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Guillermo Arriaga: Der Wilde (Klett-Cotta)

Guillermo Ariagas Roman
Der Wilde ist die eine Geschichte von Schuld und Rache.

Juan Guillermo kennt Mexiko-City besser als jeder andere. Mit seinen Freunden streift er durch sein Viertel, gewinnt Mutproben über den Dächern der Stadt und hält die Direktorin der Schule auf Trab. Sein großes Idol dieser unbeschwerten Tage ist sein großer Bruder Carlos. Ein belesener und geschäftstüchtiger junger Mann, der für Juan unantastbar zu sein scheint. Dann wird Carlos ermordet und Juan muss sich der grausamen Frage stellen, ob er seinen Tod hätte verhindern können. Er sinnt auf Rache, doch erst die Schicksalsgemeinschaft mit der schönen Chelo und einem gefährlichen Wolf zeigt ihm einen Weg aus dem Strudel von Verzweiflung und Gewalt. Guillermo Arriaga erschafft ein Epos der menschlichen Abgründe, aus dem in dunkelster Nacht die Menschlichkeit hervorbricht.

Guillermo Arriaga liefert eine Milieustudie, die viele Facetten liefert, und einen Erzählrhythmus besitzt, auf den man sich einlassen muss. Wie bei lateinamerikanischen Autoren typisch verwendet er eine bildhafte Sprache, die Einblicke in die mexikanische Mentalität bietet. Grausamkeiten, Korruption, viele Emotionen und Kitsch beherrschen das Leben und kommen genauso auch in diesem Roman vor.

Guillermo Arriaga, geboren 1958 in Mexiko-Stadt, gehört zu den bedeutendsten Drehbuch- und Buchautoren der Gegenwart. Von ihm stammen die Drehbücher zu der mit mehreren Oscars ausgezeichneten Filmtrilogie Amores Perros, 21 Gramm und Babel. Neben seinen Drehbüchern hat er bislang drei Romane und einen Kurzgeschichtenband veröffentlicht; der Roman Der Wilde markiert einen Höhepunkt in Arriagas Werk.

Der Wilde von Guillermo Arriaga ist bei Klett-Cotta erschienen.
(JK 06/20)

Jorge Comensal: Verwandlungen (Rowohlt)

Ein beeindruckender Roman des mexikanischen Schriftstellers Jorge Comensal ist sein Debüt Verwandlungen.

Ramón hat alles, was man sich wünschen kann – Erfolg im Job, eine fürsorgliche Ehefrau, zwei aufgeweckte Kinder. Doch als er nach einer Operation seine Stimme verliert, ändert sich sein Leben. Die Familienmitglieder nutzen seine fatale Lage aus.

Ramón ist einsam und verzweifelt, keiner versteht ihn, bis die Haushälterin sein Leid nicht länger mitansehen kann und Abhilfe schafft. Sie kauft ihm einen Papagei. Benito ist auf dem Marktplatz groß geworden und hat dort drastische Schimpfwörter gelernt, die Ramón aus der Seele sprechen. In stummen Wutmonologen schüttet er seinerseits dem Papagei sein Herz über seine verlogenen Verwandten und Freunde aus. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Auf überraschend leichte Weise geht der Autor mit der fatalen Diagnose Krebs in seinem Buch um. Er erspart zwar keinen tragischen und dramatischen Umstand dieser Krankheit, aber was er dabei zum Ausdruck bringt, ist neu und beeindruckend. Rechnet man mit einer Geschichte um Versöhnung und weiser Einsicht durch die fatale Krankheit, dreht der Autor den Spieß um und zeigt auf groteske Weise das Unvermögen der Versöhnung auf. Es ist ein Genuss, dem Autor auf diesem Weg durch die Geschichte zu folgen. Jorge Comensal rechnet auf höchst vergnügliche Weise mit einer Gesellschaft ab, in der nur Schönheit, Erfolg und Gesundheit zählen. Mit brillantem schwarzem Humor geschrieben, ein weiser, bitterböser und zugleich tröstlicher Roman über große Themen – Abschiednehmen, Leben und Tod, Wahrheit und Lüge, Verwandlungen und Gefühle, die bleiben.

Jorge Comensal wurde 1987 in Mexiko-Stadt geboren, wo er auch lebt. Er ist Doktorand an der philosophischen Fakultät der UNAM in Mexiko-Stadt, veröffentlichte bislang Essays und Beiträge in verschiedenen Zeitschriften. Verwandlungen ist sein erster Roman.

Verwandlungen von Jorge Comensal ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 02/20)

Antonio Ruiz-Camacho: Denn sie sterben jung (C.H. Beck)

José Victoriano, der Patriarch der wohlhabenden Familie Arteaga, wird entführt. Er ist nur eines von unzähligen Opfern der Drogenkartelle in Mexiko, doch für seine Angehörigen ändert sich schlagartig alles. Mit dem Tode bedroht, treten sie die Flucht an, in die USA, nach Europa. Antonio Ruiz-Camacho erzählt in acht ineinander verschränkten Geschichten den Zerfall einer Familie, schildert ihre Schicksale in der Fremde, die Versuche, dort Fuß zu fassen und deren Scheitern.

