Samstag

Birgit Vanderbeke liest in der Buchhandlung Heymann in Blankenese am Dienstag, 19. Februar

Buchhandlung Heymann in Blankenese
Dienstag, 19.02.2019  19.30 Uhr
Erik-Blumenfeld Platz 27, Hamburg
Eintritt: 12 Euro

Auszeit in Bölls Cottage: Birgit Vanderbeke liest aus ihrem Roman Alle, die vor uns da waren, der bei Piper erschienen ist. Andreas Platthaus moderiert den Abend.  

Ihr furioses Debüt, die Erzählung Das Muschelessen (1990), mit der Birgit Vanderbeke in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann und die bis heute Schullektüre ist, führt mitten hinein in die Abgründe einer deutschen Nachkriegsfamilie. Birgit Vanderbeke hat seitdem fast im Jahresrhythmus nachgelegt: Ein Bestseller wurde Alberta empfängt einen Liebhaber (1997), als Persiflage auf das linksliberale Bürgertum kann man den Roman Das lässt sich ändern (2011) lesen, als Öko-Roman Der Sommer der Wildschweine (2014). Die Kritik ist der vielfach ausgezeichneten Autorin zuletzt nicht immer mit Wohlwollen gefolgt. Geändert hat sich das mit der Trilogie, die in dem soeben neu erschienenen Band Alle, die vor uns da waren ihren Abschluss findet. Birgit Vanderbeke ist damit zurückgekehrt in den familiären Kosmos, von dessen monströsen Entgleisungen sie mit so großer Klarheit und lakonischem Witz erzählt wie kaum eine andere Autorin in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Der Auftaktband heißt Ich freue mich, dass ich geboren bin (2016). Er erzählt die Geschichte einer Familie, die aus Ostdeutschland ins „Land der Verheißung“ flieht und von einem siebenjährigen Mädchen, für das die Welt in Ordnung ist, bis es ihren zuvor meist abwesenden Vater kennenlernt: „Das Kennenlernen fing mit den Händen an und der Rest kam hinterher, und es war sehr unheimlich, weil es dunkel war und ich noch nicht sprechen konnte.“ Die siebenjährige Ich-Erzählerin flieht aus der gewalttätigen Gegenwart in eine magische Kindheit und konstruiert sich ein erwachsenes Ich, das ihr zur Seite steht. Im Folgeband Wer dann noch lachen kann (2017) sind Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben. Wir begegnen einer Heldin, die durch einen Autounfall und dadurch ausgelöste chronische Schmerzen auf Ereignisse in ihrer Kindheit zurückgeworfen wird. Sie sind der eigentliche Grund für ihr Leiden in der Gegenwart. Nach und nach erfährt man von den Schrecken einer Kindheit, in der Gewalt zum Alltag gehörte. Damals war die Erzählerin sich sicher, dass es niemanden gibt, der an ihrer Seite steht. An dieser Stelle der „in scheinbar kindlich naiver Sprache“ (Nürnberger Nachrichten) erzählten Ereignisse setzt der dritte Band der Trilogie Alle, die vor uns da waren ein.

Die Erzählerin, mittlerweile selbst Großmutter, reist mit ihrem Mann für einen Stipendienaufenthalt in Heinrich Bölls Cottage nach Irland. Auf Achill Island an der Küste von Mayo gibt es kein Internet und noch nicht einmal einen Laden, in dem sie sich mit den Grundnahrungsmitteln versorgen können, aber von Anfang an die Gewissheit, dass in diesem von der Zerrissenheit der Familie geprägten Leben doch immer jemand da war, der aufpasste. Plötzlich sind ganz selbstverständlich all jene anwesend, die, trotz aller Verletzungen, Familie sein können, auch wenn die Welt dann für einen Moment den Atem anhalten muss: Oma Maria, aber auch „der Gerhard Zwerenz“, „der Böll“ und „die Helga“. Sie können zwar nichts mehr daran ändern, was geschehen ist, aber ihre Anwesenheit macht Mut, für das, was kommen wird.

Alle, die vor uns da waren von Birgit Vanderbeke ist bei Piper erschienen.
(JK 02/19)

Simone Buchholz liest in der Buchhandlung stories! im Falkenriedquartier am Donnerstag, 7. Februar

stories! im Falkenriedquartier
Donnerstag, 07.02.2019  19.30 Uhr
Straßenbahnring 17, Hamburg
Eintritt: 5 Euro

Simone Buchholz liest aus ihrem Krimi Mexikoring, der bei Suhrkamperschienen ist. Andreas Platthaus moderiert den Abend.   

„Bremen braucht Batman“ hat Simone Buchholz eine der kurzen Episoden überschrieben, in denen sie in ihrem neuen Krimi Mexikoring von einer umfassenden Ermittlung ihrer Staatsanwältin Chastity Riley erzählt, eine andere heißt „Abfackeln“, wieder eine „In Hamburg sterben“.

