellt er sich gegen das Dezernat und ermittelt auf eigene Faust. Kommissar Eschenbach gerät zwischen die Fronten und kämpft für die Wahrheit in einer Welt aus dubiosen Hintermännern, falschen Fährten und hochgefährlichen Verdächtigungen.

Lenz ist der 6. Band mit Kommissar Eschenbach. Es ist ein unblutiger Kriminalroman, der Terrorismus und den Syrienkrieg thematisiert. Auch eine wertvolle und seltene Münze spielt eine Rolle. Ein bisschen Politthriller, anspruchsvoll und inhaltlich vertrackt mit einem dramatischen Ende. Gelungener Mix aus Fakten und Fiktion, ein großartiger universeller Kriminalroman über das drängendste Thema unserer Zeit. Michael Theurillat versteht es gut, die Erzählstränge miteinander zu verweben mit einer nachvollziehbaren und nicht konstruierten Auflösung.

Michael Theurillat, geboren 1961 in Basel, studierte Wirtschaftswissenschaften, Kunstgeschichte und Geschichte und arbeitete jahrelang erfolgreich im Bankgeschäft. Die Romane mit Kommissar Eschenbach sind eine der beliebtesten Krimiserien der Schweiz. 2012 wurde Rütlischwur mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Michael Theurillat lebt mit seiner Familie in der Nähe von Zürich.

Lenz von Michael Theurillat ist bei Ullstein erschienen.
(JK 12/18)

Laksmi Pamuntjak: Herbstkind (Ullstein)

Eine Frau zwischen Tradition und Moderne, Jakarta und Berlin, der Last der Erinnerung und dem Abenteuer der Gegenwart. Alles, was in ihrem Leben gut ist, kam für Siri immer im Herbst – beruflicher Erfolg als Künstlerin, der Beginn einer neuen Liebe –, doch auf einmal hält der Herbst etwas anderes für sie bereit. Sie erfährt von ihrer Mutter Amba, dass der Mann, den sie für ihren Vater gehalten hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Diese Nachricht erreicht sie kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag und gerade als es ihr schien, als sei sie angekommen in ihrem Leben als Wanderin zwischen den Welten mit Wurzeln in Indonesien. Um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, zieht sie nach Berlin, eine Stadt so vernarbt und widersprüchlich wie sie selbst, und eine Stadt, mit der ihre beiden Väter viel verband.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Jeder Erzähler berichtet in der Ich-Form und in unterschiedlichen Zeitachsen, was beim Lesen erhöhte Konzentration erfordert. Es ist ein Roman darüber, was es heißt, sich mit allen Facetten seiner Identität auseinandersetzen zu müssen, und wie die Geheimnisse von früher die Zukunft prägen. 

Laksmi Pamuntjak ist eine indonesische Essayistin, Lyrikerin und Journalistin, sie veröffentlicht u. a. im indonesischen Monatsmagazin Tempo und in The Guardian. Ihr Roman Alle Farben Rot stand auf der Weltempfänger-Bestenliste und wurde 2016 mit dem Liberaturpreis der LitProm ausgezeichnet. Sie lebt in Jakarta.

Herbstkind von Laksmi Pamuntjak ist bei Ullstein erschienen.
(JK 11/18)

James Rayburn: Fake (Tropen)

Während im Nahen Osten Friedensverhandlungen laufen, wird in Syrien ein hochrangiger IS-Kämpfer per Drohnenangriff ausgeschaltet. Als bekannt wird, dass auch die amerikanische IS-Geisel Catherine Finch zu den Opfern des Anschlags gehört, beginnt für die US-Regierung ein Wettlauf gegen die Zeit. Für eine geheime Vertuschungsaktion wird CIA-Agent Pete Town zurück ins Agentengeschäft beordert. Sein Auftrag: Catherine Finch in den Medien so lange am Leben zu erhalten, bis die Friedensverhandlungen abgeschlossen sind. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. Doch das ist nicht sein einziges Problem. Berüchtigte Warlords, die vom Krieg in Syrien profitieren, wollen Catherine Finch tot sehen. Und Town steht ihnen dabei im Weg.

Fake ist ein äußerst packender und unterhaltsamer Geheimdienstthriller mit einer glaubwürdigen Hintergrundstory, hohem Tempo, filmreifen Actionszenen sowie unerwartete Wendungen. All dies fügt der Autor gekonnt zusammen und zeigt so das Bild einer erschöpften, nur mehr auf die neueste Nachricht und die ununterbrochene Unterhaltung ausgerichteten Welt, in der Werte kaum etwas und persönliche Vorteile alles gelten. Mit überraschenden Wendungen zum Schluss wird dabei die Spannung der Ereignisse hochgehalten.

James Rayburn, alias Roger Smith, geboren 1960 in Südafrika, renommierter Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, lebt und arbeitet in Thailand. Seine Romane begeistern Kritiker und Leser gleichermaßen und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimipreis.

