Marshall N. Klimasewiski: Der weiße Hund (btb)


Der Held im bei btb erschienenen Roman Der weiße Hund des amerikanischen Autors Marshall N. Klimasewiski ist erst Neunzehn. Er gilt im Ort als Freak. Er ist eine wandelnde Zeitbombe.

Spätsommer in East Sooke, am südwestlichen Zipfel Kanadas: hierher kommen viele, um Urlaub zu machen. Cyrus Coddington, neunzehn Jahre alt und einer der wenigen Einheimischen dort, begegnet den Urlaubern mit Argwohn und Hass. Heimlich beobachtet er sie in ihren Cottages, spioniert ihnen nach und ängstigt sie mit nächtlichen Einbrüchen. Eines Tages tauchen zwei befreundete Pärchen auf, um es sich in der urwüchsigen Umgebung gut gehen zu lassen und an alte Zeiten anzuknüpfen – und Cyrus freundet sich entgegen seiner bisherigen Gewohnheiten mit ihnen an. Als einer von ihnen eines Abends von einem Spaziergang am Strand nicht mehr zurückkehrt, verdächtigt jeder jeden.

Der Reiz des ersten Romans von Marshall N. Klimasewiski liegt in seiner Bereitschaft, eine Reihe von Charakteren, die unsympathisch sind,  in sehr menschlicher Weise zu zeichnen. Das erinnert stark an die Figur des Raskolnikow von Dostojewski. Aber während Dostojewskis Antiheld mit seinem Gewissen kämpfte in einem Zeitalter, wo ein starker moralischer Konsens gerade dabei war auseinanderzufallen, lebt Klimasewiskis Antiheld Cyrus in unserem postmodernen moralischen Vakuum. Er bildet sich dabei die ganze Zeit selbst ein, eine Art Moralist zu sein. Die meisten anderen Menschen sieht er als mittelmäßige und selbstgefällige Schwindler an, während er die Unschuld der Kinder und die seiner Freundin idealisiert. Auf geschickte Weise wechselt der Autor die Sichtweisen. Die Handlung ist clever konzipiert, erfolgreich integriert er abwechslungsreiche Elemente, psychologische Ausleuchtungen, eine Art Coming-of-Age-Geschichte und ein Geheimnis. Und obwohl der Leser das Geheimnis kennt, schafft es  Klimasewiski es, einen Grad an Geheimnis aufrecht zu halten. Der weiße Hund ist ein Roman grimmiger Einsichten und beunruhigender Äußerungen, ein komplexer, intelligenter Roman.

Marshall N. Klimasewiski, 1966 geboren, begann seine literarische Laufbahn mit dem Schreiben von Kurzgeschichten, die sogleich eine große Presseresonanz erhielten. 2006 erschien sein Debütroman The Cottagers, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt.


Der weiße Hund von Marshall N. Klimasewiski ist bei btb erschienen.
(JK 06/12)

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