Die Polizei findet in einem brennenden Fiat am Mexikoring Nouri Saroukhan, der zu einem Clan aus Bremen gehört. Warum musste er sterben? Chastity Riley taucht tief ein in die Welt der Clan-Familien und erfährt von einer großen Liebe, die nicht in Erfüllung gehen durfte. Doch erklärt das auch, warum Nouri sterben musste? Chastity Riley ist der Sache wie immer ohne Punkt und Komma auf der Spur, bis zum bitteren Ende, an dem es heißt „Fresse, Bitch“ und sich „Risse im Himmel“ auftun.

Simone Buchholz, geboren 1972 in Hanau, zog 1996 nach St. Pauli, wegen des Wetters. Sie wurde auf der Henri-Nannen-Schule zur Journalistin ausgebildet und schreibt seit 2008 Kriminalromane. Für ihre Chastity-Riley-Reihe wurde sie mit dem Radio-Bremen-Krimipreis, dem Crime Cologne Award, dem Deutschen Krimipreis und dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet.

Mexikoring von Simone Buchholz ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 02/19)

Buchpremiere mit Willi Winkler im Literaturhaus am Dienstag, 5. Februar

Literaturhaus
Dienstag, 05.02.2019  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 8 / 12 Euro

Buchpremiere: Willi Winkler stellt sein neues Buch Das braune Netz vor, das bei Rowohlt Berlin erschienen ist. Andreas Platthaus moderiert den Abend. 

Wer waren die Menschen, die Deutschland nach der NS-Diktatur in die Demokratie begleiteten? Dieser Frage begegnet Willi Winkler in seinem historischen Sachbuch Das braune Netz. Er beschreibt das Paradox, dass viele Deutsche ihre Karrieren im Dienste des nationalsozialistischen Regimes begannen und sie in der neuen Bundesrepublik nahtlos fortsetzten. Journalisten schrieben, Professoren lehrten, Richter fällten Urteile. Die gleichen Menschen, die sich der faschistischen Ideologie widerstandslos beugten, waren entscheidend am Wiederaufbau der Demokratie beteiligt. Damit gewann der junge Staat zwar politische Handlungsfreiheit zurück, doch gründete sein Erfolg auf einem moralischen Widerspruch, der nicht aufzulösen war: Die Demokratie wurde mitaufgebaut von ihren Feinden.

Zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik legt Winkler eine schonungslose Betrachtung ihrer Frühgeschichte vor. Mitreißend und faktengesättigt beschreibt er, wie der westdeutsche Staat trotz all seiner Zerrissenheiten zum Erfolgsmodell wurde. Eine Parabel über Schuld und Scham, über Bewältigung und Versöhnung und zugleich eine zwingende Lektüre für alle, die dieses Land von Grund auf verstehen wollen.

Der Autor, Journalist und Übersetzer Willi Winkler wurde zuletzt 2013 mit dem Michael-Althen-Preis ausgezeichnet und schreibt für die Süddeutsche Zeitung.

Das braune Netz von Willi Winkler ist bei Rowohlt Berlin erschienen.
(JK 02/19)

John Wray liest im Literaturhaus am Donnerstag, 31. Januar

Literaturhaus
Donnerstag, 31.01.2019  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 8 / 12 Euro

John Wray liest aus seinem neuen Roman Gotteskind, der bei Rowohlt erschienen ist. Bernhard Robben moderiert den Abend.   

Aden Sawyer ist achtzehn, lebt in der Nähe von San Francisco und hat einen Plan, der sie weit weg vom Haus ihrer klaustrophobischen Mutter und vom Einfluss ihres dominanten Vaters, Professor für Islamwissenschaften, und dessen neuer Ehefrau führen wird. Sie möchte nach Pakistan reisen, um dort in einer Medrese den Islam zu studieren. Durch die Hilfe eines Freundes organisiert sie die geheime und beschwerliche Reise, verbrennt ihren Pass und schlüpft in Pakis-tan in eine neue Identität – verkleidet als junger Mann. Bis sie auffliegt. Sie gerät in größere Gefahr, als sie sich jemals hätte vorstellen können. Denn der Weg zur Erlösung ist lang und gefährlich, führt er doch direkt in die Kriegswirren Afghanistans.

Gotteskind erklärt, welche Umstände eine junge Amerikanerin dazu bringen, ihr Zuhause zu verlassen und ihre Identität zu vergessen. Der Autor verfolgt das Schicksal seiner jungen Heldin, die sich Gewalt, Desillusionierung und Verlust stellen muss, mit atemberaubender Spannung.

John Wray, 1971 in Washington, DC geboren, studierte am Oberlin College, an der Columbia University und an der Universität Wien. Er lebt in Brooklyn und Friesach, Kärnten. Das Literaturmagazin Granta wählte ihn 2007 zu den zwanzig besten jungen US-Autoren. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann er 2017 den Deutschlandfunkpreis.