Fake von James Rayburn ist bei Tropen erschienen.
(JK 09/18)

Mons Kallentoft & Markus Lutteman: Das Blut der Hirsche (Tropen)

Der neue Thriller des schwedischen Autorenduos um Ermittler Zack Herry ist da. Er bekommt es erneut mit einem dramatischen Fall zu tun. Diesmal wird Zack Herry zu einem Tatort auf einer Insel im Schärengarten gerufen. Als er dort eintrifft, erwartet ihn das pure Grauen. Sechs Jugendliche wurden nach einer ausgelassenen Party tot aufgefunden. Alle haben Schnittwunden, zahlreiche Körperteile sind verstümmelt. Weder Zack noch sein Team können sich einen Reim darauf machen, denn bis auf die Wunden ist keine Fremdeinwirkung feststellbar. Handelt es sich womöglich um einen Massenselbstmord? Doch die Blutuntersuchung zeigt, dass alle Jugendlichen zum Todeszeitpunkt ein hochdosiertes Schmerzmittel und einen weiteren Wirkstoff im Körper hatten. Die Ermittlungen führen zu einem Drogendealer namens David Mathias. Handelt es sich tatsächlich um Mord, ausgelöst durch die Einnahme einer Partydroge? Als drei weitere Jugendliche sterben, läuft Zack die Zeit davon.

Das Blut der Hirsche ist bereits der dritte Fall für den schwedischen Kommissar Zack Herry. Auch dieser ist wieder düster und abgründig in Szene gesetzt. Mehrere komplexe Handlungsstränge gilt es zu verfolgen. Kurze Kapitel mit wechselnden Perspektiven sorgen für Dynamik. Auch der dritte Fall ist ein sehr spannender und fesselnder Thriller, der uns in die Abgründe der menschlichen Seele schauen lässt.

Mons Kallentoft, geboren 1968 in Linköping, ist Autor der weltweit erfolgreichen schwedischen Krimiserie um Malin Fors, seine Bücher wurden in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt, eine Verfilmung ist in Arbeit. Markus Lutteman, geboren 1973, ist ein schwedischer Journalist und Buchautor. Nach mehreren hochgelobten Sachbüchern betrat er die Krimibühne und schrieb gemeinsam mit Mons Kallentoft Die Fährte des Wolfes.

Das Blut der Hirsche von Mons Kallentoft und Markus Lutteman ist bei Tropen erschienen.
(JK 11/18)

Mons Kallentoft & Markus Lutteman: In den Fängen des Löwen (Tropen)

Stockholms gnadenlosester Ermittler ist zurück. Zack Herry macht erneut Jagd auf einen Mörder. Der letzte Fall hat bei Zack Spuren hinterlassen. Wochenlang saß er am Krankenbett seines besten Freundes Abdula, bis dieser schließlich aus dem Koma erwachte. Doch zum Grübeln bleibt keine Zeit, denn sein Job verlangt erneut seine ganze Konzentration. Auf einem alten Fabrikgelände in Stockholm wurde in einem alten Fabrikschornstein die Leiche eines elfjährigen Jungen entdeckt. Festgebunden auf einem Schornstein in grausigen Höhen. Weder Zack noch sein Team können sich erklären, wie sie dorthin geraten ist. Bis es einen ersten Hinweis gibt. Zack und seine Partnerin Deniz spüren einen wichtigen Zeugen auf. Ein alter Mann hat beobachtet, wie Ismail aus dem Asylbewerberheim geflohen ist, in dem er untergebracht war. Die Spur führt zu einem Mann namens Lejonet, der Löwe, der unter falscher Identität in Schweden lebt. Deniz und Zack sind sich sicher, dass er an der Entführung mehrerer Kinder beteiligt ist, doch als sie bei seiner Wohnung ankommen, eröffnet jemand das Feuer auf die Polizisten. Die Jagd hat begonnen.

Wie schon der Vorgängerband Die Fährte des Wolfes ist auch dieser Thriller wieder düster und sehr brutal und für zartbesaitete Leser nicht unbedingt geeignet. Gnadenlos und stellenweise brutal wird durch die Handlung geführt und es stellt sich immer wieder ein ordentliches Gänsehautfeeling ein. Das Ermittlerteam ist zwar recht gewöhnungsbedürftig, aber durch ihre Eigenarten, die allzu menschlich sind, aber vielleicht nicht unbedingt zu einem Polizisten passen, dennoch sympathisch und damit wiederum sehr typisch für den skandinavischen Krimi. Ein packender, fesselnder, nervenaufreibender und mit viel Action geschriebener Krimi.

Mons Kallentoft, geboren 1968 in Linköping, ist Autor der weltweit erfolgreichen schwedischen Krimiserie um Malin Fors, seine Bücher wurden in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt, eine Verfilmung ist in Arbeit. Markus Lutteman, geboren 1973, ist ein schwedischer Journalist und Buchautor. Nach mehreren hochgelobten Sachbüchern betrat er die Krimibühne und schrieb gemeinsam mit Mons Kallentoft Die Fährte des Wolfes.

