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Pilar Quintana: Hündin (Aufbau)

Der Roman
Hündin der kolumbianischen Autorin Pilar Quintana ist ein literarisches Meisterwerk über die ungestillte Sehnsucht einer Frau nach Mutterglück und ihrem Platz in der Gesellschaft.

In einem kleinen Dorf in Südamerika, zwischen Dschungel und Pazifischem Ozean, leben Reiche und Arme, Weiße und Schwarze getrennt voneinander. Das Leben ist bestimmt von heftigen Naturgewalten und rauer Einsamkeit. Hier spielt die Geschichte von Damaris, einer schwarzen Frau in den Vierzigern, die seit vielen Jahren mit Rogelio zusammenlebt. Ihre Beziehung wird beherrscht von dem Wunsch nach einem gemeinsamen Kind. Als das Paar die Hoffnung längst aufgegeben hat, erhält Damaris die Chance, einen Hundewelpen zu adoptieren. Diese neue Bindung wird zu einer existenziellen Erfahrung, die alles andere in Damaris Leben in den Schatten stellt.

Pilar Quintanas Roman wühlt auf, er ist verstörend und bewegend, tief traurig. Auf Spanisch ist Hündin ein Schimpfwort für Frauen, in dem Sinne ist die Metapher vielsagend und vielschichtig. Als Aussenseiterin ist Damaris Gewalt ausgesetzt und die sozialen Schranken sind für sie unüberwindbar. Mit Recht wird Pilar Quintana als eine der kraftvollsten der neuen Stimmen Lateinamerikas gefeiert.

Pilar Quintana, Jahrgang 1972, ist eine der bekanntesten und meistgelesenen Autorinnen Lateinamerikas. Ihr Roman Hündin markiert einen großen Meilenstein: Er ist der erfolgreichste und meistverkaufte literarische Roman der letzten Jahre in Kolumbien und wurde 2018 mit dem begehrten Premio Biblioteca de Narrativa Colombiana ausgezeichnet.

Hündin von Pilar Quintana ist bei Aufbau erschienen.
(JK 12/20)

Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation (Schöffling)

Der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez erzählt in seinem neuen, bei Schöffling erschienenen, Roman Die Reputation packend von der Last der Vergangenheit und dem Versagen der Erinnerung.

Javier Mallarino ist eine lebende Legende. Er ist der einflussreichste politische Karikaturist Kolumbiens, ein Mann, der in der Lage ist, ein Gerichtsurteil zu kippen, einen Bürgermeister zu stürzen oder ein Ministerium ins Wanken zu bringen – dazu braucht er nur Papier und Feder. Politiker wie Regierung fürchten seinen gnadenlosen Blick. Mit 65 Jahren, nach vier Jahrzehnten einer glänzenden Karriere, liegt ihm das Land zu Füßen. Doch dann erhält er unerwartet Besuch von einer jungen Frau, die ihn mit einer lange vergangenen Nacht konfrontiert, und zum ersten Mal wird die Verantwortung für seine Zeichnungen zu einer Bürde. 

