Interview mit Marie NDiaye, der Preisträgerin des Prix Goncourt 2009

Marie NDiaye ist das Großtalent der französischen Gegenwartsliteratur und wurde jetzt für ihren jüngsten Roman Trois femmes puissantes, erschienen bei Gallimard, als erste dunkelhäutige Französin mit dem begehrten Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. In Deutschland wird der Roman im Juni 2010 bei Suhrkamp erscheinen).

Mit erst 42 Jahren kann Marie NDiaye auf rund 20 Romane und Novellen blicken. Ihren ersten Roman veröffentlichte NDiaye mit knapp 18 Jahren. Seitdem macht die selbstbewusste Autorin regelmäßig von sich reden.

Marie NDiaye ist die Tochter eines Senegalesen und einer Französin, dennoch hat ihre doppelte Herkunft sie nicht zu einer Suchenden nach ihrem Ursprung gemacht. NDiaye wurde in Frankreich geboren, in Pithiviers bei Orléans, wo sie auch aufwuchs. Ihren Vater lernte sie erst mit elf Jahren kennen. Sie ist – wie sie sagt – in einem einfachen Milieu erwachsen geworden.

B@T: Marie NDiaye, wie geht es Ihnen, nachdem Sie erfahren haben, dass sie den Prix Goncourt verliehen bekommen haben?

Marie NDiaye: Seit 11 Jahren hat keine Frau mehr den Prix Goncourt erhalten. Bisher wurden nur wenige Frauen ausgezeichnet. Ich freue mich natürlich sehr, als Frau diesen Preis zu erhalten. Das ist eine große Ehre. Es bedeutet mir sehr viel.

B@T: Worum geht es in ihrem Buch Trois femmes puissantes, das im Juni auch in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erscheinen wird?

Marie NDiaye: Ich wollte drei Frauen darstellen, die sehr verschieden sind. Sie haben nicht die gleichen Chancen. Sie leben völlig unterschiedliche Leben aber dennoch verbindet sie etwas. Das nur schwierig zu beschreiben ist. Sie haben große Zuversicht tiefes Vertrauen in sich selbst und ihre Menschlichkeit. Die Frau in der letzten Erzählung führt ein Leben in Not und wird häufig gedemütigt. Aber selbst sie lässt das nicht an sich heran. Sie zweifelt nie daran, wer sie ist. Diese drei Frauen durchleben Situationen, die für zwei von ihnen sehr hart sind. Die erste Frau ist in einer schwierigen Lage, obwohl diese nicht von Gewalt geprägt ist. Aber zu keinem Zeitpunkt sind die Frauen Opfer dieser schwierigen Situation. Es war mir wichtig – daher kommt übrigens der Titel, dass man die Frauen nicht als unglückliche Opfer sieht, die man bedauern muss. Man soll kein Mitleid haben. Man soll sich auch nicht mit ihnen vergleichen. Denn man will keinen Figuren gleichen. Von denen zumindest eine scheitert. Auf jeden Fall soll man als Leser stolz auf sie sein. Man soll kein Mitleid empfinden sondern Empathie oder sogar Sympathie.

B@T: Ihre Romane handelten bisher nicht in Afrika. Das ist nun anders mit Ihrem preisgekrönten Buch Trois femmes puissantes. Haben Sie mit diesem Buch ihre Wurzeln entdeckt?

Marie NDiaye: Ich schreibe zum ersten Mal über Afrika. Zumindest nenne ich Afrika namentlich Ich habe den Eindruck eigentlich nicht viel über Afrika zu sagen. Ich kenne diesen Kontinent nicht gut. Daher nähere ich mich vorsichtig an. Ich habe Angst etwas falsch zu machen, nicht völligen Unsinn zu schreiben, nicht genau zu schreiben. Es war meine Sorge, als ich dieses Buch schrieb, etwas Falsches über Afrika zu sagen. Ich habe sehr aufgepasst was ich über Afrika schreibe. Es ist das erste Mal, dass ich mich diesem Thema annähere.

B@T: Das Thema des Buches Trois femmes puissantes befasst sich mit Menschen, die sich fernab ihrer Heimat niederlassen und dort Wurzeln schlagen oder bei Rückkehr in ihre Heimat ihre Wurzeln nicht mehr finden und sie in der vermeintlichen Fremde zurückgelassen haben.