In den Fängen des Löwen von Mons Kallentoft und Markus Lutteman ist bei Tropen erschienen.
(JK 08/18)

Michal Hvorecky: Troll (Tropen)

Osteuropa in naher Zukunft. Ein Heer aus Trollen beherrscht das Internet, kommentiert und hetzt. Zwei Freunde entwickeln immer stärkere Zweifel und beschließen, das System von innen heraus zu stören. Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

Die europäische Gemeinschaft ist zerfallen und wurde durch die Festung Europa ersetzt. Ihr gegenüber steht das diktatorisch geführte Reich, in dessen Protektoraten ein ganzes Heer von Internettrollen die öffentliche Meinung lenkt. Einer von ihnen ist der namenlose Held dieser in einer allzu naheliegenden Zukunft angesiedelten Geschichte. Gemeinsam mit seiner Verbündeten Johanna versucht er, das staatliche System der Fehlinformationen von innen heraus zu stören – und wird dabei selbst Opfer eines Shitstorms.

Troll ist ein gutes Buch, welches von einer schrecklichen Welt erzählt. Die Welt, die der Autor erschafft, ist grauenhaft und meisterhaft aufgebaut. Die zwei Schwachpunkte, die der Roman aufweist sind die Sprache und die Geschichte. Gerade im zweiten Teil verliert sich manchmal die Sprache in der eigenen Fabulierlust. Die Geschichte wird dann einfach etwas belanglos und der Autor verschenkt Potential. Hier wird meisterhaft eine Welt erzeugt, was dann aber in der Welt passiert, sprich: die Geschichte, ist eher belanglos. Trotz allem: ein lesenswerter Roman, der vieles auf die Spitze treibt was heute schon geschieht und dementsprechend, durchaus beängstigend ist.

Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Troll von Michal Hvorecky ist bei Tropen erschienen.
(JK 10/18)

Christoph Hein: Verwirrnis (Suhrkamp)

Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Friedeward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer, und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint ihnen alles zu sein, was sie brauchen. Doch keiner darf wissen, dass sie mehr sind als beste Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme ihre Beziehung ans Licht, könnten sie alles verlieren. Als sie zum Studium nach Leipzig gehen – Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Musik – finden sie dort eine Welt gefeierter Intellektueller, alles flirrt geradezu vor lebendigem Geist. Und sie lernen Jacqueline kennen, die ihnen gesteht, dass sie eine heimliche Beziehung zu einer Dozentin hat. Zu viert besuchen sie die legendären Vorlesungen im Hörsaal vierzig, gehen ins Theater, tauchen gemeinsam ein ins geistige Leben der Stadt. Und da reift in den drei Freunden der Plan: Wäre es nicht die perfekte ‚Tarnung‘, wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?

Heins Roman lässt einen zwiespältig zurück. Sprachlich wieder wie gewohnt auf höchstem Niveau, in der Geschichte selbst beschleicht einen die Vermutung, dass der Autor sich nicht wirklich in seine Protagonisten hineinversetzen kann oder zumindest eine große emotionale Distanz besitzt. So richtet sich dieser Roman wahrscheinlich an ein heterosexuelles Publikum, das an diese komplexe Thematik behutsam herangeführt werden will. Es ist daher Heins Verdienst, sich dieser Thematik anzunehmen in Zeiten, in denen man sicher geglaubte Selbstverständlichkeiten von Ewiggestrigen wieder in Frage gestellt und sogar massiv angefeindet werden.

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

Verwirrnis von Christoph Hein ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 12/18)

Sigriður Hagalín Björnsdóttir: Blackout Island (Suhrkamp)

Was passiert, wenn ein ganzes Land plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist? Die Ressourcen knapp werden? Nicht alle überleben können? Die Menschen zu Selbstversorgern werden, Eltern ihre Kinder suchen, die in Banden hungernd durchs Land irren. Milizen marodieren. Bürgerkriegsähnliche Verhältnisse herrschen.

In einem abgelegenen isländischen Fjord lebt der ehemalige Journalist Hjalti aus Reykjavik unter primitiven Bedingungen auf dem alten Hof seines Großvaters. Er versorgt die Schafe, bewirtschaftet das karge Land und lebt von dem, was er dem Boden und dem Meer abtrotzt. Gesellschaft leistet ihm neben den Schafen nur noch sein Hund. Hjalti führt einen harten Kampf ums Überleben, denn Island ist seit geraumer Zeit von der Außenwelt abgeschottet, seine Lebensgefährtin Maria und deren Kinder von ihm getrennt, ihr Schicksal ungewiss. An den langen, einsamen Abenden protokolliert er die Ereignisse, die zu dieser Situation geführt und die ehrgeizige Innenministerin Elín Olafsdottir dazu gezwungen haben, den Ausnahmezustand auszurufen.

