Nicolas Mathieu: Rose Royal (Hanser Berlin)

Nach seinem Roman Wie später ihre Kinder erzählt der Prix-Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu in seinem neuen Roman Rose Royal die Geschichte einer Frau, die beschließt, kein Opfer mehr zu sein.

Rose ist fast fünfzig, als sie Luc kennenlernt. Sie hat eine Ehe überstanden und zwei Kinder zur Welt gebracht, hat Liebschaften erlebt, Jobwechsel, Schicksalsschläge und Trauerfälle. Das Leben hat sie stark gemacht. In ihrer Handtasche steckt ein Revolver, der sie gegen die vielen Dreckskerle dieser Welt beschützen soll. Doch Luc ist anders, das spürt sie sofort. So charmant und zurückhaltend. Seit sie ihn kennt, liegt in ihren Augen ein neuer Glanz. Bis er sich eines Tages in seinem männlichen Stolz gekränkt fühlt und zuschlägt. In seinem neuen Roman erzählt Nicolas Mathieu von einer Frau, die sich eine Waffe beschafft, damit die Angst endlich die Seiten wechselt.

In seiner Novelle erzählt Nicolas Mathieu die Geschichte atmosphärisch dicht und sehr präzise. Das Thema allein hätte hunderte Seiten gefüllt und gerne würde man weiterlesen. Dem Autor ist auf jeden Fall zuzutrauen, dass er das mit grossem Erfolg weiter hätte ausbreiten können, ohne Brisanz zu verlieren. So bleiben knapp über 90 Seiten, aber die haben es in sich. Mit messerscharfer Kühlheit und psychologischer Klarheit wird Roses Situation vorgetragen. Die Bilder hallen nach dem Lesen nach.

Nicolas Mathieu wurde 1978 in Épinal geboren und lebt in Nancy. Sein erster Roman erschien 2014 und wurde für das Fernsehen adaptiert. Wie später ihre Kinder wurde 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Rose Royal von Nicolas Mathieu ist bei Hanser Berlin erschienen.
(JK 10/20)

James Baldwin: Giovannis Zimmer (dtv)

James Baldwins berühmtester Roman Giovannis Zimmer, jetzt in neuer Übersetzung erhältlich.

Im Paris der Fünfzigerjahre lernt David, amerikanischer Expat, in einer Bar den reizend überheblichen, löwenhaften Giovanni kennen. Die beiden beginnen eine Affäre – und Verlangen und auch Scham brechen in David los wie ein Sturm. Dann kehrt plötzlich seine Verlobte zurück. David bringt nicht den Mut auf, sich zu outen. Im Glauben, sich selbst retten zu können, stürzt er Giovanni in ein Unglück, das tödlich endet.

Baldwin brach mit Giovannis Zimmer 1956 gleich zwei Tabus: Als schwarzer Schriftsteller schrieb er über die Liebe zwischen zwei weißen Männern. Sein amerikanischer Verlag trennte sich daraufhin von ihm, seine Agentin riet ihm, er solle das Manuskript verbrennen. Heute gilt Giovannis Zimmer als Baldwins berühmtester Roman.

Dem dtv gebührt grosser Dank, dass er für die deutsche Leserschaft das grossartige Gesamtwerk dieses aussergewöhnlichen Schriftstellers neu übersetzen und überarbeiten lässt. Mit Miriam Mandelkow hat der Verlag eine kongeniale Übersetzerin ausgewählt. Man entdeckt das Werk neu und wie unverändert aktuell seine Romanstoffe sind.

James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Er war der erste schwarze Künstler auf einem Cover des Time Magazine. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich.

Giovannis Zimmer von James Baldwin ist bei dtv erschienen.
(JK 10/20)

Thomas Engström: East of Inferno (C. Bertelsmann)

Mit East of Inferno ist der finale vierte Band der Ludwig-Licht-Serie von Thomas Engström erschienen.

Ludwig Licht arbeitet für einen Sicherheitsdienst in Tiflis, wird täglich mit der explosiven Lage des Landes konfrontiert und muss sich schließlich seinem schlimmsten Feind aus Stasi-Zeiten stellen. Lichts Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst sorgen dafür, dass er in Georgien in kürzester Zeit zwischen alle politischen, nationalen und auch religiösen Fronten gerät. Dann bringt eine Serie von Terroranschlägen das Land in den Ausnahmezustand. Bekennerschreiben von der IS verbreiten überall Panik. Doch Ludwig Licht ahnt, dass die wahren Strippenzieher ganz woanders sitzen. In seinem letzten, härtesten Kampf erkennt Ludwig Licht außerdem, dass es nicht nur um sein eigenes Überleben geht, sondern dass er jemanden beschützen muss, um den er sich bislang viel zu wenig gekümmert hat: Es ist sein Sohn Walter...

Gekonnt führt Thomas Engström die Ludwig-Licht-Reihe zu Ende. Spannung und Action sind in dem Agententhriller garantiert. Ludwig Licht ist ein Serienheld, wie man ihn sich in einem Agententhriller wünscht. Eine vielschichtige, kaputte Figur, die ihr Metier jedoch absolut beherrscht und glaubhaft agiert. Wer allerdings die Buchreihe liest und gleichzeitig die Verfilmung sieht, kommt zwangsläufig in einen Konflikt. Denn die Figur im Roman ist so viel interessanter und überzeugender als sie Wotan Wilke Möhring in der Verfilmung darstellt. Ein weiteres Mal ein Beispiel, dass es sich lohnt, die Romanvorlage zu lesen.

Thomas Engström, 1975 geboren, ist Jurist und arbeitet seit vielen Jahren als Journalist, Übersetzer und Autor. West of Liberty, der erste Band seiner viel beachteten 4-teiligen Ludwig-Licht-Serie, erhielt den Schwedischen Krimipreis in der Kategorie „Krimidebüt“; der zweite Band South of Hell erhielt ebenfalls den Schwedischen Krimipreis. Die Serie wurde vom ZDF verfilmt mit Wotan Wilke Möhring als Ludwig Licht.

East of Inferno von Thomas Engström ist bei C. Bertelsmann erschienen.
(JK 10/20)

Guillaume Musso: Ein Wort, um dich zu retten (Pendo)

Eine tragische Liebe, ein grausames Verbrechen und eine Wahrheit, die Erlösung oder Verderben sein kann – Guillaume Musso, seit neun Jahren der meistverkaufte Autor in Frankreich, meldet sich mit seinem neuen Roman Ein Wort, um dich zu retten zurück.

Seit er vor zwanzig Jahren von einem Tag auf den anderen aufhörte zu schreiben, lebt der einst gefeierte Schriftsteller Nathan Fawles abgeschieden auf der kleinen Île Beaumont. Doch die Journalistin Mathilde Monney ist fest entschlossen herauszufinden, warum der Schriftsteller sich damals aus der Öffentlichkeit zurückzog. Kurz nach ihrer Ankunft erschüttert ein grausamer Mord die Insel, die daraufhin abgeriegelt wird. Während eine fieberhafte Jagd nach dem Täter beginnt, entspinnt sich zwischen Mathilde und Nathan eine hitzige Unterredung, in der Stück für Stück die ganze Wahrheit über seine Vergangenheit ans Licht kommt und Mathilde entdeckt, dass ein grausames Geheimnis sie beide verbindet

Guillaume Musso hat auch in Deutschland seine feste Fangemeinde. Wäre der Strandurlaub dieses Jahr nicht ausgefallen, wäre dies die Empfehlung als Strandlektüre. Eine spannende Geschichte, bei der der Autor falsche Fährten und Finten legt. Vielleicht nicht ganz so sorgfältig wie seine vorangegangene Romane, doch die Fans sehen es ihm nach.