Gotteskind von John Wray ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 01/19)

Angelika Overath liest in der Buchhandlung Boysen + Mauke am Donnerstag, 24. Januar

Buchhandlung Boysen + Mauke
Donnerstag, 24.01.2019  19.30 Uhr
Große Johannisstr. 19, Hamburg
Eintritt: 23 / 28 Euro

Angelika Overath liest aus ihrem neuen Roman Ein Winter in Istanbul, der bei Luchterhand erschienen ist. Bei der Lesung werden ausgewählte türkische Vorspeisen serviert.   

Goldenes Horn, Bosporus, das alte Byzanz: Angelika Overath erzählt von einer Stadt voller Schönheit und Widersprüche, in der eine unerwartete Liebe möglich wird.

Einen Winter will Cla, Religionslehrer aus dem Engadin, in Istanbul verbringen. Er arbeitet an einer Studie über die Konstantinopel-Mission von Nikolaus von Kues. Doch kaum lernt Cla den jungen türkischen Kellner Baran kennen, taucht er mit ihm ein ihn die Stadt: Sie streifen durch die Gassen und über Märkte, sitzen am Meer und in Cafés, gehen ins Hamam. In ihren Gesprächen prallt die spätmittelalterliche Welt mit ihrer Trennung in Ost- und Westkirche unmittelbar auf das religiös gespaltene Istanbul der Gegenwart. Bei einem geheimen Treffen der Derwische erlebt Cla, wie nah sich christliche Mystik und islamischer Sufismus sein können. Ohne es zu wollen hat er sich in Baran verliebt. Erst als seine Verlobte aus der Schweiz zu Besuch kommt, begreift Cla, wie weit er aus seinem Leben gefallen ist.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane Nahe Tage, Flughafenfische und Sie dreht sich um geschrieben. Flughafenfische wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Ein Winter in Istanbul von Angelika Overath ist im Luchterhand erschienen.
(JK 01/19)

Marco Carini liest im Literaturzentrum im Literaturhaus am Donnerstag, den 10. Januar

Literaturzentrum im Literaturhaus
Donnerstag, 10.01.2019  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 5 – 7 Euro 

Der Autor und Journalist Marco Carini liest aus seinem neuen Roman Blutsgeschwister, der im Konkret Literatur-Verlag erschienen ist, über vier Freunde, die sich über ein halbes Jahrhundert verbunden bleiben.
  
1977: Am Tag, als Elvis stirbt, beginnt die Geschichte von Tom, Daria, Schelsky und Fanny. Sie sind in derselben Klasse, schlagen sich mit ihrer Pubertät herum und haben jede Menge Flausen im Kopf. Und sie träumen von einem Leben, das wilder und freier ist als das ihrer Eltern. Vier junge Menschen, die nach Spaß, Liebe und dem Sinn ihres Seins suchen. Als die Schulzeit endet, besiegeln sie den Schwur, sich nie aus den Augen zu verlieren, mit ihrem Blut.

Blutsgeschwister erzählt 40 Tage aus 40 Jahren, in denen die vier Freunde lernen, dass ihre Träume mit der Realität nicht immer zusammenpassen. Das Leben treibt die Blutsgeschwister immer wieder auseinander, doch gehen sie sich nie ganz verloren – bis eine der vier Lebenslinien endet.

Marco Carini, geboren 1962 in Hamburg, arbeitet in seiner Heimatstadt als Redakteur der taz und freiberuflicher Publizist. Neben zahlreichen Sachbüchern, etwa einer Biografie über den APO-Veteranen Fritz Teufel (Wenn´s der Wahrheitsfindung dient) publizierte er als Herausgeber und Mitautor den Erzählband Holy Horror Christmas – schrecklich wahre Weihnachtsgeschichten (2006), der 2007 auch in einer Hörbuch-Version erschien. Mit No Limits legte Marco Carini im Frühjahr 2010 bei Rotbuch sein Romandebut vor, im Herbst 2010 folgte mit Muttersuche ein Sachbuch über Adoptivkinder, die sich auf die Suche nach ihren leiblichen Müttern gemacht haben. Im April 2012 erschien Die Achse der Abtrünnigen, ein Buch über ehemalige Linke, die das Lager gewechselt haben. Seinen zweiten Roman legte Carini im Herbst 2018 mit Blutsgeschwister vor, von der Kritik hoch gelobt.

Blutsgeschwister von Marco Carini ist im Konkret Literatur-Verlag erschienen.
(JK 01/19)

Sonntag

Philip Kerr: Kalter Frieden (Wunderlich)

Der Beginn des Kalten Kriegs, Südfrankreich, der alte William Somerset Maugham, Bernie und die Frauen – ein packender Spionagethriller von Philip Kerr.