Die Autorin erzählt die Entwicklung des Landes in den Monaten nach dem Kontaktabbruch aus der wechselnden Sicht mehrerer Menschen. Wenn es ums nackte Überleben geht, scheren sich die Menschen um ethisches Handeln. Schnell entwickeln sich neue Machtstrukturen. Das soziale Gefüge bricht zusammen, einfachste Krankheiten werden plötzlich lebensbedrohlich. Viele Berufe sind bedeutungslos, während andere wie Landwirte und Treibhausbesitzer, Politiker oder die neuen Hüter der Ordnung zu den Mächtigen im Lande aufsteigen und diese Macht zum eigenen Wohl missbrauchen. In ruhiger Art aber in beklemmender Eindringlichkeit lenkt die Autorin ihre Geschichte spannend, kritisch und ständig unterhaltsam auf die bevorstehende Katastrophe zu.

Sigriður Hagalin Björnsdóttir, geboren 1974, studierte Journalismus in Salamanca, Spanien und in New York. Sie ist eine in Island sehr bekannte Journalistin, sie arbeitet für den Icelandic National Broadcasting Service.

Blackout Island von Sigriður Hagalín Björnsdóttir ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 11/18)

John Boyne: Cyril Avery (Piper)

Seit seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er nämlich keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn in die Familie auf, doch auch dort findet er nicht das Zuhause, nach dem er sich sehnt. In dem katholischen Jungeninternat, auf das sie ihn schicken, lernt er schließlich Julian Woodbead kennen und schließt innige Freundschaft mit ihm. Bis er mehr für den rebellischen Lebemann zu empfinden beginnt und auch dieser Halt für ihn verloren geht. Einsam und verzweifelt verlässt Cyril letztendlich das Land – ohne zu wissen, dass diese Reise über Amsterdam und New York ihn an den Ort führt, nach dem er immer gesucht hat: Heimat.

John Boynes Roman ist ein emotionales, beherztes Plädoyer für Toleranz gegenüber Minderheiten, egal ob sexuell, ethnisch oder religiös begründet. Der Autor begleitet seinen Protagonisten durch sein herausforderndes Leben. Homosexualität, Homophobie, Emanzipation, Liebe, Freundschaft, Heimat, Familie, Aids und Tod – alle diese Themen finden in diesem großartigen Roman Platz. Wie herrlich entlarvt Boyne in seinem Werk das bigotte Verhalten der irischen Gesellschaft von 1945 bis zum Referendum über die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Und anstatt angesichts dieser Themen in Schwermut zu versinken, verleiht ihnen Boynes teils deftiger, aber immer herzlicher Humor eine äußerst angenehme Leichtigkeit.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.

Cyril Avery von John Boyne ist bei Piper erschienen.
(JK 09/18)

Kazuaki Takano: 13 Stufen (Penguin)

Ein unschuldig wegen Mordes zum Tod Verurteilter soll hingerichtet werden. Der ehemalige Gefängnisaufseher Nangō und der auf Bewährung entlassene Jun'ichi erhalten den Auftrag, den wahren Täter zu finden. Für das ungleiche Ermittlerduo beginnt damit nicht nur ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, sondern beide müssen sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Bestsellerautor Kazuaki Takano erzählt eine fesselnde Geschichte voller unerwarteter Wendungen und falscher Fährten bis hin zum furiosen Showdown. Am Beispiel der in Japan noch angewandten Todesstrafe stellt er die Frage nach Schuld und Reue, nach dem Recht auf Vergeltung. Dabei erzeugt seine vielschichtige Erzählweise eine außergewöhnliche Spannung, die den Leser bis zur letzten Seite nicht loslässt. Unglaublich eindrücklich schafft es Takano den Leser in die größten Leiden und Todesängste eines Menschen mitzunehmen. Er schreibt eindringlich und lebendig. Ein kluger Politthriller, der lange nachhallt.

Kazuaki Takano, geboren 1964 in Tokio, arbeitet in Hollywood und Japan als Drehbuchautor. Für seine Romane erhielt er renommierte Preise. Sein jüngster Roman Extinction stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde von der Presse gefeiert.

13 Stufen von Kazuaki Takano ist bei Penguin erschienen.
(JK 04/18)

Peter Ackroyd: Queer London (Penguin)

Peter Ackroyd, Londons größter lebender Chronist schreibt in seinem Buch Queer London über die „gay history“ seiner Stadt von der Antike bis heute.

