Wie sollten zwei junge
Menschen aus zerrütteter Familie nicht den Kopf verlieren, wenn sie in ihrem
neuen Zuhause auf die beklemmende Geschichte einer Familie stoßen, die früher
dort gelebt hat? Ob dabei wirklich Köpfe rollen, darüber lässt uns Erling Jepsen
in seinem spannungsreichen, intelligenten Familienroman Kopfloser
Sommer, der bei
Suhrkamp erschienen ist, bis zum Schluss im Unklaren.
Emilies Eltern haben sich
getrennt. Sie ist mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Jacob aufs Land
gezogen. Nun wohnen die drei in einem alten Haus, aus dessen Keller eigenartige
Geräusche dringen. Eines Abends taucht ein junger Mann auf, der anbietet, sich
um den Garten zu kümmern. Aber wer ist dieser Mann, der im Gästezimmer nächtigt
und erzählt, er habe mit seinen Eltern hier gelebt, bevor diese bei einem
Schiffsunglück ums Leben kamen? Der den kleinen Bruder mit Schauergeschichten
über geköpfte Menschen ängstigt und ihm beibringt, wie man eine Kettensäge
bedient? Der nicht nur die Mutter, sondern auch die Tochter verführt, sodass
die beiden eifersüchtig aufeinander losgehen? Allerdings ist Emilie erst
vierzehn Jahre alt, und als ihr Vater von dem Gärtner hört, mischt er sich ein.
Offensichtlich wurde
Erling Jepsen von dem Fall in Österreich inspiriert, wo ein Vater seine Tochter
im Kerker jahrelang wegsperrte, nur dreht er in seinem Roman den Spieß um. Er hat
einen Horrorroman geschrieben, in dem er den Horror mit einer Romanze
kombiniert. Sein Roman ist überraschend anders als das, was man von Erling
Jepsen erwarten durfte. Familie und Erziehung waren zwar immer das Thema seines
literarischen Werks, in dieser Kombination erhält es jedoch einen makabren
Touch. Jepsen schafft es die Spannung das gesamte Buch über aufrecht zu
erhalten, so dass der Leser im Ungewissen bleibt, ob alles nur Emilies
Einbildung entspringt. Die dänische Zeitung Nordjyske resümiert: Meisterhaft
versteht er es, uns mit den „geheimnisvollen Zusammenhängen zwischen Schrecken
und Genuss, Scheußlichem und Schönem, zwischen Idylle und Unheimlichem“ zu
konfrontieren.
Erling Jepsen wurde 1956
in der Kleinstadt Gram in Südjütland geboren. Sein Vater war der Milchmann des
Ortes (der letzte Milchmann Südjütlands), die Mutter bediente im Kaufmannsladen
der Familie. Erling Jepsen studierte in Aarhus und debütierte als
Schriftsteller 1977 mit einem Hörspiel, er lebt als Dramatiker und Romanautor
in Kopenhagen.
Kopfloser Sommer von Erling
Jepsen ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 12/12)

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