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Raphael Montes: Sag kein Wort (Limes)

Téo Avelar ist Einzelgänger. Er hat nur wenige Freunde, und am wohlsten fühlt er sich im Seziersaal. Echte menschliche Gefühle bringt er nur für sein dortiges Studienobjekt auf – bis er Clarice begegnet. Téo ist davon überzeugt: Sie ist die Frau seines Lebens. Er beginnt, sie zu verfolgen, macht ihr Geschenke, ist geradezu besessen von ihr. Als Clarice ihn abblitzen lässt, greift Téo zu extremen Mitteln, um ihre Zuneigung zu gewinnen: Er entführt sie, hält sie gefangen. Nichts und niemand soll seinem glücklichen Leben mit Clarice in die Quere kommen...

Sag kein Wort ist ein ungewöhnlicher Thriller, der nichts für schwache Nerven ist. Jedes Mal, wenn man glaubt zu wissen, wie es läuft, kommt etwas, dass man einfach nicht vorausahnen konnte bis zum Ende, das es dann noch einmal in sich hat.

Raphael Montes, geboren 1990 in Rio de Janeiro, ist Jurist und Autor. Er schrieb Short Storys für verschiedene Krimianthologien und Magazine. Sein Debütroman wurde u.a. für den São Paulo Literaturpreis nominiert, und in seiner Heimat wird Raphael Montes als „Stephen King Brasiliens“ gefeiert. Mit seinem zweiten Spannungsroman sorgt Montes auch international für Furore. Sag kein Wort erscheint in siebzehn Ländern.

Sag kein Wort von Raphael Montes ist bei Limes erschienen.
(JK 10/18)

Daniel Galera: So enden wir (Suhrkamp)

Vom brasilianischen Autor Daniel Galera ist bei Suhrkamp sein Roman So enden wir erschienen.

Sie waren unsterblich – damals, Ende der Neunziger, wütend und voller Aufbruch, drei Jungs und eine Frau, Protagonisten der neuen Gegenkultur aus späten Punks, krassen Künstlern und digitalen Bohemiens. Allen voran Duke, riesiges Schriftstellertalent, genialisch, unnahbar. Jetzt ist Duke tot, zufälliges Opfer eines Raubüberfalls, es ist das Jahr 2014 und Porto Alegre wie paralysiert von der sengenden Hitze und dem Streik. Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Unweigerlicher Blick zurück: Wie war das früher, und was ist aus ihnen geworden, aus den Idealen, Lebensplänen, Hoffnungen? Und: Wer war dieser Duke wirklich? War er ihr Freund? Oder hat er sie nicht doch bloß für seine Zwecke benutzt? Die immer skurrilere Suche nach einer Antwort führt die drei zu einer Hinterlassenschaft, die so berührend wie erschütternd ist.

Was gibt dem Leben Halt, wenn das Wünschen nicht mehr hilft? Daniel Galera hat einen virtuos agilen, unerschrockenen Generationen- und Gegenwartsroman geschrieben. Über Auf- und Abbrüche, über Ankünfte und Verlorenheiten und über das ungelöste – vielleicht unlösbare? – Geheimnis menschlicher Nähe. Der Autor hat ein kontrastreiches, widersprüchliches Szenario menschlicher Erfahrungen und Empfindungen vor dem brasilianischen Hintergrund wirtschaftlicher Krisen, spürbarem Klimawandel und politischer Instabilität geschrieben, urteilt die taz. Die Bilder aus Brasilien 2014 sind uns noch in guter Erinnerung: Unruhen auf den Straßen, Korruption, Gewalt, ein unglaubliches politisches Schmierentheater der rechten Parlamentsmehrheit und die bevorstehende Weltmeisterschaft. Das ist das Setting dieses Romans, der berührt und aufrüttelt. Gut und flüssig geschrieben regt Daniel Galeras lesenswerter Roman zum Nachdenken an.

Daniel Galera, geboren 1979 in São Paulo, lebt heute in Porto Alegre. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und für das Theater adaptiert worden. Galera hat u. a. Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson ins Portugiesische übersetzt.

So enden wir  von Daniel Galera ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 07/18)

Edney Silvestre: Der stumme Zeuge (Limes)

Wo Geld alles ist, zählt das Leben eines Kindes nichts. Auf diesen kurzen Nenner kann man den neuen Roman Der stumme Zeuge des brasilianischen Autors Edney Silvestre bringen, der bei Limes erschienen ist.

São Paulo, Brasilien: Ein kleiner blonder Junge wird mit einer Luxuslimousine von der Schule abgeholt. Minuten später ist der Fahrer des Wagens tot, das Kind in der Gewalt einer Söldnertruppe. Mit der Entführung soll der Vater des Kindes, der mächtige Medienmogul Olavo Bettencourt, zur Aufdeckung eines Korruptionsskandals der brasilianischen Politikelite gezwungen werden. Doch Bettencourt reagiert nicht auf die Forderungen und den Entführern läuft die Zeit davon. Sie bekommen Zweifel: Haben sie den richtigen Jungen in ihrer Gewalt?

Im Jahr 1990 öffnete der Wirtschaftsplan der brasilianischen Regierung Fernando Collor de Mello, der 1992 aus dem Amt gejagt wurde, über Nacht den brasilianischen Binnenmarkt für Importe und markierte den Beginn eines rigorosen Privatisierungsprogramms. Die Kosten waren unbeschreiblich hoch und trafen die Bevölkerung völlig unvorbereitet. Mehr als 920.000 Arbeitsplätze gingen verloren, die Inflation erreichte unglaubliche Höhen von bis zu 1200% pro Jahr. „Es war der Beginn der größten Diaspora Brasiliens, weil ganze Familien nach Lissabon, New York und anderen Städten im Ausland gingen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, um überhaupt zu überleben und, noch schlimmer, ohne Pläne je wieder nach Brasilien zurückzukehren“, sagt der Autor und Journalist Edney Silvestre. Er interessiert sich besonders für diese kritische Zeit der jüngsten brasilianischen Geschichte, recherchierte Dokumente und führte Interviews. All die daraus gesammelten Erkenntnisse nahm er als Basis seines zweiten Romans Der stumme Zeuge.

