
Literaturhaus
Dienstag, 10.02.2009 20.00 Uhr
Schwanenwik 38, 22087 Hamburg
Eintritt: 6 – 10 Euro
Jonathan Coe liest aus seinem Roman Der Regen, bevor er fällt, der bei DVA erschienen ist. Natali Seelig liest den deutschen Text und Julika Griem moderiert.
Was gehört zu einem erfüllten Leben? Woher kommen wir? Gibt es echte und falsche Mutterliebe? Was ist der Preis eines eigenständigen Lebens? Der Regen, bevor er fällt, der neue Roman des angesehenen britischen Erzählers Jonathan Coe, stellt viele Fragen. Rosamond ist tot. Sie hinterlässt ihrer Nichte Gill in ihrem Häuschen in Shropshire 20 verblichene Fotos und vier besprochene Kassetten, auf denen sie Imogen, einer blinden jungen Verwandten, die verschwunden ist, deren Vergangenheit schildert: „Du sollst ein Gefühl dafür bekommen, wo du herkommst und welches die Kräfte waren, die dich hervorgebracht haben.” Diese Imogen soll die Nichte nun finden, doch die Aufgabe erweist sich als komplizierter als erwartet, und so lauschen Gill und ihre Töchter den Aufzeichnungen eines Lebens, das unversehens zu ihrem eigenen wird. Plötzlich tauchen schockierende Zusammenhänge auf zwischen den Frauen der Familie – Ivy, Beatrix, Thea – die von ihren Verwandten längst in die letzte Gedankenschublade fortsortiert wurden. Nach und nach sieht Gill ihr eigenes Schicksal in den Beschreibungen auftauchen und muss feststellen, dass auch sie in den seltensten Fällen ihr Leben in die eigene Hand nimmt: „Sie spürte jetzt, dass ein Gefühl zunehmender Desorientierung von ihr Besitz ergriff, als sei sie ein Stück aus der sie umgebenden Welt entrückt. Schatten der Vergangenheit, Erinnerungen tauchten immer wieder auf und drängten sich vor.”
Mit dem hochsensiblen Buch, in dem ausschließlich Frauen erzählen und dem „The Independent“ „außerordentliche Reife, Wärme und Raffinesse” bescheinigt, beweist Jonathan Coe, der in seinen viel beachteten Romanen wie „Das Haus des Schlafes” oder „Klassentreffen” bislang vor allem der Gesellschaftssatire frönte, seine Vielseitigkeit und Akkuratesse. Voller Feingefühl reiht er die Bildbeschreibungen wie Musikstücke aneinander und schreibt aus weiblicher Perspektive von den verwirrenden Gefühlen der Mutterschaft, von Liebe, Sehnsucht und Verletzungen und der Tragik, viel zu früh Verantwortung übernehmen zu müssen. Und von dem einen perfekten Tag. Eine Botschaft gibt uns Coes Roman außerdem mit auf den Weg: Erzählen ist Leben.
(JK 02/09)
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