Es gibt gewisse Dinge, die westliche Leser von einem kolumbianischen Schriftsteller erwarten, und genau die vermeidet Juan Gabriel Vásquez. Seine Prosa ist minimal, scharf und klar. Seine Romane sind verwurzelt in historischen Tatsachen und scheuen den typischen magischen Realismus lateinamerikanischer Literatur. Er hat sich entschieden, nicht in die Drogen-und-Gewalt-Thematik seiner Heimat einzusteigen, die gerade bei Hollywood-Drehbuchautoren beliebt ist. Seine Geschichten sind anders angelegt. Sie spielen z.B. in Belgien oder handeln von kolumbianischen Juden und Nazis während des zweiten Weltkriegs. Lediglich sein Erfolgsroman Das Geräusch der Dinge beim Fallen warf zumindest einen Seitenblick auf den Drogenhandel. Vásquez‘ Kolumbien ist in vielerlei Hinsicht kulturell näher an Europa als am Macondo und an der Karibikküste von Gabriel García Márquez. Vásquez wuchs in Bogotá auf, einer regnerischen Stadt auf einer Hochebene von 2500 Metern, wo die übliche Kleidung aus Wolle besteht und Mantel getragen wird. Die Reputation ist sein erster Roman seit seiner Rückkehr nach Bogotá, und spielt im gebildeten Mittelstand der Hauptstadt. Dies ist eine Welt der schönen Häuser in den Bergen, der Kunstgalerien und Cocktailpartys. Der Roman spielt meisterhaft mit den Grenzen von Öffentlichem und Privatem und lässt den Leser auf beklemmende Weise jegliche Gewissheit verlieren. Es ist ein schmales, fesselndes Buch über Vergessen und in den Hintergrund drängen, über Schuld und Vergebung. Quälende Fragen über Doppelmoral und Bigotterie werden durch kritisch hinterfragte Formulierungen poetisch verdichtet.

Juan Gabriel Vásquez wurde 1973 in Bogotá geboren und studierte lateinamerikanische Literatur an der Sorbonne. Er hat unter anderem Victor Hugo, E. M. Forster und John Dos Passos übersetzt sowie preisgekrönte Erzählungen und Essays publiziert. Seine Werke wurden bisher in 16 Sprachen übersetzt. Bei Erscheinen seines Romans Die Informanten nannte ihn der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa „eine der originellsten neuen Stimmen der lateinamerikanischen Literatur“. Im März 2011 wurde Vásquez mit einem der wichtigsten Literaturpreise der spanischsprachigen Welt ausgezeichnet – dem Alfaguara-Literaturpreis. 2014 wurde Juan Gabriel Vásquez für Das Geräusch der Dinge beim Fallen auch mit dem renommierten IMPAC Award ausgezeichnet. Juan Gabriel Vásquez lebt als Schriftsteller mit seiner Frau und zwei Töchtern in Bogotá. 

Die Reputation  von Juan Gabriel Vásquez ist bei Schöffling erschienen. 
(JK 07/16)

Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez ist tot

Eine sehr traurige Nachricht erreichte uns am Gründonnerstag: Gabriel Gabriel García Márquez ist im Alter von 87 Jahren verstorben. Wir verneigen uns vor dem Literaturnobelpreisträger und seinem Werk.

Gabriel García Márquez wurde am 6.3.1927 in dem kolumbianischen Dorf Aracataca als ältestes von sechzehn Kindern eines Telegraphisten geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er bei seinen Großeltern. Er studierte Jura in Bogotá, dann in Cartagena, bevor er sich ausschließlich dem Schreiben zuwandte. Als Journalist arbeitete er u.a. für El Espectador in Bogotá. Aufenthalte in Rom und Paris. 1957 reiste er als Reporter in die DDR und die UDSSR. Er vertrat die kubanische Presseagentur Prensa Latina in Bogotá und New York. Übersiedlung nach Mexico-City. 1967 gelang ihm mit Hundert Jahre Einsamkeit der literarische Durchbruch. Mit einer weltweiten Auflage von weit über zehn Millionen Exemplaren machte dieser Roman ihn zum meistgelesenen lateinamerikanischen Autor. 1982 wurde Gabriel García Márquez mit dem Literaturnobelpreis geehrt. 2008 lief die Verfilmung von Gabriel García Márquez‘ Bestseller Die Liebe in Zeiten der Cholera in den deutschen Kinos. Gabriel García Márquez verstarb am 17. April 2014.

Abschied von wichtigen literarischen Stimmen: Álvaro Mutis (*25.08.1923 †22.09.2013)

Der kolumbianische Schriftsteller Álvaro Mutis erlag am 22. September 2013 in Mexico City im Alter von 90 Jahren einem Herzleiden, teilte seine Ehefrau Carmen Miracle mit.