Es ist kein herkömmlicher Krimi, in dem die Handlung der Auflösung des Falles entgegentreibt. Wer die Entstehungsgeschichte dieses Romans kennt, erkennt die Triebfeder des Autors. Und damit wird dieses Buch zu etwas Besonderem. Der Roman hat eine ganz eigene Stimmung, Perspektiven werden gewechselt und eröffnen die Gedankenwelten verschiedener Personen. Das Drama um den Jungen ist bedrückend und sehr real dargestellt. Wie die Mitglieder der Oberschicht rücksichts- und skrupellos agieren und wie hilflos die Mitglieder der Unterschicht diesem Treiben ausgesetzt sind, das ist, was Edney Silvestre in seinem Roman zeigen will. Und das ist ihm überaus gelungen.

Der Brasilianer Edney Silvestre, geboren 1950, ist in seinem Heimatland ein bekannter Journalist und Fernsehmoderator. Sein Debütroman Der letzte Tag der Unschuld wurde auf Anhieb ein Erfolg und mit renommierten Literaturpreisen wie dem Prêmio Jabuti und dem São-Paulo-Preis ausgezeichnet. Nach mehreren Jahren als Korrespondent in New York lebt Edney Silvestre heute wieder in Brasilien.

Der stumme Zeuge von Edney Silvestre ist bei Limes erschienen. 
(JK 10/16)

Chico Buarque: Mein deutscher Bruder (S. Fischer)

Als er 22 Jahre alt war, fand der weltberühmte brasilianische Musiker und Komponist Chico Buarque heraus, dass er einen deutschen Bruder hat. Dies wurde all die Jahre nie erwähnt. Mit 70 veröffentlicht er nun ein Buch darüber, in dem Fiktion und Realität sich vermischen. Mein deutscher Bruder ist bei S. Fischer erschienen.

Da war er, der Brief, in die Seite 35 eines Buches gesteckt, unter tausenden auf den Buchregalen zu Hause bei der Familie Buarque. Geschrieben von einer Deutschen namens Anne Ernst stand dort „Lieber Sergio“ und erwähnte ein gemeinsames Kind. So erfuhr Chico Buarque, dass er einen deutschen Bruder hatte. Chico Buarque steht am Anfang seiner Musikerkarriere, als er von seinem Halbbruder in Berlin erfährt. Dort lebte der Vater in den späten Zwanzigern und verschwieg, dass er fern von Rio einen Sohn hat. Also macht sich Chico selbst auf die Suche und findet die bezaubernd, verrückte Geschichte von Sergio Günther. Auch Sergio war Sänger, und zwar einer der bekanntesten der DDR.

Inspiriert vom Familienleben der Buarque de Holanda ist das Buch jedoch nicht biographisch, da Fiktion und Realität glücklich nebeneinander bestehen. Der Name des Vaters ist real, Sergio, aber die italienische Mutter, zum Beispiel, ist eine Erfindung von Chico. Es ist keine Geschichte über Untreue oder ein illegitimes Kind, denn Sergio war in Berlin Single und dies lange bevor er in Brasilien die eigentliche Familie gründete. Er war bei der Geburt des Sohnes Sergio Günther schon wieder längst in Brasilien. Der Erzähler der Geschichte (Ciccio, nicht Chico) durchkämmt nicht nur die Vergangenheit sondern auch das heutige Berlin auf der Suche nach den Spuren von Sergio Ernst. Er scheint dem deutschen Bruder überall zu begegnen. Gespenster – Visionen – durchqueren die Seiten. Die Chronologie in der Geschichte kann verwirrend sein, da es ein konstantes Vor und Zurück gibt zwischen den Gedanken, Hypothesen und der Wirklichkeit. Die ständigen Abschweifungen gehören zum Schreibstil Buarques sind aber auch Reflexion über Brüche in diesem Prozess. Mit brasilianischem Blick zeichnet Chico Buarque ein überraschendes und sehr persönliches Bild des ehemals geteilten Deutschlands.

Chico Buarque ist der aufregendste Schriftsteller und berühmteste Sänger Brasiliens. Für die Musik gab er sein Architekturstudium auf. Seine Kunst war ihm besonders in der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 Mittel, politisch aufzubegehren. Für seinen Roman Budapest erhielt Buarque den Prêmio Jabuti, die wichtigste brasilianische Literaturauszeichnung.

Mein deutscher Bruder von Chico Buarque ist bei S. Fischer erschienen.
(JK 06/16)

Vanessa da Mata: Blumentochter (List)

Die brasilianische Autorin Vanessa da Mata hat mit ihrem Buch Blumentochter einen sinnlichen und farbenfrohen Roman voll südamerikanischem Temperament geschrieben. Der Roman ist bei List erschienen.

In einer kleinen Stadt in den brasilianischen Tropen, in einer farbenfrohen Welt voller Mango- und Avocadobäume, lebt die junge Giza mit ihren Tanten Florinda und Margarida. Hinter ihrem Haus bestellen sie einen prächtigen Garten. Die Blumen verkauft Giza überall in der Stadt, und so erfährt sie auch von Liebesgeschichten, über die sonst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wird. Doch Giza fühlt sich wie eine Außenseiterin. Die junge Frau sehnt sich danach, so frei davonfliegen zu können wie die buntschillernden Papageien über ihrem Kopf. Als Florinda ihre erste große Liebe verhindert, flieht Giza in die große Stadt. Erst zwölf Jahre später kehrt sie zurück, mit ihrem Sohn, bereit sich ihrer Liebe und ihrer Vergangenheit zu stellen.

