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Patricio Pron: Morgen haben wir andere Namen (Rowohlt)

Im neuen Roman Morgen haben wir andere Namen von Patricio Pron, erschienen bei Rowohlt, kämpfen eine Frau und ein Mann in Madrid um die Liebe.

Sie ist erfolgreiche Architektin, er freier Schriftsteller, der mit dem Nötigsten auskommt. Im Freundeskreis galten sie jahrelang als das perfekte Paar. Doch die Technologie bestimmt immer stärker ihren Alltag, bis hin zu den intimsten Momenten. Ständig müssen Nachrichten verschickt oder beantwortet werden. Videochats auf dem Tablet ersetzen das Gespräch zu zweit. Die beiden nehmen einander gar nicht mehr richtig wahr und schlittern in eine Krise.

Patricio Pron lässt abwechselnd von ihr und von ihm erzählen. Dabei entsteht eine zweistimmige, durchaus oft widersprüchliche Analyse des Wandels von Bedürfnissen – in einer unaufhaltsam virtueller werdenden Umgebung und in einer Stadt, die sich täglich neu definiert. Er hat eine intelligente, vielschichtige Liebesgeschichte geschrieben, die zu keiner Zeit kitschig ist und zeichnet dabei das Bild einer neurotischen Großstadtgesellschaft. Die Sprünge zwischen den Perspektiven und Zeitebenen, über unerfüllte Sehnsüchte, permanentes Verlangen und großem Schmerz erfordern von den Leser*innen beim Lesen Aufmerksamkeit.

Patricio Pron erhielt für seinen hochaktuellen dritten Roman den bedeutendsten Literaturpreis Spaniens, den Premio Alfaguara de novela. In der Begründung der Jury heißt es: „In einer klaren, schonungslosen Sprache reflektiert Pron unsere Zeit und erforscht neue Formen von Gefühlen.“

Patricio Pron wurde 1975 in Rosario, Argentinien, geboren, hat in Göttingen in Romanistik promoviert und lebt heute in Madrid. 2010 wurde er in die spanische Ausgabe der „Granta“-Anthologie aufgenommen, unter die 20 besten spanischsprachigen Autoren unter 40 gewählt.

Morgen haben wir andere Namen von Patricio Pron ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 07/21)

Guillermo Martínez: Der langsame Tod der Luciana B. (Eichborn)

Ein spannender und kunstvoll konstruierter Roman über den Zufall ist Der langsame Tod der Luciana B. von Guillermo Martínez, der bei Eichborn erschienen ist.

Luciana B. ist eine schöne und intelligente Studentin. Nebenbei arbeitet sie als Sekretärin bei dem berühmten Krimiautor Kloster. Als dieser ihr eindeutige Avancen macht, zeigt Luciana ihn an und zerstört damit seine Ehe. Als dann innerhalb weniger Jahre ihr Verlobter auf rätselhafte Weise ertrinkt, ihre Eltern an einer Pilzvergiftung sterben und ihr Bruder brutal ermordet wird, steht für Luciana fest: Hinter all ihrem Unglück steht Kloster, der ihr nie verziehen hat und sich grausam rächt...

Guillermo Martínez hat einen ruhigen und überlegten Krimi geschrieben, keine Actionszenen oder grausame Verbrechen benutzt er, sondern fein geschliffene Sprache und hat somit einen wunderbaren Krimi geschrieben, der einem klassischen Erzählmuster folgt. Er baut systematisch die Spannung immer weiter auf mit geheimnisvollen Figuren und furiosem Finale.

Guillermo Martínez, geboren 1962, lebt in Buenos Aires und ist promovierter Mathematiker. Für seinen Krimi Die Oxford-Morde erhielt er 2003 den Premio Planeta; der Roman wurde in über 40 Sprachen übersetzt und 2008 fürs Kino verfilmt. Der Nachfolgeband Der Fall Alice im Wunderland wurde mit dem Premio Nadal 2019 ausgezeichnet.

Der langsame Tod der Luciana B. von Guillermo Martínez ist bei Eichborn erschienen.
(JK 07/21)

Camila Sosa Villada: Im Park der prächtigen Schwestern (Suhrkamp)

Lebensgeschichte, Roman, Märchen, Manifest: Der Roman Im Park der prächtigen Schwestern von Camila Sosa Villada, erschienen bei Suhrkamp, erzählt von der Freude am Leben gegen alle Widerstände, von Zugehörigkeit, von Befreiung und der alles entscheidenden Macht der Fantasie.

Hass verjagt Camila von zu Hause. Sie geht in die Stadt, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie feiern kann, was sie ist: trans. Sie trifft ihresgleichen, wird Teil einer Wahlfamilie aus Prostituierten und Marginalisierten. Und gemeinsam feiern sie: die Liebe, den Rausch, im Widerstand gegen eine Gesellschaft, die sie verachtet. Tief in der argentinischen Provinz ist es gefährlich, anders zu sein. Wer sich nicht einordnet, bekommt schnell Gewalt zu spüren, zuallererst vom eigenen Vater. Bei Camila war das nicht anders und es blieb nur die Flucht, nach Córdoba in die Anonymität der Stadt. Doch Camila will kein Opfer sein, sich nicht vorschreiben lassen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Im Park Sarmiento begegnet sie eines Nachts einer Schar Gleichgesinnter, schillernde Paradiesvögel, mit denen Camila fortan alles teilt: den Schnaps, die Träume, die Freier, Drogen und Demütigungen. Sie werden zu Schwestern in einem Märchen, zu Verbündeten im scheinbar aussichtslosen Kampf um Selbstbestimmung und Lebensfreude als Transsexuelle in Lateinamerika.

Der Roman ist etwas Besonderes. Die harte Realität wird gepaart mit dem magischen Realismus Südamerikas. Doppelmoral, soziale Ächtung, Gewalt und Drogen gehören zur Realität von Transfrauen weltweit, Argentinien ist da keine Ausnahme. Umso beeindruckender und kontrastierender die Wärme der Figuren, ihre Sehnsüchte und ihr Kampf um Anerkennung, um ein Leben in Würde. Der Roman begeistert und berührt zugleich.