„Millionen Freunde und Bewunderer Álvaro Mutis bedauern seinen Tod“, schrieb der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos beim Kurznachrichtendienst Twitter. „Ganz Kolumbien erweist ihm die Ehre.“

Mutis galt als einer der wichtigsten Vertreter der lateinamerikanischen Literatur. Bekannt ist er einem breiteren Publikum vor allem dafür, den Charakter des Maqroll el Gaviero erschaffen zu haben, einen philosophischen Abenteurer und belesenen Seefahrer. „Der Ärmste nimmt alles auf sich, was ich gern gewesen wäre, was ich hätte sein müssen und wozu ich nicht fähig war“, sagte Mutis einmal über sein Alter Ego Maqroll. „Gaviero“ bezeichnet in der Seefahrt eine Person, die im Ausguck eines Schiffes Ausschau hält.

Evelio Rosero: Gute Dienste (Berlin Verlag)

Vom kolumbianischen Autor Evelio Rosero ist im Berlin Verlag die Erzählung Gute Dienste erschienen, die lange Zeit im Werk des Autors unbeachtet blieb.

Jede Kirche, „die etwas auf sich hält, stellt ihren Buckligen zur Schau“, sagt Tancredo, ein junger Quasimodo, der in Pater Almidas Pfarrei am Rande von Bogotá lebt. Gemeinsam mit den anderen Bewohnern – der Küster Celeste Machado, seine sexbesessene Patentochter Sabina Cruz und die drei Haushälterinnen, „die Lilias“ genannt – bildet er einen bizarren Mikrokosmos. Das zerbrechliche Gefüge gerät ins Wanken, als an einem Donnerstag Pater Almida und der Küster überstürzt aufbrechen müssen, um einen wichtigen Wohltäter der Gemeinde zu treffen. Eilig wird eine Vertretung herbeigerufen: San José Matamoros, ein dem Alkohol zugeneigter Geistlicher, der in einer denkwürdigen Nacht Tancredo und die Lilias zu unerhörten Geständnissen und Taten bringt.

Zwei Faktoren tragen erheblich zu der Kraft und Stärke dieses Romans bei: der Autor beherrscht seine Geschichte und konzentriert sich auf seine Figuren, folgt diesem Pfad konsequent, wobei er die Grenzen von Zeit, Ort und Handlung respektiert, was der Geschichte Entschlossenheit und Klarheit verleiht. Der zweite Faktor ist der kollektive Charakter der Lilias, die aus einer nahezu dekorativen Rolle zu Beginn zu einer treibenden Kraft der Geschichte werden. Die Lilias sind eine hausgemachte Version der Furien, die Schicksale, die Nornen und Hexen von Macbeth: Frauen teilen sich die Macht die jahrelange Bestrafung, Demütigung und Arbeit in eine Seelenverwandtschaft zu gießen, die ihre Individualität übernimmt, die ihre Energien vervielfacht und ungeahnte Kräfte verleiht. Rosero schafft durch seine Sprache unvergessliche Bilder. Die Sprache und Bilder des Romans schaffen eine gleichermaßen realistische und fantastische Atmosphäre. Gute Dienste ist eine kompakte, abgerundete Geschichte, aber voll von interessanten Mehrdeutigkeiten, die Scheinheiligkeit und Verführung demaskieren.

Evelio Rosero, 1985 in Bogotá geboren, zählt zu den wichtigsten Repräsentanten der lateinamerikanischen Literatur. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er für Zwischen den Fronten den Premio Tusquets, den Independent Foreign Prize und stand auf der Weltempfänger-Bestenliste.

Gute Dienste von Evelio Rosero ist im Berlin Verlag erschienen.
(JK 12/12)

Jaime Manrique: Die Leidenschaft des Cervantes (Dumont)

In das spanische goldene Zeitalter führt uns der historische Roman Die Leidenschaft des Cervantes des kolumbianischen Autors Jaime Manrique, der bei Dumont erschienen ist.