Vanessa da Matas Debütroman überzeugt dank der Kraft ihrer Phantasie und der Musikalität ihrer Sprache. Die Geschichte nimmt verschiedene Richtungen. Einerseits glaubt man in eine Phantasiewelt einzutauchen und dann steht man wieder abrupt in der Realität. Am Ende treffen sich die beiden Richtungen und fast alles ist gesagt und erklärt. Vanessa da Mata folgt dem magischen Realismus, der in der lateinamerikanischen Literatur zu Hause ist. Der Roman ist sehr anspruchsvoll und keine leichte Lektüre.

Die Brasilianerin Vanessa da Mata, geboren 1976, ist in ihrem Heimatland eine sehr erfolgreiche Sängerin und Songwriterin. Sie gewann den Latin Grammy Award und wurde zu einer der 25 kreativsten Frauen gewählt.

Blumentochter von Vanessa da Mata ist bei List erschienen.
(JK 06/15) 

Carola Saavedra: Blaue Blumen (C.H. Beck)

Anlässlich des Ehrengastauftritts Brasiliens bei der Frankfurter Buchmesse 2013 erschien in Deutschland der Roman Landschaft mit Dromedar von Carola Saavedra. Jetzt ist bei C.H. Beck der Roman Blaue Blumen von Carola Saavedra erschienen.

Eine Frau schreibt Briefe an einen Mann, der sie verlassen hat, aber der Mann, der sie erhält und liest, der von ihnen berührt und ergriffen wird, so sehr, dass er nicht mehr zur Arbeit geht, ist gar nicht der richtige Adressat. Er selbst lebt in Trennung von seiner Frau und seinem Kind, ist ebenfalls verlassen worden und so wechselt sich seine eigene Geschichte ab mit den Briefen, die offenbar irrtümlich bei ihm landen und auf die er zu warten beginnt. Welche Wirkung werden diese Briefe über Liebe und Lust, Abhängigkeit und Verrat, über Nähe und Gewalt am Ende haben? Und wer ist ihr wahrer Adressat?

Ein kluger, intensiver und leidenschaftlicher Roman über Gefühle und Sprache, über die Liebe und ihre Macht, über Trennungen und Neuanfänge. Carola Saavedra betreibt ein eingehendes Verwirrspiel und bekundet ihr ausgesprochenes Interesse an Liebe, Tod und die Einsamkeit des Individuums. Die Geschichte wird beklemmend, wenn man das Gefühl bekommt, dass ein Fremder einen mehr kennen könnte als die Menschen um einen herum. Die anfangs einfachen Briefe entfachen im Verlauf eine bedrohliche Gewalt.  Eine Gewalt, die sich nicht physisch zum Zeitpunkt des Schreibens äußert, sondern erst mit dem Empfang körperlich wird. Eine klaustrophobische Gewalt, sowohl in Form von sehr schnell geschriebenen Buchstaben, nur durch Kommas begrenzt und Absätzen die von Mal zu Mal grösser werden, als auch in der Beschreibung was mit A. geschieht.

Carola Saavedra, geboren 1973, lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Sie hat in Deutschland Kommunikationswissenschaft studiert. 2013 erschien ihr Roman Landschaft mit Dromedar. Für diesen erhielt sie den Rachel de Queiroz-Preis und war unter den Finalisten für die renommierten Literaturpreise Jabuti und São Paulo de Literatura. Mit Toda Terça (2007) gewann sie den APCA-Preis in der Kategorie „Bester Roman“. Die Zeitschrift „Granta“ zählt sie zu den zwanzig besten jungen Autoren und Autorinnen Brasiliens. Blaue Blumen erschien zuerst 2008. 

Blaue Blumen von Carola Saavedra ist bei C.H. Beck erschienen. 
(JK 07/15)

Paulo Scott: Unwirkliche Bewohner (Wagenbach)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Paulo Scott erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen den Kulturen, die dennoch bleibende Spuren hinterlässt – und er beschwört das Erbe der indianischen Ahnen, der unwirklichen Bewohner Brasiliens.

Als der Jurastudent Paulo in seinem VW-Käfer die 14- jährige Autostopperin Maína mitnimmt, verändert sich das Leben der beiden. Das Mädchen aus dem Indianercamp an der Ausfallstraße von Porto Alegre und der politisch engagierte Sohn aus gutem Hause kommen sich schnell näher – und doch nie wirklich nahe; zu unterschiedlich sind die beiden Welten, die hier aufeinanderprallen. Erst Donato, ihrem gemeinsamen Kind, gelingt es, das Unvereinbare zusammenzubringen. Allein gelassen von Vater und Mutter, wächst er zu einem jungen Mann heran, der unwissentlich in die Fußstapfen seiner Eltern tritt: Die Stimme seiner Mutter im Ohr – auf einer Tonbandkassette mit Guaraní-Legenden – entlarvt Donato die Selbstzufriedenheit einer ganzen Gesellschaft.

Paulo Scotts Roman hat in Brasilien viel Aufmerksamkeit erhalten. Seine Figuren stehen sinnbildlich für die brasilianische Geschichte der vergangenen 25 Jahre, und gehen mit der portugiesisch-indianischen Begegnung von Paulo und Maína an die Ursprünge der brasilianischen Literatur zurück. Ein beeindruckender, dichter Roman, der den Preis der Brasilianischen Nationalbibliothek für den besten Roman 2012 erhielt.