In Austin, wo Tochter Laura nun mit ihrer Familie zu Hause ist, begegnet sie einem jungen mexikanischen Expat in einem Waschsalon. Während sich draußen eine Feuerwalze nähert, schließen sie sich hinter heruntergelassenen Jalousien in seiner Wohnung ein. Ein atemloses Vergessen für zwei Tage, doch dann reißen Sirenen sie aus ihrem Schlummer…

In New York sind die Enkel im Apartment eines Verwandten untergekommen. Bruder und Schwester unterhalten sich, über ihren Großvater, über Mexiko, Sex, doch da ist dieses Kratzen in der Wand, verstörend und Furcht einflößend…

Noch in Mexiko-Stadt wartet Don Victorianos Geliebte mit ihrem gemeinsamen Sohn auf ihn, meint, verlassen worden zu sein, diesmal endgültig, bis sie von den Paketen erfährt, deren Inhalt keinen Zweifel an seinem Verbleib lassen…

Ob in Austin, New York oder Madrid, ob Tochter, Sohn, Enkel, Geliebte oder Bedienstete, Ruiz-Camacho seziert die Seelen der Entwurzelten, beschreibt ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, ihren inneren Kampf, mit diesem doppelten Verlust, dem eines geliebten Menschen und dem der Heimat, umzugehen.

Dies ist eine kurze, aber äußerst gut geschriebene, segmentierte Geschichte einer weit verstreuten Familie, die mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert ist, die sich auf eine dunkle, beunruhigende und doch sehr herzerwärmende Weise miteinander verbinden. Durch die einzelnen Geschichten werden verschiedene Perspektiven aufgezeigt, die beeindruckend und überzeugend sind. Wir sehen Entscheidungen, die jeder von seinem Standpunkt aus getroffen hat, und der Leser kann daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Denn sie sterben jung ist ein intelligentes Buch, authentisch und kunstvoll zugleich, immer ganz nah an seinen Figuren, hart und ungeschliffen, poetisch und mitfühlend.  

Antonio Ruiz-Camacho wurde 1973 in Toluca, Mexiko geboren. Dort arbeitete er als Journalist, bevor er nach Austin, Texas zog, wo er mit seiner Familie heute lebt. Er hat zahlreiche Stipendien erhalten, in verschiedenen Zeitschriften, darunter in der New York Times, veröffentlicht und stand mit seinem Debüt «Denn sie sterben jung» auf diversen Jahresbestenlisten, u. a. von Kirkus Reviews, San Francisco Chronicle und Texas Observer.

Denn sie sterben jung von Antonio Ruiz-Camacho ist bei C.H. Beck erschienen.
(JK 10/18)

Eduardo Rabasa: Der schwarze Gürtel (Kunstmann)

Mit bösem Humor und Hintersinn entlarvt der mexikanische Autor Eduardo Rabasa in seinem bei Kunstmann erschienenen Roman Der schwarze Gürtel den Zynismus einer modernen Unternehmenskultur, die die Brutalität des Wettbewerbs mit Achtsamkeitsjargon, mobilen Arbeitsplätzen und herablassender Wohltätigkeit kaschiert.

Auf den Gängen der Consultingfirma Soluciones erschallen unverständliche Anweisungen des Chefs, eine Rangliste im Foyer registriert minutiös die Performance der Mitarbeiter. Wer nicht genug leistet, wird mit einem fröhlichen Ständchen von Mädchen in kurzen Röcken fristlos entlassen. Ganz oben aber lockt wie ein Gral der Rang des Schwarzen Gürtels. Auch wenn keiner weiß, welche Versprechungen damit verbunden sind, und keiner den ominösen Chef je gesehen hat, wollen trotzdem alle nach oben. Fernando Retencio, einer der vielen Berater, scheint den Durchblick zu haben und auf dem besten Weg zum Schwarzen Gürtel zu sein. Für seinen Aufstieg ist ihm dabei jedes Mittel recht. Mit blühender Phantasie und so skrupellosen wie größenwahnsinnigen Methoden vermasselt er die Aufträge seiner Klienten und wird entlassen. Außerdem droht ihm auch noch die eigene Ehefrau davonzulaufen, weil sie seine krankhafte Eifersucht nicht länger erträgt. Alles sieht danach aus, dass er gescheitert ist. Doch ein wahrer Held unserer Zeit gibt nicht auf… Der Roman ist eine bösartige Abrechnung mit den Unternehmenskulturen, die in aller Welt dazu geführt haben, dass soziopathische Therapiefälle die Karriereleiter erklimmen, urteilt Holger Ehling von Buchkultur. Die beißende Satire rechnet mit den karrieregeilen und egomanischen Businessmenschen ab. Der Roman startet mit viel Schwung, verliert aber dann etwas an Fahrt, vielleicht weil Satire und Moral gut miteinander abgewogen werden müssen. Wahrscheinlich sind hier aber auch kulturelle Unterschiede in der Rezeption in Europa und Lateinamerika der Schlüssel zum umfassenden Verständnis des Romanaufbaus. Gesellschaftskritik und Satire treffen hier mit einem gewaltigen Touch Chaos aufeinander in einem Minenfeld der Emotionen.

Eduardo Rabasa, wurde 1978 in Mexiko-Stadt geboren und ist Verleger, Autor sowie Journalist. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Tageszeitung Milenio und übersetzte Bücher von Morris Berman, David Hume, Somerset Maugham und George Orwell. 2002 gründete er den renommierten mexikanischen Independent-Verlag Sexto Piso. Rabasa wurde 2017 in die Liste „Bogotá39“ des Hay Festivals aufgenommen, die die 39 besten lateinamerikanischen Schriftsteller unter vierzig kürt. Der schwarze Gürtel ist sein zweiter Roman.