Guillaume Musso, geboren 1974 in Antibes, arbeitete als Dozent und Gymnasiallehrer. Musso ist einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs, seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt und haben sich als internationale Bestseller durchgesetzt.

Ein Wort, um dich zu retten von Guillaume Musso ist bei Pendo erschienen.
(JK 09/20)

Laura van den Berg: Das dritte Hotel (Penguin)

Havanna, die Liebe und der Tod – von einer traumwandlerischen Reise einer außergewöhnlichen Frau handelt der Roman Das dritte Hotel von Laura van den Berg.

Mit einem Flug ins sommerliche Kuba beginnt für Clare eine flirrende Reise in die Vergangenheit. Erst wenige Wochen zuvor hat sie ihren Mann Richard bei einem Unfall verloren. Nun besucht sie auf seinen Spuren ein Filmfestival in Havanna, als Richard plötzlich überraschend vor ihr steht. Kann sie ihren Sinnen trauen oder will jemand sie täuschen? Clare folgt der geheimnisvollen Gestalt durch die Gassen der Stadt und gedanklich bis in die Grauzonen ihrer Ehe und Kindheit.

Van den Bergs traumwandlerischer Roman spielt mit den Grenzen unserer Wahrnehmung, lässt Fantasie und Wirklichkeit auf wunderbare Weise verschmelzen. Eine poetische Geschichte über das Reisen und das Trauern, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Der fehlende Halt in der Trauer um seinen Nächsten, die Unsicherheit, die über einen hereinbricht, wird eindringlich seziert. Nicht immer eine leichte Lektüre, die jedoch zum Nachdenken anregt.

Laura van den Berg, 1983 geboren, ist in Florida aufgewachsen und lebt heute in der Nähe von Boston. Sie hat bisher zwei Erzählsammlungen veröffentlicht, die u.a. mit dem Rosenthal Award for Fiction ausgezeichnet wurden. Ihr Debütroman Find Me (2015) war für den renommierten International Dylan Thomas Prize nominiert. Das dritte Hotel wurde hymnisch besprochen und 2019 für den NYPL Young Lions Fiction Award nominiert.

Das dritte Hotel von Laura van den Berg ist bei Penguin erschienen.
(JK 09/20)

Isabella Hammad: Der Fremde aus Paris (Luchterhand)

Virtuos erzählt Isabella Hammad in ihrem Roman Der Fremde aus Paris vom Leben eines Grenzgängers und Wurzellosen.

Montpellier, zu Beginn des Ersten Weltkriegs: Als der junge Palästinenser Midhat von Bord eines Dampfers aus Alexandria geht, ist das für ihn der Aufbruch in eine strahlende Zukunft. Begierig wirft er sich in sein Medizinstudium, saugt die französische Kultur auf, verliebt sich in die emanzipierte Jeannette. Doch in den vom Krieg aufgeschreckten bürgerlichen Salons bleibt Midhat ein Fremder – und muss lernen, wie zerbrechlich alles ist: aus Freunden werden Feinde, aus Liebe wird Verrat. Er flüchtet sich in das exzessive Treiben in Paris und von dort zurück in die strenge väterliche Obhut nach Palästina. Doch auch aus seiner Heimat ist im Streben um Unabhängigkeit mittlerweile ein Pulverfass geworden...

Isabella Hammad hat einen bewegenden Roman einer Liebe zwischen den Kulturen geschrieben. Auf literarisch hohem Niveau geschrieben, reibt man sich ein wenig verwundert die Augen, dass dies ihr Debütroman ist. Sie legt die Messlatte für ihre nachfolgenden Werke damit sehr hoch. Sie fordert den Leser allerdings mit diesem mehr als 700 Seiten starke Epos heraus. Mit dem sympathisch dargestellten Midhat erzählt sie detailreich über das Schicksal der Palästinenser, eine aufwühlende Geschichte. Zur Orientierung hält das Buch im Anhang einen Abriss der palästinensischen Geschichte für den Leser bereit.

Isabella Hammad wuchs in London auf, lebt in London und New York. Ihre Erzählungen erschienen u.a. in The Paris Review und wurden mit dem Plimpton Prize for Fiction ausgezeichnet. Ihr Debütroman Der Fremde aus Paris ist angelehnt an die Geschichte ihres eigenen Urgroßvaters. Er wurde weltweit in 16 Länder verkauft und ist für den Observer eines der wichtigsten Debüts sowie für die New York Times einer der wichtigsten Romane 2019.

Der Fremde aus Paris von Isabella Hammad ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 09/20)

Ulrike Ulrich: Während wir feiern (Berlin Verlag)

Inspiriert von Virginia Woolfs Klassiker Mrs Dalloway zeichnet Ulrike Ulrich in ihrem Roman Während wir feiern ein Panoramabild unseres Lebens in Europa – vielstimmig, mit eigenem Ton und literarischer Brillanz.

Wie in jedem Jahr feiert die deutsche Sängerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertags ihren Geburtstag mit einer Dachparty – leider noch ohne den Einbürgerungsentscheid. Währenddessen braucht Kamal eine sichere Bleibe. Wenn er nicht unverzüglich das Land verlässt, droht ihm die Abschiebung nach Tunesien. Weil dort aber Homosexuelle verfolgt werden, fragt er seinen Deutschlehrer Zoltan, ob er ein paar Tage bei ihm untertauchen kann. Doch Alexas bester Freund sagt Nein aus Gründen, die er nicht mal vor sich selbst zugibt. Im Laufe des Tages eskalieren die Ereignisse, und nicht nur das Fest, auf dem alles zusammenläuft, steht infrage.

Ein mutiges Buch einer Deutschen, die in der Schweiz lebt. Sie führt die selbstgefällige Wohlstandsgesellschaft der Schweiz vor,  die ihren vermeintlichen Altruismus schnell hinter sich lässt und den Mustern einer unbarmherzigen Partygesellschaft folgt. Die Autorin hält unserer Zeit den Spiegel vor und deckt mit der Geschichte von Kamal die Widersprüche schonungslos auf. Ein kluges und wichtiges Buch.

Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt seit 2004 als Schriftstellerin in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman fern bleiben, dem 2013 der Roman Hinter den Augen folgte, und 2015 der Erzählband Draussen um diese Zeit. Mit Svenja Herrmann hat sie Anthologien zum 60. und 70. Geburtstag der Menschenrechte herausgegeben. Mit Axmed Cabdullahi erschien zuletzt Ein Alphabet vom Schreiben und Unterwegssein. Sie gehört den Autor*innengruppen index und „Literatur für das, was passiert“ an. Ihre Texte wurden u. a. mit dem Walter Serner-Preis 2010, dem Lilly-Ronchetti-Preis 2011 und Anerkennungspreisen der Stadt Zürich ausgezeichnet. 2016 erhielt Ulrike Ulrich ein Werkjahr der Stadt Zürich und 2018 einen Pro Helvetia-Werkbeitrag für Während wir feiern.

