Körber-Stiftung
Montag,
14.05.2012
19.00
Uhr
Haus am
Park, Hamburg
Ulla
Lachauer wird ihr Buch Magdalenas Blau
vorstellen, das bei Rowohlt erschienen ist.
Das Leben
einer blinden Gärtnerin
„Mach
nichts kaputt, Magdalena!“, rief es aus dem Fenster. Ich musste immer damit
rechnen, dass mich jemand von da oben beobachtete. Dabei bewegte ich mich im
Garten ganz, ganz vorsichtig. Ich roch an den Blüten, fasste sie an. Besonders
liebte ich dieses Zarte, Seidige vom Mohn. An einem Frühsommertag hab ich
angefangen, Grünzeug zu essen. Begonien-Blüten mochte ich unheimlich gern, weil
die so schön sauer waren. Das war, was ich mir holen konnte, alles andere wurde
mir zugeteilt. Oft hab ich mich mit Blumen geschmückt, dieses Gefühl auf der
Haut, das war das Größte. In gewisser Weise bin ich wie eine Wilde
aufgewachsen. Einmal hab ich Dodo, meine Puppe, in den Hortensientopf auf der
Terrasse eingepflanzt, damit sie so groß wird wie die meiner Cousine. Ich
dachte, sie wächst, wenn sie im Regen steht. Und dann ist der Kopf aus
Pappmaché aufgeweicht.
Taubenblau,
Enzianblau, Tintenblau – mit vier Jahren kennt Magdalena Eglin viele
verschiedene Blaus. Ihr Großvater, ein Freiburger Malermeister, lässt sie in
seine Farbtöpfe gucken und lehrt sie, ihre von Geburt an schwachen Augen gut zu
nutzen.
Ein
dunkelhaariges, wildes Mädchen, geboren 1933, einige Tage vor Hitlers
Machtergreifung, das früh lernt, sich in der Welt zu orientieren. Voller
Phantasie und Spielfreude und manchmal fürchterlich einsam. Bei
Schneeballschlachten mittun, von Straßenbahnen abspringen, sie kann vieles,
sogar lesen, mit dem linken Auge direkt auf dem Papier. Magdalena hört die
fernsten Bomber, mit Hilfe von Ohren und Nase und Händen findet sie aus dem
brennenden Freiburg heraus. 1945, mit zwölf Jahren, ist sie selbständig: Sie
hütet Schweine bei Verwandten auf dem Lande.
Im Laufe
der Jahre wird sie völlig erblinden. Sie wird eine begeisterte Gärtnerin und
findet an der Seite eines Dorfschullehrers ihr Glück. Magdalena Eglin erzählt
unsentimental, witzig und poetisch von ihrem Leben als Außenseiterin – und
damit auch etwas über die Welt der Sehenden. Ulla Lachauer gab mit ihrem Buch
«Paradiesstraße» der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit eine Stimme – und
wurde zur Bestsellerautorin. Jetzt erzählt sie erneut die Geschichte eines
außergewöhnlichen Lebens.
Ulla
Lachauer, geboren 1951 in Ahlen/Westfalen, lebt in Stuttgart. Sie arbeitet als
freie Journalistin und Dokumentarfilmerin.
Magdalenas
Blau von Ulla Lachauer ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 05/12)
(JK 05/12)

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