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Fikry El Azzouzi: Sie allein (DuMont)

Fikry El Azzouzis Roman Sie allein, erschienen bei DuMont beschriebt die Liebe in Zeiten des Terrors.

In der Küche des Restaurants, das Eva mit ihrem Freund in Brüssel betreibt, arbeitet Ayoub, ein junger Mann marokkanischer Herkunft. Er wirkt intelligent, wach, interessant, aber wie aus einer anderen Welt; uneinschätzbar, fremd. Eva und er kommen sich näher und plötzlich so nah, dass beiden klar wird: Ihren weiteren Weg wollen sie zusammen gehen. Trotz vieler Verdächtigungen, Vorurteile, Widerstände. Neu anfangen.

Sie allein erzählt die berührende Geschichte von zwei Menschen, die zusammenfinden – vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die auseinanderfällt. Denn während die beiden ein Paar werden, gleitet ihr Land ab in einen Strudel aus islamistischem Terror, rechter Gewalt und einem politischen Populismus, der plötzlich wieder Menschen zweiter Klasse erzeugt. El Azzouzi gelingt mit Sie allein eine sehr gefühlvolle und bewegende Geschichte ohne Pathos und ohne Kitsch. Der Roman wühlt mit seinen vielen berührenden Momenten auf, macht abwechselnd traurig und bringt ebenso zum Lächeln. Fikry El Azzouzi zeigt einmal mehr, dass er die brisanten Themen unserer Zeit in mitreißende, beklemmende Literatur verwandeln kann. Sie allein ist ein kraftvoller, hochaktueller Roman, der in Belgien gerade für Furore sorgt.

Fikry El Azzouzi, geboren 1978 in Temse, Belgien, ist ein flämischer Autor marokkanischer Herkunft. Er machte sich einen Namen als Kolumnist und Dramatiker und wurde u.a. mit dem Autorenpreis für Theaterkunst 2013 ausgezeichnet. 2010 erschien sein Debütroman Het Schapenfeest, 2014 folgte die Novelle De handen van Fatma. El Azzouzi gehört zu den wichtigen politischen Stimmen seines Landes. Er lebt in der Nähe von Antwerpen.

Sie allein von Fikry El Azzouzi ist bei DuMont erschienen.
(JK 02/18)

Karine Lambert: Das Haus ohne Männer (Diana)

Frankreich – Ehrengast 2017 der Frankfurter Buchmesse

Keine Männer – das ist die Regel. Die Bewohnerinnen eines verwunschenen Hauses mitten in Paris haben der Liebe abgeschworen. Kater Jean-Pierre ist das einzige männliche Wesen, dem sie Zutritt zu ihrer Welt gestatten. Als die junge Juliette einzieht, stellt sie das Leben der unterschiedlichen Frauen auf die Probe. Denn sie hat die Liebe noch nicht aus ihrem Herzen verbannt…

„Ein unerhört scharfsinniger Roman, nach dessen Lektüre man die Frauen von heute versteht ... zumindest ein wenig.“ Figaro Madame

„Eine elegante Reflexion über die Liebe.“ Grégoire Delacourt

„Eine Hymne an das Leben.“ Femme actuelle

Karine Lambert ist Fotografin und Schriftstellerin. Nach längeren Aufenthalten in verschiedenen Ländern lebt sie heute wieder in ihrer Geburtsstadt Brüssel. Für Das Haus ohne Männer, das in Frankreich zum Bestseller avancierte, erhielt sie den Prix Saga Café für das beste belgische Debüt. Ihr zweiter Roman Und jetzt lass uns tanzen erscheint in 21 Ländern und gelangte in Deutschland sofort nach Erscheinen auf die SPIEGEL-Bestsellerliste.

Das Haus ohne Männer  von Karine Lambert ist bei Diana erschienen. 
(JK 10/17)

Lize Spit liest in der Buchhandlung Lüders am Dienstag, 7. November

Buchhandlung Lüders
Dienstag  07.11.2017  20.00 Uhr 
Heußweg 33, Hamburg
Eintritt: 8 Euro. Die Lesung ist leider bereits ausverkauft!

Perfekte Tage für Monsterbälle: Lize Spit liest aus ihrem Buch Und es schmilzt, das bei S. Fischer erschienen ist. Es ist ein Buch, dem das Versprechen auf ein Leseerlebnis vorauseilt, ausgezeichnet mit dem Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres, hymnisch besprochen und vom S. Fischer Verlag nun auch für die deutsche Ausgabe wunderschön verpackt. Lize Spit steht in erhabenen Buchstaben auf dem Cover von Und es schmilzt, der Buchblock ist in dunkelgrün eingefärbt und hintendrauf steht, was als Botschaft sonst noch wichtig ist: „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt“. Shelly Kupferberg moderiert den Abend.