Die Vergangenheit ist ein dunkler Ort, Französische Riviera 1956: Es ist einsam geworden um Bernie Gunther. Um sich vor seinen vielen Feinden zu verstecken, heuert er als Concierge in einem Grandhotel an der Côte d'Azur an – ein langweiliger Brotjob, aber sicher. Als eine höchst attraktive Engländerin ihn bittet, ihr Bridge beizubringen, erfüllt er ihren Wunsch daher nur zu gern. Aber die junge Frau verfolgt ihre eigenen Pläne: Sie will über das Kartenspiel Zugang zu dem Schriftsteller  Somerset Maugham bekommen, der ebenfalls an der Riviera lebt. Auch Bernie lernt Maugham kennen und wird bald von ihm um Hilfe gebeten, denn der Schriftsteller wird erpresst. Bernie soll die Lösegeldübergabe übernehmen. Doch kurz vor der Übergabe wird Bernie von den Briten verhaftet und gerät zwischen die Fronten eines Friedens, der weit brüchiger ist, als sich die Alliierten den Anschein geben.

Kalter Frieden ist der 11. Band der Gunther-Reihe. Der smarte Detektiv tritt wie gewohnt mit viel Selbstironie gepaart mit Zynismus auf. Leider ist dieser Band einer der schwächeren der Reihe. Es liest sich weniger als ein Roman, denn als eine Aneinanderreihung einzelner Geschichten, was das Buch sperrig erscheinen lässt. Philip Kerr hat noch zwei Bände in seinem Nachlass, die mit diesem versöhnen lassen.

Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. 1989 erschien sein erster Roman Feuer in Berlin. Aus dem Debüt entwickelte sich die Serie um den Privatdetektiv Bernhard Gunther. Diese Reihe führte Kerr fort. Für Die Adlon-Verschwörung gewann Philip Kerr den weltweit höchstdotierten Krimipreis der spanischen Mediengruppe RBA und den renommierten Ellis-Peters-Award. Seit 2004 schrieb er als P. B. Kerr an der Fantasy-Kinderbuch-Serie Die Kinder des Dschinn und eroberte damit auch das jugendliche Publikum. Philip Kerr starb überraschend am 23. März 2018 in London.

Kalter Frieden von Philip Kerr ist bei Wunderlich erschienen.
(JK 08/18)

Michael Theurillat: Lenz (Ullstein)

Als Kommissar Eschenbach aus seiner Auszeit zurückkehrt, ist die Welt eine andere. Tochter Kathrin ist bei ihm ausgezogen, seine Vertretung – die kühle, distanzierte Ivy Köhler – bleibt im Dezernat und sagt ihm den Kampf an. Der größte Schock ist jedoch, dass sein alter Freund und Kollege Ewald Lenz verschwunden ist – und unter Terrorverdacht steht. Lenz soll mit seinem enormen Insiderwissen und seinen technischen Fähigkeiten die Seiten gewechselt haben. Ivy Köhler hat ihn geradezu zum Abschuss freigegeben. Da wird ein Toter in Zürich gefunden, Walter Habicht, 62, soll aus Einsamkeit Selbstmord begangen haben. Doch der Kommissar glaubt nicht daran und beginnt sich mit dem Toten fast obsessiv zu beschäftigen, ist er doch im selben Alter wie er. Als Eschenbach ein rares Goldstück aus der Wohnung des Toten ihn Ivy Köhlers Schreibtisch findet, stellt er sich gegen das Dezernat und ermittelt auf eigene Faust. Kommissar Eschenbach gerät zwischen die Fronten und kämpft für die Wahrheit in einer Welt aus dubiosen Hintermännern, falschen Fährten und hochgefährlichen Verdächtigungen.

Lenz ist der 6. Band mit Kommissar Eschenbach. Es ist ein unblutiger Kriminalroman, der Terrorismus und den Syrienkrieg thematisiert. Auch eine wertvolle und seltene Münze spielt eine Rolle. Ein bisschen Politthriller, anspruchsvoll und inhaltlich vertrackt mit einem dramatischen Ende. Gelungener Mix aus Fakten und Fiktion, ein großartiger universeller Kriminalroman über das drängendste Thema unserer Zeit. Michael Theurillat versteht es gut, die Erzählstränge miteinander zu verweben mit einer nachvollziehbaren und nicht konstruierten Auflösung.

Michael Theurillat, geboren 1961 in Basel, studierte Wirtschaftswissenschaften, Kunstgeschichte und Geschichte und arbeitete jahrelang erfolgreich im Bankgeschäft. Die Romane mit Kommissar Eschenbach sind eine der beliebtesten Krimiserien der Schweiz. 2012 wurde Rütlischwur mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Michael Theurillat lebt mit seiner Familie in der Nähe von Zürich.

Lenz von Michael Theurillat ist bei Ullstein erschienen.
(JK 12/18)

Laksmi Pamuntjak: Herbstkind (Ullstein)

Eine Frau zwischen Tradition und Moderne, Jakarta und Berlin, der Last der Erinnerung und dem Abenteuer der Gegenwart. Alles, was in ihrem Leben gut ist, kam für Siri immer im Herbst – beruflicher Erfolg als Künstlerin, der Beginn einer neuen Liebe –, doch auf einmal hält der Herbst etwas anderes für sie bereit. Sie erfährt von ihrer Mutter Amba, dass der Mann, den sie für ihren Vater gehalten hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Diese Nachricht erreicht sie kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag und gerade als es ihr schien, als sei sie angekommen in ihrem Leben als Wanderin zwischen den Welten mit Wurzeln in Indonesien. Um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, zieht sie nach Berlin, eine Stadt so vernarbt und widersprüchlich wie sie selbst, und eine Stadt, mit der ihre beiden Väter viel verband.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Jeder Erzähler berichtet in der Ich-Form und in unterschiedlichen Zeitachsen, was beim Lesen erhöhte Konzentration erfordert. Es ist ein Roman darüber, was es heißt, sich mit allen Facetten seiner Identität auseinandersetzen zu müssen, und wie die Geheimnisse von früher die Zukunft prägen. 

Laksmi Pamuntjak ist eine indonesische Essayistin, Lyrikerin und Journalistin, sie veröffentlicht u. a. im indonesischen Monatsmagazin Tempo und in The Guardian. Ihr Roman Alle Farben Rot stand auf der Weltempfänger-Bestenliste und wurde 2016 mit dem Liberaturpreis der LitProm ausgezeichnet. Sie lebt in Jakarta.

Herbstkind von Laksmi Pamuntjak ist bei Ullstein erschienen.
(JK 11/18)

James Rayburn: Fake (Tropen)

Während im Nahen Osten Friedensverhandlungen laufen, wird in Syrien ein hochrangiger IS-Kämpfer per Drohnenangriff ausgeschaltet. Als bekannt wird, dass auch die amerikanische IS-Geisel Catherine Finch zu den Opfern des Anschlags gehört, beginnt für die US-Regierung ein Wettlauf gegen die Zeit. Für eine geheime Vertuschungsaktion wird CIA-Agent Pete Town zurück ins Agentengeschäft beordert. Sein Auftrag: Catherine Finch in den Medien so lange am Leben zu erhalten, bis die Friedensverhandlungen abgeschlossen sind. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. Doch das ist nicht sein einziges Problem. Berüchtigte Warlords, die vom Krieg in Syrien profitieren, wollen Catherine Finch tot sehen. Und Town steht ihnen dabei im Weg.

Fake ist ein äußerst packender und unterhaltsamer Geheimdienstthriller mit einer glaubwürdigen Hintergrundstory, hohem Tempo, filmreifen Actionszenen sowie unerwartete Wendungen. All dies fügt der Autor gekonnt zusammen und zeigt so das Bild einer erschöpften, nur mehr auf die neueste Nachricht und die ununterbrochene Unterhaltung ausgerichteten Welt, in der Werte kaum etwas und persönliche Vorteile alles gelten. Mit überraschenden Wendungen zum Schluss wird dabei die Spannung der Ereignisse hochgehalten.

James Rayburn, alias Roger Smith, geboren 1960 in Südafrika, renommierter Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, lebt und arbeitet in Thailand. Seine Romane begeistern Kritiker und Leser gleichermaßen und wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimipreis.

Fake von James Rayburn ist bei Tropen erschienen.
(JK 09/18)

Mons Kallentoft & Markus Lutteman: Das Blut der Hirsche (Tropen)

Der neue Thriller des schwedischen Autorenduos um Ermittler Zack Herry ist da. Er bekommt es erneut mit einem dramatischen Fall zu tun. Diesmal wird Zack Herry zu einem Tatort auf einer Insel im Schärengarten gerufen. Als er dort eintrifft, erwartet ihn das pure Grauen. Sechs Jugendliche wurden nach einer ausgelassenen Party tot aufgefunden. Alle haben Schnittwunden, zahlreiche Körperteile sind verstümmelt. Weder Zack noch sein Team können sich einen Reim darauf machen, denn bis auf die Wunden ist keine Fremdeinwirkung feststellbar. Handelt es sich womöglich um einen Massenselbstmord? Doch die Blutuntersuchung zeigt, dass alle Jugendlichen zum Todeszeitpunkt ein hochdosiertes Schmerzmittel und einen weiteren Wirkstoff im Körper hatten. Die Ermittlungen führen zu einem Drogendealer namens David Mathias. Handelt es sich tatsächlich um Mord, ausgelöst durch die Einnahme einer Partydroge? Als drei weitere Jugendliche sterben, läuft Zack die Zeit davon.

Das Blut der Hirsche ist bereits der dritte Fall für den schwedischen Kommissar Zack Herry. Auch dieser ist wieder düster und abgründig in Szene gesetzt. Mehrere komplexe Handlungsstränge gilt es zu verfolgen. Kurze Kapitel mit wechselnden Perspektiven sorgen für Dynamik. Auch der dritte Fall ist ein sehr spannender und fesselnder Thriller, der uns in die Abgründe der menschlichen Seele schauen lässt.