Spanien im 16. Jahrhundert: Miguel de Cervantes, ein armer, aber talentierter junger Mann mit einer großen Leidenschaft für die Dichtkunst, führt ein Leben, das abenteuerlicher kaum sein könnte. Als er einen Mann bei einer Schlägerei tötet, muss er aus Sevilla fliehen, und sein adliger Freund Luis Lara hilft ihm dabei. Zurück lässt Cervantes seine heimliche Liebe Mercedes – die Frau, die seit jeher Lara versprochen ist. Doch dieser findet heraus, dass Cervantes ihn hintergangen hat, und die Freundschaft der beiden Männer zerbricht. Nach einer Odyssee durch die halbe Welt schafft es Cervantes Jahre später wieder zurück nach Spanien. Er lässt sich in dem abgelegenen Dorf La Mancha nieder, um sein Meisterwerk niederzuschreiben: Don Quijote. Sehr zum Ärger Luis Laras, der Cervantes auf Schritt und Tritt überwachen lässt und schließlich mit seinem eigenen Werk – einer falschen Fortsetzung von Don Quijote – versucht, Cervantes den Ruhm abzutrotzen.

Jamie Manriques stellt uns das abwechslungsreiche Leben des großen spanischen Meisters Cervantes in einem farbenfrohen Roman vor. Erzählt wird aus wechselnden Blickwinkeln, einerseits aus der Sicht Cervantes, ein selbstbewusstes Genie aus bescheidenen Umständen stammend, und aus der Sicht seines Freunds aus Kindertagen Luis de Lara, ein Mann aus privilegiertem Hause mit ausgeprägtem Hang zur Macht und auch Eifersucht. Manrique verschönert dabei seine verwegene Biografie durch ein faszinierendes Bild Spaniens der Spät-Renaissance, was zugleich die Inspirationsquelle für den Weltroman Don Quijote war. Mal historisch, mal frei erfunden aber immer fundiert zeigt Manrique die vergangene Ära in einer Weise, die noch im zeitgenössischen Leben nachklingt. Cervantes' Spanien ist ein durch Religion tief gespaltenes Land, ein Ort, wo unpopuläre Überzeugungen die widrigsten Folgen mit sich bringen. Doch in dieser beklemmenden Atmosphäre ist Spanien auch ein Ort der großen Möglichkeiten. Ein Ort, wo ein Mann aus bescheidenen Verhältnissen zu einem der weltweit größten Dichter aufzusteigen. Manrique balanciert diesen Widerspruch mit Humor und Anteilnahme und findet noch bei dem größten Schurken den Korn einer zugrunde liegenden Menschlichkeit.

Jaime Manrique wurde 1949 in Kolumbien geboren und lebt als Romanautor, Essayist und Dichter in New York. 2006 erhielt er den El-Diario-Award als einer von „New York’s most distinguished Latinos“, 2007 wurde er mit dem International Latino Book Award ausgezeichnet.

Die Leidenschaft des Cervantes von Jaime Manrique ist bei Dumont erschienen.
(JK 09/12)

Juan Antonio Ungar beim Harbour Front Literaturfestival 2012


Harbour Front Literaturfestival 2012
Instituto Cervantes im Chilehaus
Donnerstag, 13.9.2012   19.00 Uhr
Eingang B Fischertwiete 1 20095 Hamburg
Preis: 12,00 €

Mit Antonio Ungar kommt eine junge Stimme aus Lateinamerika zum Harbourfront Literaturfestival. Er stellt sein Buch Drei weiße Särge vor, das bei S. Fischer erschienen ist. Michi Strausfeld moderiert und Wanja Mues liest den deutschen Text.

