Ein Möchtegern-Mode-Mogul
kommt im Roman Bekenntnisse eines friedfertigen Terroristen von Alex
Gilvarry, der bei Suhrkamp erschien ist, nach Amerika, um den amerikanischen
Traum zu verwirklichen und findet sich plötzlich in einem orangenen Overall
wieder.
Seine Religion sind
Glamour, Sex und Drogen. Wenn es um Geschmack geht, ist er radikal. Aber nicht
deswegen findet sich Modedesigner Boy Hernandez von einem Tag auf den anderen
in Guantánamo wieder. Was allerdings die wahren Gründe dafür sind, wieso aus
seinem Traum, der größte Designer aller Zeiten zu werden, der absolute Alptraum
geworden ist, kann sich Boy selbst am allerwenigsten erklären.
Boy Hernandez hat es von
der Modeschule in Manila nach New York geschafft. Seine Kreationen werden in
einem Atemzug mit Comme des Garçons und Vivienne Westwood genannt. Nun sitzt er
in Guantánamo. Die Anklage: Beteiligung an einer islamistischen Verschwörung.
Dabei ist Boy nicht einmal religiös – jedenfalls solange Glamour, Sex und
Drogen nicht als Religion gelten. Und radikal ist er nur, wenn es um guten
Geschmack geht. Dennoch scheinen alle an seine Schuld zu glauben: Die Presse
nennt ihn „Fashion-Terrorist“, seine Ex feiert mit ihrem Stück „Im Bett mit dem
Feind“ Erfolge am Broadway. Nur Boy selbst versucht verzweifelt zu begreifen,
wie aus seinem Traum, der größte Designer aller Zeiten zu werden, der absolute
Alptraum werden konnte.
Gilvarrys Debütroman ist
eine Allegorie, wie der Ehrgeiz der Immigranten im Zuge der Paranoia in der
Folge des 9/11-Attentats in den USA erstickt wird. Der Roman ist in Form von
Gefängnis-Memoiren geschrieben, die Boy auf Anregung seiner Gefängniswärter
verfasst, als er sein Urteil von einem Militärgericht wegen angeblicher
Kontakte mit Terroristen erwartet.
Gilvarry hält den Ton der
Geschichte leicht satirisch ohne die Schwere der misslichen Lage Boys zu
beeinträchtigen. Gekonnt fängt er die
hektische Welt streberischer Designer und Brooklyn Hipster ein. Dem Autor muss
man jedoch vorwerfen, dass die Randfiguren allesamt schemenhaft bleiben. Ebenso
wird das Wechseln zwischen den Zeitebenen, der Inhaftierung und der
Erinnerungen an Manhattan, repetitiv und raubt dem Erzählfluss Dramatik.
Dadurch verlieren die satirischen Elemente an Schärfe, obwohl Gilvarry ein
talentierter Autor und Beobachter ist. Dabei eröffnet sich auch, dass Gilvarry
ein noch besserer Dialogschreiber als Erzähler ist. Die Dialoge sind urkomisch
und zitierfähig, so dass es ein bisschen seltsam anmutet, dass Gilvarry im Buch
selber nie die vollständige Kontrolle über Boys Stimme erlangt. Gilvarrys
Masche wird dadurch leider manchmal gebrochen. Auf den letzten hundert Seiten
beginnen die Abschnitte in Guantánamo die Geschichte zu übernehmen. Gilvarry
beeindruckt den Leser, auf welche Art und Weise er Boys Sinn für Humor
aufzeigt, der mit der Notwendigkeit konkurriert, Zeugnis über Guantánamo
abzulegen. Das fesselt den Leser und man verspürt einen ebenso starken Drang zu
überprüfen, ob das, was dieses Buch sagt, tatsächlich wahr sein kann. So
startet das Buch als Komödie, gerät dann zur Farce und endet in einem
politischen Beben.
Alex Gilvarry wurde auf
Staten Island geboren, seine Familie stammt von den Philippinen. Er ist
Herausgeber der Website Tottenville Review und war Norman
Mailer Fellow. Seine Texte erscheinen u. a. in The Paris Review. Er
lebt in New York und Cambridge, Massachusetts.
Bekenntnisse eines friedfertigen Terroristen von Alex Gilvarry ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 09/12)

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