Camila Sosa Villada, geboren 1982 in der argentinischen Provinz Córdoba, arbeitete als Prostituierte, bevor ihr mit einem selbstproduzierten Theaterstück über ihr Leben als Transsexuelle der schauspielerische Durchbruch gelang. Seither spielt sie Rollen für Film, Fernsehen und Theater und gehört zu den prominentesten Gesichtern der Trans-Gemeinde in Lateinamerika.

Im Park der prächtigen Schwestern von Camila Sosa Villada ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 05/21)

Alberto Manguel liest im Warburg Haus am Freitag, 18. Mai

Warburg Haus
Freitag, 18.05.2018  19.00 Uhr
Heilwigstr. 116, Hamburg
Eintritt: 8 Euro

Das Gewicht der Abwesenheit: Alberto Manguel stellt sein neues Buch Die verborgene Bibliothek vor, das bei S. Fischer erschienen ist.

Für Alberto Manguel sind Bücher „magische Talismane“, in denen all das geborgen ist, was die Welt ausmacht. Ihre Wirkung entfalten sie nur, wenn sie gelesen werden, dann aber beschenken sie uns mit ihrem Wissen und ihrer Poesie und tragen sich gleichzeitig in unser Leben ein. In den Landschaften der eigenen Biographie können sie von Freundschaften erzählen, von beglückenden und berauschenden Momenten, von Arroganz, Einsamkeit, Ernüchterung. Alberto Manguel zieht die „Kunst des Lesens“ deshalb dem „Handwerk des Schreibens“ vor. Auch davon erzählt er in seinem neuen Buch Die verborgene Bibliothek. Doch vor allem geht es um das Gewicht der Abwesenheit, das ihn inmitten seiner ausgeräumten Bibliothek überkam, am Wendepunk zu einem neuen, ungeplanten Kapitel seines Lebens.

Seine Bücher sind für den Universalgelehrten Alberto Manguel eine Heimat, die ihm als Ort stets verwehrt blieb. Der 1948 in Buenos Aires geborene Sohn eines Diplomaten ist kanadischer Staatsbürger, aufgewachsen in Argentinien, Israel und England, er hat als Übersetzer, Lektor und Verleger in Paris, Mailand, Tahiti, London und Toronto gelebt. „Zum Ort, der alle Orte ist“ wird ihm vor einigen Jahren eine renovierte Scheune aus dem 14. Jahrhundert in einem Dorf im Süden des Loiretals, wo er die 35.000 Bände seiner Bibliothek unterbringt. Für ihn ist sie eine Autobiographie in Büchern, in dem tausende Detektivromane ebenso ihren Platz finden wie Platon, Aristoteles und die Werke von Zola. Zum Ausgangspunkt einer Grand Tour durch reale und fiktive Bibliotheken wird sie ihm in seinem Buch Die Bibliothek bei Nacht. In seinem neuen Buch Die verborgene Bibliothek knüpft er daran an, doch das Leitmotiv des Bandes ist in eine Elegie gefasst, die vom Gewicht der Abwesenheit erzählt, das ihn inmitten seiner ausgeräumten Bibliothek überkommt, am Wendepunkt zu einem neuen, ungeplanten Kapitel seines Lebens.

Es sind „gute Geister“, die eines Tages anreisen, um beim Ein- und Wegpacken zu helfen. Dennoch bleibt das Ausräumen der Regale seiner Bibliothek für Alberto Manguel eine „Übung im Auslöschen“. Trost findet er in Don Quixote, der sich, nach dem Verlust seiner Bibliothek, seine Bücher einfach in seinem Kopf erschafft – und sich dadurch als „perfekter Leser“ erweist, weil er seine Bücher verinnerlicht. In zehn „Abschweifungen“ stimmt Alberto Manguel in dem schmalen Band, begleitend zur Elegie, jenen vielstimmigen Kanon an, den seine Bücher so lesenswert machen. Da geht es um die Frage, ob Literatur etwas zur Gesellschaft beiträgt und ob Schriftsteller unter Leidensdruck stehen müssen, damit sie große Literatur hervorbringen können. Ein Klischee, wie er ausführt. Er erzählt von der Bibliothek von Alexandria, über die wir heute so gut wie nichts mehr wissen, und von der schwierigen Kunst „des Unterscheidens zwischen faktischen Unwahrheiten und nicht unwahren Täuschungen durch Worte, durch das Alphabet“. Am Ende geht es dann schließlich um ein anderes Bibliotheksprojekt: Alberto Manguel leitet seit Herbst 2016 die argentinische Nationalbibliothek in Buenos Aires und ist damit in die Fußstapfen des großen Jorge Luis Borges getreten. Als Jugendlicher hat er dem erblindeten Bibliotheksdirektor und Schriftsteller Kurzgeschichten vorgelesen. „Es gibt Bücher, die uns überraschen, weil nach dem Kapitel, das wir für das letzte hielten, ein neuer Band anfängt“, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk über seine neue Aufgabe. Eine Überraschung beschert er auch den Lesern von Die verborgene Bibliothek nach dem letzten Kapitel: Der Band schließt mit Walter Benjamins berühmtem Essay Ich packe meine Bibliothek aus. Und mit der Hoffnung, dass uns Alberto Manguel bald auch „in die Unordnung aufgebrochener Kisten“ mitnimmt.

Die verborgene Bibliothek von Alberto Manguel ist bei S. Fischer erschienen.

Einen Veranstaltung des Antiquariat Reinhold Pabel
(JK 05/18)

Caryl Férey: Jähzorn (Limes)

Einen erschütternden Roman hat der französische Autor Caryl Férey mit Jähzorn geschrieben, der bei Limes erschienen ist.