Während wir feiern von Ulrike Ulrich ist im Berlin Verlag erschienen.
(JK 09/20)

Andrea Camilleri: Kilometer 123 (Kindler)

Der letzte zu Lebzeiten des Meisters des italienischen Kriminalromans erschienene Roman: Andrea Camilleris Kilometer 123 ist Platz 1 der italienischen Bestsellerliste.

Alles beginnt mit einer unbeantworteten SMS. Die Absenderin ist Ester, und der Adressat ist Giulio. Warum Giulio seiner Geliebten nicht antworten kann: Er liegt nach einem heftigen Auffahrunfall bei Kilometer 123 der via Aurelia im Krankenhaus. Wer hingegen die SMS von Ester liest, ist Giulios Ehefrau, die vorher von Esters Existenz nichts wusste. Dies könnte der Anfang einer Liebeskomödie sein, aber der Beigeschmack ist eindeutig ein anderer: Denn ein Zeuge sagt aus, dass Giulios Unfall keineswegs unbeabsichtigt, sondern versuchter Mord war, und die Angelegenheit wird ans Kriminalkommissariat übergeben. Kurze Zeit später findet sich eine Leiche: bei eben jenem Kilometer 123 auf der via Aurelia...

Andrea Camilleris Krimi dreht sich um die perfekte Intrige, getrieben von Macht und Eifersucht. Gleich vorweg, die Figur des Commissario Montalbano kommt nicht vor und so wartet man vergebens auf die kulinarischen Episoden des Commissarios. Doch sizilianisches Lokalkolorit ist die Stärke Camilleris und davon strotzt dieser Roman ebenso. Es ist eine spannende Geschichte mit amüsanten Finten. Ein gewohnt eigenwilliges Spätwerk unseres geliebten Autors.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren. Er war Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Seine erfolgreichste Romanfigur ist der sizilianische Commissario Montalbano. Insgesamt verfasste Camilleri mehr als 100 Bücher und galt als eine kritische Stimme in der italienischen Gegenwartsliteratur. Andrea Camilleri war verheiratet, hatte drei Töchter und vier Enkel und lebte in Rom. Er starb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

Kilometer 123 von Andrea Camilleri ist bei Kindler erschienen.
(JK 07/20)

Anuradha Roy: Der Garten meiner Mutter (Luchterhand)

Einen nachdenklichen, poetischen Roman hat die indische Autorin Anuradha Roy mit Der Garten meiner Mutter geschrieben.

„In meiner Kindheit war ich als der Junge bekannt, dessen Mutter mit einem Engländer durchgebrannt war“, so beginnt die Geschichte von Myshkin und seiner Mutter Gayatri. Es sind die dreißiger Jahre, Indien hadert mit der britischen Kolonialherrschaft. Da kommen zwei Fremde in den kleinen Ort am Himalaya, der deutsche Maler Walter Spies und eine Tänzerin, und Gayatri, die immer Künstlerin sein wollte, ergreift ihre Chance, der traditionellen Ehe zu entfliehen. Ein großes zeitgeschichtliches Panorama und die ergreifende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die für ihre Kunst und Freiheit lebt.

Anuradha Roy lässt den Sohn Myshkin im betagten Alter die Geschichte seiner Mutter erzählen. In der Geschichte wird der Ausbruch der Mutter aus den Konventionen erzählt, die parallel auch die Geschichte des Unabhängigkeitskampf Indiens, die der sozialen und politischen Umbrüche und der alles durchdringenden Klassenunterschiede ist. Die Autorin legt sich dabei keine Grenzen auf. Ist es im ersten Teil die Erzählung, wie es dazu kommt, dass Gayatri ausbricht, so lassen im zweiten Teil die Briefe der Mutter den Leser in die Gefühlswelt der Heldin eintauchen. Es ist ein poetisches Buch, leise und ohne dramatische Spannungskurven. 

Anuradha Roy hat mehrere Romane verfasst und lebt in Ranikhet, einer Stadt im indischen Himalaya. Die Autorin war 2011 für den Man Asian Booker Prize und 2016 für den Man Booker Prize nominiert, wurde 2011 mit dem Economist Crossword Prize und 2016 mit dem D.S.C. Prize for South Asian Literature ausgezeichnet. Ihr Roman Der Garten meiner Mutter kam auf die Shortlist des JCB Fiction Prize 2018, des Hindu Literary Prize 2019, wurde nominiert für den Walter Scott Prize for Historical Fiction 2018 und gewann den Tata Book of the Year Award for Fiction 2018.

Der Garten meiner Mutter von Anuradha Roy ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 07/20)

Antonio Scurati: M, der Sohn des Jahrhunderts (Klett-Cotta)

Sechs Jahre braucht Benito Mussolini, um zum einflussreichsten Politiker im krisengeschüttelten Nachkriegsitalien zu werden. Sechs Jahre, um den Faschismus als Staatstheorie zu verankern und ein autoritäres Regime zu implementieren. Antonio Scuratis Roman M, der Sohn des Jahrhunderts ist wie ein Spiegel europäischer Geschichte – und ein Mahnmal gegen die Rückkehr des Faschismus in Europa.

Im Jahr 1919 gleicht Italien einem politischen Trümmerfeld. Der Erste Weltkrieg hat die italienische Regierung massiv geschwächt, sozialistische wie rechtsnationale Gruppen erleben einen noch nie dagewesenen Aufstieg und stellen politische Institutionen radikal in Frage, während frustrierte Kriegsheimkehrer durch die Straßen des Landes ziehen. Getrieben von ihrem Unmut lassen sich die ehemaligen Kämpfer bald von einem Mann einen, der sie zu gemeinsamen Aktionen gegen die politische Linke aufruft: Benito Mussolini, Gründer des Il Popolo d’Italia und ehemaliger Chef des linksextremen Flügels der sozialistischen Partei Italiens. Dem Fünfunddreißigjährigen gelingt es, sich in Zeiten politischer Unsicherheit Gehör zu verschaffen und unterschiedlichste Gruppierungen unter einem gemeinsamen Banner zu versammeln. Bis zum berühmten Marsch auf Rom 1922 und darüber hinaus wird Mussolini seine Macht in Italien rasant ausbauen und den Faschismus als Staatsideologie unwiderruflich festschreiben.

Dieses Buch ist wichtig in unserer heutigen Zeit, in der die Ideen des Faschismus vom ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts wieder Auferstehung feiern, die Monstrosität dieser Bewegung verharmlost und relativiert wird und als vermeintlich freie Meinungsäusserung in die öffentliche Meinung einsickert. Es ist erschreckend diese Entwicklung im Roman zu folgen. Hierbei ist es sicherlich diskussionswürdig, dass Scuratis Kniff die Geschichtsschreibung aus der Sicht des Täters befördert. Scurati versucht, in die Geschichte viel hineinzupacken, viele Personen mit Nebenschauplätzen. Das macht das Bild zwar umfangreicher, aber lässt bisweilen nicht genügend Tiefe. So bekommt man eine umfassende Geschichtslektion, die dann bisweilen den Roman in den Hintergrund drängt. Das macht das Buch allerdings nicht weniger lesenswert.