Der schwarze Gürtel von Eduardo Rabasa ist bei Kunstmann erschienen.
(JK 06/18)

Rolando Villazón beim 9. Harbour Front Literaturfestival am Montag, 2. Oktober

9. Harbour Front Literaturfestival
St. Pauli Theater
Montag  02.10.2017 20.00 Uhr 
Spielbudenplatz 29-30, Hamburg
Eintritt: 16 / 20 / 24 Euro

Der weltberühmte Tenor mit seinem zweiten Roman: Rolando Villazón stellt sein Buch Lebenskünstler vor, das bei Rowohlt erschienen ist. Milena Karas liest die deutschen Texte und Juliane Hielscher moderiert den Abend. 

Der Opernstar Rolando Villazón kennt die Welt der Künstler und Lebenskünstler mit ihrem Glanz und ihren Schattenseiten sehr genau. In seinem neuen Roman Lebenskünstler beschreibt er Menschen, deren Herz mehr für die Kunst und die Phantasie schlägt als für den Erfolg und die Ökonomie. Villazóns Lebenskünstler stehen nicht im Rampenlicht, aber ihre Träume sind groß. Protagonist ist ein Spiele-Erfinder, der sich in eine geheimnisvolle stumme Frau verliebt. Auf einer für ihn gestalteten Schatzsuche mit Palindromen und anderen Sprachrätseln, erfährt er nach und nach einiges über Frauen, sich selbst und das Leben im Allgemeinen. 

„Rolando Villazón hat ein sehr ernsthaftes Stück Literatur geschrieben“, schrieb DIE ZEIT über seinen ersten Roman Kunststücke.

Rolando Villazón wurde 1972 in Mexiko Stadt geboren, als Enkel des Wieners Emilio Roth. Villazón besuchte die deutsche Schule in Mexiko Stadt und begann seine künstlerische Ausbildung am dortigen Konservatorium. 1999 hatte er seinen internationalen Durchbruch und wurde zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Sänger seiner Generation. Neben seiner Gesangskarriere arbeitet er auch als Opernregisseur und ist für sein zeichnerisches Talent bekannt. Rolando Villazón lebt in Paris und ist Mitglied des Collège de Pataphysique.

Lebenskünstler von Rolando Villazón ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 09/17)

Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko (Kunstmann)

In der spannenden, episodenreichen Familiengeschichte der Almansas erzählt der mexikanische Autor Antonio Ortuño in seinem bei Kunstmann erschienenen Roman Madrid, Mexiko  mit klarer, präzise Sprache davon, was es heißt zu emigrieren, und von den historischen Dimensionen, die die Menschen zur Flucht drängen.

Madrid, 1923: Yago Almansa und sein Freund Benjamín verbringen ihre Nachmittage bei Ramón, einem alten Anarchisten. Weniger wegen der Politik, sondern mehr wegen María, Ramóns bildschöner Enkelin. Später, im Spanischen Bürgerkrieg, kämpfen sie, Yago bei den Anarchisten, Benjamín bei den Kommunisten. So werden sie Feinde, und als María sich für Yago entscheidet, Todfeinde. Beide fliehen, als die Lage für die Gegner Francos immer schwieriger wird. Während der eine hofft, in Mexiko eine neue Heimat für seine Familie zu finden, hofft der andere, dort seinen Widersacher endgültig zu erledigen.

Mexiko, 1997: Yagos Enkel, der neunzehnjährige Omar Almansa hat ein Verhältnis mit seiner Chefin Catalina. Sie ist wesentlich älter und eigentlich mit Mariachito, dem korrupten Boss der Eisenbahnergewerkschaft, liiert. Als dieser die beiden eines Tages in flagranti erwischt, endet die Geschichte für Catalina und Mariachito tödlich, doch Omar kann entkommen. Auf der Flucht vor der Polizei und dem brutalen Handlanger Mariachitos sieht er nur einen Ausweg: Madrid.

Antonio Ortuños Roman ist eine Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Lage Mexikos und zieht in seinem Roman Parallelen zur zerrütteten Gesellschaft Spaniens vor und während des Bürgerkriegs. Gewalt, Korruption, Migration sind die bedrückenden Themen, die der Autor jedoch immer wieder mit Humor und Hintersinn begleitet. Doch seine Sprache ist kompromisslos und der Roman ein Genremix aus Thriller, Abenteuer- und Generationenroman. Die Geschichte wird mit viel Tempo auf gerade mal 200 Seiten erzählt und es sind weniger die Figuren als die Atmosphäre, auf die der Autor Wert legt. So hält er auch nicht mit kompromissloser Gewaltdarstellung hinter dem Berg, was den Roman umso realistischer macht. 

Antonio Ortuño wurde 1976 in Guadalajara geboren. Sein Debütroman wurde von der Zeitung Reforma zum besten mexikanischen Roman 2006 gewählt, 2010 kürte ihn das Magazin Granta zu einem der besten jungen spanischsprachigen Autoren der Gegenwart. 

Madrid, Mexiko von Antonio Ortuño ist bei Kunstmann erschienen. 
(JK 04/17)

Don Winslow: Das Kartell (Droemer)

Macht, Korruption, Rache und Gerechtigkeit: Das Kartell von Don Winslow, erschienen bei Droemer, ist die Fortsetzung des internationalen Bestsellers Tage der Toten.