Rubén ist der Sohn des berühmten aufständischen Dichters Calderón, der in den Verliesen der argentinischen Diktatur zu Tode gefoltert wurde. Rubén selbst entkam nur knapp, doch er ist fürs Leben gezeichnet. Dreißig Jahre später widmet er sich der Verfolgung der damaligen Täter und sucht nach anderen Überlebenden wie ihm. Als er eines Tages der indianischen Bildhauerin Jana begegnet, die ihn damit beauftragt, die brutalen Mörder einer Prostituierten zu finden, ändert sich sein Leben für immer – denn beide verbinden sowohl Schmerz als auch Wut. Doch im heutigen wie im damaligen Argentinien ist es nie gut, zu viele Fragen zu stellen, denn der Tod und seine Henker lauern überall…

Caryl Férey gehört zu den besten Thrillerautoren Frankreichs und stellt dies auch mit diesem Buch unter Beweis. Sein Roman ist die Geschichte eines Kampfes, von Namenlosen gegen ihre Peiniger. Doch Caryl Férey teilt nicht einfach ein in Gut und Böse. Diese Antipoden scheinen in Argentinien, über dessen historische Fehler, politische Evolution und ethnische Komplexität er schreibt, verschwunden zu sein. Ohne jegliche Faszination für das Böse, sondern durch das Näherbringen des Themas, lässt Caryl Férey seine Figuren mitten durch ein Trümmerfeld spazieren, das unsere Welt darstellt. Gewalt ist niemals ohne Kosten und der Autor hält sich zurück, eine moralische Lektion geben zu wollen. Der Leser selbst wird buchstäblich durch die beschwörende Kraft dieses bewegenden Romans gepackt. NDR Info urteilte: „Carl Férey entwirft unter dem Deckmantel Thriller ein großartig erzähltes Sittengemälde der argentinischen Gesellschaft und deren unbewältigter Vergangenheit. Jähzorn ist so wuchtig wie erschütternd – und natürlich superspannend!“

Caryl Férey, geboren 1967, lebt in Paris. Für seine preisgekrönten Romane ist er um die ganze Welt gereist – von Neuseeland bis nach Südafrika. Sein Thriller Zulu wurde mit zehn Literaturpreisen ausgezeichnet und 2014 mit Orlando Bloom und Forest Whitaker verfilmt. Sein neuer Thriller Jähzorn war wochenlang im Top-10 der französischen Bestsellerliste und wurde ebenfalls weltweit übersetzt.

Jähzorn von Caryl Férey ist bei Limes erschienen. 
(JK 01/16)

3. Abend des Debütantensalons mit Stefan Ferdinand Etgeton und Juan S. Guse

7. Harbour Front Literaturfestival
Nochtspeicher
Dienstag, 15.09.2015   19.00 Uhr 
Bernhard-Nocht-Str. 69, 20359 Hamburg
Eintritt: 10  Euro

Debütantensalon, 3. Abend: Stefan Ferdinand Etgeton liest aus seinem Roman  Rucksackkometen, der bei C.H.Beck erschienen ist und Juan S. Guse liest aus seinem Roman  Lärm und Wälder, der bei S. Fischer erschienen ist. Jan Ehlert moderiert.

Stefan Ferdinand Etgeton entlässt in seinem Debütroman Rucksackkometen Fiete und seinen Freund auf Europatour. Die Poesie ist  neben atemberaubendem Witz und Tempo die eigentliche Entdeckung dieses Romans.
Höchstes Lob von Clemens Meyer für Stefan Ferdinand Etgeton, der 2014 den MDR-Literaturpreis gewann. Jury-Sprecher Meyer lobte Etgetons Sprachwitz und schwärmte von einem „Wortkunstwerk". Jetzt präsentiert der Autor seinen ersten Roman Rucksackkometen um zwei moderne Taugenichtse: Jann Spille und Fiete zieht es hinaus in die Fremde. Weshalb sollen wir uns eigentlich immerfort ändern? Könnte man damit nicht auch mal ganz woanders anfangen – bei Europa zum Beispiel? Das hätte eine Veränderung doch auch bitter nötig! So jedenfalls sieht es der frisch promovierte, seinem eigenen Leben gegenüber leicht ratlose Fiete. Und geht mit seinem Freund Jann Spille auf große Tour, mit klassischer Philosophie wohlbewaffnet, voller Neugier, zu allem entschlossen. Trampend legen diese Taugenichtse des 21. Jahrhunderts größte Umwege durch Südosteuropa zurück, immer wieder aufgehalten durch Liebe und Arbeit. Bis sich ausgerechnet vor der Akropolis enthüllt, dass sie ja alles, wonach sie suchen, schon bei sich haben: Ein ganzes Universum steckt in Fietes Rucksack, sogar Kometen! Die Poesie ist, neben atemberaubendem Witz und Tempo, die eigentliche Entdeckung dieses Romans. Zwar bleibt Europa am Ende unverändert, doch hat Fiete die Liebe gefunden – in Hamburg, bei Josie Voss.

Stefan Ferdinand Etgeton, 1988 im westfälischen Bergbaustädtchen Mettingen geboren, studierte Volkswirtschaftslehre in Köln, Warschau, Utrecht und Berlin. Gegenwärtig promoviert er in Berlin über Sozialpolitik und den Arbeitsmarkt. Beim MDR-Literaturwettbewerb 2014 erhielt er den Jury- und den Publikumspreis.

Juan S. Guse beschreibt in Lärm und  Wälder eine Gesellschaft in Alarmbereitschaft und erzählt von Orten der Leere und Hysterie, an denen die Lebensentwürfe seiner Figuren zu scheitern drohen.
Gated Communitys, Prepper und freikirchliche Prediger. Ein schwindelerregender Roman über die Zukunft, in der wir längst leben. Die Sicherheitsvorkehrungen in Nordelta wurden erhöht. Reiterstaffeln patrouillieren durch die Straßen, die Wachmänner tragen letale Waffen. Seit zehn Jahren wohnt Pelusa mit ihrer Familie in der Gated Community nördlich von Buenos Aires. Nach ihrer Zeit in den Anden genießt sie das sichere Zusammenleben mit den freundlichen Nachbarn. Doch als gewaltsame Unruhen Nordelta zu erreichen drohen, entwickelt sich unter den Bewohnern ein Klima der Angst. Während Pelusas Mann Hector vom Bau unterirdischer Bunker träumt, hat ihr Sohn Henny längst Pläne für eine Mondbasis zur Rettung der Menschheit entworfen.