Antonio Scurati, 1969 in Neapel geboren, lehrt an der Universität Mailand und koordiniert dort das Forschungszentrum für Kriegs- und Gewaltsprachen. Seine Romane sind in viele Sprachen übersetzt und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Mondello und dem Premio Campiello. Sein jüngster Roman M. Der Sohn des Jahrhunderts steht seit Erscheinen im Herbst 2018 auf der italienischen Bestsellerliste und wurde von der internationalen Presse gefeiert und erhielt den wichtigsten Literaturpreis Italiens, den Premio Strega.

M, der Sohn des Jahrhunderts von Antonio Scurati ist bei Klett-Cotta erschienen.
(JK 07/20)

Colin Cotterill: Dr. Siri und die Spiele der Rattenfänger (Goldmann)

Im neuen Roman Dr. Siri und die Spiele der Rattenfänger lässt Colin Cotterill seinen Dr. Siri bereits zum 12. Mal ermitteln.

1980: Die Demokratische Volksrepublik Laos ist stolz darauf, an ihren ersten Olympischen Spielen teilzunehmen – ein Event, das sich der Pathologe Dr. Siri Paiboun natürlich nicht entgehen lassen kann. Mithilfe eines kleinen Tricks schafft er es, als medizinischer Berater für die Athleten nach Moskau reisen zu dürfen, dem Austragungsort der diesjährigen Spiele. Doch dort angekommen beschleicht ihn schnell der Verdacht, dass einer der Olympiateilnehmer nicht der ist, der er zu sein vorgibt. Und als dann auch noch ein laotischer Athlet des Mordes beschuldigt wird, muss Siri alles daransetzen, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt.

In diesem Fall ist Dr. Siri außerhalb seines Landes auf Tätersuche, was der Reihe eine schöne Abwechslung beschert. Cotterill besitzt ein Geheimrezept, mit dem er es schafft, auch im 12. Band der Reihe keine Ermüdungserscheinungen aufkommen zu lassen. Spannend, mit viel Augenzwinkern und einer Prise Gesellschaftskritik gestaltet er erneut erfolgreich den Auftritt seines Dr. Siri. Es ist eine Freude, dem schrulligen Alten zu folgen. Und schon warten wir sehnlichst auf Band 13.

Colin Cotterill wurde 1952 in London geboren. Nach einer Ausbildung zum Englischlehrer begab er sich auf eine Weltreise, die viele Jahre andauerte. Er lebte lange in Australien, Japan, Thailand und Laos, wo er Englischkurse an verschiedenen Universitäten gab und sich als Sozialarbeiter engagierte. Mit Dr. Siri und seine Toten begann er seine Krimiserie um einen über 70-jährigen, so querköpfigen wie lebenslustigen Arzt in Laos, der zum ersten und einzigen Leichenbeschauer des Landes berufen wird. Für Dr. Siri und seine Toten wurde der Autor unter anderem für den renommierten Gold Dagger nominiert und war wochenlang auf der Krimiwelt-Bestenliste. Colin Cotterill wurde außerdem mit dem Dagger in the Library ausgezeichnet. Der begehrte Preis geht alljährlich an den bei Lesern beliebtesten Krimiautor. Mittlerweile ist der Hundeliebhaber und begeisterte Comic-Zeichner in Thailand sesshaft geworden. Colin Cotterill lebt mit seiner Frau und zwei Hunden in Chumphon, Thailand.

Dr. Siri und die Spiele der Rattenfänger von Colin Cotterill ist bei Goldmann erschienen.
(07/20)

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt (dtv)

Der neue Roman Das Museum der Welt von Christopher Kloeble ist ein großer Abenteuerroman mit einem unvergesslichen Helden.

Bartholomäus ist ein Waisenjunge aus Bombay, er ist mindestens zwölf Jahre alt und spricht fast ebenso viele Sprachen. Als Übersetzer für die deutschen Brüder Schlagintweit, die 1854 mit Unterstützung Alexander von Humboldts zur größten Forschungsexpedition ihrer Zeit aufbrechen, durchquert er Indien und den Himalaya. Bartholomäus verfolgt jedoch einen ganz eigenen Plan: Er selbst möchte das erste Museum seines großen und widersprüchlichen Landes gründen. Dafür riskiert er alles, was ihm etwas bedeutet, sogar sein Leben.

Christopher Kloebles Roman ist Spionage- und Abenteuerroman und eine Coming-of-Age-Geschichte in einem. Interessant ist die Erzählperspektive dieser kolonialen Forschungsreise aus der Sicht des Jungen, der dabei manchmal etwas altklug daherkommt und seine Begeisterung für die deutsche Wissenschaft, Sprache und Küche wirkt etwas überzogen. Dennoch versprüht dies viel Charme, der Junge ist sympathisch und bleibt authentisch. Der Roman ist eine schöne Lektüre, die fasziniert und einen in Bann zieht.

Christopher Kloeble hat bislang vier Romane, einen Erzählband und ein autobiografisches Sachbuch veröffentlicht. Er unterrichtet regelmäßig als Gastprofessor, u. a. am Dartmouth College und an der Georgetown University in den USA sowie an der Cambridge University in Großbritannien. Seine Bücher sind in neun Sprachen übersetzt worden; die Verfilmung seiner Romane Meistens alles sehr schnell und Die unsterbliche Familie Salz ist in Vorbereitung. Christopher Kloeble lebt in Berlin und Neu-Delhi.

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble ist bei dtv erschienen.
(JK 07/20)

Philippe Djian: Morgengrauen (Diogenes)

Der neue Roman von Philippe Djian heißt Morgengrauen und ist schonungslos und abgründig.

Joan lebt schon lange nicht mehr zu Hause, doch als die Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen, zieht sie zurück zu ihrem Bruder Marlon. Joan kümmert sich um ihren Bruder Marlon. Der junge Mann kann nicht alleine leben, zu sehr treibt ihn die Angst um – vor der Dunkelheit, vor dem Bösen. Nun müssen sie sich gegenseitig Familie sein – sie, die sich kaum kennen. Marlon ahnt nicht, was seine Schwester nach Ladenschluss noch in ihrer Boutique tut – und Joan hat auch nicht vor, es ihm zu verraten. Joan verdient sich ihr Geld in einem zweifelhaften Etablissement Gut, dass sie den Sheriff des Ortes auf ihrer Seite hat, denn ihre Kunden können gefährlich sein, auch für Marlon. Joan ist eigentlich absolut kein Familienmensch, doch sie liebt ihren Bruder über alles. Als Marlon unter wiederholten Panikattacken leidet, muss sie einsehen, dass es ihre Kräfte übersteigt, allein für ihren Bruder verantwortlich zu sein. Sie bittet ihre sechzigjährige Freundin Ann-Margaret um Hilfe. Doch tritt sie damit eine weitere Katastrophe los.

