Mit einfach nur vier Mal 'H' hat der Franzose Laurent
Binet seinen Roman betitelt, der bei uns auf Deutsch bei Rowohlt erschienen
ist. Die vier H stehen für Himmlers Hirn heißt Heydrich. Binet erzählt die
wahre Geschichte der „blonden Bestie“ Heydrich und seiner Attentäter als eine
Groteske.
Beim Spaziergang durch Prag entdeckt Laurent Binet
an der Krypta eine Gedenktafel für tschechische Widerstandskämpfer. Sie
versteckten sich dort nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich bis deutsche
Soldaten, nachdem sie auf der Suche nach ihnen schon ganz Prag auf den Kopf
gestellt hatten, die Krypta fluten ließen. Der Ich-Erzähler Binet ist so
elektrisiert von dieser Geschichte, dass er beschließt, von Paris nach Prag zu
ziehen und ihr nachzugehen. Wie ein Detektiv verfolgt er die sich kreuzenden
Spuren der Nationalsozialisten und der Widerstandskämpfer bis zu dem Tag, auf
den alles zuläuft: Am 2. Juni 1942 soll der Chef der Gestapo Reinhard Heydrich
von dem Tschechen Jozef Gabcik, der an den braven Soldaten Schwejk erinnert,
auf offener Straße in Prag erschossen werden. Doch als der Mercedes mit Heydrich
naht, klemmt der Abzug...
Man nannte ihn den „Schlächter von Prag“: Reinhard
Heydrich, eine Schlüsselfigur des Nationalsozialismus. Am 27. Mai 1942 verübten
tschechische Widerstandskämpfer ein Attentat auf den Gestapo-Chef. Wenige Tage
später starb Reinhard Heydrich. Die Rache der Nazi-Besatzer folgte prompt: erst
wurde das Dorf Lidice, dann Lezáky dem Erdboden gleichgemacht.
Mit dem Roman von Laurent Binet ist schwierig
umzugehen. Ihn hat die Geschichte der tschechischen Partisanen fasziniert, die
Heydrich letztendlich aus dem Weg räumen konnten. Vielleicht ist die Tatsache,
dass dies keine entscheidende Richtungsänderung der Nazis erzeugte, der Anlass
bisweilen spekulativ der Frage nach zu gehen ‚was wäre wenn?‘. Es ist die
Geschichte einer Spurensuche, die zur Obsession gerät. Die Figur des Reinhard
Heydrich ist momentan für einige Romane Vorlage gewesen, z.B. bei den Norwegern
Terje Emberland und Bernt Rougthvedt in ihrem Roman Der Spinnenmann oder bei dem Isländer Elías Snæland Jónsson in
seinem Roman Runen.
Das zeigt, dass die Figur
Heydrich immens viel Stoff bietet und sich insbesondre für Krimis hervorragend
eignet. Wenn jedoch ein Roman mit dokumentarischen Zügen die Figur aufgreift,
dann erwartet man eine ausgewogene Kenntnis der Figur. In Laurent Binets Roman
hat man durchaus den Eindruck, dass er mehr manchmal seinem Klischee aufsetzt
und Elemente einbringt, die eher zur Karikatur eignen. Dies kann man nachsehen
mit Verweis auf fiktionale Elemente. Wenn der Autor das jedoch nicht durchhält,
wird der Leser stutzig und erzeugt dabei ein geteiltes Echo. Es nimmt an
einigen Stellen den Schwung aus der Geschichte. Dennoch ist das Buch ein
gelungenes Experiment, da es sich auf unkonventionelle Weise dem Thema annimmt.
Wir sind es gewohnt, uns von Autoren aus dem angloamerikanischen Raum die
deutsche Geschichte erklären zu lassen, da ist es interessant, den Blickwinkel
aus einem anderen direkt betroffenen Land wie beispielsweise Frankreich zu
erfahren.
Laurent Binet wurde 1972 in Paris geboren. Er
absolvierte seinen Militärdienst in der Slowakei und hat in Prag Geschichte
studiert. Jetzt lebt er in Paris. HHhH
ist sein erster Roman. Binet erhielt dafür den Prix Goncourt du Premier Roman,
und L’Express wählte HHhH zum
interessantesten Erstlingsroman des Jahres.
(JK 12/11)

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