Juan S. Guse, geboren 1989, studiert derzeit Literaturwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Er erhielt u.a. das Aufenthaltsstipendium der Walter Kempowski Stiftung und das Arbeits­stipendium des Landes Niedersachsen.

Lärm und  Wälder von Juan S. Guse ist bei S. Fischer erschienen. Rucksackkometen von Stefan Ferdinand Etgeton ist bei C.H.Beck erschienen. 

María Sonia Cristoff am Dienstag, 17. September, beim Harbour Front Literaturfestival

Harbour Front Literaturfestival 2013
Instituto Cervantes im Chilehaus
Dienstag, 17.09.2013  20.00 Uhr
Fischertwiete 1, Eingang B, 20095 Hamburg
Preis: 14,00 €  

Brillen und Nasenbeine gehen entzwei. Dann Lebensentwürfe: María Sonia Cristoff stellt ihren Roman Unter Einfluss  vor, der bei Berenberg erschienen ist. Michi Strausfeld moderiert,  Milena Laras liest den deutschen Text.

Zwei Menschen stoßen zusammen, irgendwo in Buenos Aires. Und zwar so, dass es kracht. Nicht nur Brillen und Nasenbeine gehen entzwei, auch Lebensentwürfe. Tonia und Cecilio, denen dieses Missgeschick widerfährt, wandern fortan gemeinsam mit großer Geschwindigkeit durch die Stadt, ohne dass sich die Beobachter dieser seltsamen Beziehung einen Reim darauf machen könnten. Er, der Künstler, begreift diese Spaziergänge als Meisterwerke, während das Hinterherlaufen für sie, Tochter einer Galeristin und hypergebildete Stubenhockerin, die Möglichkeit birgt, sich endlich selbst abhanden zu kommen. Und so ist sie denn auch plötzlich verschwunden, während ihre Mutter und ihre Freundinnen über ihre Hinterlassenschaften rätseln.

Die 1965 in Bruce Chatwins Patagonien geborene, in Argentinien gefeierte María Sonia Cristoff präsentiert mit leichter Hand und großem Herzen einen ebenso klugen wie komischen Großstadtroman. Und wie im Vorübergehen setzt sie noch einen spitzzüngigen Seitenhieb auf die Allüren des internationalen Kunstbetriebs. Cristoff legt ein eindrucksvolles Talent an den Tag.

María Sonia Cristoff geboren 1965 in Trelew, Patagonien, studierte Literatur in Buenos Aires, wo sie auch heute lebt. Ihre Beiträge erscheinen in verschiedenen argentinischen Zeitungen und literarischen Magazinen, und sie unterrichtet Patagonische Literatur sowie Kreatives Schreiben. Reisen und die Beschäftigung mit nicht fiktiver Literatur sind zentrale Elemente ihrer Arbeit als Schriftstellerin.

Unter Einfluss  von María Sonia Cristoff ist bei Berenberg erschienen.
(09/13)

Eduardo Sacheri: In ihren Augen (Bloomsbury Berlin)

Vom argentinischen Autor Eduardo Sacheri hat Bloomsbury Berlin seinen Roman In ihren Augen veröffentlicht.

Buenos Aires, 30. Mai 1968. Eine junge Frau wird vergewaltigt und erschlagen. Dem Justizbeamten Benjamín Chaparro gelingt es, den Mörder zu überführen, der Fall scheint abgeschlossen – bis die Militärjunta sich einmischt. Fünfundzwanzig Jahre später, im Ruhestand, beschließt Chaparro, die Ereignisse von damals in einem Buch zu verarbeiten – ohne zu ahnen, wie sehr ihn die Vergangenheit noch einmal einholen wird.

Sacheri erzählt eine einfache Geschichte mit starken Bildern. Der Autor hält die Geschichte geschickt bei Atem, entwickelt Szenen mit großen Spannungsmomenten. Er legt den Finger auf die wunden Stellen der argentinischen Gegenwart in Bezug auf die Frage von Amnestie und lebenslanger Haft. Klug, warmherzig und mit einem feinen, selbstironischen Unterton erzählt Eduardo Sacheri seine packende Geschichte über Gewalt, Obsessionen und die Verstrickungen von Justiz und Politik. Es ist aber auch die Geschichte über Liebe: gekränkte Liebe, freundschaftliche Liebe. Und eine Liebe, die über den Tod hinaus währt.

Eduardo Sacheri wurde 1967 in Buenos Aires geboren. Er ist Professor für Geschichte und unterrichtet an Universitäten und Gymnasien. Mitte der 1990er Jahre las der Radiomoderator Alejandro Apo drei Erzählungen des bis dato unbekannten Autors in seiner Sendung Todo con afecto vor. Das Publikum fragte begeistert, wo es diese und andere Geschichten nachlesen könne. So erschien im Jahr 2000 der Erzählungsband Esperándolo a Tito, von dem bis heute mehr als 30 000 Exemplare verkauft wurden. Es folgten zwei weitere Erzählbände sowie die beiden Romane La pregunta de sus ojos (verfilmt von Juan José Campanella und im März 2010 mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet) und Aráoz und die Wahrheit.

In ihren Augen von Eduardo Sacheri ist bei Bloomsbury Berlin erschienen.
(JK 12/12)

Patricio Pron am Montag, 22. April, bei den Vattenfall Lesetagen 2013


Vattenfall Lesetage
Instituto Cervantes Chilehaus
Montag,  22.04.2013  19.00 Uhr
Eingang B Fischertwiete 1, 20095 Hamburg
Eintritt: 7 Euro

Patricio Pron liest aus seinem Roman Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, der bei Rowohlt erschienen ist. Isabel Navarro moderiert.