Mons Kallentoft, geboren 1968 in Linköping, ist Autor der weltweit erfolgreichen schwedischen Krimiserie um Malin Fors, seine Bücher wurden in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt, eine Verfilmung ist in Arbeit. Markus Lutteman, geboren 1973, ist ein schwedischer Journalist und Buchautor. Nach mehreren hochgelobten Sachbüchern betrat er die Krimibühne und schrieb gemeinsam mit Mons Kallentoft Die Fährte des Wolfes.

Das Blut der Hirsche von Mons Kallentoft und Markus Lutteman ist bei Tropen erschienen.
(JK 11/18)

Mons Kallentoft & Markus Lutteman: In den Fängen des Löwen (Tropen)

Stockholms gnadenlosester Ermittler ist zurück. Zack Herry macht erneut Jagd auf einen Mörder. Der letzte Fall hat bei Zack Spuren hinterlassen. Wochenlang saß er am Krankenbett seines besten Freundes Abdula, bis dieser schließlich aus dem Koma erwachte. Doch zum Grübeln bleibt keine Zeit, denn sein Job verlangt erneut seine ganze Konzentration. Auf einem alten Fabrikgelände in Stockholm wurde in einem alten Fabrikschornstein die Leiche eines elfjährigen Jungen entdeckt. Festgebunden auf einem Schornstein in grausigen Höhen. Weder Zack noch sein Team können sich erklären, wie sie dorthin geraten ist. Bis es einen ersten Hinweis gibt. Zack und seine Partnerin Deniz spüren einen wichtigen Zeugen auf. Ein alter Mann hat beobachtet, wie Ismail aus dem Asylbewerberheim geflohen ist, in dem er untergebracht war. Die Spur führt zu einem Mann namens Lejonet, der Löwe, der unter falscher Identität in Schweden lebt. Deniz und Zack sind sich sicher, dass er an der Entführung mehrerer Kinder beteiligt ist, doch als sie bei seiner Wohnung ankommen, eröffnet jemand das Feuer auf die Polizisten. Die Jagd hat begonnen.

Wie schon der Vorgängerband Die Fährte des Wolfes ist auch dieser Thriller wieder düster und sehr brutal und für zartbesaitete Leser nicht unbedingt geeignet. Gnadenlos und stellenweise brutal wird durch die Handlung geführt und es stellt sich immer wieder ein ordentliches Gänsehautfeeling ein. Das Ermittlerteam ist zwar recht gewöhnungsbedürftig, aber durch ihre Eigenarten, die allzu menschlich sind, aber vielleicht nicht unbedingt zu einem Polizisten passen, dennoch sympathisch und damit wiederum sehr typisch für den skandinavischen Krimi. Ein packender, fesselnder, nervenaufreibender und mit viel Action geschriebener Krimi.

Mons Kallentoft, geboren 1968 in Linköping, ist Autor der weltweit erfolgreichen schwedischen Krimiserie um Malin Fors, seine Bücher wurden in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt, eine Verfilmung ist in Arbeit. Markus Lutteman, geboren 1973, ist ein schwedischer Journalist und Buchautor. Nach mehreren hochgelobten Sachbüchern betrat er die Krimibühne und schrieb gemeinsam mit Mons Kallentoft Die Fährte des Wolfes.

In den Fängen des Löwen von Mons Kallentoft und Markus Lutteman ist bei Tropen erschienen.
(JK 08/18)

Michal Hvorecky: Troll (Tropen)

Osteuropa in naher Zukunft. Ein Heer aus Trollen beherrscht das Internet, kommentiert und hetzt. Zwei Freunde entwickeln immer stärkere Zweifel und beschließen, das System von innen heraus zu stören. Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

Die europäische Gemeinschaft ist zerfallen und wurde durch die Festung Europa ersetzt. Ihr gegenüber steht das diktatorisch geführte Reich, in dessen Protektoraten ein ganzes Heer von Internettrollen die öffentliche Meinung lenkt. Einer von ihnen ist der namenlose Held dieser in einer allzu naheliegenden Zukunft angesiedelten Geschichte. Gemeinsam mit seiner Verbündeten Johanna versucht er, das staatliche System der Fehlinformationen von innen heraus zu stören – und wird dabei selbst Opfer eines Shitstorms.

Troll ist ein gutes Buch, welches von einer schrecklichen Welt erzählt. Die Welt, die der Autor erschafft, ist grauenhaft und meisterhaft aufgebaut. Die zwei Schwachpunkte, die der Roman aufweist sind die Sprache und die Geschichte. Gerade im zweiten Teil verliert sich manchmal die Sprache in der eigenen Fabulierlust. Die Geschichte wird dann einfach etwas belanglos und der Autor verschenkt Potential. Hier wird meisterhaft eine Welt erzeugt, was dann aber in der Welt passiert, sprich: die Geschichte, ist eher belanglos. Trotz allem: ein lesenswerter Roman, der vieles auf die Spitze treibt was heute schon geschieht und dementsprechend, durchaus beängstigend ist.

Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Troll von Michal Hvorecky ist bei Tropen erschienen.
(JK 10/18)

Christoph Hein: Verwirrnis (Suhrkamp)

Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Friedeward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer, und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint ihnen alles zu sein, was sie brauchen. Doch keiner darf wissen, dass sie mehr sind als beste Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme ihre Beziehung ans Licht, könnten sie alles verlieren. Als sie zum Studium nach Leipzig gehen – Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Musik – finden sie dort eine Welt gefeierter Intellektueller, alles flirrt geradezu vor lebendigem Geist. Und sie lernen Jacqueline kennen, die ihnen gesteht, dass sie eine heimliche Beziehung zu einer Dozentin hat. Zu viert besuchen sie die legendären Vorlesungen im Hörsaal vierzig, gehen ins Theater, tauchen gemeinsam ein ins geistige Leben der Stadt. Und da reift in den drei Freunden der Plan: Wäre es nicht die perfekte ‚Tarnung‘, wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?

Heins Roman lässt einen zwiespältig zurück. Sprachlich wieder wie gewohnt auf höchstem Niveau, in der Geschichte selbst beschleicht einen die Vermutung, dass der Autor sich nicht wirklich in seine Protagonisten hineinversetzen kann oder zumindest eine große emotionale Distanz besitzt. So richtet sich dieser Roman wahrscheinlich an ein heterosexuelles Publikum, das an diese komplexe Thematik behutsam herangeführt werden will. Es ist daher Heins Verdienst, sich dieser Thematik anzunehmen in Zeiten, in denen man sicher geglaubte Selbstverständlichkeiten von Ewiggestrigen wieder in Frage gestellt und sogar massiv angefeindet werden.

Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren. Nach Kriegsende zog die Familie nach Bad Düben bei Leipzig, wo Hein aufwuchs. Ab 1967 studierte er an der Universität Leipzig Philosophie und Logik und schloss sein Studium 1971 an der Humboldt Universität Berlin ab. Von 1974 bis 1979 arbeitete Hein als Hausautor an der Volksbühne Berlin. Der Durchbruch gelang ihm 1982/83 mit seiner Novelle Der fremde Freund / Drachenblut. Hein wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Uwe-Johnson-Preis und Stefan-Heym-Preis.

Verwirrnis von Christoph Hein ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 12/18)

Sigriður Hagalín Björnsdóttir: Blackout Island (Suhrkamp)

Was passiert, wenn ein ganzes Land plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten ist? Die Ressourcen knapp werden? Nicht alle überleben können? Die Menschen zu Selbstversorgern werden, Eltern ihre Kinder suchen, die in Banden hungernd durchs Land irren. Milizen marodieren. Bürgerkriegsähnliche Verhältnisse herrschen.

In einem abgelegenen isländischen Fjord lebt der ehemalige Journalist Hjalti aus Reykjavik unter primitiven Bedingungen auf dem alten Hof seines Großvaters. Er versorgt die Schafe, bewirtschaftet das karge Land und lebt von dem, was er dem Boden und dem Meer abtrotzt. Gesellschaft leistet ihm neben den Schafen nur noch sein Hund. Hjalti führt einen harten Kampf ums Überleben, denn Island ist seit geraumer Zeit von der Außenwelt abgeschottet, seine Lebensgefährtin Maria und deren Kinder von ihm getrennt, ihr Schicksal ungewiss. An den langen, einsamen Abenden protokolliert er die Ereignisse, die zu dieser Situation geführt und die ehrgeizige Innenministerin Elín Olafsdottir dazu gezwungen haben, den Ausnahmezustand auszurufen.

Die Autorin erzählt die Entwicklung des Landes in den Monaten nach dem Kontaktabbruch aus der wechselnden Sicht mehrerer Menschen. Wenn es ums nackte Überleben geht, scheren sich die Menschen um ethisches Handeln. Schnell entwickeln sich neue Machtstrukturen. Das soziale Gefüge bricht zusammen, einfachste Krankheiten werden plötzlich lebensbedrohlich. Viele Berufe sind bedeutungslos, während andere wie Landwirte und Treibhausbesitzer, Politiker oder die neuen Hüter der Ordnung zu den Mächtigen im Lande aufsteigen und diese Macht zum eigenen Wohl missbrauchen. In ruhiger Art aber in beklemmender Eindringlichkeit lenkt die Autorin ihre Geschichte spannend, kritisch und ständig unterhaltsam auf die bevorstehende Katastrophe zu.

Sigriður Hagalin Björnsdóttir, geboren 1974, studierte Journalismus in Salamanca, Spanien und in New York. Sie ist eine in Island sehr bekannte Journalistin, sie arbeitet für den Icelandic National Broadcasting Service.