Das römische Londinium war übersät mit „Wolfshöhlen“, Bordellen und heißen Bädern, in denen es hoch herging. Homosexualität galt als bewundernswert. Bis Kaiser Konstantin die Macht übernahm und mit seinen Mönchen und Missionaren für Ordnung sorgte. Zeiten der Toleranz wechselten mit Zeiten der Ächtung und Verfolgung. Heute gehört „queer London“ zur britischen Hauptstadt wie Tower und Big Ben. Londons homosexuelle Szene ist die größte in Europa und eine der größten weltweit. Peter Ackroyd zeigt uns, wie seine Stadt sich diesen Platz erkämpft hat. Er zelebriert die Vielfältigkeit und Energie der Community, zeigt aber auch die Gefährdungen, denen sie zu allen Zeiten ausgesetzt war. The Independent schreibt: „Ein absolut einzigartiges Leseerlebnis.“

Queer London ist ein sehr intensives Sachbuch mit einer wichtigen Thematik, sehr informativ und interessant. Es ist keine unterhaltsam aufbereitete Geschichte über die Queerness Londons, sondern vielmehr ein Geschichtsbuch, das voller Informationen steckt, wie man sie bisher nicht zusammengestellt und präsentiert bekommen hat.  

Peter Ackroyd, geboren 1949 in London, wo er bis heute lebt. Er studierte Literaturwissenschaft in Yale und Cambridge und arbeitete viele Jahre für den Spectator und die Times. Mit seinen Romanen, Theaterstücken und Biographien gehört er zu den wichtigsten britischen Gegenwartsautoren. Er erhielt unter anderem den Somerset Maugham Award und den Whitbread Award. Er gilt als brillanter Autor mit einem unverwechselbaren Stil.

Queer London von Peter Ackroyd ist bei Penguin erschienen.
(JK 11/18)


Christoph Peters: Das Jahr der Katze (Luchterhand)

Der Roman Das Jahr der Katze von Christoph Peters ist ein ungewöhnlicher Thriller in der Tradition eines Cormac McCarthy oder Quentin Tarantino und zeigt das faszinierende Panorama einer bizarren japanischen Unterwelt, die noch immer die Traditionen der Samurai-Zeit beschwört, auch wenn ihre goldene Zeit längst der Vergangenheit angehört.

Früher verstand sie sich als eine ehrenwerte Gesellschaft. Heute ist japanische Yakuza zunehmend eine Organisation gewöhnlicher Krimineller, verwickelt in Drogenhandel und schmutzige Immobiliendeals. Staat und Polizei haben die jahrhundertelange Toleranz und Koexistenz aufgekündigt und der Yakuza den Kampf angesagt. Da kommt es äußerst ungelegen, dass Fumio Onishi bei einer Aktion im Auftrag der Yakuza in Berlin eigenmächtig übers Ziel hinausgeschossen ist. Auf der Flucht vor den deutschen Behörden hat Onishi sich zwar mit seiner deutschen Freundin Nikola nach Tokio absetzen können. Doch hier erwartet der Yakuza-Boss Takeda ein unmissverständliches Opfer von ihm...

Hat Christoph Peters in seinen Romanen Mitsukos Restaurant und Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln die helle, ebenso faszinierende wie manchmal skurrile Seite der Kultur Japans beleuchtet, taucht er nach Der Arm des Kraken auch in seinem zweiten Roman um Fumio Onishi ein in die Abgründe des Reichs der aufgehenden Sonne – in einen zutiefst widersprüchlichen Kosmos voll rätselhafter Traditionen zwischen höchster Eleganz und Kultiviertheit einerseits und blinder Grausamkeit und fragwürdigen Atavismen andererseits, in eine Unterwelt, die ebenso geprägt ist von dem alten Ethos der Samurai wie von irritierenden Werten, fremdartigen Ritualen und verstörender Gewalt.

Christoph Peters hat einen durchweg plausiblen Plot konstruiert, der alle Elemente eines spanenden Thrillers bietet. Genreuntypisch besticht dieser Thriller durch die sprachliche Brillanz des Autors. Wer Der Arm des Kraken mochte, wird mit Das Jahr der Katze nicht enttäuscht werden. Es ist eine gelungene Fortsetzung in dieser widersprüchlichen Unterwelt aus uraltem Ethos, exzentrischen Werten, grausamen Ritualen und miesen Verbrechen.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet, unlängst z. B. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2016) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018). Christoph Peters lebt heute in Berlin.

Das Jahr der Katze von Christoph Peters ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 11/18)

Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise (Luchterhand)

Im heißen Sommer des Jahres 1967 geht Hanns-Josef Ortheil zusammen mit seinem Vater auf große Fahrt. Sie führt auf einem schwer beladenen Frachtschiff von Antwerpen durch die Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer und weiter bis nach Griechenland und Istanbul. Mit an Bord ist – vom Steward über den Funker bis zum Kapitän – eine ganze Gesellschaft im Kleinen. Und auch die Angst fährt im Bauch dieses Ungetüms aus Eisen und Stahl, das auf hoher See in schwere Stürme gerät, beständig mit.