Weil sein Vater im Krankenhaus liegt, kehrt ein junger Mann aus Deutschland nach Argentinien zurück. Er wohnt wieder daheim, wie in seiner idyllischen Kindheit. Im Schreibtisch des Vaters entdeckt er jedoch Dokumente, die eine ihm unbekannte Vergangenheit enthüllen. Er findet heraus, dass seine Eltern während der argentinischen Militärdiktatur politisch aktiv waren und sich an gefährlichen Aktionen beteiligten. Seine Familie erscheint in neuem Licht. Ihm wird bewusst, dass die Eltern für all jene Freiheiten gekämpft haben, die er heute so selbstverständlich genießt.

Patricio Pron wurde 1975 in Rosario, Argentinien, geboren, hat in Göttingen in Romanistik promoviert und lebt heute in Madrid. Für seine Erzählungen erhielt er 2004 den Juan Rulfo Short Story Prize. 2010 wurde er in die spanische Ausgabe der Granta-Anthologie aufgenommen, unter die 20 besten spanischsprachigen Autoren unter 40 gewählt.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf von Patricio Pron ist bei Rowohlt erschienen.


Die Lesung ist eine Veranstaltung im Rahmen der Vattenfall Lesetage 2013.
(JK 04/13)

Rodolfo Walsh: Wer erschoss Rosendo Garcia? (Rotpunktverlag)


Einen politischen Kriminalroman des argentinischen Schriftstellers Rodolfo Walsh hat der Rotpunktverlag mit dem Buch Wer erschoss Rosendo Garcia? veröffentlicht.

Ein Wortgefecht zwischen gewerkschaftlichen Aktivisten im Restaurant La Real im Stadtteil Avellaneda von Buenos Aires mündet in eine Schießerei mit drei Toten und mehreren Verletzten. Die Sache wird von den Ermittlungsbehörden vertuscht, verdreht und schließlich ad acta gelegt. Walsh entwirrt bei seinen Recherchen den Knäuel der Ereignisse. Im Vordergrund steht der Glücksritter Rosendo García, einer der drei Toten, der ins Kreuzfeuer geraten war. Im Wesentlichen aber geht es um das Drama der peronistischen Gewerkschaftsbewegung der 1960er Jahre, in dessen Zentrum der allmächtige, korrupte Gewerkschaftsboss Agustín Vandor, ein Rechtsperonist, steht und wirkt – ohne ihn läuft gar nichts. Hatte er auch mit dem Gewaltexzess im La Real zu tun?

Nach Das Massaker von San Martín ist Wer erschoss Rosendo Garcia? der zweite „dokumentarische Roman“ von Rodolfo Walsh, der auf minutiösen journalistischen Recherchen beruht und sich liest wie ein politischer Kriminalroman. Dieser Roman erschien 1968 und sorgte in Argentinien für viel Unruhe. Walsh beschränkt sich nicht nur auf das Ereignis selbst, sondern dokumentiert auch die Auswirkungen, die direkten Eingriffe der Politik in die Geschichte. Walsh verzichtet in dem Buch anders als in San Martín auf das Kitten von Rissen und Versöhnung. Er betreibt eine bewusste Politik der Denunziation. Walsh erzählt gekonnt die Geschichte aller Teilnehmer der Schießerei im Wechsel mit den Vorfällen des Scharmützels. Walsh macht kein Geheimnis aus seinen Sympathien. Er führt die Polizei vor, die in voller Absicht den Tathergang manipulierte und entstellte. Er prangert die Rolle der Presse an, die aus Opfern Täter machte. In diesem Sinne will das Buch zwei Dinge erreichen: Erstens, die Komplizenschaft der Richter, Politiker und Polizei zu denunzieren, die sich unter Agustín Vandor schadlos hielten, und zweitens, um zu beweisen, dass das Interesse an der Rettung des Gewerkschaftsführer die Absicht hatte, die Arbeiterbewegung in Schach halten zu können.

Der Schriftsteller und Journalist Rodolfo Walsh wurde 1927 in der Provinz Río Negro geboren und war ein Abkömmling irischer Einwanderer. Er wurde am 25. März 1977 von Sicherheitskräften in einen Hinterhalt gelockt und entführt. Er gehört seither zu den zahlreichen „Verschwundenen“ Argentiniens. Seine Werke gelten heute als Klassiker der modernen argentinischen Literatur.


Wer erschoss Rosendo Garcia?  von Rodolfo Walsh ist im Rotpunktverlag erschienen.
(JK 06/12)

Alan Pauls: Geschichte der Haare (Klett-Cotta)


Von dem argentinischen Autor Alan Pauls ist bei Klett-Cotta mit Geschichte der Haare ein ungewöhnliches Buch erschienen.

Ob kurz, lang oder rasiert, ob ungekämmt, gegelt, mit Seiten­ oder Mittelscheitel oder als Afrolook - in der Suche nach dem perfekten Haarschnitt scheint sich die Sehnsucht des Erzählers nach einem geordneten Leben zu spiegeln. Aber jedes Mal, wenn die Frisur sich auswächst, droht wieder alles aus den Fugen zu geraten. Bis Celso auftaucht, ein genialischer und zugleich kleptomanischer Friseur, der durch seine Frisierkunst verspricht, den Traum von der ewigen Jugend Wirklichkeit werden zu lassen. Die Utopie eines ewig unveränderlichen Haars ist jedoch die Perücke, und eine solche führt uns geradewegs in eines der finstersten Kapitel der argentinischen Geschichte.

Die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist ein vertrauter Ort für den Autor. Diese Schwelle beschreitet er wie bei einer Gratwanderung. Geschichte der Haare ist der zweite Teil einer Trilogie, die mit der Geschichte der Tränen begann. Die Trilogie beschäftigt sich mit den 70er Jahren in Argentinien und deren politischer Polarisierung. Er bereicherte damit in Argentinien die Debatte und Auseinandersetzung mit der Zeit der Diktatur. Vier Protagonisten mit unterschiedlicher Herkunft sind die zentralen spannenden Figuren. Scheint sich zuerst alles nur um die Äußerlichkeiten, nämlich Haaren, zu drehen, enthüllt Alan Pauls nach und nach, worum es ihm tatsächlich geht. Er hat einen exzentrischen Roman mit großer Strahlkraft über ein Jahrzehnt der Hoffnungen, Versprechen, Enttäuschungen und Versagen geschrieben.