Sie waren mal beste Freunde. Aber das ist viele Jahre und unzählige Tote her. Der Drogenfahnder Art Keller tritt nun an, um Adán Barrera, dem mächtigen Drogenboss, für immer das Handwerk zu legen. Er begibt sich auf eine atemlose Jagd und in einen entfesselten Krieg, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind.

Das Kartell ist wie sein Vorgänger Tage der Toten  eine wahrhaft erschütternde, genau recherchierte Geschichte über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege, über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmut und Hinterhältigkeit. Es ist Don Winslows Version des Klassikers Der Pate angewandt auf die mexikanischen Drogenkartelle. Das Kartell ist ein großer, umfassender und atemberaubender Krimi, der auch als Stand-alone gelesen werden kann. Doch ideal ist es, Das Kartell  als Fortsetzung zu lesen, denn so spannt sich eine facettenreiche Geschichte über 40 Jahre und präsentiert, nach Ansicht Don Winslows, Amerikas längsten Krieg. Das Kartell deckt hierbei den Zeitraum der letzten zehn Jahre von 2004 bis 2014 ab und zeigt den Wandel von traditionellen Gangster-Taktiken hin zum globalen Terrorismus. Die Kartelle des neuen Buches haben ihre eigenen privaten, monströs medienerfahrene Armeen, die dem Vorbild Al-Qaida nacheifern. Sie sind gekennzeichnet durch brutale Extreme und Don Winslow zeigt dies schonungslos. Er sagt selber, dass die Boshaftigkeit der Kartelle jenseits aller Möglichkeiten von Vergeben liegt. Noch verheerender als die Brutalität ist hingegen die langsame und stetige Zerstörung der Idealisten wie Journalisten, Ärzte oder Politiker. Sie können der Spirale nicht entfliehen und so ist Don Winslows Buch auch ein Gedenken an die lange Liste Journalisten, die in diesem Krieg getötet wurden oder „verschwunden“ sind. Nach Lektüre dieser Geschichte kann man nicht einfach zum „Business as usual“ zurückkehren, man bekommt sie nicht so einfach mehr aus dem Kopf. Es lebe Don Winslow!

Don Winslow wurde 1953 in New York geboren. Seine Mutter, eine Bibliothekarin, und sein Vater, ehemaliger Offizier bei der Navy, bestärkten ihn schon früh in dem Wunsch, eines Tages Schriftsteller zu werden. Das Sujet des Drogenhandels und der Mafia, das in vielen von Don Winslows Romanen eine Rolle spielt, lässt sich ebenso mit seinen Kindheitserfahrungen erklären: Seine Großmutter arbeitete Ende der 60er für den berüchtigten Mafiaboss Carlos Marcello, der den späteren Autor mehrere Male in sein Haus einlud. Jeden Morgen um fünf setzt er sich an den Schreibtisch. Mittags läuft er sieben Meilen, in Gedanken immer noch bei seinen Figuren, um dann am Nachmittag weiterzuarbeiten. Winslow sagt von sich, dass er bislang nur fünf Tage durchgehalten habe, ohne zu schreiben. Es ist eine Sucht, die bis heute ein Werk hervorgebracht hat, dessen Qualität, Vielseitigkeit und Spannung Don Winslow zu einem der ganz Großen der zeitgenössischen Spannungsliteratur machen. Don Winslow wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Krimi Preis (International) 2011 für Tage der Toten. Für die New York Times zählt Don Winslow zu den ganz großen amerikanischen Krimi-Autoren.  Don Winslow lebt mit seiner Frau und deren Sohn in Kalifornien.

Das Kartell von Don Winslow ist bei Droemer erschienen. 
(JK 11/15)

Álvaro Enrigue: Aufschlag Caravaggio (Blessing)

Einzigartig, originell, unbekümmert um alle Konventionen, so kommt der Roman Aufschlag Caravaggio des mexikanischen Autors Álvaro Enrigue daher, der bei Blessing erschienen ist.
Francisco de Quevedo, genialer Poet und berüchtigter Rauf- und Trunkenbold, befindet sich auf der Flucht vor der spanischen Justiz, als er in Rom auf den italienischen Maler Caravaggio trifft. Eine gemeinsam durchzechte Nacht endet im Streit, und um seine Ehre wiederherzustellen, fordert Quevedo den Künstler heraus – doch nicht zu einem Duell mit Waffen, sondern zu einer Tennispartie, die zur Metapher wird für den Wettstreit der beiden Supermächte der Spätrenaissance: Italien und Spanien. Ein furioser Zweikampf mit weitreichenden Folgen.

Aufschlag Caravaggio könnte ein Buch über den Ursprung des Tennis sein, die Gegenreformation, den italienischen Maler Caravaggio oder spanischen Dichter Quevedo oder über das lange, in stockbesoffenem Zustand ausgefochtene Tennis-Match mit einem Ball der aus dem Haar der gerade enthaupteten Anne Boleyn geknüpft wurde. Das Buch ist wie so häufig bei lateinamerikanischer Literatur eine Verschmelzung von Tradition, Fantasie und Originalität. Der Autor schaut rückwärts und knüpft aus Blutvergießen, Gier und Unterdrückung den Faden, der für immer in unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewebt ist.  Frei von jeder Bildungshuberei entführt uns Álvaro Enrigue mit diesem Roman hinein in die Welt der Geschichte, der Kunst und der stürmischen Entwicklungen, die uns in die Moderne schleudern sollten.