Vielverspechend, zupackend, endlich auf deutsch: Antonio Ungar wurde 1974 in Bogotá geboren. Er arbeitete als Journalist in Kolumbien, England, Mexiko, Spanien, Palästina. Für seine Reportagen ist er mehrfach ausgezeichnet worden. Er zählt zu den „Bogotá 39“, den 39 besten lateinamerikanischen Schriftstellern. Sein neuester Roman Drei weiße Särge (prämiert mit dem renommierten Herralde Novel Prize) ist so verschlungen wie die südamerikanische Politik, wie das Leben, wie die Liebe: Als der Universitätsprofessor Lorenzo Hals über Kopf in die Rolle des ermordeten Oppositionsführers und Präsidentschaftskandidaten Pedro Akira schlüpft, erreichen die Verstrickungen der Korruption schon bald schwindelerregende Höhen. Sehr bald befinden wir uns inmitten des abenteuerlichen Versuchs, das totalitäre Regime zu Fall zu bringen – in diese wilde Schlitterpartie verstricken sich ein Drama um Liebe und Leidenschaft genauso wie eine unverwechselbare Vater-Sohn-Geschichte. Ganz und gar einzigartig, auf der Schwelle zwischen Parodie und Elegie, zwischen Realität und surrealer Verfremdung. Grotesk, ironisch, kritisch – ganz und gar schillernd und absolut brillant!

Nach Hundert Jahre Einsamkeit wieder ein großer Kolumbien-Roman, eine beißende Satire, brillant erzählt.


Drei weiße Särge von Antonio Ungar ist im Fischer Verlag erschienen.
(JK 09/12)

Laura Restrepo: Die Insel der Verlorenen (Luchterhand)


Die kolumbianische Autorin Laura Restrepo hat mit ihrem Buch Die Insel der Verlorenen, erschienen bei Luchterhand, einen abenteuerlichen Roman vom Überleben geschrieben, die auf einer wahren Geschichte basiert.

Im Jahr 1908 setzen der mexikanische Hauptmann Ramón Arnaud, seine junge Braut Alicia und elf weitere Soldaten mit ihren Familien die Segel, um zur Clipperton-Insel, einem winzigen pazifischen Atoll, aufzubrechen. Sie haben den Auftrag, das abgeschiedene – aber strategisch wichtige – Eiland vor einer eher unwahrscheinlichen Invasion seitens der Franzosen zu schützen. Aber dann werden die Bewohner auf Clipperton wegen der politischen Wirren in der Heimat und dem Nahen des Ersten Weltkriegs einfach vergessen. Und das Überleben aller hängt auf einmal von Alicias Mut und List ab.

Mit ihrem reichen Korallenriff rund um das Atoll und der stehenden Lagune ist die Clipperton-Insel kein einladender Ort für ihre neuen Bewohner. Aber diese machen das Beste daraus: Die starre militärische Ordnung weicht bald einem eher informellen Inselleben; die Gruppe errichtet ein Lebensmittelgeschäft, eine Apotheke, einen Leuchtturm, sie feiern Dinnerpartys. Aber dann bleiben plötzlich die Versorgungsschiffe aus. Sich selbst und der unwirtlichen Natur ausgeliefert, sieht sich das Grüppchen mannigfaltigen Gefahren gegenüber: Skorbut, Hunger, Verzweiflung, Eifersucht, Gewalt. In dieser Situation wird die unerschütterliche und einfallsreiche Alicia zur letzten Hoffnung der Bewohner auf der Insel der Verlorenen.

Die Insel der Verlorenen ist Laura Restrepo erster Roman, den sie im Jahr 1989 geschrieben hat, ein Jahr nachdem sie ihre Heimat Kolumbien verlassen musste. In ihrem Debütroman verarbeitet sie die Situation ihres eigenen Landes, die sie vergleichbar mit der der Menschen auf Clipperton sieht. Die Geschichte ist retrospektiv geschrieben aus der Sicht einer Journalistin, die im Jahr 1988 auf das Thema stößt und aufarbeitet. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Roman im Kostüm eines Abenteuerromans, der jedoch viel tiefsinniger angelegt ist. Es ist eine Bereicherung nach mehr als zwanzig Jahren Laura Restrepos Debütroman in deutscher Übersetzung genießen zu können.

Laura Restrepo wurde 1950 in Kolumbien geboren. Sie war als politische Journalistin in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen aktiv und musste aufgrund ihres politischen Engagements für mehrere Jahre das Land verlassen. Für ihre Sachbücher und Romane erhielt sie zahlreiche Preise. Laura Restrepo lebt in Mexiko Stadt.