Die Romane von Philippe Djian sind keine leichte Kost. Es gibt einen roten Faden, darum ereignen sich jedoch viele Erzählstränge auf Nebenschauplätzen. Seine Geschichte sind eigentlich nie Mainstream, seine Figuren sind skurril. Er hat keine Angst zu schockieren und schafft es, auf verhältnismäßig wenig Seiten eine die vielen Punkte in seiner Geschichte kongruente und stimmig zusammenzubringen. Am Ende hat man das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.

Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, ist viel herumgekommen. Er lebte in New York, Florenz, Bordeaux und Lausanne und wohnt heute in Biarritz und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Philippe Djian sein erstes Manuskript. Sein dritter Roman, Betty Blue, wurde zum Kultbuch. Oh… erhielt 2012 den Prix Interallié und wurde mit Isabelle Huppert unter dem Titel Elle verfilmt.

Morgengrauen von Philippe Djian ist bei Diogenes erschienen.
(JK 07/20)

Yrsa Sigurdadóttir: Abgrund (btb)

Mit Abgrund ist der vierte Band der Erfolgsreihe um Kommissar Huldar und Psychologin Freyja erschienen. Ein neuer Thriller von der isländischen Bestsellerautorin Yrsa Sigurdardóttir.

Ein Toter, erhängt auf einer alten Hinrichtungsstätte in einem Lavafeld nahe des Präsidentensitzes. Eine ominöse Nachricht, mit einem Nagel in dessen Brust gerammt. Ein kleiner Junge, den man schließlich in der Wohnung des Toten findet. Schwer traumatisiert. Ohne jegliche Erinnerung. Das sind die Ingredienzen des Thrillers.

Es geht ruhig und abgeklärt in diesem Thriller zu. Die Autorin konzentriert sich auf die Ermittlungsarbeit – keine Verfolgungsjagden, keine Serienkiller. Man erlebt mit, wie sich der Kreis um den Mörder immer weiter unerbittlich schließt. Spannend und intelligent konstruiert und dazu wirklich gut erzählt.

Yrsa Sigurdardóttir, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Spannungsromane in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den „besten Kriminalautoren der Welt“ (Times). Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit Das letzte Ritual, einer Folge von Kriminalromanen um die Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir. Auch ihre Serie um die Psychologin Freyja und Kommissar Huldar von der Kripo Reykjavik erfreut sich international hoher Beliebtheit.

Abgrund von Yrsa Sigurdadóttir ist bei btb erschienen.
(JK 07/20)

Sophie Hénaff: Mission Blindgänger (C. Bertelsmann)

Die Chaostruppe um Commissaire Anne Capestan ermittelt wieder in Sophie Hénaffs neuen Roman Mission Blindgänger.

„Ruhe bitte, es wird gemordet!“ Die sympathische Chaostruppe der Pariser Polizei feiert ihr Comeback an einem Filmset – wie immer angeführt von Commissaire Anne Capestan, die ihre Elternzeit unterbricht, um einer Kollegin zur Hilfe zu eilen: Capitaine Eva Rosière, nebenberufliche Drehbuchautorin, steht unter Verdacht, den Regisseur ermordet zu haben. Es ist nicht zu leugnen, Eva hatte geschworen ihn zu töten. Doch fast jeder am Drehort hätte ein Mordmotiv. Das Spiel kann beginnen: Mit Windeln und Schnuller gerüstet, machen sich Anne Capestan und ihr Kommando Abstellgleis an die Ermittlungsarbeit – Baby Joséphine stets mit dabei.

Die illustre Ermittlertruppe sind allesamt skurrile Typen und knüpft nahtlos an die ersten beiden Bände der Serie an. Es hilft dabei, die vorherigen Bände gelesen zu haben, denn sie werden nicht mehr explizit eingeführt. Es ist dann auch weniger die Krimihandlung, die bei dieser Serie reizt, sondern die Komik im Zusammenspiel der Figuren. Immer wieder gibt es komische Momente, auch wenn man manchmal auf etwas Neues hofft, das dann aber nicht kommt. Vielleicht im nächsten Band der Reihe.

Sophie Hénaff ist Journalistin, deren humoristische Kolumne in der französischen Cosmopoltan eine riesige Fangemeinde hat sowie ihre Serie um Kommissarin Anne Capestan und ihre Brigade der Ausrangierten.

Mission Blindgänger von Sophie Hénaff ist bei C. Bertelsmann erschienen.
(JK 07/20)

Thomas Engström: North of Paradise (C. Bertelsmann)

Rasant und actionreich ist der dritte Teil der erfolgreichen Ludwig-Licht-Serie North of Paradise von Thomas Engström.

Ein Mord an zwei Anführern der Exilkubaner in Miami gibt Anlass zu weitreichenden politischen Spekulationen und Verdächtigungen. War es ein Racheakt des kubanischen Regimes? Ludwig Licht, inzwischen in Miami wohnhaft, wird von seinem früheren CIA-Kollegen Clive Berner gebeten, den Mordfall näher zu untersuchen. Dabei gerät er in einen undurchschaubaren Sumpf aus jahrzehntelanger politischer Verschwörung und gefährlichen Machenschaften – mit unvorhersehbaren diplomatischen Spannungen zwischen Kuba, USA und Russland. Denn das alles entscheidende Machtspiel um Kuba hat gerade erst begonnen...

Der abgehalfterte Ex-Stasi- und Ex-CIA-Agent Ludwig Licht ist auch im dritten Teil voll auf der Höhe, wenn er als menschliches Wrack beim Auftrag wieder hoch konzentriert und professionell ans Werk geht. Auch der North of Paradise ist spannend und die Story ist sehr geschickt in einen politischen Kontext eingebettet. Der Autor hat gut über die Kuba-Krise recherchiert und gibt dem Buch damit eine hohe Authentizität.

Thomas Engström, 1975 geboren, ist Jurist und arbeitet seit vielen Jahren als Journalist, Übersetzer und Autor. Mit West of Liberty startete seine viel beachteten vierteilige Serie um Ludwig-Licht. Er erhielt den Schwedischen Krimipreis in der Kategorie „Krimidebüt“ der zweite Band South of Hell erhielt ebenfalls den Schwedischen Krimipreis. Zu der Serie gibt es eine ZDF-Verfilmung mit Wotan Wilke Möhring als Ludwig Licht.

North of Paradise von Thomas Engström ist bei C. Bertelsmann erschienen.
(JK 06/20)

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre (Suhrkamp)

Der neue Roman Harte Jahre von Mario Vargas Llosa ist ein vielstimmiges Romanepos über Macht, Verschwörung und Verrat – über die Fallstricke der Geschichte und die dreisten Machenschaften imperialer Politik. Und ein virtuoser literarischer Hochseilakt.

