
Galerie Guenther
Mittwoch, 11.02.2009 20.00 Uhr
Admiralitätsstr. 71, Hamburg
Franziska Sperr liest aus ihrem Buch Das Revier der Amsel, das bei Fahrenheit erschienen ist. Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Felix Jud
Was Stoff für einen Psycho-Thriller sein könnte, ist bei ihr das Material für eine eher leise, eindrückliche Geschichte über den Zerfall einer Familie: Franziska Sperrs Roman Das Revier der Amsel ist die Chronik eines gescheiterten Lebens, über die Einsamkeit und die Abgründe einer heilen Alltagswelt.
Klara Schwartz kennt das Gefühl seit ihrer Kindheit: Auf etwas zu warten, was doch nicht eintrifft. Ausgeschlossen zu sein, nicht teilzuhaben am Leben, obwohl sie sich so sehr danach sehnt. Und so hat sie sich eingerichtet in ihrer Einsamkeit, bis das Gefühl der Leere und die Sehnsucht nach Liebe, nach Berührung sie bis zum Äußersten treibt...
Längst hat es Klara Schwartz den Boden unter den Füßen weggezogen: Ihren 42. Geburtstag verbringt sie in einer psychiatrischen Klinik, ihr Vater befindet sich im Heim und ihre Schwester verkauft das Elternhaus. Aber Klara ist geübt darin, die Enttäuschungen des Lebens durch Fantasie auszugleichen und sich in Erinnerungen zu flüchten. Da ist zum Beispiel die Erinnerung an ihren Nenn-Onkel Bert, den sie vergöttert, der aber immer nur ihre Schwester mit zum Skifahren nimmt und mit ihrer Mutter eine Affäre hat. Da sind die Erinnerungen an den Vater, an Zigarrenrauch und ein dunkles Musikzimmer, zu dem sie keinen Zugang hat. Und nicht zuletzt die Erinnerungen an den Mann, der die Liebe ihres Lebens ist und der doch nicht einmal ihren Namen kennt.
Als Klaras Fantasie mit dieser bitteren Wahrheit kollidiert, stürzt sie in einen Abgrund der Leere, der sie zum Äußersten greifen lässt: Sie entführt das Kind des Mannes und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich nicht mehr einsam: „Heute bin ich anders. Weil einer auf mich wartet. Weil ich nie mehr allein sein werde.“ Was treibt Klara zu dieser extremen Handlung? Ist es ein Akt der Liebe? Der Verzweiflung? Der Gewalt? Was von außen wie ein irrationales Verbrechen aussieht, folgt für Klara einer zwingenden Logik, die eine fatale Eigendynamik entfaltet, als das Kind beginnt, sich ihrer Kontrolle zu entziehen...
Franziska Sperr, geb. 1949, studierte Politikwissenschaft und arbeitet seit vielen Jahren als freie Journalistin, Übersetzerin und Autorin. Nach der Romanbiografie Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich. Das Leben der Franziska zu Reventlow (1995) und dem Erzählungsband Stumm vor Glück (2005) legt sie mit Das Revier der Amsel ihren ersten Roman vor. Franziska Sperr ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und lebt mit ihrer Familie am Starnberger See.
(JK 02/09)
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