Die Insel der Verlorenen von Laura Restrepo ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 11/11)

Sergio Álvarez: 35 Tote (Suhrkamp)


Die Literaturkritik bejubelt den kolumbianischen Autor Sergio Álvarez bereits als den neuen Gabriel Garcia Márquez. Mit seinem dritten Buch 35 Tote, erschienen bei Suhrkamp, beweist Sergio Álvarez, dass die Literaturkritik rechthaben könnte.

„Ich wuchs in einer marxistischen Kommune in Bogotá auf. Doch die Träume von der Revolution platzten, nicht zuletzt wegen amouröser Verstrickungen. Das Leben draußen auf der Straße lockte mit Salsa, Mädchen und kleineren Überfällen. Irgendwann wagten wir uns an größere Geschäfte. Aber die Drogenmafia kennt keine Gnade, und als immer mehr meiner Freunde getötet wurden oder verschwanden, musste auch ich fliehen. Damit begann meine Wanderschaft durch Kolumbien, auf der ich philosophierenden Drogenhändlern, geschäftstüchtigen Marionettenspielern und freundlichen Mördern begegnet bin. Genauso wenig wie ich die Frauen verstehe, die mir immer nur Unglück bringen, begreife ich, wie dieses Land funktioniert, wer auf welcher Seite steht und wo mein Platz ist.“

Sergio Álvarez beschreibt 45 Jahre kolumbianische Wirklichkeit, die mit der Geburt des Ich-Erzählers beginnt. Es sind 45 Jahre voller gesellschaftlicher Zerrüttung und Gewalt, die bis in die privatesten Sphären der Menschen eindringt. Der Ich-Erzähler hat keinen Namen und der Autor sagte, dass er dies bewusst so gewählt hat, da der Erzähler das Schicksal aller Kolumbianer in dieser Zeit verkörpert. Er hält dem Land einen Spiegel vor und wünscht sich nichts mehr, als dass man die Chance ergreift, aus dieser Spirale herauszukommen. Álvarez selbst sagt, dass sein Roman so etwas wie die Fortsetzung des Klassikers Hundert Jahre Einsamkeit des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Márquez ist, sozusagen die Transformation ins 21. Jahrhundert. Tatsächlich kommt bei Sergio Álvarez der magische Realismus von Garcia Márquez nicht mehr vor. Er setzt ihm eine neue Form entgegen. Was bleibt ist jedoch diese wunderbare Mischung von drastischem Realismus, die mit einem Augenzwinkern mit verhaltenem Humor geschildert wird. 35 Tote ist ein beeindruckendes und fesselndes Werk. Die nächsten Bücher von Sergio Álvarez werden zeigen, ob er Gabriel Garcia Márquez beerben wird.

Sergio Álvarez, geboren 1965 in Bogotá, Kolumbien, lebt heute in Barcelona. Er hat in der Werbe-, Fernseh- und Kinobranche gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Für die Recherche zu diesem Roman ist er viele Jahre durch sein Heimatland gereist. 35 Tote ist sein dritter Roman; er wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.

35 Tote von Sergio Álvarez ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 10/11)

Laura Restrepo: Land der Geister (Luchterhand)

Die kolumbianische Autorin Laura Restrepo hat mit ihrem Buch Land der Geister, das bei Luchterhand als Taschenbuch erschienen ist, eine bewegende Geschichte einer Familie voller Verrücktheiten, Lebenslügen und Abgründe geschrieben.

Augustina ist eines von drei Kindern einer glanzvollen Familie im kolumbianischen Bogotá. Doch ist dieser Glanz nur noch Fassade, längst ist auch Augustinas Familie verstrickt in die gewalttätige Geschichte Kolumbiens und abhängig von den Geschäften des Drogenzars Escobar. Eines Tages findet ihr Mann Aguilar sie völlig verstört in einem Hotelzimmer. Was ist geschehen? In seinen verzweifelten Bemühungen, Augustina zu helfen, deckt Aguilar Stück für Stück eines mächtigen Familiengeheimnisses auf. Und steigt hinab in die Abgründe einer untergehenden Gesellschaft.