Von der schönen Verpackung und den aufgemotzten Sprüchen, die dem Roman vorauseilen, darf man sich nicht täuschen lassen, Lize Spit, die 1988 in einem kleinen Dorf in Flandern aufgewachsen ist, heute in Brüssel lebt und schon mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, hat mit Und es schmilzt, der von Helga von Beuningen kongenial ins Deutsche gebracht wurde, eine zutiefst verstörende Initiationsgeschichte vorgelegt. Sie führt in ein Reich des Bösen, erzählt ganz explizit von einer Welt, in der jede Moral auf einmal ausgehebelt ist, in der nichts mehr etwas gilt. Eva ist auf dem Weg in ihr Heimatdorf, in das belgische Bovenmeer. Sie ist seit Jahren nicht mehr dort gewesen, und sie hat auch nie zurückgeblickt in die Zeit, die sie dort verbrachte. Jetzt hat sie eine Einladung von ihren beiden ältesten Freunden Pim und Laurens bekommen. Mit ihr wird sie von der Erinnerung eingeholt. Der Erinnerung an die Schlinge im Schuppen, mit der ihr Vater seinen Suizid probte, der Erinnerung an die betrunkene Mutter, die Eva mit der Schubkarre vom Gemeindefest nach Hause karrte. Und der Erinnerung an jenen Sommer 2002, an die perfekten Tage für „Monsterbälle“, die sie manchmal so lange kauten, bis ihnen „die Kiefer brannten“, jenen Sommer, in dem Pim und Laurens, mit denen sie „Die drei Musketiere“ bildete, sie so bitter verraten haben. Seit dreizehn Jahren versucht sie zu vergessen, was damals passiert ist. Jetzt hat sie einen Eisblock in ihren Kofferraum gepackt und fährt nach Hause. Es wird eine Heimfahrt, die immer wieder schwer auszuhalten ist, weil Eva unterwegs in ihren Rückblicken ganz nah heranzoomt an die wüste Eruption, die ihr mit den beiden Jungs widerfahren ist. Lise Spit wirft mit „Und es schmilzt“ einen tief verstörenden Blick auf die Pubertät, die hier nicht als Übergang, als Prozess geschildert wird, auf den ein reiferes Erwachsenleben folgen kann. Für ihre Heldin Eva endet in diesem Sommer dagegen plötzlich und unheilbar das Vertrauen in die Welt und das Leben.

Lize Spit wurde 1988 geboren, wuchs in einem kleinen Dorf in Flandern auf und lebt heute in Brüssel. Sie schreibt Romane, Drehbücher und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman Und es schmilzt stand nach Erscheinen ein Jahr lang auf Platz 1 der belgischen Bestsellerliste und gewann zahlreiche Literaturpreise, darunter den Bronzen Uil Preis für den besten Debütroman und den Preis des niederländischen Buchhandels für den besten Roman des Jahres 2016.

Und es schmilzt  von Lize Spit ist bei S. Fischer erschienen.
(JK 11/17)

Madeleine Bourdouxhe: Gilles’ Frau (Wagenbach)

Frankreich – Ehrengast 2017 der Frankfurter Buchmesse

„Wenn er kommt, steht sie immer regungslos da, ein wenig verstört, so dass er auf sie zugeht und sie sanft auf die Stirn küsst.“ 

Elisa und Gilles sind glücklich, die Rollen klar verteilt. Liebe bedeutet für Elisa: Ehefrau zu sein. Sie wohnen mit ihren kleinen Zwillingstöchtern in einer Arbeitersiedlung am Rande einer Industriestadt, und jeden Abend wartet Elisa sehnsüchtig auf ihren Mann. Doch ausgerechnet ihre jüngere Schwester Victorine verdreht Gilles den Kopf. Elisa, die hochschwanger ist, kommt schnell dahinter, nimmt seine Untreue hin, demütigt sich, wird gar zur Komplizin seiner Begierde, bis Victorine ihn verlässt. Als Elisa schließlich klar wird, dass sie nun ihrerseits Gilles nicht mehr liebt, kapituliert sie.

Ein meisterhafter Roman über die zerstörerische Kraft absoluter Liebe.

Madeleine Bourdouxhe, geboren 1906 in Lüttich, starb 1996 in Brüssel. Im Zweiten Weltkrieg war sie in Brüssel in der Résistance, später in Kontakt mit Simone de Beauvoir, Raymond Queneau und Jean-Paul Sartre. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde sie wiederentdeckt.
 
Gilles’ Frau von Madeleine Bourdouxhe ist bei Wagenbach erschienen. 
(JK 08/17)

Jean-Philippe Toussaint: MMMM (Frankfurter Verlagsanstalt)

Frankreich – Ehrengast 2017 der Frankfurter Buchmesse

„Und jedes Mal haben wir uns geliebt, das erste Mal zum ersten Mal – und das letzte Mal zum letzten Mal. Aber wie oft haben wir uns nicht schon zum letzten Mal geliebt? Ich weiß es nicht, häufig ...“