Der junge Hanns-Josef Ortheil begegnet dem auf seine Weise: er beobachtet, reflektiert, schreibt. Zwischen Kommandobrücke, Frachtraum und Schiffsbibliothek beginnt seine Suche nach Fixpunkten und dem, was für ihn zählt und weiterhilft: Die Lektüre Homers? Die neusten Songs der Beatles? Das Klavierspiel? Die Arbeit an der Bordzeitung? Die Freundschaft mit einer jungen Griechin? Oder die Aussteigerfantasien eines Besatzungsmitglieds? Immer reichhaltiger und intensiver wird die abenteuerliche Reise in unbekannte Gewässer, weit über frühere Ideen und Fantasien hinaus. Er beobachtet die Menschen, die er trifft, ganz genau und ihm gelingt es meisterhaft, die Atmosphäre auf dem Frachter zu beschreiben. Er macht sich seine eigenen Gedanken zu Dingen, die er sieht oder Begriffen, die er hört. Ortheil hat eine „leise Art“ zu schreiben, eine genaue Beobachtungsgabe und die heute bei vielen verloren gegangene Fähigkeit, sogar in Kleinigkeiten, scheinbar Nebensächlichem, noch etwas Großes zu entdecken.

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Die Mittelmeerreise von Hanns-Josef Ortheil ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 12/18)

Raphael Montes: Sag kein Wort (Limes)

Téo Avelar ist Einzelgänger. Er hat nur wenige Freunde, und am wohlsten fühlt er sich im Seziersaal. Echte menschliche Gefühle bringt er nur für sein dortiges Studienobjekt auf – bis er Clarice begegnet. Téo ist davon überzeugt: Sie ist die Frau seines Lebens. Er beginnt, sie zu verfolgen, macht ihr Geschenke, ist geradezu besessen von ihr. Als Clarice ihn abblitzen lässt, greift Téo zu extremen Mitteln, um ihre Zuneigung zu gewinnen: Er entführt sie, hält sie gefangen. Nichts und niemand soll seinem glücklichen Leben mit Clarice in die Quere kommen...

Sag kein Wort ist ein ungewöhnlicher Thriller, der nichts für schwache Nerven ist. Jedes Mal, wenn man glaubt zu wissen, wie es läuft, kommt etwas, dass man einfach nicht vorausahnen konnte bis zum Ende, das es dann noch einmal in sich hat.

Raphael Montes, geboren 1990 in Rio de Janeiro, ist Jurist und Autor. Er schrieb Short Storys für verschiedene Krimianthologien und Magazine. Sein Debütroman wurde u.a. für den São Paulo Literaturpreis nominiert, und in seiner Heimat wird Raphael Montes als „Stephen King Brasiliens“ gefeiert. Mit seinem zweiten Spannungsroman sorgt Montes auch international für Furore. Sag kein Wort erscheint in siebzehn Ländern.

Sag kein Wort von Raphael Montes ist bei Limes erschienen.
(JK 10/18)

Neel Mukherjee: Das Leben in einem Atemzug (Kunstmann)

Was geschieht, wenn wir versuchen, das Leben, in dem wir zu Hause sind, für etwas Besseres zu verlassen? In fünf Schicksalen entfaltet sich in dem Roman Das Leben in einem Atemzug von Neel Mukherjee ein grandioses Panorama der modernen indischen Gesellschaft.

Neel Mukherjee erzählt von Menschen, die aufbrechen, ihr Zuhause verlassen, um für sich und ihre Familien ein besseres Leben zu erlangen. Da ist die Köchin in Mumbai, die in sechs Haushalten kocht; da ist der Mann, der mit seinem Tanzbär von Ort zu Ort zieht, da ist das Mädchen, das vor den Terroristen, die ihr Dorf bedrohen, in die Stadt flieht – sie alle erleben, was es bedeutet, nicht mehr im eigenen, vertrauten Umfeld zu sein. Ihre Schicksale erzählen von den Frösten der Freiheit, vom Fremd- und Alleinsein, von Armut und Arbeit. Aber auch von der Hoffnung und Glück. Fünf unterschiedliche Lebensschicksale hat der Autor erfunden, die in ihrer Summe ein beeindruckendes Bild der gegenwärtigen indischen Gesellschaft vermitteln. Lange bleibt unklar, ob sich die Schicksale der beschriebenen fünf Menschen am Ende in irgendeiner Form berühren werden.

Das Leben in einem Atemzug ist ein sensibler, nachdenklicher Roman, der seinen Leser schnell in den Bann zieht und ihm einen ganz hervorragenden Einblick zu geben vermag in die moderne indische Gesellschaft im Umbruch.

Neel Mukherjee wurde 1970 in Kalkutta geboren und studierte Englische Literatur in Oxford und Cambridge. Er hat bisher zwei Romane veröffentlicht, A Life Apart (2010), für den er mit dem Writers Guild of Great Britain Award ausgezeichnet wurde, und In anderen Herzen (2016), der auf der Shortlist des Man Booker Prize stand und mit dem renommierten Encore Prize ausgezeichnet wurde. Er lebt in London.