Paulo Scott, geboren 1966 in Porto Alegre, hat vor Unwirkliche Bewohner bereits einen Roman, zwei Erzählsammlungen und einen Gedichtband veröffentlicht. Er lebt und arbeitet in Rio de Janeiro.

Unwirkliche Bewohner von Paulo Scott ist bei Wagenbach erschienen.
(JK 10/13)

Graciliano Ramos: Kindheit (Wagenbach)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Die ersten Bücher und die erste Liebe prägen unser aller Leben. Graciliano Ramos zeigt, dass das überall gilt – auch in der tiefsten brasilianischen Provinz.

Hinter dem kindlichen Protagonisten dieses Romans steht niemand anderes als einer der größten Romanciers Brasiliens im 20. Jahrhundert: Graciliano Ramos. Geboren inmitten der kargen Einöde des Sertão, überwindet der junge Erzähler dank einiger guter (und trotz vieler schlechter) Lehrer und mit Hilfe von noch mehr Büchern seine Blindheit und die Angst vor den Buchstaben.

Kraft der Sprache gewinnt er der beschwerlichen Wirklichkeit des Alltags in der Provinz auch andere – leichte und poetische – Seiten ab: Während der strenge Vater sich erfolglos als Kaufmann versucht, lässt der Sohn sich von der Bibliothek des Jerônimo Barreto verzaubern.

Das persönlichste Buch, das Graciliano Ramos je geschrieben hat, berührt durch seine eindrücklichen Bilder und seinen unaufdringlichen Stil. Sechzig Jahre nach dem Tod des Autors liegt Kindheit nun zum allerersten Mal in deutscher Sprache vor.

Graciliano Ramos, geboren 1892 in Quebrangulo und gestorben 1953 in Rio de Janeiro, saß unter der Diktatur von Getúlio Vargas aufgrund seiner politischen Überzeugungen in Haft. In seinen Romanen und autobiografischen Werken schilderte Ramos die Entwicklung Nordost-Brasiliens.

Kindheit von Graciliano Ramos ist bei Wagenbach erschienen.
(JK 10/13)

Marçal Aquino: Flieh. Und nimm die Dame mit (Unionsverlag )

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Eine Recherche über Prostituierte führt den Journalisten Cauby in eine düstere Goldgräberstadt, wo er Zeuge der zunehmenden Spannungen zwischen Arbeitern und der Bergwerksgesellschaft wird. Er verfällt der doppelgesichtigen Lavínia, die manchmal verängstigt und verletzlich wirkt, dann wieder ihre verführerischen Reize ausspielt. Zudem ist sie verheiratet – mit einem viel älteren, sehr beliebten Prediger. Cauby will sich von ihr trennen, da wird der Prediger ermordet. Der Verdacht fällt auf Cauby, und damit beginnt eine Tragödie.

Dennis Scheck sagt über das Buch: „Marçal Aquinos Roman handelt davon, wie lustvoll quälend Erinnerungen sein können – und wie man, wenn man Sentimentalitäten zu lange nachhängt, in Teufels Küche geraten kann.“ Eva Karnofsky von den Literaturnachrichten schreibt: „Man kann den Roman als spannenden Krimi lesen oder als eine knisternde erotische Geschichte über eine Frau, die zwischen zwei Männern steht. Doch Aquino geht darüber hinaus. Er hat einen Mikrokosmos geschaffen, in dem sich Brasilien widerspiegelt.“ 
   
Marçal Aquino, geboren 1958 in Amparo, Brasilien, arbeitete als Journalist, bevor er begann, Kinderbücher, Romane und Drehbücher zu verfassen. Mehrere seiner vielfach preisgekrönten Texte wurden verfilmt. Der Film Der Eindringling, nach einem Roman Aquinos, wurde 2002 auf der Berlinale gezeigt. Marçal Aquino lebt in São Paulo.

Flieh. Und nimm die Dame mit von Marçal Aquino ist im Unionsverlag erschienen.
(JK 10/13)

Patrícia Melo: Leichendieb (Tropen)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Wie ich zum Verbrecher wurde. Alles beginnt mit einer Ohrfeige vom Chef. Als die Geschlagene sich jedoch deswegen umbringt, wirft der Vorstand einer Telefonmarketingfirma alles hin. Doch sein neues Leben reißt ihn in einen Strudel der Kriminalität im Drogensumpf Brasiliens. Der neue Roman von Patrícia Melo: schonungslos und abgebrüht.

Ein Päckchen Kokain liegt neben der Leiche eines jungen Mannes. Der Finder beschließt, es zu verkaufen, und verstrickt sich damit in eine Welt aus Betrug und Erpressung. Um zu überleben, muss er bald schon eine Menge Geld auftreiben. Mit einem perfiden Plan macht er sich an die schwerreichen Eltern der Leiche heran. Patrícia Melo bietet nicht nur ein bestechend genaues Porträt der Rauschgift-Mafia in Lateinamerika, sondern auch den Beweis, dass es manchmal nur eines winzigen Auslösers bedarf, um das Leben eines Menschen aus der Bahn zu werfen: In jedem steckt der Keim für das Böse.

„Irritierend“, „bösartig“, ja „ekelerregend“ findet Tobias Gohlis von der ZEIT den neuen Krimi von Patricia Melo, und meint das durchaus positiv. Die Handlung um einen so gewissen- wie charakterlosen Taugenichts, dem durch Zufall bzw. Unfall ein Drogenpaket in die Hände fällt, ist „trügerisch einfach“, Melos beträchtliche Raffinesse besteht darin, wie sie die Geschichte von ihrem widerwärtigen Protagonisten erzählen lässt.

Eine wahrhaft geschickte Konstruktion der Autorin, applaudiert die Tageszeitung, die sich beim Lesen allem Granit zum Trotz, auf den man hier immer wieder beißt, auch das Grinsen selten verkneifen konnte, spinnt sich hier doch ein wirkmächtiger „Faden erzählerischer Ironie“ durch das Geschehen, in dem es vor allem um die Macht der Rahmenbedingungen geht. Dabei geht natürlich jedes Maß verloren, so die Rezensentin, doch gereicht der Vorwurf glatt zum Jubel: Literatur ist das, nichts anderes!

Die Frankfurter Rundschau konstatiert, dass man wider besseres Wissen beständig hofft, der Held möge sich nur einmal integer verhalten und die Geschichte nicht konsequent Richtung Verderben steuern, verleiht dem Roman seine „erhebliche Spannung“.

Patrícia Melo geboren 1962 in São Paulo. Die Autorin und Dramaturgin schreibt Romane, Hörspiele und Drehbücher. Die Times kürte Patrícia Melo zur „führenden Schriftstellerin des Millenniums“ in Lateinamerika. Außerdem wurde ihr der Prix Deux Océans verliehen. Patrícia Melo erhält auf der Frankfurter Buchmesse den LiBeraturpreis 2013. Das Buch Leichendieb kam auf Platz 1 der litprom-Bestenliste WELTEMPFÄNGER. Patrícia Melo lebt in der Schweiz.

Leichendieb von Patrícia Melo ist bei Tropen erschienen.
(JK 10/13)

Bernardo Kucinski: K. oder die verschwundene Tochter (Transit)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

São Paulo in den siebziger Jahren. K., Besitzer eines Geschäfts für Herrenmode, erhält einen Anruf aus dem Labor, in dem seine Tochter als Chemikerin arbeitet: sie sei seit vierzehn Tagen dort nicht mehr erschienen. Er fragt ihre Freunde, Bekannte, geht mit ihrem Foto zur Polizei – bis er schließlich auf Umwegen erfährt, dass sie seit Jahren ein Doppelleben führte und mit ihrem Mann verdeckt politisch arbeitete. Für K. ist das aus mehreren Gründen schockierend: Er glaubte seine Tochter, sein Lieblingskind, genau zu kennen und hielt sie für völlig unpolitisch. Und er begreift nicht, warum gerade er, der Mitte der dreißiger Jahre in Polen selber Mitglied einer jüdischen Widerstandsgruppe und nach einer Haftstrafe nach Brasilien geflohen war, auffällige Indizien im Verhalten seiner Tochter komplett falsch eingeschätzt hatte. Er hätte es wissen müssen und sie retten können. Sein Leben besteht danach aus einer doppelten Suche: Er will herausfinden, wer seine Tochter wirklich war, und, am wichtigsten: ob sie noch lebt. Diese Suche provoziert Erinnerungen an seine eigene Jugend, wichtige Phasen seines Lebens, die er vorher immer verdrängt hatte. So verschränkt sich brasilianische überraschend mit europäischer Geschichte.
Eva Karnofsky meint im Forum Buch bei SWR2: „ein lesenswerter und erschütternder Roman über ein dunkles Kapitel brasilianischer Geschichte.“

Thomas Wörtche von der ZEIT schreibt in der Weltempfänger litprom-Bestenliste: „Eine solche brasilianische Hölle mit den ebenso immer gültigen Verbindungen von Macht, Folter und misogyner Unterdrückung inszeniert Kucinskis wütend-intensives Erzählen.“

Bernardo Kucinski, 1937 in São Paulo als Sohn einer polnisch-jüdischen Einwandererfamilie geboren, arbeitet als Wissenschaftler und Journalist und war nach dem Ende der Diktatur lange Jahre enger Berater des Präsidenten Lula da Silva. Er veröffentlichte zahlreiche politische und wissenschaftliche Bücher. Dieses Buch, sein erster Roman, hat in Brasilien ein überragendes Medienecho und zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Es wurde bereits ins Englische und Spanische übersetzt. Bernardo Kucinski, gilt auch als wichtige Stimme der Angehörigen der desaparecidos – Menschen, die in der Zeit der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) gefangen genommen oder verschleppt wurden und seitdem als vermisst gelten. Dieses Schicksal widerfuhr auch Kucinskis Schwester Ana Rosa Kucinski Silva. Diese hatte sich Ende der 1960er Jahre einer Widerstandsgruppe angeschlossen, wurde 1974 gemeinsam mit ihrem Mann festgenommen und gilt seither als verschwunden. Bernardo Kucinski entstammt einer jüdisch-polnischen Familie. Sein Vater, Majer Kucinski, hatte im Polen der 1930er Jahre wegen subversiver Aktivitäten zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Unter der Bedingung, das Land zu verlassen, wurde er freigelassen und ging nach São Paulo ins Exil. Die Mutter Esther folgte zwei Jahre später. Während die Familie des Vaters den Holocaust durch Flucht größtenteils überlebte, wurde die Familie der Mutter fast vollständig in den Vernichtungslagern ermordet. Nach langer Suche nach Ana Rosa Kucinski stieß man im Archiv der Sonderpolizei São Paulo auf den Aktenvermerk „festgenommen am 22. April 1974 in SP“.

K. oder die verschwundene Tochter von Bernardo Kucinski ist bei Transit erschienen.
(JK 10/13)

Klester Cavalcanti: Der Pistoleiro (Transit)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Von seinem Onkel überrumpelt gerät Júlio Santana, der als Sohn einer armen Familie im Nordosten Brasiliens keine Chance auf einen anständig bezahlten Beruf hat, mit 17 Jahren auf die von ihm anfangs nur widerwillig eingeschlagene, Jahrzehnte dauernde Laufbahn eines Auftragsmörders. Klester Cavalcanti hat diese Biografie aufgeschrieben. In Júlio Santana, der ohne Hass, aber auch ohne Mitleid seinem Geschäft nachgeht und im Lauf seiner Karriere fast 500 Menschen umbringt, begegnen wir einem Familienvater, einem Hinterwäldler mit schlichtem und doch nachdenklichem Gemüt, der seinen Beruf akribisch und ehrgeizig praktiziert. Seine Tätigkeit rückt ihn dabei immer wieder in die Nähe brasilianischer Politik; so ist er an der Verfolgung von Gewerkschaftern beteiligt und wird zum Mörder der ersten Guerilleros in den siebziger Jahren. Doch er tötet auftragsgemäß vor allem „gewöhnliche“ Menschen; pedantisch hat er in einem Notizbuch mit Donald-Duck-Motiv alle Morde und deren zum Teil mächtige Auftraggeber festgehalten – seine Lebensversicherung. Nach 35 Jahren schafft er endlich den Absprung. Seine Kinder halten ihn bis heute für einen Polizisten. Ein aufwühlendes Buch über die Entstehung von Menschenverachtung, Skrupellosigkeit und über die Normalität des Mordens – nicht nur in Brasilien.

Die taz schreibt: „Besonders die darin enthaltenen zahlreichen Verweise zur jüngeren brasilianischen Geschichte sind angesichts der Monstrosität der Biografie hilfreich – macht doch Cavalcantis Porträt des Killers vor allem die historische und gesellschaftliche Dimension der in Brasilien begangenen Auftragsmorde und deren Straflosigkeit deutlich“.

Klester Cavalcanti, 1969 geboren, ist einer der bekanntesten Journalisten Brasiliens. Er lebt in Sao Paulo. Für seine Reportagen über die Opfer von Auftragskillern und auch für dieses Buch hat er zahlreiche journalistische und literarische Preise erhalten. Sein Buch wurde mit dem Prêmio Jabuti in Brasilien ausgezeichnet und wird z.Zt. in England verfilmt als Spiel- und Dokumentarfilm.

Der Pistoleiro – Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders von Klester Cavalcanti ist bei Transit erschienen.
(JK 10/13)

João Ubaldo Ribeiro: Brasilien, Brasilien (Suhrkamp)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Auf einer tropischen Insel nahe der alten Hauptstadt Salvador da Bahia, im kolonialen Herzen des riesigen Landes, prallen während dreier Jahrhunderte die Temperamente und Welten aufeinander: Buschindianer, europäische Abenteurer, schwarze Walfänger, Zuckerrohrbarone, Sklaven, Kirchenheilige, die mächtigen Götter Afrikas. Und mittendrin findet eine delikate Annäherung statt: zwischen der jungen Maria da Fé, die im Untergrund für die Abschaffung der Sklaverei kämpft, und ihrem Widersacher, dem raubeinigen Kommandanten Patrício Macário. Aber können sich zwei, die einander so leidenschaftlich bekämpfen, ernsthaft lieben?

João Ubaldo Ribeiro breitet in diesem Klassiker der brasilianischen Literatur ein üppiges, gewaltiges Panorama aus. Brasilien, Brasilien erzählt von Menschen, ihren Taten und Untaten, ihren Leidenschaften und Kalkülen und lässt all die Kräfte und Widersprüche dieses überbordenden Landes spürbar und anschaulich werden.

João Ubaldo Ribeiro wurde 1941 auf der Insel Itaparica, Bahia, geboren. Er ist einer der angesehensten und bekanntesten Autoren Brasiliens. Mit 17 Jahren begann er als Reporter zu arbeiten, später wurde er Chefredakteur der Zeitung Jornal de Bahia. Er studierte Politische Wissenschaften. Er war als Journalist und Hochschuldozent in Rio de Janeiro und in den USA tätig und hat als Stipendiat in Lissabon und Berlin gelebt. Seit 1991 lebt er wieder in Rio. Seinen ersten Roman schrieb Ribeiro mit 21 Jahren, Setembro não tem sentido. International bekannt wurde er 1971 durch den Roman Sargento Getúlio. Der Roman wurde in zwölf Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt. 1981 erschienen die Erzählungen Der Heilige, der nicht an Gott glaubte  und 1984 der Roman Brasilien, Brasilien, der im Original den Titel Viva o povo brasileiro. Dieser Roman wird mittlerweile zu den besten und erfolgreichsten Werken der brasilianischen Literatur gezählt. 1994 erhielt Ribeiro den Anna-Seghers-Preis. Während seines einjährigen Aufenthaltes in Berlin (DAAD-Stipendium) verfasste Ribeiro für die Frankfurter Rundschau sehr vergnügliche Kolumnen über das Leben in der nun nicht mehr geteilten Stadt, die in dem Buch Ein Brasilianer in Berlin zusammengefasst sind.

Brasilien, Brasilien von João Ubaldo Ribeiro ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 10/13)

Kersten Knipp: Das ewige Versprechen. Eine kleine Kulturgeschichte Brasiliens (Suhrkamp)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Brasilien boomt. Lange als Land der Zukunft beschworen, muss man mit Blick auf heutige Verhältnisse sagen: Die Zukunft ist jetzt! Das ewige Versprechen wirft einen lebhaften Blick auf die schillernde und faszinierende Vielfalt der brasilianischen Kultur, von den Anfängen bis in die Gegenwart. Ob in Musik, Malerei, Mode oder Architektur – Brasilien war immer schon stilprägend.
Kersten Knipp geht der vitalen Geschichte dieser Kultur nach, deren Ausdruck und Strahlkraft gewaltiger ist denn je. Was also ist Brasilien, und wer sind die Brasilianer? Wie wurde Brasilien zu einem solchen Erfolgsmodell? Welche Verheißungen und Ideale halten bis heute ein so vielgestaltiges Land zusammen? Anekdotenreich, in großen und kleinen Geschichten erzählt Kersten Knipp von einem Land, das sein „ewiges Versprechen“ einzulösen begonnen hat.

Kersten Knipp, geboren 1966, ist Kenner und ungehemmter Liebhaber Brasiliens. Er arbeitet als Journalist und Publizist und lebt in Köln.

Das ewige Versprechen. Eine kleine Kulturgeschichte Brasiliens von Kersten Knipp ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 10/13)

Daniel Galera: Flut (Suhrkamp)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Sein Vater erschießt sich, und was ihm bleibt, sind der alte Schäferhund und eine vage Sehnsucht nach Läuterung. Er bricht auf in den Süden und mietet sich in einem kleinen Ort an der Küste ein. Er findet Arbeit als Sportlehrer, lernt eine Frau kennen, unternimmt lange Wanderungen mit dem Hund, schwimmt Stunden am Stück ins offene Meer hinaus. Vor allem aber versucht er ein Familiengeheimnis zu ergründen – sein Großvater hatte in der Gegend gelebt, bis er unter ungeklärten Umständen verschwand. Doch ein empfindliches Handicap erschwert ihm die Suche, eine neurologische Erkrankung, er kann Gesichter nicht wiedererkennen. Seine Nachforschungen jedenfalls scheinen die Anwohner aufzuschrecken, Gerüchte machen die Runde, wird er bedroht? Wem kann er trauen, wenn schon nicht sich selbst und seinen Wahrnehmungen? Allmählich begreift er, dass er das gleiche Schicksal wie sein Großvater zu erleiden droht. Und plötzlich steht ihm das Wasser bis zum Hals.

Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt Flut die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an die Grenzen des Menschenmöglichen führt. Süddeutsche Zeitung schreibt Flut sein vierter Roman, ein grandios-intuitives Buch über die Verlorenheit und Orientierungslosigkeit auf der Landkarte eines zutiefst einsamen Lebensweges.“

Daniel Galera, geboren 1979 in São Paulo, lebt heute in Porto Alegre. Er hat Erzählungen, eine Graphic Novel und drei Romane geschrieben. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, verfilmt und für das Theater adaptiert worden. Galera hat u.a. Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson übersetzt. Flut ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Flut von Daniel Galera ist bei Suhrkamp erschienen.
(JK 10/13)

Benjamin Moser: Clarice Lispector. Eine Biographie (Schöffling)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Sie ist eine Ikone der brasilianischen Literatur. Mit ihrer Schönheit, ihrem Geist und ihrer einzigartigen Stimme faszinierte Clarice Lispector die literarische Intelligenz ihres Landes ebenso wie das breite Publikum. In ihrem Werk geht sie bisweilen an die Grenzen des Sagbaren.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler Benjamin Moser hat sich von Podolien bis Pernambuco, von New York bis Buenos Aires und Rio de Janeiro auf ihre Spuren begeben und einzigartige Dokumente ihrer Herkunft gefunden. Daraus hat er ein ebenso spannendes wie einfühlsames Porträt einer widersprüchlichen, von ihren jüdischen Wurzeln stark geprägten Persönlichkeit geschaffen und sie in der intellektuellen Tradition, die von Spinoza über Kafka zu Joyce und Virginia Woolf reicht, verortet. Anschaulich und fesselnd beschreibt Benjamin Moser die Stationen ihres wechselvollen Schicksals und erhellt die Grundmotive ihres Schreibens. Seine mit einem ausführlichen Bildteil angereicherte Lebensdarstellung wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, vielfach ausgezeichnet und für den National Book Critics Circle Award nominiert.

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston, Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für Harper’s Magazine und The New York Review of Books und ist als Biograph von Clarice Lispector außerdem Herausgeber ihrer Werkausgabe in neuer Übersetzung bei New Directions. Zurzeit arbeitet er an der autorisierten Biographie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag.

Clarice Lispector. Eine Biographie von Benjamin Moser ist bei Schöffling erschienen.
(JK 10/13)

Clarice Lispector: Der Lüster (Schöffling)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Auf den ersten Blick ist das Leben der jungen Virgínia unauffällig: Nach ihrer Kindheit auf dem Landsitz ihrer Großmutter führt ihr Weg sie in die Stadt, und erst nach Jahren kehrt Virgínia wieder nach Hause zurück. Geprägt von ungewöhnlichen Kinderspielen mit ihrem Bruder Daniel, der mit ihr die mysteriöse »Gesellschaft der Schatten« gründet, führt Virgínia selbst ein Schattendasein, das im Widerspruch zu ihrem aufgewühlten Innenleben steht. Obwohl sie Beziehungen eingeht, bleibt sie einsam, unabhängig und in sich gekehrt. Doch während sie sich in Gedanken eine eigene Welt erschafft, dringen wiederholt seltsame Dialogfetzen oder flüchtige Szenen in ihr Bewusstsein – als Vorboten des Schocks, der  ihrem Leben schließlich eine überraschende Wendung gibt.

Mit dieser wagemutigen, konsequenten Erforschung eines weiblichen Bewusstseins eröffnet Clarice Lispector in ihrem 1946 erschienenen zweiten Roman der lateinamerikanischen Literatur neue Wege und entfaltet diesen unerhörten sprachlichen Reichtum, für den sie weltberühmt wurde.

Clarice Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren, gelangte mit ihrer Familie auf der Flucht vor Pogromen in den ländlichen Norden Brasiliens und lebte später in Rio de Janeiro. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, studierte sie Jura und begann eine Karriere als Journalistin. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren wurde sie Schriftstellerin. Sie schrieb Romane, Erzählungen, Kinderbücher sowie literarische Kolumnen und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Sie starb 1977.

Der Lüster  von Clarice Lispector ist bei Schöffling erschienen.
(JK 10/13)

Bernardo Carvalho: Dreihundert Brücken (Luchterhand)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Bernardo Carvalho ist ein Kosmopolit, der den brasilianischen Urwald ebenso faszinierend zu schildern versteht wie die Mongolei. In seinem neuesten Roman erzählt er von St. Petersburg, der Stadt der dreihundert Brücken, und zwei jungen Männern, die sich hier begegnen und in deren Schicksal sich die Nationalitätenkonflikte spiegeln, die überall in Osteuropa zu schwelen scheinen.

Der Figaro in Paris meint „Carvalho vereint seinen kosmopolitischen Geist mit einer wunderbaren Sprache – beunruhigend, absolut modern, elegant und sehr wirkungsvoll.

Bernardo Carvalho wurde 1960 in Rio de Janeiro geboren. Er studierte Journalismus, war Redakteur sowie in Paris und New York Auslandskorrespondent für die Tageszeitung Folha de São Paulo. Er hat Oliver Sacks und Bruce Chatwin ins Brasilianische übersetzt und in Brasilien mehrere Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Seine Werke sind in zwölf Sprachen übersetzt. Für Neun Nächte, seine Erstveröffentlichung in deutscher Sprache, erhielt er die beiden renommiertesten Literaturpreise Brasiliens: Machado des Assis und Jabuti. Für Mongólia erhielt er 2003 den Preis der Associação Paulista de Críticos de Arte für den besten Roman, 2004 den Jabuti-Preis für den besten Roman und war Finalist beim Prêmio Portugal Telecom 2004.

Dreihundert Brücken von Bernardo Carvalho ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 10/13)

Edney Silvestre: Der letzte Tag der Unschuld (Limes)

Brasilien – Ehrengast 2013 der Frankfurter Buchmesse

Brasilien, 1961. An dem Tag, an dem Juri Gagarin die Erde umrundet, ändert sich das Leben von Paulo und Eduardo für immer. Es sollte ein schöner Frühlingstag werden – faul am See statt schwitzend in der Schule – bis sie am Ufer die Leiche einer Frau entdecken. Für die Polizei ist der Fall schnell gelöst: Der Ehemann ist der Täter – war das Opfer doch, wie jedermann zu wissen schien, eine Ehebrecherin. Die beiden Jungen glauben aber nicht daran und fangen an, selbst zu ermitteln. Zu ihnen gesellt sich ein alter Mann, der einst von der Geheimpolizei gefoltert wurde und mehr über die Stadtbewohner weiß, als er zugibt. Es ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft dreier Außenseiter – und einer gefährlichen Suche nach der Wahrheit.

Bald stellt das ungewöhnliche Trio fest, dass das Opfer, Anita, eine rätselhafte Vergangenheit hat und auf dubiose Art und Weise mit den einflussreichen Männern der Stadt verbunden ist. Anita heißt eigentlich Aparecida dos Santos und ist die illegitime Tochter des Senators Diógenes Marques Torres, der einst ihre Mutter, eine Mulattin, vergewaltigte. Anita wurde in eine Waisenhaus abgeschoben und als 15-jährige gezwungen, den Zahnarzt der Stadt zu heiraten. Dieser macht sich zwar nichts aus Frauen, genießt es aber, seine Frau zu fotografieren, während sie von den „Mächtigen“ der Stadt sexuell missbraucht wird. Im Verlauf ihrer Recherchen stoßen Paulo Eduardo und der alte Mann auf ein dichtes Geflecht von Gewalt, Inzest und politischer Korruption, und diese Entdeckungen läuten das Ende ihrer eigenen Unschuld ein.

Paulo und Eduardo gelingt am Ende das Unmögliche, sie decken das eigentliche Verbrechen auf. Während der alte Mann ihre Enthüllungen mit dem Leben bezahlen muss, werden die beiden Jungen mit ihren Familien gezwungen, die Stadt zu verlassen. Und so bricht auch der Kontakt zwischen den ungleichen Freunden ab, die aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammen. Die beiden werden sich nie wiedersehen.

Silvestre entwirft in Der letzte Tag der Unschuld ein breit gefächertes Bild der brasilianischen Gesellschaft kurz vor dem Beginn der grausamen Militärdiktatur 1964, das nichts von den zahlreichen Widersprüchen und den teils noch aus der Kolonialzeit stammenden Problemen des Landes ausspart. Der Roman zeigt Brasilien zu Beginn des brasilianischen Wirtschaftswunders, das drastische Umbrüche im ganzen Land hervorruft. Silvestre versteht es, den vielschichtigen Mikrokosmos einer Kleinstadt zu erschaffen, in der eine verbrecherische Doppelmoral herrscht und nichts so ist, wie es scheint – genau so, wie auch im gesamten Land.

Edney Silvestre, geboren 1950, ist in seinem Heimatland ein bekannter Journalist und Fernsehmoderator. Sein Debütroman Der letzte Tag der Unschuld wurde auf Anhieb ein Erfolg und mit renommierten Literaturpreisen wie dem Premio Jabuti und dem São Paulo-Preis ausgezeichnet. Nach mehreren Jahren als Korrespondent in New York lebt Edney Silvestre jetzt wieder in Brasilien.

Der letzte Tag der Unschuld von Edney Silvestre ist bei Limes erschienen.
(JK 10/13)