Alan Pauls, geboren 1959 in Buenos Aires, hat Literatur gelehrt, daneben Drehbücher, Filmkritiken, Essays und sechs Romane geschrieben. Er arbeitet als Kulturkolumnist für eine große Tageszeitung und moderiert eine Fernsehsendung. Sein Werk ist bisher in 14 Sprachen übersetzt worden.

Geschichte der Haare von Alan Pauls ist bei Klett-Cotta erschienen.
(JK 06/12)

Claudia Piñeiro: Der Riss (Unionsverlag)


Aus der Sicht eines Mannes, eines Architekten hat die argentinische Autorin Claudia Piñeiro ihr neues Buch Der Riss geschrieben, das im Unionsverlag erschienen ist.

Was kostet es, das Ruder noch einmal herumzureißen und die eigenen Träume leben zu wollen? Seit zwanzig Jahren sitzt Pablo Simó im selben Architekturbüro und schafft den Absprung nicht. Ebenfalls zwanzig Jahre dauert seine Ehe mit Laura, mit der ihn nur noch die Gewohnheit und die gemeinsame, pubertierende Tochter verbindet. Als unerwartet eine junge Frau ins Büro kommt und nach Nelson Jara fragt, enthüllt sich allmählich ein Geheimnis, in das Simó ebenso verwickelt ist wie sein Chef und eine Arbeitskollegin. Das aufgetauchte Mädchen bringt das prekäre Gleichgewicht von Simós Leben ins Schwanken. Und eine nach der anderen entgleiten ihm die Gewissheiten, die ihn bis zu diesem Augenblick getragen haben.

Claudia Piñeiros Bücher sind nur schwer einem Genre zuzuordnen. Gerne wird sie als Krimiautorin bezeichnet, ihre Bücher sind jedoch eigentlich keine Krimis. Es kommt zwar zu einem Mord in ihren Büchern, aber der hat meistens eine ganz bestimmte Wirkung und die Aufklärung steht nicht in erster Linie im Vordergrund. In ihrem neuen Buch geht es um eine Midlife-Crisis und sie geht mit der argentinischen Mittelschicht hart ins Gericht. Als Projektionsfläche hat sie die windige Immobilienbranche gewählt. Der Riss ist zwar auch an den Gebäuden zu erkennen, markiert aber vor allem den Einschnitt in das Leben des Helden. Je länger das Buch voranschreitet desto mehr kommt aber auch eine unterschwellige Spannung auf, die den Leser nicht mehr loslässt. Man will wissen, was denn tatsächlich geschah und so ist sie dann doch wieder eine Krimiautorin, die aber dann am Ende mit einem humorvollen Ende wieder schwer einzuordnen ist. Aber das ist gerade der Reiz der Bücher von Claudia Piñeiro.

Claudia Piñeiro, Shootingstar der argentinischen Literatur, wurde 1960 in Buenos Aires geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Ihr Debütroman Ganz die Deine kam 2003 in die Endauswahl für den Premio Planeta, und für ihren zweiten Roman Die Donnerstagswitwen erhielt sie 2005 den Premio Clarín. Für ihren dritten Roman Elena weiß Bescheid wurde sie mit dem LiBeraturpreis 2010 ausgezeichnet. Ihre Romane sind auf den Bestsellerlisten zu finden und werden in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt.

Der Riss  von Claudia Piñeiro ist im Unionsverlag erschienen.
(JK 12/11)

Mariano Hamilton: Falsches Spiel (btb)


Mit seinem Debütkrimi Falsches Spiel hat es der argentinische Autor Mariano Hamilton auf Anhieb geschafft, auf die Finalliste für den renommierten argentinischen Literaturpreis Premio Planeta zu gelangen. Btb hat den Krimi nun als Taschenbuch auf Deutsch herausgebracht.

Buenos Aires: Roque Centurión, der sich als Privatdetektiv kaum über Wasser halten kann, dafür aber bei Frauen umso mehr Erfolg hat, erhält endlich wieder einen lukrativen Auftrag. Ein wohlhabendes Ehepaar bittet ihn, ihre Tochter Carla zu finden, die seit Monaten nicht mehr nach Hause gekommen ist. Zuerst glaubt Roque an ein Verschwinden harmloser Natur, immerhin war Carla nicht so ein Unschuldslamm wie ihr Vater aussagte; doch als kurze Zeit später Carlas Freund Marcelo ermordet wird, erscheint der Fall in einem ganz anderen Licht.

Mariano Hamiton hat keinen geradlinigen Krimi geschrieben, sondern folgt einer in Lateinamerika beliebten Art, die Handlung nicht immer natürlichen Gesetzen folgen zu lassen. Diese ungewohnte Art kann europäische Leser mitunter verwirren, da Zusammenhänge nicht immer stringent zu erkennen sind. In dieser Form ist der Krimi eine Entdeckung und ein Nachhall auf den argentinischen Buchmessenauftritt.

Mariano Hamilton, 1961 in Buenos Aires geboren, arbeitet seit zwanzig Jahren als Journalist für verschiedene argentinische Zeitschriften. Falsches Spiel ist sein Debütroman – ein Krimi, mit dem er es auf Anhieb unter die Finalisten für den renommierten Premio Planeta schaffte. Mariano Hamilton schreibt zurzeit am zweiten Roman der Serie mit seinem Ermittler Roque Centurión. Der Autor lebt in Buenos Aires.

Falsches Spiel von Mariano Hamilton ist bei btb erschienen.
(JK 11/11)

Carlos Salem: Wir töten nicht jeden (dtv)


Eine durchgeknallter Krimigroteske präsentiert uns der argentinische Autor Carlos Salem in seinem Buch Wir töten nicht jeden, das bei dtv erschienen ist.