Laura Restrepo spiegelt in ihrem grandiosen Roman die Situation Kolumbiens der vergangenen Jahre, wie durch die innere Zerrüttung des Staates auch die Werte der Gesellschaft immer weiter in Schieflage geraten. Laura Restrepo schafft es, dass ihr Roman sich nicht in Hoffnungslosigkeit verliert, sondern am Ende der Hoffnungsschimmer für dieses schöne Land Südamerikas übrig bleibt. Im spanischen Original heißt der Roman Delirium, was ungemein treffender ist, denn genau darum geht es in diesem Buch.

Laura Restrepo wurde 1950 in Kolumbien geboren; sie studierte Kunst und Politikwissenschaft und begann ihre berufliche Laufbahn als Literaturdozentin an der Universität von Bogotá. Sie war als politische Journalistin in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen aktiv und musste aufgrund ihres politischen Engagements für mehrere Jahre das Land verlassen. Später arbeitete sie als Journalistin und schrieb Sachbücher und Romane, für die sie zahlreiche Preise erhielt. Laura Restrepo lebt in Mexiko City.

Land der Geister von Laura Restrepo ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 03/10)

Memo Anjel: Mindeles Liebe (Rotpunktverlag)

Der Esstisch der vielköpfigen sephardischen Familie im kolumbianischen Medellin ist sozusagen der Nabel der Welt. Hier wird verhandelt, was wichtig ist im Leben. Und wie schon in seinem Roman Das meschuggene Jahr berichtet der 13-jährige Erzähler die Dinge in Memo Anjels neuem Buch Mindeles Liebe so, wie er sie sieht. Von der Liebe wissen die Kinder wenig. Die Eltern gehören einfach zusammen, man kennt das – nie hätte man dafür ein so seltsames Wort wie Liebe verwendet. Nur die vorwitzige und superschlaue Victoria, die schon alle Bücher in ihrer Reichweite gelesen hat, weiß, was Liebe ist, weil sie schon einmal einen Verehrer gehabt hat: Liebe sei, erklärt sie ihren Geschwistern, einen Schwachkopf mit Pickeln im Gesciht vor sich zu haben.

Doch dann bricht wirklich die Liebe aus – eine Liebe, die nicht sein darf: die stille Liebe zwischen Mindele und Chaim. Sie verändert Personen, die man zu kennnen geglaubt hatte, bringt die ohnehin chaotische Welt der jüdischen Gemeinde im Stadtteil Prado durcheinander und stellt die Familie vor eine Zerreißprobe.

Mit eindringlicher und von feinem Humor geprägten Erzählweise entführt uns Memo Anjel – seinem Vorbild Isaac B. Singer sehr nah kommend – in den Mikrokosmos einer faszinierenden jüdischen Lebenswelt, deren liebevoll gezeichneten Figuren dem Leser unvergesslich bleiben. Die Geschichte spielt im kolumbianischen Medellín und dieses Buch handelt nicht von den Stereotypen Drogenkartellen, Straßenkinder, Entführungen oder Todesschwadronen. Das ist das erfrischende an einem solchen Buch und an Memo Anjel. Es gibt für die Menschen in Medellín eben auch ein anderes Leben und das lernt der Leser mit Memo Anjels Geschichten kennen und lebt mit der Geschichte der Familie mit.

José Guillermo (Memo) Anjel stammt aus einer sephardischen Familie. Er wurde 1954 in Medellín (Kolumbien) geboren, wo er auch heute wieder lebt. Er ist Hochschuldozent für Soziale Kommunikation und Journalist. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen, Essays und Comics. Mindeles Liebe ist die Fortsetzung von dem 2005 ebenfalls im Rotpunktverlag erschienenen Roman Das meschuggene Jahr. 2005 lebte Memo Anjel übrigens als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD für ein Jahr in Berlin.

