Sechzehn Jahre sind seit dem ersten Roman The Smell of Apples des südafrikanischen
Autors Mark Behr, vergangen, der eine überzeugende Meditation über Verlust und
Loyalität im alten Südafrika war. In seinem zweiten Roman Wasserkönige, der bei Wunderhorn erschienen ist, wiegt Mark Behr
die Kosten der Zugehörigkeit gegen die Gefahren des Vaterlandsverlusts mit
Feinheit und Zartheit auf.
Südafrika war einst ein subventioniertes Paradies
für Privilegierte, aber neuerdings sind die Mieten ins Grenzenlose gestiegen.
Das Ergebnis ist ein Exodus der weißen, asiatischen und gemischtrassischen
Bevölkerungsgruppen. Südafrikanische Expat-Gemeinden finden sich mittlerweile
von Chiswick in England bis nach Kuala Lumpur in Malaysia. Viele fühlen, dass
ihr Recht zur Regenbogennation dazuzugehören, ihre Identität als „Afrikaaner“
wahrnehmen zu können, wie nie zuvor unterlaufen wird. Eine besonders
schmerzhafte Erfahrung unter den weißen Südafrikanern. Als Afrikaaner fühlt
Mark Behr dieses tiefe Unbehagen.
Der Held des Romans Wasserkönige, Michiel Steyn,
kommt aus Amerika zurück, aber zurück zu was, und zurück als wer? Steyn ist
Homosexuell, Afrikaaner und lebt im fernen San Francisco mit seinem Geliebten,
Kamil, der Sohn einer palästinensischen Mutter und eines jüdischen Vaters ist.
Als Steyns verehrte Mutter stirbt, kehrt er nach Südafrika zu der Farm der
Familie, nach Paradys, zurück und sieht sich mit der Hölle konfrontiert, die
seine Vergangenheit war.
Michiel ist die Art von Mann, die zu verabscheuen
den Afrikaanern von der Wiege an beigebracht wurde. Er hat jedes von seinem
Stamm als heilig gehaltene Tabu gebrochen. Er lehnte den mörderischen Machismo
ab, den der Apartheid-Staat so brutal gemacht hat. Er hat Kirche, Stamm und
Familie verlassen; er entweihte den Begriff der Loyalität; er unterlief, was
als „normale“ Liebe zwischen Mann und Frau gesehen wird, und er brach den Bund
zwischen Gott und seinen Auserwählten, einen Titel, den viele Buren für sich
beanspruchen. Jetzt offen homosexuell lebend, hatte er damals die Frau, die
sein Kind gebar, verlassen, und demütigte damit seine Familie. Es überrascht
daher nicht, dass ihn sein kranker Vater verabscheut und seine Familie nicht
weiß, was sie mit ihm anfangen soll.
Die Krönung zu einem Wasserkönig – der Titel ist
eine Referenz zum Spiel aus seiner Kindheit, einer Zeit, als Buren die Könige
des Landes waren – ist das Zuschaustellen einer Muskel gesteuerten
Selbstzufriedenheit. Die Welt von Michiels bettlägerigem Vater wird
hinweggefegt. Auch seine Farm, Paradys, könnte bald von den Ureinwohnern
zurückgefordert werden, denen das Land vor langer Zeit abgenommen wurde.
Michiel sieht deutlich die Veränderungen in dem
Land, aber er ist, wie er sagt, ein Voyeur. Der Roman dreht sich um die
Hinweise und Blicke, Vermutungen und Überlegungen, und um das, was er insgeheim
sieht. Niemand ist rein, oder schuldlos. Nicht seine Mutter, die ihn bis zum
Ende geliebt hat, weder sein Geliebter Kamil, noch sein toter Bruder Peet.
Michiels Identität löst sich selbst auf, als er versucht, sie zu definieren:
ein Afrikaner mit englischen Verbindungen, australischen Erinnerungen und einem
amerikanischen Pass. Mark Behr schreibt mit Zartheit und Zurückhaltung von
schwer fassbaren Dingen, vor allem, wenn Michiel von Angesicht zu Angesicht mit
seiner eigenen Scham den Tücken und Skandalen gegenübersteht, die seine Familie
auseinanderbrechen und ihn Hals über Kopf ins Exil fliehen ließ.
Der Roman Wasserkönige
ist kurz nach dem Jahrtausendwechsel angesiedelt, in der Zeit des ersten Golfkriegs
und der seltsamen Euphorie der wenige Jahre dauernden Herrschaft des Thabo
Mbeki, eine Ära, die die triumphale Rückkehr der Dämonen des Rassenhasses
markierte, die man hoffte beerdigt zu haben, als die Apartheid
zusammengebrochen war und Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Dies war eine
Zeit, als das Bejubeln einer „afrikanischen Renaissance“ in Einklang ging mit
dem Abtun der tödlichen Seuche Aids als eine Erfindung der Pharmaindustrie und als
ein Versuch, die Sexualmoral der Schwarzafrikaner zu diskreditieren.
Wasserkönige beschreibt
eine innere und äußere Witterung: die inneren Stürme der Familie Steyn und auch
das Aufwogen der Gewalt, die über Südafrika flutet. Zur gleichen Zeit ändern
sich auch die Dinge explosionsartig in Michiels Wahlheimat, den USA.
Mark Behr gräbt tief unter der dünnen Haut dieses
außergewöhnlich komplexen Bürgers des neuen Südafrikas, des weißen Afrikaners,
dessen Welt im Niedergang begriffen ist. Der Geist hinter dem Roman Wasserkönige ist Tschechows
Kirschgarten. Der Familienbetrieb ist bekannt für seine Kirschen, und den
ganzen Roman hindurch hören wir den Klang der Äxte bei der Arbeit in der
Obstanlage. Mark Behr hat einen der bewegendsten Romane aus Südafrika seit
vielen Jahren geschrieben.
Wasserkönige von Mark
Behr ist bei Wunderhorn erschienen.
(JK 06/12)

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