Ein heißer Sommer. Ferienzeit. Pharmavertreter Juan Pérez Pérez freut sich auf vier Wochen Strand mit seinen Kindern. Doch just vor der Abreise erklären ihm seine Chefs, dass sein Urlaubsziel stattdessen ein FKK-Campingplatz am Meer sei. Juan Pérez Pérez kann sich ihnen nicht widersetzen – denn er hat eine zweite Persönlichkeit, von der sonst niemand weiß: Er ist die Nummer 3 einer internationalen Killer-Organisation. Wie üblich gibt man ihm die Autonummer des Opfers. Das bringt den hochkarätigen Killer in die Bredouille: Es handelt sich um den Wagen seiner Ex, der Mutter seiner Kinder. Warum hat man sie im Visier? Oder soll ihr Lover sterben? Oder will man etwa ihn, die erfolgreiche Nummer 3, ausschalten?

Es geht drunter und drüber in diesem Krimi. Wenn man glaubt es geht nicht noch verrückter, legt der Autor noch eine Schippe nach. Der Krimi spiegelt ein südländisches Chaos wieder, das den skandinavischen Krimis fremd ist. Spannung garniert mit einer durchgeknallten Handlung ist Carlos Salems Rezept für gute Unterhaltung.

Carlos Salem, 1959 in Buenos Aires geboren, arbeitete nach dem Publizistikstudium für diverse Fernsehprogramme und jobbte nebenbei als Kellner, Taxifahrer, Buchhändler, Hotelportier, Werbegestalter, Radiosprecher, Drehbuchschreiber, Pizzabäcker und Vertreter für Mittel zur Kakerlakenbekämpfung. 1988 wanderte er nach Spanien aus, wo er zunächst für diverse Print- und TV-Medien arbeitete. Neben einigen Erzählungs- und Gedichtbänden hat er bisher fünf Romane veröffentlicht. Wir töten nicht jeden, sein zweiter Krimi, erhielt den Premio Novepol für den besten 2008 veröffentlichten Krimi und in Frankreich den Prix Paris Noir 2010. Seit 2000 lebt Carlos Salem in Madrid.

Wir töten nicht jeden von Carlos Salem ist bei dtv erschienen.
(JK 07/11)

Matías Néspolo: Argentinien zu Gast beim Harbour Front Literaturfestival

Harbour Front Literaturfestival 2011
Instituto Cervantes im Chilehaus
Freitag, 23.9.2011   20.00 Uhr
Fischertwiete 1, Eingang B
Preis: 12,00 €

Argentinien zu Gast in Hamburg. Matías Néspolo liest aus seiner Erzählung Unannehmlichkeiten, die in der Anthologie Schiffe aus Feuer. 36 Geschichten aus Lateinamerika bei S. Fischer erschienen ist. Michi Strausfeld moderiert und Stephan Benson liest den deutschen Text.

Es rumort in der Literatur Lateinamerikas. Junge Autoren erobern die Zukunft zurück – sie wollen sich abheben von den großen Literaten ihres Kontinents, um sich neuen Themen zuzuwenden. Ein Schriftsteller dieser Generation ist der Argentinier Matías Néspolo. 1975 geboren, lebt er seit 2001 als Journalist in Barcelona. 2005 veröffentlichte er einen ersten Gedichtband Antología seca de Green Hills, 2006 seine erste Erzählung Sobras completas und schließlich 2009 seinen ersten Roman Siete formas de matar un gato. Im Deutschen ist seine Erzählung Unannehmlichkeiten in dem von Michi Strausfeld herausgegebenen Band Schiffe aus Feuer. 36 Geschichten aus Lateinamerika veröffentlicht worden, „eine interessante und neugierig machende Anthologie, die nebenbei mit einigen Klischees aufräumt“, urteilt hronline.

36 Schiffe in Flammen – das sind 36 Geschichten aus Lateinamerika, von Feuerland bis Mexiko, von Santiago de Chile bis in die Bronx. Die hispanoamerikanische Literatur sprengt längst alle Grenzen und Klischees: Der vielbeschworene magische Realismus ist ihr ein alter Hut, die normierte Literatur ein Graus, und ihre Helden heißen Borges und Bolaño.

In 36 Geschichten präsentieren uns Autoren, wie die Literatur ihres Kontinents in den nächsten Jahren aussehen wird. Die intensive Vielfalt ihrer Themen zeigt uns, wie der Alltag in Lateinamerika heute wahrgenommen wird. Politisches Engagement ist ihnen kein intellektueller Luxus, sondern eine Notwendigkeit, Freiheit keine Sache der Meinung, sondern eine Frage des Überlebens.

Die Anthologie Schiffe aus Feuer. 36 Geschichten aus Lateinamerika mit Matías Néspolos Erzählung  Unannehmlichkeiten ist bei S. Fischer erschienen.

Leopoldo Brizuela: Nacht über Lissabon (Insel)

Im Mittelpunkt des Romans Nacht über Lissabon des argentinischen Autors Leopoldo Brizuela, der bei Insel erschienen ist, steht eine Nacht, in der sich das Schicksals mehrerer Menschen entscheidet.