Das Leben in einem Atemzug von Neel Mukherjee ist bei Kunstmann erschienen.
(JK 10/18)

Edward St Aubyn: Dunbar und seine Töchter (Knaus)

Dunbar und seine Töchter ist Edward St Aubyns meisterhafter Roman über einen machtbesessenen und eitlen Despot am Ende seines Lebens, inspiriert von Shakespeares König Lear.

Sein ganzes Leben lang hat Henry Dunbar auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, besessen von der Vision, seinen kleinen Zeitungsverlag zu einem Medienkonzern auszubauen. Auf dem Zenit seiner Macht hat nur noch einen einzigen, aber mächtigen Feind: das Alter. Dunbar weiß, er muss sein Reich in die Hände seiner Töchter legen. Nur zwei der Kinder hält er für geeignet. Doch das Leben erteilt ihm eine bittere Lektion.

Im „Hogarth Shakespeare-Projekt“ haben acht renommierte Autoren ein Shakespeare-Drama ihrer Wahl ganz konkret neuinterpretiert, darunter der britische Journalist und Schriftsteller Edward St Aubyn. In seinem Roman Dunbar und seine Töchter hat er sich King Lear vorgeknöpft und aus dem Stoff eine zeitlose, dramatische Familiengeschichte gestrickt. Edward St Aubyn seziert gekonnt innerfamiliäre Beziehungen. Dunbar und seine Töchter ist ein brillantes Lehrstück über Egoismus, Starrsinn und die Erkenntnis, wie leicht einem am Ende des Lebens alles Erreichte aus den Händen gleiten kann. Es ist ein fesselnder Roman, der nicht nur den Stoff von King Lear geschickt in die Neuzeit versetzt, sondern auch den Fall und die Läuterung eines Menschen, nachdem er auf die nackte Existenz reduziert wurde, stilistisch und dramaturgisch überzeugend umgesetzt.

Edward St Aubyn, geboren 1960, stammt aus einer der bekanntesten und ältesten Familien des englischen Hochadels. Er durchlebte eine schwierige Kindheit, verbrachte die meiste Zeit davon in Internaten, wurde bereits als Jugendlicher drogenabhängig und brauchte Jahre, um von seiner Sucht loszukommen. Er verarbeitete diese traumatischen Erlebnisse in mehreren Romanen, deren Veröffentlichung als Tabubruch empfunden wurde. Edward St Aubyn lebt in London.

Dunbar und seine Töchter von Edward St Aubyn ist bei Knaus erschienen.
(JK 04/18)

Ofir Raul Graizer: Ofirs Küche (Insel)

In seinem Buch Ofirs Küche enthüllt Ofir Raul Greizer einige Geheimnisse der israelisch-palästinensischen Küche. Die Küche war für ihn schon als Kind ein magischer Ort. Als Sechzehnjähriger verkaufte er Bagels, später arbeitete als Kellner und Koch, um sein Studium an der Filmhochschule zu finanzieren. Diese befand sich in Sderot, an der Grenze zum Gazastreifen. Graizer hat gelernt, dass Israels regionale Küche von der palästinensischen nicht zu trennen ist. Seit 2010 lebt der israelische Filmemacher in Berlin. Seine Kochkurse bei Goldhahn und Sampson, einem Hotspot Berlins, sind ständig ausgebucht und gehören zu den Kochereignissen in der Hauptstadt. Die begeisterten Teilnehmer führt er dort ein in die Geheimnisse seiner Küche, der Küche seiner Mutter, Tante, Großmutter. Shakshuka, Tahini, Baba Ganush, Labane, Mufraka, Freekeh und Linseneintopf – raffinierte Gerichte, einfach, gesund, vegetarisch, wie er sie von Zuhause kennt. Mit wenig Zutaten, Gewürzen und Kräutern leicht nachzukochen.

Nun hat er sie in einem Buch zusammengefasst: 80 vegetarische Rezepte, verbunden mit Geschichten über deren Herkunft, seine Familie und seine israelische Heimat – ins Bild gesetzt von Manuel Krug. Es ist ein buntes, persönliches Kochbuch, nicht nur mit Rezepten zum Nachkochen, sondern auch mit praktischen Tipps und interessanten Erfahrungsberichten aus seinem Leben. Das alles ist reich illustriert mit großformatigen Bildern, mit lebhaften Fotos von Märkten, Backstuben, Straßenszenen. Alles macht Lust auf die Gerichte, die er beschreibt und das Nachkochen, denn die Zutaten sind auch hierzulande erhältlich. Dieses Buch ist für Liebhaber der israelisch-arabischen Küche ein absolutes Muss! Es gibt nur wenige Kochbücher, die mit diesem wunderschönen Buch mithalten können.

