Erik Orsenna: Cristóbal oder die Reise nach Indien (C.H. Beck)


In Erik Orsennas Roman Cristóbal oder die Reise nach Indien, das bei Beck erschienen ist, erzählt Bartolomeo als alter Mann vom Traum des Kolumbus, der auch der seine wurde, von der fieberhaften Neugier der Seefahrer, die in der Neuen Welt in Grausamkeit umschlug – oder vielleicht von Beginn an den Keim dazu in sich trug. Ein phantastischer, atmosphärisch dichter und leicht melancholischer Abenteurerroman.

Das Tor zur Welt öffnet sich für den sechzehnjährigen Bartolomeo durch seine winzig kleine Handschrift. Unermüdlich trägt er für einen Lissaboner Kartographen die Orte auf jenen Karten ein, durch die sich die Welt zu einem neuen Bild formt. So fasst er Fuß in der weltläufigen Stadt der Mathematiker, Geographen, Schiffsbauer und Seefahrer, einem Schmelztiegel von Portugiesen und Genuesern, Juden und Arabern. Vom großen Wissensdrang der Zeit wird schließlich auch Cristóbal ergriffen; forschend und rechnend bereitet er mit dem Bruder acht Jahre lang die große Reise nach Indien vor. Der Erfolg ist bekannt. Doch wann verlor die Neugier ihre Unschuld? Warum, so fragt sich Bartolomeo im Rückblick, warum entdecken, wenn man am Ende diejenigen tötet, die man entdeckt?

Auf den ersten Seiten findet man sich auf einer Insel namens Hispaniola, fünf Jahre nach dem Tod des Entdeckers von Amerika. Orsenna lässt den jüngeren Bruder das Leben des Entdeckers Kolumbus kommentieren, doch bleibt er nicht dabei stehen. Orsenna lässt den jüngeren Bruder auch mit Bartolomeo Las Casas aufeinandertreffen, der den berühmten Diskurs über die Unmenschlichkeit, die mit den Entdeckungen einherging, führte. Orsennas Roman ist getrieben von diesen Fragen und ist doch eine Hymne auf das Meer, die Seefahrt und die Sehnsucht aller Entdecker.

Erik Orsenna zeigt sich in seinem Roman von seiner besten Seite. Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Mit Genuss liest  man  die Passagen über die Entdeckung der Wissenschaft, natürlich über Kolumbus, aber auch über die Stadt Lissabon mit ihrer Verbindung zur Religion und Kunst. 

Erik Orsenna, geboren 1947, ist Schriftsteller, leidenschaftlicher Seefahrer, Mitglied der Académie Française, Präsident des Centre International de la Mer und Mitglied des französischen Staatsrates. Für L’Exposition coloniale wurde er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, für Weiße Plantagen erhielt er den Lettre Ulysses Award.


Cristóbal oder die Reise nach Indien von Erik Orsenna ist bei Beck erschienen.
(JK 06/12)

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