Lissabon in einer Novembernacht 1942. Portugal hat ein britisches Ultimatum erhalten, in den Krieg einzutreten, doch der Machthaber Salazar zögert, noch liebäugelt er mit der faschistischen Achse. Angst vor dem Einmarsch der Nazis oder der Bombardierung durch die Alliierten bemächtigt sich der Stadt, die von Fremden wimmelt: Diplomaten in geheimer Mission, Spione beider Seiten, jüdische Flüchtlinge aus ganz Europa. Deren Hoffnung richtet sich auf die Boa Esperança, das letzte Schiff, das die Rettung vor der Deportation in die Konzentrationslager verspricht. In dieser angespannten Lage, wo jeder jeden verdächtigt, bangt der argentinische Konsul um die Ankunft einer großen Hilfslieferung aus Buenos Aires – er weiß nur zu gut, welch gefährlichen Auftrag er damit verfolgt und warum er sich darauf eingelassen hat. Und ist es nicht der blutjunge, undurchsichtige Ricardo de Sanctis, „Auserwählter“ des Lissabonner Kardinals, der in Wahrheit die Fäden zieht? Unterwegs in der Nacht ist auch der von seinen eigenen Dämonen getriebene Sekretär der Gesandtschaft; er soll seine Landsleute, die Tangokünstler Enrique Santos Discépolo und seine Ehefrau Tania, sicher durch die von Gerüchten aufgewühlte Stadt begleiten. Aber die beiden haben ihre eigenen Pläne, die nicht ans Licht wollen. Noch vor Mitternacht verlassen sie das Fadolokal Gondarém am Hafen, wo sich gegen alle Furcht die Lebenslust aufbäumt.

Sie alle, Akteure und Mitgerissene, tragen in dieser Nacht ihre Geheimnisse mit sich, ihre Ängste und Begierden, suchen Ohren für ihre Bekenntnisse, ringen mit ihren alten Geschichten. Schließlich explodiert auf der Boa Esperança eine Bombe, und die Ereignisse überstürzen sich.

Leopoldo Brizuela hat diesen vielschichtigen Roman sehr gut strukturiert, denn auf den mehr als 700 Seiten passiert eine ganze Menge und viele Personen ziehen ihre Strippen in dieser Nacht. Star der Nacht ist jedoch zweifelsohne Lissabon, die vibrierende Stadt in jener Zeit, wo in dieser Nacht der schwermütige Fado eine Liaison eingeht mit dem dramatischen Tango. Brizuela hat einen beeindruckenden und faszinierenden Roman geschrieben.

Leopoldo Brizuela wurde 1963 im argentinischen La Plata geboren. Er arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer und ist Autor mehrerer preisgekrönter Romane und Erzählbände. 1999 wurde er für seinen Roman Inglaterra mit dem argentinischen Literaturpreis Premio Clarín ausgezeichnet. Er lebt in seiner Geburtsstadt La Plata.

Nacht über Lissabon von Leopoldo Brizuela ist bei Insel erschienen.
(JK 10/10)

Raúl Argemí: Und der Engel spielt dein Lied (Unionsverlag)

Der Roman Und der Engel spielt dein Lied des argentinischen Autors Raúl Argemí, erschienen im Unionsverlag, spielt im Milieu der Drogenmafia in Buenos Aires.

Im Jahr 1978, als Argentinien die Fußballweltmeisterschaft ausrichtet, beauftragt der Polaco, ein Chefmafioso mit Stilettaugen, den Negro, Drogen über die chilenische Grenze zu schaffen. Der Auftrag scheint leicht, vor allem weil der Transport von den Militärs gedeckt wird. Doch der Negro hat kein Glück, und die Mission wird zum Debakel. Die Dinge verkomplizieren sich erst recht, als Irma auftaucht, eine Frau wie ein Raubtier, durch die sich die Schicksale von Negro und Polaco auf unheilvolle Weise miteinander verknüpfen.

Und der Engel spielt dein Lied ist ein virtuos konstruierter Spannungsroman, der geschickt mit Vorblenden und Rückblenden arbeitet. Für die Beschreibung der Zustände im Gefängnis kann Raúl Argemí auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, denn während der Militärdiktatur war er zehn Jahre inhaftiert. Die Idee zu diesem Roman kam ihm auch während seiner Inhaftierung. Im Gefängnis lernte er Mitinsassen kennen, die sich um die politische Situation nicht kümmerten, aber diese zur Kenntnis nahmen, weil sie ihre Geschäfte betraf. Aus dieser Gemengelage zwischen Politik und kriminellen Geschäften nährt sich sein Krimi. Und gerade diese Verquickung macht den Reiz aus.

Raúl Argemí wurde 1946 in La Plata, Argentinien, geboren. 1974 wurde er verhaftet und verbrachte die Jahre der Militärdiktatur im Gefängnis. Nach seiner Freilassung 1984 arbeitete er als Redakteur in Patagonien und veröffentlichte 1996 seinen ersten Roman. Im Jahr 2000 zog er nach Spanien. Seither verfasste er sechs weitere Romane, die mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurden. Raúl Argemí zählt zu den markantesten Gegenwartsautoren Lateinamerikas.

Und der Engel spielt dein Lied von Raúl Argemí ist im Unionsverlag erschienen.
(JK 10/10)

Sergio Olguín: Springfield (Suhrkamp)

Der neue Roman Springfield des argentinischen Autors Sergio Olguín ist eine Mischung aus Abenteuerroman und Roadmovie, in dem Sergio Olguín augenzwinkernd den American Way of Life betrachtet. Erschienen ist Springfield als Taschenbuch bei Suhrkamp.

Die drei Freunde aus der Traummannschaft sind zurück: Ariel, Pablo und Ezequiel, inzwischen Teenager, brechen zu einem Schüleraustausch nach Springfield, Illinois, auf. Doch was ein lehrreiches Jahr an der High School werden sollte, wird für die drei Argentinier zu einem turbulenten Abenteuer, in dem ein ermordeter Chemielehrer, eine indianische Mitschülerin, eine verschwundene Festplatte und die legendäre Route 66 eine Rolle spielen. Und nicht zuletzt geht es um die geheime Rezeptur von Coca-Cola…

Sergio Olguín lässt seine Helden zu einer Amerikareise aufbrechen. Interessanterweise war der Autor noch nie in den USA. Dies allein ist schon skurril, da er mit dem American Way of Life abrechnet. Die Geschichte ist flott geschrieben mit viel augenzwinkerndem Humor, rutscht aber durchaus auch ins Plakative ab.

Sergio Olguín, 1967 geboren, lebt in Buenos Aires. Er studierte Literatur und arbeitet neben seiner Schriftstellertätigkeit als Journalist.

Springfield von Sergio Olguín ist bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen.
(JK 10/10)