„Haben Sie vergessen, dass wir ein souveränes Land sind und Sie nur ein fremder Botschafter und nicht unser Vize-König?“, fragt Jacobo Árbenz, der Präsident Guatemalas, den Entsandten der Vereinigten Staaten. Es ist das Jahr 1954 und die Frage offensichtlich rhetorisch gemeint, die Antwort des amerikanischen Diplomaten: schallendes Gelächter. Denn kurze Zeit später bringt ein Militärputsch die Árbenz-Regierung zu Fall, mit freundlicher Unterstützung des CIA. Und zwar vermittels einer dreisten Lüge, die als Wahrheit durchgeht: US-Präsident Eisenhower hatte in Umlauf gebracht, Árbenz billige und unterstütze die Ausbreitung des sowjetischen Kommunismus auf dem Kontinent. Eine Lüge, die das Schicksal ganz Lateinamerikas verändern wird.

Diese folgenreiche historische Episode – die uns schmerzlich an unsere Gegenwart erinnert – greift Mario Vargas Llosa auf und erzählt sie lebhaft und packend in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit. Wer gründet welche Intrigen? Wer sind die Profiteure? Wer bleibt auf der Strecke? Erscheint der Roman anfangs wie ein politisches Sachbuch, nimmt es im Verlauf immer mehr an Fahrt auf und entfaltet seine literarische Kraft. Er schafft es, eine komplexe politische Konstellation leichtfüßig zu erzählen. Der Roman hallt noch lange nach, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.

Mario Vargas Llosa, geboren 1936 in Arequipa/Peru, studierte Geistes- und Rechtswissenschaften in Lima und Madrid. Bereits während seines Studiums schrieb er für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und veröffentlichte erste Erzählungen, ehe 1963 sein erster Roman Die Stadt und die Hunde erschien. Der peruanische Romanautor und Essayist ist stets als politischer Autor aufgetreten und ist damit auch weit über die Grenzen Perus hinaus sehr erfolgreich. Zu seinen wichtigsten Werken zählen Das grüne Haus, Das Fest des Ziegenbocks, Tante Julia und der Schreibkünstler und Das böse Mädchen. Vargas Llosa ist Ehrendoktor verschiedener amerikanischer und europäischer Universitäten und hielt Gastprofessuren unter anderem in Harvard, Princeton und Oxford. 1990 bewarb er sich als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático (FREDEMO) bei den peruanischen Präsidentschaftswahlen und unterlag in der Stichwahl. Daraufhin zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt er 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2010 den Nobelpreis für Literatur. Heute lebt Mario Vargas Llosa in Madrid und Lima.

Harte Jahre von Mario Vargas Llosa ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 06/20)

Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar (Rowohlt)

Der Roman Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara erzählt von den Farben und Widersprüchen des heutigen Indien, von sozialen und religiösen Spannungen, Korruption und Ungerechtigkeit, vor allem aber von der unbesiegbaren Vitalität dreier Kinder, von deren Wagemut, Unschuld und überbordender Phantasie.

Detektivarbeit ist kein Kinderspiel. Der neunjährige Jai schaut zu viele Polizei-Dokus, denkt, er sei klüger als seine Freundin Pari (obwohl sie immer die besten Noten bekommt) und hält sich für einen besseren Anführer als Faiz (obwohl Faiz derjenige mit zwei älteren Brüdern und einem echten Job ist). Als ein Junge aus ihrer Klasse verschwindet, beschließt Jai, sein Fernsehwissen zu nutzen, um ihn zu finden. Mit Pari und Faiz an seiner Seite wagt er sich in den verwinkelten Bhoot-Basar und dann weiter hinaus in die verbotenen Viertel der Stadt. Doch mehr und mehr Kinder verschwinden, und die Dinge in der Nachbarschaft werden kompliziert…

Gewalt und Armut bestimmen das Bild in diesem Roman, der anfängt wie ein Buch der Serie TKKG oder die drei ??? Mit viel Kenntnis schreibt sie über das Leben in den Slums und man erhält eine in sich stimmige Sozialstudie. Eindringlich ist die Erzählperspektive aus der Sicht der Kinder und dazu verstörend das ständige unterschwellige Thema der sexuellen Gewalt an Kinder. Vielschichtig und authentisch und politisch hoch aktuell ist der Roman ein buntes, lebendiges Zeugnis des Überlebenswillen in den Slums.

Deepa Anappara wuchs im südindischen Kerala auf und arbeitete in Delhi und Mumbai als Journalistin, bevor sie an der University of East Anglia im englischen Norwich Creative Writing studierte. Für ihre Arbeiten zu den Auswirkungen von Armut und religiöser Gewalt auf die kindliche Entwicklung erhielt sie mehrere Preise und Auszeichnungen. Die Detektive vom Bhoot-Basar, ihr erster Roman, wurde bislang in 16 Sprachen übersetzt und unter anderem mit dem Bridport/Peggy Chapman-Andrews Award, dem Lucy Cavendish Fiction Prize und dem Deborah Rogers Foundation Writers Award ausgezeichnet. Deepa Anappara lebt in der englischen Grafschaft Essex.

Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 06/20)

Jean-Marie Gustave Le Clézio: Alma (Kiepenheuer & Witsch)

Der neue Roman Alma von Jean-Marie Gustave Le Clézio ist eine Liebeserklärung an die Insel Mauritius.

In seinem neuen Roman erzählt Nobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio die Geschichte eines Wissenschaftlers, der nach Mauritius kommt, um nach Spuren des ausgestorbenen Dodos zu suchen und der stattdessen die Geschichte seiner Familie und seinen eigenen Platz in dieser Geschichte findet. Mauritius – eine Perle im Indischen Ozean. Als Jéremy Felsen dort ankommt, weiß er nur, dass seine Familie dort jahrhundertelang auf der Plantage Alma erst Tabak, dann Zuckerrohr angebaut hat. Doch all das ist lange her, die Plantage existiert nicht mehr. Die Moderne hat Einzug gehalten, mit Flugverkehr, Touristen, Supermärkten. Zwar findet Jéremy, der zuvor noch nie auf der Insel war, nicht das, was er eigentlich suchen wollte, nämlich Spuren des ausgestorbenen Vogels Dodo, dafür aber gibt es überall Spuren seiner Familie, auf die er in vielen Gesprächen mit Inselbewohnern und bei ausgedehnten Streifzügen stößt. Und es gibt Dominique – genannt Dodo – Felsen, der auf der Insel geboren wurde und der parallel zu Jéremy seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte von Krankheit und Kolonialismus, aber auch von Neugier und Lebensfreude. Für Jéremy führt der Aufenthalt auf Mauritius zu der Erkenntnis, dass, auch wenn er nicht dort lebt, seine Herkunft immer ein Teil von ihm sein wird, dass er Alma und die Insel in seiner Seele und seinem Herzen trägt.

Geschickt verwebt Le Clézio die Geschichten seiner beiden Figuren zu einem eindringlichen Roman über Kolonialismus und Moderne, über Natur und Kultur und zu einer Hommage an die Schönheit und Einzigartigkeit der Insel Mauritius. Le Clézios Roman ist Literatur höchster Klasse, die Sprache im Roman ist aber nicht frei von romantisierendem Kitsch, der bisweilen geschrieben scheint von einem alten Herrn aus der Distanz. Es wird viel von den Mythen der Tropeninsel transportiert, weniger gibt es ein klares Bild, wie es in der maurizischen Gesellschaft aussieht. Daran mögen sich manche Geister scheiden. Eins steht aber auch in diesem Roman fest, Le Clézo bleibt sich treu, er besitzt die hohe Kunst des Erzählens und das begeistert immer wieder aufs Neue.