Álvaro Enrigue, geboren 1969 in Guadalajara, studierte in Mexico City Kommunikationswissenschaften, lehrte anschließend Literatur des 20. Jahrhunderts und promovierte an der University of Maryland. Seit seinem 1996 erschienen Debüt La muerte de un instalador gehört er zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren, seine Werke sind preisgekrönt und wurden in viele Sprachen übersetzt. Aufschlag Caravaggio ist der erste Roman Enrigues, der auf Deutsch erscheint. Enrigue lebt mit seiner Familie in New York.

Aufschlag Caravaggio  von Álvaro Enrigue ist bei Blessing erschienen. 
(JK 12/15)

Rolando Villazón am Mittwoch, 1. Oktober, beim Harbour Front Literaturfestival

5. Harbour Front Literaturfestival
Laeiszhalle Kleiner Saal
Mittwoch, 1.10.2014  20.00 Uhr
Johannes-Brahms-Platz 1
Eintritt: 15 – 23 Euro  

Ein phantasievolles, ironisches Gedankenspiel: Rolando Villazón liest aus seinem Buch Kunststücke, das bei Rowohlt erschienen ist. Wolfgang Herles moderiert den Abend. 

Rolando Villazón ist einer der bedeutendsten Opernsänger seiner Generation. Jetzt brilliert er mit seinem Romandebüt. Der Clown Macolieta lebt in einer rigorosen Unordnung mit seinen Büchern, aufziehbaren Blechfiguren, Schminktöpfen, Jonglierbällen, einer Sonnenblume als einziger Pflanze und einer Spinne als Haustier. Er war in die Clownin Sandrine verliebt, doch er traute sich nicht, ihr das zu sagen. Jetzt ist sie weg, und Macolieta sehnt sich nach ihr. Seine Kunststücke zeigt er bei Kindergeburtstagen, zu denen er mit seinen zwei Freunden Max und Claudio in einem kleinen gelben Auto fährt, in dem «Yellow Submarine» von den Beatles läuft. Abends spielt er Schach in einer Bar, und wenn er alleine ist, schreibt er in sein blaues Buch – über sein Alter Ego, den Clown Balancin. Der hat alles, was Macolieta fehlt: Geld, Erfolg, ein Publikum, das ihn feiert, eine Frau, die ihn liebt. In einem phantasievollen ironischen Gedankenspiel werden die beiden Lebensläufe immer stärker ineinander verwoben, bis Balancín aus dem Buch heraus ins Dasein tritt.

Was ist die Wirklichkeit? Das, was wir uns vorstellen, oder das, was wir leben? Mit Poesie, Humor und philosophischem Witz führt uns Rolando Villazón in eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, voller Zauber und Magie. Und am Ende ist jedes Leben ein Kunststück.

Rolando Villazón wurde 1972 in Mexiko Stadt geboren, als Enkel des Wieners Emilio Roth. Villazón besuchte die deutsche Schule in Mexiko Stadt und begann seine künstlerische Ausbildung am dortigen Konservatorium. 1999 hatte er seinen internationalen Durchbruch und wurde zu einem der bedeutendsten und beliebtesten Sänger seiner Generation. Neben seiner Gesangskarriere arbeitet er auch als Opernregisseur und ist für sein zeichnerisches Talent bekannt. Rolando Villazón lebt in Paris und ist Mitglied des Collège de Pataphysique.

Kunststücke von Rolando Villazón ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 09/14)

Jennifer Clement am Freitag, 19. September, beim Harbour Front Literaturfestival

5. Harbour Front Literaturfestival
St. Katharinen
Freitag, 19.09.2014  20.00 Uhr
Katharinenkirchhof 1, Hamburg
Eintritt: 15 Euro

Sie sind allesamt jung, hübsch und arm: Jennifer Clement liest aus ihrem Buch Gebete für die Vermissten, das bei Suhrkamp erschienen ist. Maria Schrader liest den deutschen Text, Angela Spizig moderiert den Abend.

„Das hier ist ein Hässlichkeitssalon, kein Schönheitssalon“, sagt die Friseurin in Jennifer Clements neuem Roman Gebete für die Vermissten. „Ich muss dafür sorgen,  dass kleine Mädchen wie Jungs, ältere Mädchen unauffällig und hübsche Mädchen hässlich aussehen.“ Und all das, weil „ein hässliches Mädchen zu sein das Beste ist, was dir in Mexiko passieren kann“, wie die Erzählerin erklärt. Die hübschen Mädchen werden nämlich entführt. Gebete für die Vermissten ist ein Roman über Lady di Garcia Martínez.
Sie gehört zu einer Gruppe junger Leute, die, wie so viele im ländlichen Mexiko, durch Drogenhandel, agrarpolitische Maßnahmen der Regierung und illegale Einwanderung in die USA dezimiert wird. Ihre Heimat ist ein Dorf in der Nähe des einst bezaubernden Hafens von Acapulco. Ihre Geschichte ist, wenn auch von der Wirklichkeit inspiriert, fiktional. Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt.

Gebete für die Vermissten beschwört die unverbrüchliche Kraft der Hoffnung in einer schrecklichen Welt. In mutigen, schockierenden und bewegenden Bildern erzählt Jennifer Clement das Leben einer außergewöhnlichen jungen Heldin.

