Atiq Rahimi: Verflucht sei Dostojewski (Ullstein)


Der in Frankreich lebende afghanische Autor Atiq Rahimi hat mit seinem Roman Verflucht sei Dostojewski, der bei Ullstein erschienen ist, einen bemerkenswerten Roman geschrieben.

In Kabul tötet ein verarmter junger Mann eine alte Frau. Der ehemalige Jurastudent Rassul hat es auf Schmuck und Geld der Wucherin abgesehen, denn er weiß nicht mehr, wovon er seine Familie ernähren soll. Doch während der Tat kommt ihm plötzlich sein Gewissen in die Quere und erinnert ihn an das Schicksal des Mörders Raskolnikow aus Dostojewskis berühmtem Roman Schuld und Sühne. In Panik flieht er und lässt die Beute am Ort des Geschehens zurück. Da niemand die Frau vermisst, ist Rassul fortan allein mit seiner Schuld und wird, wie Dostojewskis Figur, nur von seinem Gewissen verfolgt. Im Afghanistan der Taliban findet sich jedoch kein Richter mehr, der ihn für den Mord an einer Frau zur Rechenschaft zieht. Rassul irrt durch die Stadt – bis eine burkaverhüllte Gestalt ihn in das zerstörte Gerichtsgebäude lockt.

Afghanisch von Geburt und französisches Exil, Orient und Okzident, in Atiq Rahimis kreativen Schaffen treffen diese zwei Welten aufeinander. In seinem neuesten Buch bringt er ein Monument der russischen Literatur in seinen afghanischen Kontext, er holt Dostojewski nach Kabul, Raskolnikow wird zu Rassul. Wir lernen hingegen Rassul in der Geschichte kennen, als er den Mord bereits begangen hat und er wird auch nur diesen einen Mord begehen. Das Interessante an Rahmis Geschichte ist, dass er nicht einfach Dostojewskis Geschichte in Kabul nacherzählt. Seine Figur Rassul kennt nämlich das Original, die Drehungen und Wendungen und Fallstricke. Und er kennt auch die Lektion aus Dostojewskis Roman, will sich aus seinem Dilemma befreien und stellt er sich der Polizei. Verwirrt stellt er fest, dass im Afghanistan der Taliban die Werte der Gesellschaft zusammengebrochen und er sich selber um die Sühne des Verbrechens kümmern muss. Dies ist ein überaus interessanter Ansatz in Rahimis Roman. In Bezug auf Dostojewski gelingt es Rahimi seinen eigenen Atem auf sehr persönliche Art und Weise der Geschichte einzuhauchen, oszillierend zwischen Lyrik und Dürre, großen Tiraden und einfachen Regieanweisungen. Manchmal schiebt er ein Gedicht in den Text ein wie eine afghanische Legende im russischen Ballett. In Rassuls Psyche dringt Dostojewskis Schuld und Sühne ein, wie 1979 die russische Invasion in die Psyche Afghanistans. Mehr als zehn Jahre verwüstet der Krieg das Land, bevor die Taliban die Macht übernahmen. Die darauf folgende islamische Republik schafft die individuellen Freiheiten ab. So ist schließlich weniger der Mord das Verbrechen, sondern dass Rassul liest und somit Dostojewski kennt. Als Männer mit Kalaschnikows bewaffnet sein Zimmer betreten, sind sie nur an seinem Stapel Bücher interessiert und ob er nicht ein Kommunist ist. Letztendlich wird klar, dass der Mensch zu allem fähig ist, und dass dies genau seine Sühne ergeben wird.

Atiq Rahimi, 1962 in Kabul geboren, studierte Literatur. 1984 floh er nach Frankreich, wo er u. a. als Dokumentarfilmer tätig ist. Sein vielbeachtetes Debüt Erde und Asche wurde 2004 verfilmt, sein dritter Roman Stein der Geduld wurde 2008 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und stand in Frankreich monatelang auf der Bestsellerliste.

Verflucht sei Dostojewski von Atiq Rahimi ist bei Ullstein erschienen.
(JK 06/12)

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