Mindeles Liebe von Memo Anjel ist beim Rotpunktverlag erschienen.
(JK 06/09)

Evelio Rosero: Zwischen den Fronten (Berlin Verlag)

Der kolumbianische Autor Evelio Rosero beschreibt in seinem Roman Zwischen den Fronten, der im Berlin Verlag erschienen ist, die Atmosphäre der Gewalt im Alltag Südamerikas.

Ismael und seine Frau Otilia leben seit vier Jahrzehnten in dem kleinen Dorf San José. An den Nachmittagen beobachtet der emeritierte Professor heimlich die schöne Nachbarin, wenn sie sich im Garten in der Sonne räkelt. Diese Idylle wird eines Tages jäh gestört, als Ismael, von einem Spaziergang zurückkehrt und erfährt, dass Soldaten den Nachbarn und andere Männer entführt haben. Otilia ist ins Dorf gegangen, um ihn zu warnen. Sofort macht Ismael sich auf die Suche, von Stunde zu Stunde ängstlicher, verzweifelter. Währenddessen wird San José von Angriffen der Guerilla und des Paramilitärs erschüttert, und als die Gewalt endgültig eskaliert, entschließen sich die meisten Bewohner zur Flucht. Nur Ismael bleibt im zerstörten Dorf zurück und wartet auf seine Frau.

Evelio Rosero hat mit San José einen ähnlich eindrücklichen, beklemmenden Ort geschaffen wie vor ihm Juan Rulfo oder Gabriel García Márquez, einen Ort, der von Gewalt ebenso beherrscht wird wie von der Sehnsucht nach einer friedlichen Vergangenheit, in der das größte Verbrechen eines alten Mannes darin bestand, der schönen Nachbarin hinterherzuspionieren.

Evelio Rosero, 1958 in Bogotá geboren, zählt zu den wichtigsten Repräsentanten der kolumbianischen Literatur. Sein Werk, darunter die Trilogie Primera vez, wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Premio Nacional del Cuento und dem Premio Nacional de Literatura. Sein Roman Zwischen den Fronten erhielt 2006 den Premio Tusquets Editores. Die Jury lobte die außergewöhnliche Eleganz und Meisterschaft, mit der Rosero das schwierige Thema der Gewalt behandelt.

Zwischen den Fronten von Evelio Rosero ist im Berlin Verlag erschienen.
(JK 20/12/08)

Álvaro Mutis: Die letzte Fahrt des Tramp (Unionsverlag)

Die sieben Maqroll-Romane des kolumbianischen Autors Álvaro Mutis, die der Schweizer Unionsverlag als Hardcover in einem Band veröffentlicht hat, beginnt der Verlag nun einzeln in Taschenbuchform zu veröffentlichen. Der erste Roman in Taschenbuchform ist Die letzte Fahrt des Tramp Steamer.

Die junge libanesische Reederin Warda Bashur hat sich in den Kopf gesetzt, einen geerbten Tramp Steamer von zweifelhafter Seetüchtigkeit als Frachtschiff zu betreiben. Der baskische Kapitän Jon Iturri lässt sich auf das ungewöhnliche Abenteuer ein - überwältigt von der eigentümlichen Schönheit der jungen Frau. Von Zeit zu Zeit kommt sie unvermutet an Bord. Er weiß, dass ihre Liebe dauert, solange der Tramp Steamer über die Meere vagabundieren kann.

Der kolumbianische Lyriker und Romancier Álvaro Mutis gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern Lateinamerikas. Er wurde 1923 in Bogotá geboren, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Brüssel und lebt seit 1956 in Mexiko-Stadt.
2001 wurde Mutis mit der angesehensten literarischen Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, dem Premio Cervantes, geehrt.

Die letzte Fahrt des Tramp Steamer von Álvaro Mutis ist im Unionsverlag erschienen.

(JK 05/07/08)