„Eine mitreißende, zutiefst berührende Hymne auf die Widerstandskraft von Clements weiblichen Hauptfiguren, auf Loyalität, Freundschaft, Mitgefühl und Liebe“, schreibt The New York Times

Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und zwei Romane veröffentlicht. Für Gebete für die Vermissten recherchierte Jennifer Clement über zehn Jahre lang in der mexikanischen Provinz und führte Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen.

Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement ist bei Suhrkamp erschienen. 
(JK09/14)

Yuri Herrera am Freitag, 12. September, beim Harbour Front Literaturfestival

5. Harbour Front Literaturfestival
Instituto Cervantes
Freitag, 12.09.2014  19.00 Uhr
Fischertwiete 1, Hamburg
Eintritt: 12 Euro

Yuri Herrera liest aus seinem Buch Der König, die Sonne, der Tod, das bei S. Fischer erschienen ist. Die deutschen Texte liest Lisa Grosche, Michi Strausfeld moderiert.

„Ein kleines Meisterwerk“ urteilte Spiegel online. Drei Romane, eine Trilogie über den König, die Sonne, den Tod, hat Yuri Herrera verfasst, die ihn zum aufregendsten und eigenwilligsten lateinamerikanischen Erzähler der letzten Jahre machen. Die mexikanische Wirklichkeit, die wir aus den Nachrichten kennen – die Welt der Drogenkartelle, der sinnlosen Gewalt, der illegalen Einwanderer in die USA – ist der Boden, auf dem Herrera seine Geschichten ansiedelt. Auf berückende Weise gelingt es ihm, von Figuren zu erzählen, die sich in dieser Wirklichkeit bewegen und zugleich über ihr zu schweben scheinen – wie El Lobo, der die Tochter des Drogenbosses liebt, wie Makina, die auszieht, die Grenze zu queren, wie Alfaki, der nicht anders kann, als den Dreck wegzumachen. Es sind Erzählungen aus dem Inneren eines Landes, die sich weiten zur großen Erzählung über das Innerste unserer Welt.

Yuri Herrera, 1970 in Actopán in Mexiko geboren, studierte in Mexiko-Stadt, El Paso und in Berkeley. Zurzeit lehrt und forscht er an der Tulane University in New Orleans. Er ist Herausgeber der Literaturzeitschrift El perro (Der Hund). Für seinen ersten Roman Abgesang des Königs wurde er 2003 mit dem mexikanisch-amerikanischen Preis „Border of Words“ und 2009 mit dem Preis „Otras Voces, Otros ámbitos“ ausgezeichnet.

Der König, die Sonne, der Tod von Yuri Herrera ist bei S. Fischer erschienen.
(JK 09/14)

Elmer Mendoza: Das pazifische Kartell (Suhrkamp)

Zwischen dunkler Vergangenheit und heilloser Gegenwart kämpft sich Detective Edgar Mendieta in Elmer Mendozas Krimi Das pazifische Kartell, der bei Suhrkamp erschienen ist, durch eine Welt, in der die Grenze zwischen Gut und Böse längst im Wüstenstaub versandet scheint.

Die Königin der Stripperinnen ist tot. Detective Edgar Mendieta, der in seinen besseren Tagen keine bloß platonische Beziehung zu der Edelprostituierten unterhielt, ermittelt in einer vom Drogenkrieg zerstörten Stadt. Doch die früheren Verehrer der Toten – Drogenhändler, korrupte Polizisten, FBI-Agenten – bringen ihn nicht weiter. Bis eine weitere schicksalsträchtige Frau aus Mendietas früherem Leben auftaucht: Samantha Valdés, inzwischen Chefin des legendären Pazifischen Kartells. Nur sie kann ihm helfen. Aber kann er ihr vertrauen?

Vordergründig kann man dem Autor bescheinigen, dass er sehr gute Kriminalromane schreibt, ein Genre, das er mit überwältigender Leichtigkeit beherrscht. Doch schaut man genauer, dann benutzt der Autor dieses Genre auch, um mit Klarheit über den aktuellen Zustand der mexikanischen Gesellschaft und der individuellen menschlichen Existenz zu sprechen. Mendoza hat einen dichten Roman verteilt auf 44 Kapitel geschrieben, der dem Leser Aufmerksamkeit abverlangt, denn zahllose Figuren tauchen in den Handlungen der einzelnen Episoden auf. Die Art und Weise des Schreibens von Elmer Mendoza beeindruckt und ebenso seine Fähigkeit, einen unglaublich komplexen Rahmen zu handhaben. Er integriert seine Handlung in schnelle Dialoge, verwendet genüsslich schwarzen Humor und Ironie. Eine Ironie, die er klug einsetzt, um Schlussfolgerungen über die Rolle des Menschen in dieser Welt aufzuzeigen.

Elmer Mendoza wurde 1949 in Culiacán (Mexiko) geboren. Er ist Professor für Literatur an der Universität von Sinaloa und Autor von Erzählungen und Kriminalromanen, für die er zahlreiche Literaturpreise erhielt.

Das pazifische Kartell von Elmer Mendoza ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 07/12)

Jordi Soler: Das Bärenfest (Knaus)


Von dem in Mexiko geborene katalanisch stämmige Autor Jordi Soler ist jetzt zum ersten Mal ein Buch auf Deutsch erschienen. Es ist der 2009 geschriebene Roman Das Bärenfest und ist bei uns bei Knaus erschienen. Der Roman erzählt davon, was aus einem Menschen werden kann, der alles verloren hat.

