Als Aufklärer und Held verehrt, als Verbrecher und
Homosexueller verfemt, träumte der große, visionäre Kelte Roger Casement von
einer freien, befriedeten Welt. Mit seiner ganzen epischen Kraft zeichnet Mario
Vargas Llosa in seinem neuen Roman Der
Traum des Kelten so schonungslos wie eindrucksvoll die inneren und äußeren
Kämpfe, das turbulente Wirken dieser umstrittenen historischen Figur nach.
August 1916, die Todeszelle eines Londoner
Gefängnisses. Roger Casement hält Rückschau auf sein abenteuerliches Leben. Er
erinnert sich an die Jahre in Afrika, als er im Auftrag der britischen
Regierung einen folgenreichen Bericht über die kolonialen Grausamkeiten im
belgischen Kongo verfasste. Und er denkt weiter zurück, an die Kindheit im
irischen Ulster, seine zwiespältige Herkunft von einem streng protestantischen
Vater und einer tiefgläubigen katholischen Mutter, die viel zu früh verstarb.
An das Jahr 1910, als Casement ins peruanische Amazonasgebiet reist, um die
grausamen Machenschaften eines Unternehmens zu dokumentieren, das mit
britischem Kapital arbeitet. Was er dort sieht und hört, bringt ihn fast um den
Verstand. Dabei wird ihm, dem inzwischen kontroversen Idealisten und
öffentlichen Aufklärer, immer dringlicher seine eigentliche Mission bewusst.
Heimlich begibt er sich nach Berlin und sucht deutsche Unterstützung für die
irische Unabhängigkeitsbewegung. Doch in den Wirren des Ersten Weltkrieges
gerät er zwischen alle Fronten. Und wird von denen verraten, die er zu lieben
glaubt…
Mario Vargas Llosa hat einen beeindruckenden Roman
geschrieben, der die Geschichte des britischen Diplomaten und Menschenrechtlers
anrührend und spannend erzählt. Dabei schafft er es neben der psychologischen
Einlassung auf die facettenreiche Figur des Roger Casement auch die Geschichte
des Kolonialismus in all seiner Ausprägung eindrucksvoll zu erzählen. Vargas Llosa
seziert die Situation, die zur Vernichtung Casements führte. Einzige Kritik,
die man anmerken mag, ist hingegen die unsouveräne Art wie Vargas Llosa die
Homosexualität seiner Figur einbringt. Das fällt bei einem so überzeugend
souveränen Werk dann geradezu ins Auge.
Mario Vargas Llosa, geboren 1936 in Arequipa/Peru,
studierte Geistes- und Rechtswissenschaften in Lima und Madrid. Bereits während
seines Studiums schrieb er für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und
veröffentlichte erste Erzählungen, ehe 1963 sein erster Roman Die Stadt und die Hunde erschien. Der
peruanische Romanautor und Essayist ist stets als politischer Autor aufgetreten
und ist damit auch weit über die Grenzen Perus hinaus sehr erfolgreich. Zu
seinen wichtigsten Werken zählen Das
grüne Haus, Das Fest des Ziegenbocks,
Tante Julia und der Kunstschreiber
und Das böse Mädchen. Vargas Llosa
ist Ehrendoktor verschiedener amerikanischer und europäischer Universitäten und
hielt Gastprofessuren unter anderem in Harvard, Princeton und Oxford. 1990
bewarb er sich als Kandidat der oppositionellen Frente Democrático (FREDEMO)
bei den peruanischen Präsidentschaftswahlen und unterlag in der Stichwahl. Daraufhin
zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Neben zahlreichen anderen
Auszeichnungen erhielt er 1996 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und
2010 den Nobelpreis für Literatur. Heute lebt Mario Vargas Llosa in Madrid und
Lima.
Der Traum des Kelten von Mario Vargas Llosa ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 12/11)

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