Caroline Brothers: Niemandsland (Bloomsbury Berlin)


Die Australierien Caroline Brothers hat mit ihrem Buch Niemandsland, das bei Bloomsbury Berlin erschienen ist, einen modernen Migrationsroman geschrieben.

Kabul-Teheran-Istanbul-Athen-Rom-Paris-London. Jeden Abend betet Aryan seinem kleinen Bruder Kabir die Stationen ihrer Reise vor. Wie ein Glaubensbekenntnis, ein Mantra. Falls sie sich einmal verlieren sollten. Sie wollen nach England, wo alles besser wird. Wer flieht, reist durch ein Niemandsland. Aryan und Kabir sind versteckt in Lieferwagen und Güterzügen oder zu Fuß unterwegs. Sie leiden unter Hunger, Erschöpfung und bitterer Kälte. Sie werden um den Lohn ihrer Arbeit betrogen, von brutalen Schleppern hintergangen und von allen anderen ignoriert. Mit Ausnahme der Polizei. Nicht immer gelingt es Aryan, den kleinen Kabir zu beschützen. Und doch: Ihre Reise birgt auch große Momente des Abenteuers, des Staunens, der ergreifenden Zärtlichkeit zwischen den Brüdern und selten – ganz selten – auch der unerwarteten Großherzigkeit eines Fremden.

Caroline Brothers erzählt die Geschichte zweier Jungen, die stellvertretend für Millionen von Kindern inmitten der Flüchtlingsströme dieser Welt stehen. Sie rückt die Geschichte der beiden Jungen ohne Melodramatik in Szene, was ihr merkwürdigerweise mehr Eindringlichkeit verleiht, da der Leser weitgehend manipulationsfrei die Gefühle der beiden Jungen erlebt. Sie zeichnet die beiden Jungen außergewöhnlich gut und lässt die Welt durch ihre Augen sehen. Wie für Kinder üblich gibt es immer wieder Intermezzi in denen dies deutlich wird. Durch diese Intermezzi entsteht ein eigentümlicher Humor, der für diese Art Roman eher ungewöhnlich ist, denn die harte, erbarmungslose Realität ist nie fern. Das Buch ist keine leichte Lektüre, aber es ist ein wunderbares Buch. Es räumt mit dem Vorurteil auf, dass es alle Einwanderer einfach haben, wenn sie sich auf den Weg nach Europa in eine ungewisse Zukunft aufmachen und alles, was sie kennen und lieben hinter sich lassen müssen. Dies immer im Angesicht eines möglichen Todes.

Caroline Brothers, geboren 1963 in Australien, hat am University College London in Geschichte promoviert, bevor sie Auslandskorrespondentin der Agentur Reuters in Europa und Lateinamerika wurde. Heute lebt sie in Paris und schreibt für die New York Times und die International Herald Tribune. Als investigative Journalistin recherchiert sie vor allem zu den Themen Migration und internationale Flüchtlingsströme. Niemandsland ist ihr erster Roman.


Niemandsland von Caroline Brothers ist bei Bloomsbury Berlin erschienen.
(JK 06/12)

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