Oriol, Franco-Gegner und republikanischer Kämpfer, ist bei der Flucht über die Pyrenäen im Schneesturm umgekommen. So weiß es die Familienüberlieferung. Fast siebzig Jahre später jedoch kommt sein Großneffe mit Hilfe eines Ziegenhirten und einer Waldfrau einer unglaublichen Geschichte auf die Spur.

Was machen Menschen, die alles verloren haben, Heimat, Familie, Überzeugungen? Im Lauf des Jahres 1939 stoßen in den Pyrenäen aus entgegengesetzten Richtungen kommend zahllose Menschen aufeinander, denen eben dies widerfahren ist. Während von der spanischen Seite aus Bürgerkriegsflüchtlinge versuchen, sich nach Frankreich zu retten, fliehen aus der Gegenrichtung immer häufiger Menschen vor den Nazis. Viele von ihnen verlieren elend ihr Leben. Auch Oriol. In seiner Familie wird er seither wie ein Heiliger verehrt. Bis einem Großneffen ein Gerücht zugetragen wird. Nach abenteuerlichen Recherchen steht er schließlich vor dem Mann, der angeblich seit siebzig Jahren tot ist. Und der damals in aussichtsloser Lage alle Prägungen der Zivilisation abgestreift hat.

Jordi Solers Roman Das Bärenfest bildet den dritten Band einer Saga über eine Familie, die durch den Spanischen Bürgerkrieg zerrissen wurde. Ging es in den beiden Vorgängerbänden, die bisher nicht in deutscher Übersetzung vorliegen, um den Großvater Arcadi und sein Schicksal der Flucht und schließlichem Exil in Mexiko, so beschäftigt sich Das Bärenfest mit dem Bruder des Großvaters, der als Märtyrer verehrt wird. Es ist die Geschichte einer Recherche, einer Spurensuche, die am Ende Ungeheuerliches enthüllt. Jordi Soler ist ein begnadeter Erzähler. Obwohl man im Verlauf des Buches immer mehr die Ahnung bekommt, was passieren wird, hält er die Spannung und Tempo bis zum Ende. Für deutsche Leser ergeben sich hier und dort Parallelen, als auch hierzulande plötzlich Mythen um Familienmitglieder  aus den Jahren der Naziherrschaft platzen. Wie kann man mit dem Offenbarten umgehen, wenn man realisiert, dass man einer Lebenslüge aufgesessen hat?  Das Bärenfest ist ein wuchtiger Roman mit starkem Echo, das Thema schwermütig, vom Autor in spannender Form umgesetzt.

Jordi Soler, Jahrgang 1963, Sohn katalanischer Emigranten, die am Ende des Spanischen Bürgerkriegs nach Mexiko flohen, gehört zu den bedeutendsten spanischen Autoren der Gegenwart. In seinen hoch gelobten, historisch fundierten Romanen setzt er sich – aus der Perspektive der Enkelgeneration – mit Flucht und Exil auseinander. Dabei deckt er in literarischer Form Verschwiegenes und Verdrängtes auf.

Das Bärenfest von Jordi Soler ist bei Knaus erschienen.
(JK 12/11)

Laura Restrepo: Die Insel der Verlorenen (Luchterhand)


Die kolumbianische Autorin Laura Restrepo hat mit ihrem Buch Die Insel der Verlorenen, erschienen bei Luchterhand, einen abenteuerlichen Roman vom Überleben geschrieben, die auf einer wahren Geschichte basiert.

Im Jahr 1908 setzen der mexikanische Hauptmann Ramón Arnaud, seine junge Braut Alicia und elf weitere Soldaten mit ihren Familien die Segel, um zur Clipperton-Insel, einem winzigen pazifischen Atoll, aufzubrechen. Sie haben den Auftrag, das abgeschiedene – aber strategisch wichtige – Eiland vor einer eher unwahrscheinlichen Invasion seitens der Franzosen zu schützen. Aber dann werden die Bewohner auf Clipperton wegen der politischen Wirren in der Heimat und dem Nahen des Ersten Weltkriegs einfach vergessen. Und das Überleben aller hängt auf einmal von Alicias Mut und List ab.

Mit ihrem reichen Korallenriff rund um das Atoll und der stehenden Lagune ist die Clipperton-Insel kein einladender Ort für ihre neuen Bewohner. Aber diese machen das Beste daraus: Die starre militärische Ordnung weicht bald einem eher informellen Inselleben; die Gruppe errichtet ein Lebensmittelgeschäft, eine Apotheke, einen Leuchtturm, sie feiern Dinnerpartys. Aber dann bleiben plötzlich die Versorgungsschiffe aus. Sich selbst und der unwirtlichen Natur ausgeliefert, sieht sich das Grüppchen mannigfaltigen Gefahren gegenüber: Skorbut, Hunger, Verzweiflung, Eifersucht, Gewalt. In dieser Situation wird die unerschütterliche und einfallsreiche Alicia zur letzten Hoffnung der Bewohner auf der Insel der Verlorenen.