Jean-Marie Gustave Le Clézio, 1940 in Nizza geboren, studierte in Frankreich und England Literatur. Die Wurzeln seiner Familie liegen in der Bretagne und auf Mauritius. Er veröffentlichte über 40 Bücher – Romane, Erzählungen, Essays – und erhielt für sein Werk zahlreiche Preise. 2008 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Le Clézio lebt hauptsächlich in Frankreich und New Mexico.

Alma von Jean-Marie Gustave Le Clézio ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
(JK 06/20)

Guillermo Arriaga: Der Wilde (Klett-Cotta)

Guillermo Ariagas Roman
Der Wilde ist die eine Geschichte von Schuld und Rache.

Juan Guillermo kennt Mexiko-City besser als jeder andere. Mit seinen Freunden streift er durch sein Viertel, gewinnt Mutproben über den Dächern der Stadt und hält die Direktorin der Schule auf Trab. Sein großes Idol dieser unbeschwerten Tage ist sein großer Bruder Carlos. Ein belesener und geschäftstüchtiger junger Mann, der für Juan unantastbar zu sein scheint. Dann wird Carlos ermordet und Juan muss sich der grausamen Frage stellen, ob er seinen Tod hätte verhindern können. Er sinnt auf Rache, doch erst die Schicksalsgemeinschaft mit der schönen Chelo und einem gefährlichen Wolf zeigt ihm einen Weg aus dem Strudel von Verzweiflung und Gewalt. Guillermo Arriaga erschafft ein Epos der menschlichen Abgründe, aus dem in dunkelster Nacht die Menschlichkeit hervorbricht.

Guillermo Arriaga liefert eine Milieustudie, die viele Facetten liefert, und einen Erzählrhythmus besitzt, auf den man sich einlassen muss. Wie bei lateinamerikanischen Autoren typisch verwendet er eine bildhafte Sprache, die Einblicke in die mexikanische Mentalität bietet. Grausamkeiten, Korruption, viele Emotionen und Kitsch beherrschen das Leben und kommen genauso auch in diesem Roman vor.

Guillermo Arriaga, geboren 1958 in Mexiko-Stadt, gehört zu den bedeutendsten Drehbuch- und Buchautoren der Gegenwart. Von ihm stammen die Drehbücher zu der mit mehreren Oscars ausgezeichneten Filmtrilogie Amores Perros, 21 Gramm und Babel. Neben seinen Drehbüchern hat er bislang drei Romane und einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht; der Roman Der Wilde markiert einen Höhepunkt in Arriagas Werk.

Der Wilde von Guillermo Arriaga ist bei Klett-Cotta erschienen.
(JK 06/20)

Uwe Timm: Morenga (dtv)

Uwe Timms grandioser, historischer Roman Morenga als Taschenbuchausgabe mit einem Nachwort von Robert Habeck erschienen.

Deutsch-Südwestafrika, 1904. Beginn eines erbarmungslosen Kolonialkrieges, den das Deutsche Kaiserreich gegen die aufständischen Herero und Hottentotten führt. An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwarzen steht Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter. Was damals mehr als drei Jahre lang in dem heute unabhängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer Montage von historischen Dokumenten und fiktiven Aufzeichnungen des Oberveterinärs Gottschalk aus Hamburg zu einem grandiosen historischen Roman verdichtet.

Uwe Timm mischt in seinem Roman geschickt seine fiktive Geschichte mit historischen Dokumenten. Insbesondere die Beteiligung der christlichen Kirchen am kolonialen Leid Namibias ist belletristisch kaum beleuchtet worden. In Timms Roman wird die Absurdität der deutschen Kolonialisten vor Augen geführt, die selber sittlich verroht beseelt waren, die heidnischen Schwarzen zu bekehren, um sie als billige Arbeitskraft hemmungslos auszubeuten. Deutschland ist bis heute angeprangert, die Greueltaten an den Hereros zu sühnen. Sehr gut, dass Robert Habeck in der dtv-Ausgabe Stellung bezieht.

Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Geschichten faszinierten Uwe Timm von klein auf: Er lauschte dem „Seemannsgarn“ seines Großvaters, einem Kapitän, schlich immer wieder zu seiner Tante ins Hafenviertel, in deren Küche sich Leute aus dem Rotlichtmilieu trafen, und schrieb schon als Schuljunge eigene Geschichten. Nach dem Tod des Vaters leitete er drei Jahre lang das Kürschnergeschäft, machte dann am Braunschweig-Kolleg sein Abitur und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte mit einer Arbeit über Albert Camus. Anschließend studierte er Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Den Aufbruch Ende der sechziger Jahre erlebte Uwe Timm als Student aktiv mit. Er zählt zu den wichtigsten Vertretern der 68er-Generation; die Aufarbeitung dieser Zeit zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Der Vater von vier Kindern verfasste auch vier Kinder- und Jugendbücher. Außerdem arbeitete er als Drehbuchautor. Für seine Romane und Erzählungen erhielt Uwe Timm zahlreiche Auszeichnungen und Preise: 2001 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und den Tukanpreis der Landeshauptstadt München, 2002 den Literaturpreis der Landeshauptstadt München, 2003 den Schubart-Literaturpreis und den Erik-Reger-Preis der Zukunftsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz. 2006 wurde Uwe Timm mit dem Premio Napoli sowie dem Premio Mondello ausgezeichnet, 2009 erhielt er den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille. 2013 wurde Uwe Timm der Kulturelle Ehrenpreis der Landeshauptstadt München verliehen, 2018 der Schillerpreis und das Bundesverdienstkreuz. Uwe Timm lebt in München und Berlin.

Morenga von Uwe Timm ist bei dtv erschienen.
(JK 06/20)

Thomas Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin (Diogenes ) [Hörbuch]

Nominiert in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ auf der Shortlist für den Deutschen Hörbuchpreis 2020 ist Thomas Meyers Autorenlesung von Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin.

Nach dem Bruch mit seiner frommen jüdischen Familie wird Motti Wolkenbruch von Schicksalsgenossen aufgenommen. Wie sich bald zeigt, haben die aber weit mehr als nur Unterstützung im Sinn: Sie trachten nach der Weltherrschaft. Bisher allerdings erfolglos. Erst als Motti das Steuer übernimmt, geht es vorwärts. Doch eine Gruppe von Nazis hat das gleiche Ziel.

Der orthodoxe Jude Motti Wolkenbruch hat immer brav getan, was seine Mame von ihm erwartete. Bis zu dem Abenteuer mit einer Schickse. Motti verliert sein Zuhause und wird von den „Verlorenen Söhnen Israels“ aufgenommen. Wie sich aber bald zeigt, sind sie weit mehr als eine Selbsthilfegruppe: Motti befindet sich im Hauptquartier der Jüdischen Weltverschwörung. Doch die ist ein erfolgloser Lotterladen. Motti übernimmt das Steuer, und bald wird überall nur noch Hummus gegessen und Jiddisch gesprochen. Allerdings will auch eine Gruppe von Nazis die Welt beherrschen. Sie fluten das Internet mit Hass und Grammatikfehlern – und setzen die schöne Spionin Hulda auf Motti an.

