Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels (C.H. Beck)


Tom Bullough mischt in seinem Roman Die Mechanik des Himmels, der bei Beck erschienen ist, Fiktion und Geschichte, indem er das Leben des Gründervaters der sowjetischen Raumfahrt neu erfindet.

Das literarische Topos des 19. Jahrhunderts in Russland über die Sehnsucht der Provinz zu entfliehen, fühlt sich an wie die Startrampe zu einer faszinierenden Geschichte über einen Russen aus dem 19. Jahrhundert, der nicht nach den Metropolen des Westens schaute sondern senkrecht nach oben in die Sterne. In Bulloughs Roman wird der Protagonist als kleiner Junge namens Kostja eingeführt, der in den 1860er Jahren zuerst in Rjasan, fast 200 km südöstlich von Moskau, und dann in Wjatka, dem heutigen Kirow aufwächst.

In den ersten Kapiteln beweist Bullough sein Talent für die Beschreibung des ländlichen Raums, der verständlich macht, dass der Weltraum für den kleinen Kostja keinen riesengroßen Phantasiesprung bedeutet. Und wie in der Natur, liegen Mythen und Aberglauben in enger Tuchfühlung mit der Moderne, als Kostja von seiner Mutter auf eine anstrengende Wallfahrt nach St. Nikolai geschleppt wird, in der Hoffnung wundersame Heilkräfte würden die partielle Schwerhörigkeit ihres Sohnes, hervorgerufen durch eine Scharlacherkrankung, heilen.

Kostja zeigt eine mechanische Begabung, er baut und modelliert ein Hörrohr für sich selbst und entdeckt seine Liebe zu allem, das aufsteigt. Der Abschnitt über Kostjas Kindheit endet mit dem Tod von Kostjas Mutter. In den 1870er Jahren wird Kostja zu Konstantin, ein Autodidakt in einer Moskauer Bibliothek, abgerissen aussehend wie ein Bettler ähnlich dem Bild eines Rasputins. Er ist fasziniert  von der Lektüre Nikolai Fjodorows, einem exzentrischen Bibliothekar, der eine quasi- mystische Theorie artikuliert über das vertikale Männliche, das seinen Höhepunkt in der Raumfahrt erreicht, gegenüber dem horizontalen Femininen – Sinnbild des weltlichen Materialismus.

Bulloughs Geschichte trägt sich leicht mit dieser historischen Fiktion, ein Trick, der in einem Land wie Russland funktioniert, wo die Vergangenheit seltsam nah an der Oberfläche bleibt. Es ist aber auch biografische Fiktion basierend auf dem bemerkenswerten Leben von Konstantin Ziolkowski, der Gründungsvater der sowjetischen Raumfahrt. Der Autor weist sogar am Ende darauf hin, dass der Start von Sputnik I, der 21 Jahre nach Ziolkowskis Tod erfolgte, auf die Hundertjahrfeier seiner Geburt gelegt wurde.

Bulloughs Roman vermag viele wunderbare Dinge, die eine non-fiktionale Biographie nicht erbringen könnte, gleichzeitig wagt er sich jedoch nicht dahin, wo ein Roman sich hinbegeben könnte. Eine erzählerische Schlaffheit überkommt ihn manchmal, gerade weil seine Geschichte ein Leben mit einem erkennbaren Ende beschreibt, in dem die wichtigsten Handlungen intellektuell getrieben waren und nicht dramatisch.

So gerät der vorletzte Abschnitt, in dem Konstantin Lehrer wird, zu einem kaum verhüllten Einführungskurs in die Astrophysik, was zwar in keinster Weise uninteressant ist, als essayistische Abschweifung jedoch manchen Leser ermüden könnte. Im letzten Abschnitt hingegen erzeugt dann Bullough ein Ende mit sehr viel Symbolkraft.


Die Mechanik des Himmels von Tom Bullough ist bei C.H. Beck erschienen.
(JK 06/12)

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