Die Insel der Verlorenen ist Laura Restrepo erster Roman, den sie im Jahr 1989 geschrieben hat, ein Jahr nachdem sie ihre Heimat Kolumbien verlassen musste. In ihrem Debütroman verarbeitet sie die Situation ihres eigenen Landes, die sie vergleichbar mit der der Menschen auf Clipperton sieht. Die Geschichte ist retrospektiv geschrieben aus der Sicht einer Journalistin, die im Jahr 1988 auf das Thema stößt und aufarbeitet. Herausgekommen ist ein vielschichtiger Roman im Kostüm eines Abenteuerromans, der jedoch viel tiefsinniger angelegt ist. Es ist eine Bereicherung nach mehr als zwanzig Jahren Laura Restrepos Debütroman in deutscher Übersetzung genießen zu können.

Laura Restrepo wurde 1950 in Kolumbien geboren. Sie war als politische Journalistin in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen aktiv und musste aufgrund ihres politischen Engagements für mehrere Jahre das Land verlassen. Für ihre Sachbücher und Romane erhielt sie zahlreiche Preise. Laura Restrepo lebt in Mexiko Stadt.

Die Insel der Verlorenen von Laura Restrepo ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 11/11)

Yuri Herrera: Abgesang des Königs (S. Fischer)

Ein Roman über das Leben und die Zustände an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ist das Buch Abgesang des Königs, das bei Fischer erschienen ist, das Debüt des mexikanischen Autors Yuri Herrera.

El Rey ist der König. Er herrscht über die Grenze Mexikos zur USA, ihm gehören hier die Menschen, die Länder, einfach alles. Er gibt Arbeit und Brot, er schenkt den Tod. Außer seinen Drogen gibt es nur Sand und Hitze. Lobo ist ein Sänger, er gewinnt seine Protektion, lebt im Inneren der Macht, bis eines Tages alles wieder zu Staub wird. Und zu Sand.

Es geht bei den Drogenkönigen zu wie am mittelalterlichen Hofe. Wie damals die Minnesänger so halten sich die Drogenkönige Hofsänger, die die Helden am Hofe besingen. Diese Drogenballaden werden Narcocorridos genannt und man hört sie auf den Straßen Mexikos. Der Sänger Lobo im Buch ist so einer, der seinen König als Herrscher und Wohltäter unreflektiert besingt. Man erfährt viel vom Leben am Hofe eines Drogenkönigs und staunt nicht schlecht. Doch Lobo entdeckt Bücher und das Lesen. Je mehr er Worte und Sätze verstehen kann, desto mehr Durchblick gewinnt er über die Gewalt und die Herrschaftsstruktur seines Königs. Seine Welt gerät ins Wanken.

Yuri Herreras Buch ist praktisch selbst ein solcher Narcocorrido, eine Heldenballade. Er nimmt die Poesie, um das erbarmungslose Leben zu beschreiben anstatt der reißerischen Achterbahnfahrt eines Thrillers. Damit präsentiert der Autor einen kunstvollen und feinsinnigen Roman, ein Werk das sich hervorhebt.

Yuri Herrera, 1970 in Actopán / Mexiko geboren, studierte in Mexiko, El Paso, und in Berkeley. Er ist Herausgeber der Zeitschrift El Perro (Der Hund). Für seinen ersten Roman Abgesang des Königs wurde er 2003 mit dem mexikanisch-amerikanischen Preis Border of Words und 2009 mit dem Preis Otras Voces, Otros Ámbitos ausgezeichnet. Sein zweiter Roman Señales que precederán al fin del mundo ist in Vorbereitung.

Abgesang des Königs von Yuri Herrera ist bei Fischer erschienen.
(JK 04/11)

Bernardo Fernández: Das Auge des Drachen (Suhrkamp)

Der mexikanische Autor Bernardo Fernández nimmt die Leser in seinem Roman Das Auge des Drachen mit auf eine fantastische Reise durch die Welt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Nordrhodesien, 1869: Aus einer Grube starren den Tierfänger Lorenzo Cassanova die Augen eines Ungetüms an, das nichts mit den exotischen Tieren gemein hat, die Cassanova sonst an die Zoologischen Gärten und Zirkusse in aller Welt liefert. Doch der eilends anreisende deutsche Tierhändler Carl Hagenbeck wird weder Cassanova noch die Bestie lebend vorfinden. Schanghai, fünf Jahre zuvor: Der kleine Pi Ying und sein alter Lehrer können aus ihrem brennenden Haus nur drei Kugeln retten, die aussehen wie riesige Perlen. Aber erst Jahrzehnte später soll auf der anderen Seite des Globus, im Norden Amerikas, ein großes Geheimnis gelüftet werden, das bis heute sagenumwoben ist.

Bernardo Fernández Roman Das Auge des Drachen spielt an verschiedenen Orten rund um den Globus mit einer Vielzahl von bunten Figuren. Die Handlung ist üppig und ganz in der Tradition phantasievoller Abenteuerromane. Der Verlag selber zieht einen Vergleich zu Steven Spielberg, und tatsächlich erinnert der Roman mit seiner märchenhaften Handlung und den schön gestalteten Figuren an  Jurassic Park. Spannende Unterhaltung wird den Lesern geboten und das Eintauchen in eine erwachsene Abenteuerwelt.

Bernardo Fernández, genannt Bef, wurde 1972 in Mexiko-Stadt geboren, wo er heute als Schriftsteller und Comiczeichner lebt. Er hat bereits zahlreiche Romane, Jugendbücher, Drehbücher und Comics veröffentlicht. Das Auge des Drachen ist der erste Roman des Autors, der auf Deutsch erscheint.

Das Auge des Drachen von Bernardo Fernández ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 04/11)