Was bleibt in der Mitte des Lebens vom Leben übrig,
wenn plötzlich alles Bisherige in Frage gestellt wird? Was bleibt, wenn sich in
der Mitte des Lebens plötzlich ganz neue Möglichkeiten auftun, die alles
Bisherige in Frage stellen? In seinem neuen Roman In die Nacht hinein, erschienen bei Luchterhand, begleitet Michael
Cunningham ein verheiratetes Paar durch eine Zeit voller Verlockungen und
Ängste. Und wie in seinem Pulitzerpreis gekröntem Roman Die Stunden huldigt er dem Rätsel des Lebens, der Mannigfaltigkeit
der Welt und der Kraft der Liebe.
Peter und Rebecca Harris, Mittvierziger aus Soho,
Manhattan, haben beide Karriere in der Kunstwelt gemacht: er als Galerist, sie
als Herausgeberin einer Kunstzeitschrift. Sie sind wohlhabend, ihre Tochter
geht auf ein College in Boston, sie haben einen großen, interessanten
Freundeskreis – ja, sie gehören zu den „happy few“ und haben allen Grund,
glücklich zu sein. Da kommt Rebeccas wesentlich jüngerer Bruder Ethan zu
Besuch, der ihr verwirrend ähnlich sieht. Ethan wird allgemein nur Missy
genannt, ein Kosewort für „das Missgeschick“, weil seine Geburt alles andere
als geplant war. Missy ist ein sehr gutaussehender und kluger junger Mann, aber
er weiß nicht, was er aus seinem Leben machen soll und möchte mit Hilfe von
Peter einmal die Welt der Kunst kennenlernen. Doch Missys Gegenwart
verunsichert Peter zusehends; er hinterfragt plötzlich die Bedeutung seiner
Künstler, den Wert seiner Arbeit und Karriere, seine Ehe – seine ganze
sorgfältig aufgebaute Welt. Erst als er durch ein Fegefeuer der Versuchungen
und Sinnkrisen gegangen ist, erkennt er, wie viel ihm sein bisheriges Leben,
sein bisheriges Glück wirklich bedeuten.
Michael Cunningham erzählt von Ausflüchten,
Selbsttäuschungen, Alltagslügen und Selbstzweifel in seinem Buch. Das Ende
bleibt offen, der Autor gibt dem Leser keinen vorgegebenen Abschluss, was dem
Buch zum Ende Charme verleiht. Und so spekuliert man, kommt das Leben wieder
zurück in seine alten Bahnen oder bricht es sich zu neuen Ufern? Cunningham ist
ein lesenswerter Roman gelungen, kokettiert er doch mit einer Situation, die
man in der Literatur schon beispielsweise bei Thomas Mann oder Stefan Zweig
auskostete. Der Autor beweist, dass es auch im Jahr 2011 dazu noch etwas zu
sagen gibt.
Michael Cunningham wurde 1952 in Cincinnati, Ohio,
geboren und wuchs in Pasadena, Kalifornien, auf. Er lebt heute in New York City
und Provincetown und unterrichtet Creative Writing an der Columbia University.
Sein Roman Die Stunden wurde vielfach
preisgekrönt, u. a. mit dem Pulitzerpreis und dem PEN/Faulkner-Award, und wurde
in 22 Sprachen übersetzt. Die überaus erfolgreiche Verfilmung The Hours mit Meryl Streep, Julianne
Moore und Nicole Kidman wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. In die Nacht hinein ist Michael
Cunninghams sechster Roman.
(JK 02/11)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen