Ciudad Juárez, Mexiko, an
der Grenze zu Texas. Zahlreiche Frauen verschwinden. Einheimische sagen, es
seien mindestens 5000. Nur etwa 400 von ihnen wurden bislang gefunden –
vergewaltigt und getötet. Sam Hawken verbindet in seinem Buch Die toten
Frauen von Juárez, erschienen bei Tropen, die wahre Geschichte um
die toten Frauen mit der Story von Kelly Courter, einem gescheiterten Boxer,
der alles daransetzt, die Wahrheit herauszufinden.
Viele, die etwas auf dem
Kerbholz haben, flüchten nach Ciudad Juárez: auch Kelly Courter, Boxer aus den
Vereinigten Staaten. Sein Geld verdient er mit fragwürdigen Boxkämpfen oder dem
Verkauf von Drogen. Estéban, der Bruder seiner Freundin Paloma, versorgt ihn
regelmäßig mit Stoff. Bald greift er selbst zur Nadel, driftet ab in die Welt
des Rausches und bemerkt nicht einmal, dass Paloma spurlos verschwindet. Als
kurz darauf ihre misshandelte Leiche gefunden wird, trifft ihn die harte
Realität wie ein Schlag. Er wird verhaftet, gedemütigt und für ein Geständnis
halb totgeprügelt. Erst als Rafael Sevilla, ein befreundeter mexikanischer
Polizist, sich des Falls annimmt, kommt Licht in das dunkle Geheimnis der
Frauenmorde von Ciudad Juárez.
Der Roman wird aus der
Perspektive zweier Männer erzählt in Form einer Abfolge kurzer Kapitel, die
oftmals nur vier oder fünf Seiten umfassen gekoppelt mit einer Menge Dialoge,
die für Tempo in der Geschichte sorgen. Die erste Hälfte des Romans
konzentriert sich auf den Boxer Kelly Courter, die zweite auf den Polizist
Rafael Sevilla. Hawkens Prosa ist stark, der Plot ist gut durchdacht, die
blutigen Folgen werden brutal aber authentisch dargestellt, die Charaktere sind
gut gezeichnet als Menschen mit großen Defiziten. Hier handelt es sich nicht um
das Mexiko aus Reisekatalogen mit traumhaften Resorts, sondern um ein Mexiko
aus Armut, Angst, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, sinnloser Brutalität und
Gewalt – drogengebeutelt und alkoholgetränkt. Gewalt wird im Buch grafisch
dargestellt und ist daher ziemlich schockierend. Ein einziger Kritikpunkt ist
anzumerken, dass dem Buch eine weibliche Stimme fehlt, zumal es von toten
Frauen handelt. Eine der eindringlichsten Szenen im Buch ist der
Telegrafenmast, an dem die Fotos der vermissten Frauen flattern, alle Tage
kommen neue Fotos hinzu. Von diesen Frauen und Geschichten würde man gerne
etwas erfahren und auch über Palamo und den Frauen, die für Mujeres sin Voces
(Frauen ohne Stimmen) arbeiten. Die Ironie ist, dass gerade sie auch in diesem
Buch stimmlos bleiben.
Die toten Frauen von Juárez lenkt die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges soziales Problem. Alles, was
das öffentliche Bewusstsein für diese schreckliche Situation, das Hawkens Buch
aufwirft, muss gefördert werden. Es ist eine tragische und herzzerreißende
Geschichte.
Sam Hawken, 1970 in Texas
geboren, lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in der Nähe von Washington D.C.
Er studierte an der Universität von Maryland und steuerte eine Karriere als
Historiker an, bevor er sich dem Schreiben widmete. Die toten Frauen von Juárez
ist sein erster Roman.
Die toten Frauen von Juárez von Sam
Hawken ist bei Tropen erschienen.
(JK 06/12)

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