Marie NDiaye: Ich wollte von Menschen im Exil erzählen, Geschichten über diese Problematik, auch schmerzhafte Geschichten, die es gibt, egal wohin die Reise geht. Im zweiten Teil des Buches geht es um einen weißen Franzosen, der gegen seinen Willen nach Frankreich zurückkehrt. Er fühlt sich zu Hause im Exil und bedauert, dass er nicht in Afrika bleiben kann. Dort fühlte er sich sehr wohl. Dieses Problem gibt es in beiden Richtungen. Eine andere Figur versucht, nach Europa zu gelangen, weil sie in Afrika verfolgt wird. Eine Frau kommt aus Frankreich in ein ihr unbekanntes Afrika. Ich habe versucht, mehrere Arten des Exils darzustellen.

B@T: Sie leben in Berlin, also auch im Exil. Spiegeln sich ihre eigenen Erfahrungen in dem Buch wieder?

Marie NDiaye: Das Thema berührt mich sehr, wie wahrscheinlich viele von uns. Besonders wenn man sieht, was in Frankreich geschieht. Einwanderer werden abgewiesen, viele von ihnen ertrinken auf der Überfahrt. All diese schrecklichen Schicksale! Ich selbst lebe momentan in einer Art Exil. Ich wohne seit drei Jahren in Deutschland. Das ist natürlich ein luxuriöses Exil. Ein Exil in Europa., das ich gewollt und mir ausgesucht habe. Ich bin damit sehr glücklich. Trotzdem ist es ein Exil. Ich bin eine Ausländerin, die in Berlin lebt. Das spüre ich jeden Tag. Aber ich bin damit glücklich. Ich bin gern Ausländerin in Deutschland.

B@T: Was hat Ihrer Meinung nach den Erfolg des Buches Trois femmes puissantes ausgemacht, so dass Sie den renommierten Prix Goncourt erhalten haben?

Marie NDiaye: Ich schreibe mittlerweile einfacher als in jüngeren Jahren. Meine Bücher sind zugänglicher geworden. Vielleicht bin ich reifer geworden, und weiß mehr über meine Arbeit. Es gelingt mir, ein Gleichgewicht zu schaffen. Ich schreibe eine Geschichte, der man gut folgen kann aber bleibe einer Art zu schreiben treu, die ich nicht aufgeben will. Früher fiel es mir schwer, leicht verständliche Geschichten zu schreiben und dennoch einen ästhetischen, strengen Satzbau zu gebrauchen. Geschichte und Stil waren immer im Widerspruch. Heute versuche ich, beides miteinander zu verbinden und dafür zu sorgen, dass der Stil nicht das Lesevergnügen stört. Gleichzeitig darf die Geschichte nicht unter einem nachlässigen Stil leiden. Dieses Gleichgewicht gilt es zu finden.

B@T: In Ihren bisherigen Werken haben sie Realität und Magie gemischt. Ihr neues Buch ist anders.

Marie NDiaye: Ich habe immer versucht, Realismus und Magie zu mischen, Realität und Fantasie. In diesem Buch habe ich das weniger gemacht als in den vorigen. Das Thema eignete sich weniger gut. Vor allem die Geschichte der jungen Einwanderin. Es wäre mir schwer gefallen, so viel Märchenhaftes einfließen zulassen, wie ich das bisher getan habe. Das schien mir sehr schwierig und ich hatte Angst, etwas falsch zu machen. Angst, dass ich an Authentizität einbüße. Für dieses Buch war strenger Realismus notwendig. Heute kann ich mit Realismus umgehen. Früher war er mir unangenehm. Es schien mir fast unmöglich, etwas Schönes zu schreiben, wenn ich mich an die Realität halte. Heute kann ich mir das vorstellen. Es ist eine interessante Herausforderung.

B@T: Sie haben bereits den Prix Feminina gewonnen und gelten als feministische Schriftstellerin. Verfolgen Sie ein bestimmtes Konzept in ihren Büchern?

Marie NDiaye: Ich verfolge kein bestimmtes Konzept. Ich schreibe nicht aus Feminismus, Antirassismus oder welchem „ismus“ auch immer. Meine Romane haben kein solches Ziel. Ich schreibe einfach als Frau. Das ist mir sehr wichtig. Übrigens sollten alle Männer und Frauen für die Emanzipation der Frau eintreten. Diese Frage betrifft nicht nur Frauen. Diese Frage betrifft alle Menschen.

(JK 12/09)

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