Es macht Spass Thomas Meyer zuzuhören, wenn er seine schräge und skurrile Geschichte mit einer charmanten Mischung aus Schweizer Akzent mit leichtem Jiddisch vorliest. Immer wieder muss man schmunzeln, herrliche Unterhaltung, die auch viele Elemente Klamauk enthält. Auch wenn die Geschichte recht abwegig ist, so kann man doch in dem einen oder anderen Moment innehalten und fragt sich, ob ein Körnchen Wahrheit darin steckt.

Thomas Meyer, geboren 1974 in Zürich, arbeitete nach einem abgebrochenen Jura-Studium als Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. 2007 machte er sich selbständig. Sein Roman Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse wurde zu einem Best- und Longseller, die Verfilmung Wolkenbruch (2018) war ein großer Kinoerfolg. Thomas Meyer lebt in Zürich.

Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin von Thomas Meyer ist bei Diogenes erschienen.
(JK 06/20)

Daniel Mason: Der Klavierstimmer ihrer Majestät (C.H. Beck)

Eine Abenteuergeschichte vom Feinsten und ein Plädoyer für Idealismus.

London 1887: Die britischen Kolonialherren in Afrika und Asien stehen auf der Höhe ihrer Macht. Doch von den Gewaltverbrechen in der Ferne bekommt der Klavierstimmer Edgar Drake nur wenig mit, er hat Großbritannien noch nie verlassen – bis sein beschauliches Leben plötzlich komplett auf den Kopf gestellt wird: Wieso schickt ihn das britische Kriegsministerium in den umkämpften Dschungel von Birma, um einen Flügel zu reparieren?

Der Flügel gehört dem dort stationierten Militärarzt Anthony Carrol, der das Instrument einsetzt, um über die Kraft der Musik einen friedlichen Dialog mit den Einheimischen zu führen. Der Brutalität des Krieges auf diese Weise zu trotzten, beeindruckt Drake, er nimmt den Auftrag an. Und tatsächlich verfällt er in Birma nicht nur der exotischen Landschaft und den fremden Bräuchen, sondern auch dem charismatischen Arzt Carrol. Selbst als die Arbeiten am Flügel längst vollzogen sind, schafft er es nicht sich von dieser faszinierenden Welt zu lösen  mit fatalen Folgen.

Bereits 2003 erschien der Roman auf Deutsch und strahlt nach wie vor. Eindringlich wird der Kolonialismus und die damit einhergehenden Grausamkeiten dargestellt, verpackt in eine Abenteuergeschichte und Romanze. Anleihen an Joseph Conrad und den Film Piano werden sofort lebendig. Schön, poetisch und berührend wird die Coming-of-Age-Geschichte Edgar Drakes erzählt.

Daniel Mason, 1976 geboren, ist Schriftsteller und Psychiater, arbeitet als Assistenzprofessor für Psychiatrie an der Universität Stanford. Sein Debütroman Der Klavierstimmer Ihrer Majestät wurde in achtundzwanzig Sprachen übersetzt und auch fürs Theater und die Oper adaptiert. Eine Verfilmung ist geplant.

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason ist bei C.H. Beck erschienen.
(JK 06/21)

Deon Meyer: Beute (Rütten & Loening)

Jäger oder Beute? Ein neuer Fall für Deon Meyers südafrikanischen Ermittler Bennie Griessel aus Kapstadt.

Bennie Griessel plant zu heiraten – und muss sich dann um einen Fall kümmern, der eigentlich zu den Akten gelegt werden soll. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ermordet, und die geheimen Sicherheitsbehörden Südafrikas tun alles, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen. Als ein zweiter Todesfall ebenfalls vertuscht werden soll, bekommt Griessel eine Ahnung davon, dass es um viel mehr geht als um Mord. Gewisse Kreise wollen den Präsidenten aus dem Weg räumen. Sie haben dazu jemanden aktiviert, der sich in Bordeaux in Frankreich zur Ruhe gesetzt hat: einen Kämpfer namens Tobela.

Einen politisch hochbrisanten Thriller hat Deon Meyer geschrieben, der wieder einmal sehr genau die südafrikanische Wirklichkeit einfängt. Wer das Werk von Deon Meyer verfolgt, freut sich immer wieder, dass in seinen Büchern alt bekannte Figuren immer mal wieder auftauchen und so mit einander in Bezug treten. Die Handlung ist wie gewohnt actionreich, spannungsgeladen und wohl durchdacht. Ein erneutes Highlight vom Meister seines Fachs aus Kapstadt.

Deon Meyer wurde 1958 in Paarl, Südafrika geboren. Seine Romane wurden bisher in 27 Sprachen übersetzt. Er hat auch zahlreiche Drehbücher für Filme und Fernsehserien geschrieben. Deon Meyer lebt in Stellenbosch, in der Nähe von Kapstadt.

Beute von Deon Meyer ist bei Rütten & Loening erschienen.
(JK 06/20)

Cai Jun: Rachegeist (Piper)

Der Krimi Rachegeist des chinesischen Autors Cai Jun ist die Geschichte vom perfekten Mord, atemberaubend und unfassbar originell vor der Kulisse des modernen China.

„Alles ändert sich, wenn man jemanden getötet hat. Man lebt den Rest seines Lebens in Angst.“

19. Juni 1995 im Osten Chinas: Shen Ming, junger und brillanter Lehrer an einem Gymnasium, wird verdächtigt, eine seiner Schülerinnen getötet zu haben. Einige Tage später aber wird auch er in einem alten Fabrikgebäude unweit seiner Schule erstochen. Die Taten bleiben ungesühnt – bis neun Jahre später Shen Mings Mörder ins Reich der Toten geschickt werden. Nur: von wem? Unmittelbar verbreitet sich das ungeheuerliche Gerücht, dass Shen Ming an diesen Mordfällen beteiligt war, dass er den Fluss des Todes überquert hat, um sich selbst zu rächen.

Einen spannenden Rachethriller hat Cai Jun geschrieben, den man gefesselt Seite um Seite folgt. Es wird eine unglaubliche Intrige in der Geschichte enthüllt, die nebenbei viele Einblicke in die chinesische Gegenwart liefert. Zusätzlich zu den Krimielementen bietet sie eine gehörige Portion Mystery und auch eine Liebesromanze findet Platz. Insgesamt ein stimmiges Bild, das Lust macht auf mehr von diesem Autor zu lesen, der von eineigen schon als der chinesische Stephen King gefeiert wird.

Cai Jun, 1978 in Shanghai geboren, schreibt seit seinem zwanzigsten Lebensjahr. Sein außergewöhnliches Gespür für Spannung und sein unerschöpflicher Einfallsreichtum machen ihn zu einem der erfolgreichsten Thrillerautoren seines Landes mit 13 Millionen verkauften Exemplaren seiner Bücher. Sein Werk umfasst bis heute mehr als 30 Romane und Thriller, die in großer Zahl für Fernsehen und Kino adaptiert wurden.

Rachegeist von Cai Jun ist bei Piper erschienen.
(JK 05/20)