Blackout Island von Sigriður Hagalín Björnsdóttir ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 11/18)

John Boyne: Cyril Avery (Piper)

Seit seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er nämlich keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn in die Familie auf, doch auch dort findet er nicht das Zuhause, nach dem er sich sehnt. In dem katholischen Jungeninternat, auf das sie ihn schicken, lernt er schließlich Julian Woodbead kennen und schließt innige Freundschaft mit ihm. Bis er mehr für den rebellischen Lebemann zu empfinden beginnt und auch dieser Halt für ihn verloren geht. Einsam und verzweifelt verlässt Cyril letztendlich das Land – ohne zu wissen, dass diese Reise über Amsterdam und New York ihn an den Ort führt, nach dem er immer gesucht hat: Heimat.

John Boynes Roman ist ein emotionales, beherztes Plädoyer für Toleranz gegenüber Minderheiten, egal ob sexuell, ethnisch oder religiös begründet. Der Autor begleitet seinen Protagonisten durch sein herausforderndes Leben. Homosexualität, Homophobie, Emanzipation, Liebe, Freundschaft, Heimat, Familie, Aids und Tod – alle diese Themen finden in diesem großartigen Roman Platz. Wie herrlich entlarvt Boyne in seinem Werk das bigotte Verhalten der irischen Gesellschaft von 1945 bis zum Referendum über die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern. Und anstatt angesichts dieser Themen in Schwermut zu versinken, verleiht ihnen Boynes teils deftiger, aber immer herzlicher Humor eine äußerst angenehme Leichtigkeit.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.

Cyril Avery von John Boyne ist bei Piper erschienen.
(JK 09/18)

Kazuaki Takano: 13 Stufen (Penguin)

Ein unschuldig wegen Mordes zum Tod Verurteilter soll hingerichtet werden. Der ehemalige Gefängnisaufseher Nangō und der auf Bewährung entlassene Jun'ichi erhalten den Auftrag, den wahren Täter zu finden. Für das ungleiche Ermittlerduo beginnt damit nicht nur ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, sondern beide müssen sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen.

Bestsellerautor Kazuaki Takano erzählt eine fesselnde Geschichte voller unerwarteter Wendungen und falscher Fährten bis hin zum furiosen Showdown. Am Beispiel der in Japan noch angewandten Todesstrafe stellt er die Frage nach Schuld und Reue, nach dem Recht auf Vergeltung. Dabei erzeugt seine vielschichtige Erzählweise eine außergewöhnliche Spannung, die den Leser bis zur letzten Seite nicht loslässt. Unglaublich eindrücklich schafft es Takano den Leser in die größten Leiden und Todesängste eines Menschen mitzunehmen. Er schreibt eindringlich und lebendig. Ein kluger Politthriller, der lange nachhallt.

Kazuaki Takano, geboren 1964 in Tokio, arbeitet in Hollywood und Japan als Drehbuchautor. Für seine Romane erhielt er renommierte Preise. Sein jüngster Roman Extinction stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde von der Presse gefeiert.

13 Stufen von Kazuaki Takano ist bei Penguin erschienen.
(JK 04/18)

Peter Ackroyd: Queer London (Penguin)

Peter Ackroyd, Londons größter lebender Chronist schreibt in seinem Buch Queer London über die „gay history“ seiner Stadt von der Antike bis heute.

Das römische Londinium war übersät mit „Wolfshöhlen“, Bordellen und heißen Bädern, in denen es hoch herging. Homosexualität galt als bewundernswert. Bis Kaiser Konstantin die Macht übernahm und mit seinen Mönchen und Missionaren für Ordnung sorgte. Zeiten der Toleranz wechselten mit Zeiten der Ächtung und Verfolgung. Heute gehört „queer London“ zur britischen Hauptstadt wie Tower und Big Ben. Londons homosexuelle Szene ist die größte in Europa und eine der größten weltweit. Peter Ackroyd zeigt uns, wie seine Stadt sich diesen Platz erkämpft hat. Er zelebriert die Vielfältigkeit und Energie der Community, zeigt aber auch die Gefährdungen, denen sie zu allen Zeiten ausgesetzt war. The Independent schreibt: „Ein absolut einzigartiges Leseerlebnis.“

Queer London ist ein sehr intensives Sachbuch mit einer wichtigen Thematik, sehr informativ und interessant. Es ist keine unterhaltsam aufbereitete Geschichte über die Queerness Londons, sondern vielmehr ein Geschichtsbuch, das voller Informationen steckt, wie man sie bisher nicht zusammengestellt und präsentiert bekommen hat.  

Peter Ackroyd, geboren 1949 in London, wo er bis heute lebt. Er studierte Literaturwissenschaft in Yale und Cambridge und arbeitete viele Jahre für den Spectator und die Times. Mit seinen Romanen, Theaterstücken und Biographien gehört er zu den wichtigsten britischen Gegenwartsautoren. Er erhielt unter anderem den Somerset Maugham Award und den Whitbread Award. Er gilt als brillanter Autor mit einem unverwechselbaren Stil.

Queer London von Peter Ackroyd ist bei Penguin erschienen.
(JK 11/18)