Ofir Raul Graizer, geboren 1981 in Ra’anana/Israel, wuchs in Israel auf, wo er schon als Sechzehnjähriger Bagels verkaufte und später als Kellner und Koch arbeitete. In seiner Familie ist er mit beidem, der israelischen und der palästinensischen Küche, ganz selbstverständlich groß geworden. Sie sind für ihn untrennbar verbunden. Seine immer ausgebuchten Kochkurse bei Goldhahn und Sampson in Berlin gehören zu den Kochereignissen der Hauptstadt. Im Hauptberuf ist Ofir Graizer preisgekrönter Filmregisseur. Er lebt seit 2010 in Berlin, in der Uckermark und in Jerusalem.

Ofirs Küche von Ofir Raul Graizer ist bei Insel erschienen.
(JK 12/18)


P.B. Vauvillé: Dunkle Nächte auf Montmartre (Hoffmann und Campe)

Paris im August: die Stadt glüht, die Einwohner fliehen, Touristen drängen sich auf dem Montmartre. Da wird im Cabaret von Moulin, genannt der Rote, die Leiche einer jungen Frau gefunden. Auf den ersten Blick scheint es sich um Daphné zu handeln, die kapriziöse Sängerin und einzige Frau in Moulins Transvestiten-Cabaret. Doch die Tote hat sich nur als Daphné verkleidet. Moulin gerät unter Verdacht und beauftragt seinen Freund Quentin, der eigentlich Gitarrist ist, aber das Viertel kennt wie seine Hosentasche, mit den Ermittlungen. Quentin stößt auf ein Geflecht aus Lügen und Eifersucht: Im Cabaret hat jeder etwas zu verbergen.

Der Krimi lebt von seiner bunt zusammengewürfelten Schar verschiedenster Charaktere, was anfangs etwas unübersichtlich daherkommt und dem Leser etwas Konzentration abverlangt. Doch ist es nicht so, dass hier absolute Hochspannung von einem Effekt zum nächsten sprintet. Es handelt sich um einen Krimi im britischen Stil à la Agatha Christie mit einem gemütlichen aber hartnäckigen Ermittler, der nicht als solcher eigentlich tätig ist und dennoch von allen Seiten bereitwillig mit Informationen versorgt wird. Alles in allem ein atmosphärischer Krimi mit viel Charme.

P.B. Vauvillé ist das gemeinsame Pseudonym von Bertina Henrichs und Philippe Vauvillé. Bertina Henrichs wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Literatur- und Filmwissenschaft und lebt seit langem in Paris, wo sie als Schriftstellerin und Filmemacherin arbeitet. Philippe Vauvillé ist Musiker, Drehbuchautor, Regisseur und Dokumentarfilmer.

Dunkle Nächte auf Montmartre von P.B. Vauvillé ist bei Hoffmann und Campe erschienen.
(JK 08/18)

Paul Theroux: Mutterland (Hoffmann und Campe)

Alle in Cape Cod halten Mutter für eine wunderbare Frau: fleißig, fromm, genügsam. Alle außer ihrem Ehemann und ihre sieben Kinder. Für sie ist sie eine engstirnige und selbstsüchtige Tyrannin. Der Erzähler Jay, Reiseschriftsteller mittleren Alters, ist eines der sieben Kinder. Zusammen mit den Geschwistern findet er sich bei der Mutter ein, als der Vater stirbt – die erstickende Enge dort, im wortwörtlichen Mutterland, evoziert eine Bandbreite an Gefühlen, die dem Leser auf unheimliche Weise genau das präsentieren, was sonst immer nur der Horror der anderen ist.

Breites Echo in der Literaturkritik findet Paul Theroux neuer Roman. Der Spiegel attestiert „unvergleichliche Wucht und ein befreiender Humor“; die Frankfurter Rundschau findet „peinvoll ergreifend, irrwitzig komisch, spannend und herrlich unterhaltend“; die Süddeutsche Zeitung bewundert „blendend, wie Theroux die psychologischen Defekte und Überlebensstrategien nach und nach entlarvt“ und Elke Heidenreich jubelt im SRF Kultur Literaturclub: „Höchst unterhaltsam“.

Der Roman ist schaurig, aber auch gleichzeitig fesselnd und witzig geschrieben. Zwischen diesen beiden Polen wechselt die Gemütsverfassung beim Lesen immer wieder, kalt wird das Werk niemanden lassen.

Paul Theroux, geboren 1941 in Medford, Massachusetts/USA, ist mit mehr als dreißig veröffentlichten Büchern einer der weltweit populärsten Gegenwartsautoren. Weltruhm erlangte er vor allem als Reiseschriftsteller. Daneben verfasste er autobiographisch beeinflusste Romane. Theroux ist seit 2013 Mitglied der American Academy of Science and Arts. Er lebt mit seiner Familie auf Hawaii und auf Cape Cod.

Mutterland von Paul Theroux ist bei Hoffmann und Campe erschienen.
(JK 07/18)