Naomi Aldermans Roman Die Lektionen, erschienen im Berlin Verlag, über einen Studenten,
der unter den Einfluss seiner angeblichen Freunde gerät, ist zwar kein wirklich
neuer Stoff, aber dafür sehr gelungen.
Naomi Alderman sorgte für Furore mit ihrem
Debütroman Disobedience im Jahr 2006.
Mit der lesbischen Geschichte und über die Verlockungen der säkularen Welt für
zwei jüdische Frauen in der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Hendon in London
erhielt sie den Orange Award for new writers. Erstaunlich ist, dass Alderman
nach dem Erfolg ihres ungewöhnlichen Sujets im Debütroman, sich für ihren
zweiten Roman ein Feld ausgesucht hat, das bereits gut ausgetreten ist. Ihr
neues Buch ist eine Geschichte über reiche privilegierte Studenten und die
Anziehungskraft, die diese auf einen naiven Jungen ausmacht, der in ihren Bann
gerät.
Der Naive ist in diesem Fall der einsame James
Stieff, der in Oxford Physik studiert und gerade eine miese Zeit durchmacht.
Dies ändert sich, als er die Kommilitonin und Musikerin Jess trifft. Sie ist
nicht nur freundlich, schön, talentiert sondern auch bereit, seine Freundin zu
sein. Aber Jess führt ihn auch zu dem charismatischen Mark Winters und seinem
Freundeskreis – die jüdische intellektuelle Franny, die sexy spanische
Emmanuella und Politiker in spe Simon. James wendet sich von der Physik
dem Spaßleben zu, zieht in das zerfallene
Herrenhaus bei Mark ein, in ein Leben für Partys, Kultur und Alkohol, und lässt
sich aushalten. Das vermeintlich auf Rosen gebettete Leben Marks ist allerdings
nicht ohne Dornen: seine Homosexualität führt zu Konflikten mit seiner
konservativ eingestellten Mutter und ihrer Liebe zur katholischen Kirche. Es
gibt dunkle Andeutungen über eine Verfehlung in der Vergangenheit und sein
Verhalten wird immer unberechenbar. So zeichnet sich ein Ende der Tage in
Oxford ab. Nach dem Schulabschluss teilt sich die Gruppe, und sie gehen ihren
Weg in der realen langweiligen Welt. Mark schockt hingegen alle, als er ein
paar Jahre nach dem Studium, Simons 17-jährige Schwester Nicola heiratet. Eine
Entscheidung, die das Leben aller in vielfältiger Weise beeinflussen wird. Wer
z.B. den Roman Wiedersehen mit Brideshead
gelesen hat, dem werden Elemente in diesem Plot bekannt vorkommen.
Alderman beschreibt den Schock des Fresh-Starts an
der Uni wirklich gut. Sie zeigt die psychische Anspannung den gewissen Status
in der kleinen Welt der Schule zu erobern. Das Leben in der elitären Umgebung
Oxfords ist treffend eingefangen. Dieser Teil des Romans strahlt starke
Authentizität aus. Der Roman beginnt ein wenig zu verblassen, die Protagonisten
geraten mitunter etwas hölzern, nachdem diese die Schule absolviert haben. Die
Autorin geht dann auch nicht konsequent genug auf die Themen ein, die sie
aufwirft, wie z.B. der Bezug zur Rolle des katholischen Priesters und warum der
Katholizismus einen solch starken Einfluss auf Mark hat. Auch die Rolle der
italienischen Mutter Isabella erhält nicht den Raum, den sie einnehmen könnte.
Es sieht zunächst nach einem ödipalen Unterton aus, aber bevor es konkreter
wird, reist sie nach Paris ab und taucht im Roman nicht mehr auf.
Bis zum Ende, wird James kämpfen, um seine
Erfahrungen und seine Freunde einschätzen zu können und um herauszufinden, wer
er wirklich ist. Der Leser bleibt mitunter ähnlich verwirrt wie der Protagonist
aber die Geschichte an sich und wie Naomi Alderman sie erzählt, lohnt sich
wirklich, sie zu lesen.
Die Lektionen von Naomi
Alderman ist im Berlin Verlag erschienen.
(JK 06/12)

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