Marie Madeleine Marguerite de Montalte ist Künstlerin und berühmte Modedesignerin mit Filialen auf verschiedenen Kontinenten. Ihre aufsehenerregenden Kreationen, darunter ein Kleid aus Honig, Höhepunkt einer spektakulären Modenschau in Tokio, sind weltweit begehrt und werden in Museen ausgestellt. Marie, eine Frau von Welt und eine Frau ihrer Zeit, gestresst, großstädtisch, kapriziös, leidenschaftlich und unnahbar – alles dreht sich um sie für den namenlosen Erzähler, sein Sehnen, Erinnern, seine Imagination. In Paris nur wenige Straßen voneinander entfernt wohnend, führt es die Liebenden in den vier Teilen des Romanzyklus in einem atemlosen Nach- und Nebeneinander durch Tokio und Shanghai bis nach Elba. Wie die Gezeiten folgt ihre Liebe einer ewigen Abfolge aus Kommen und Gehen, Suchen, Finden, sich Verfehlen – eine Liebe, so zeitlos und flüchtig, wie sie nur ein Zauberer auf Papier zu bannen vermag. Jean-Philippe Toussaint hat mit der Figur der Marie, ein Anagramm von „aimer“, lieben, eine verführerische, komplexe und zeitlose Metapher entworfen: für die Kunst, die Literatur, die Liebe und das Leben. 

„Eine schwerelose Liebesgeschichte, die sich als eine der schönsten in der französischsprachigen Gegenwartsliteratur entpuppt.“ (Deutschlandfunk)

Jean-Philippe Toussaint, geboren 1957, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und Fotograf. Er lebt in Brüssel und auf Korsika. Mit seiner Marie-Tetralogie, die Romane Sich lieben (2003), Fliehen (2007), Die Wahrheit über Marie (2010) und Nackt (2014), stand Toussaint jeweils auf der Shortlist für den Prix Goncourt. Für Fußball wurde er mit dem Grand Prix Sport & Littérature 2015 ausgezeichnet.

MMMM, die Romantetralogie von Jean-Philippe Toussaint ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

(JK 08/17)

Amélie Nothomb im 25hours hotel hafencity am Samstag, 24. Juni

Kunstsalon e.V. und Nina Quittmann im 25hours hotel hafencity
Samstag, 24.06.2017  19.00 Uhr
Überseeallee 5, Hamburg
Eintritt: 15 / 22 Euro

Literatur in den Häusern der Stadt: Zusammen mit der Schauspielerin Nicola Tiggeler präsentiert Amélie Nothomb ihren Roman Die Kunst Champagner zu trinken, der bei Diogenes erschienen ist. 

Zwei Schriftstellerinnen, eine Leidenschaft: Amélie und Pétronille suchen den Rausch – in der Literatur und im Champagner. Amélie Nothomb liebt Champagner, trinkt aber nicht gern allein. Deshalb sucht sie nach Gleichgesinnten, die den Rausch ebenso kultivieren wie sie. Bei einer Lesung lernt sie Pétronille kennen, eine Frau, die aussieht wie ein fünfzehnjähriger Junge, Amélies Bücher kennt und bald schon selbst einen Roman veröffentlicht. Amélie merkt sofort: Mit Pétronille ist nicht nur gut Kirschen essen, sondern auch Champagner trinken. Fortan finden die beiden stets gute Vorwände, ihrem kleinen Laster zu frönen. Nach Amélies Besuch bei Vivienne Westwood treffen sie sich in London, sie feiern Silvester bei Pétronilles kommunistischen Eltern in der Pariser Banlieue, in Paris besuchen sie eine Degustation im Ritz, sie feiern in den Alpen und selbst auf der Skipiste sieht man sie mit der Flasche in der Hand. Doch es gibt Dämonen, die sich auch im besten Schaumwein nicht ertränken lassen und plötzlich kommt Katerstimmung auf.  Ein spritziger Roman über die Trunkenheit – und eine Ode an die Freundschaft. 

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe, Japan, geboren, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Für Mit Staunen und Zittern erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Die Kunst Champagner zu trinken von Amélie Nothomb ist bei Diogenes erschienen.
(JK 06/17)

Saskia de Coster: Wir & Ich (Tropen)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Die Mutter Neurotikerin aus altem Geldadel, der Vater ein Kontrollfreak, der Onkel Häftling auf Freigang, die Oma eine alte Ziegenhirtin – die Vandersandens sind so überspannt wie vermögend. Nur Einzelkind Sarah will raus aus dem goldenen Käfig. Ein herrlich ironischer Gesellschaftsroman über eine verkorkste Familie.

Saskia de Coster geboren 1976 in Löwen, ist eine der renommiertesten und erfolgreichsten Autorinnen Belgiens. Für Wir und ich wurde sie mit dem Opzij-Literaturpreis ausgezeichnet.

Wir & Ich  von Saskia de Coster ist bei Tropen erschienen.
(JK 10/16)

Dimitri Verhulst: Die Unerwünschten (Luchterhand)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Bisher hat Dimitri Verhulst – zum Brüllen komisch, zum Heulen schlimm – seine Kindheit geschildert, aber nie seine Erfahrungen in einem Kinderheim. Nun wagt er den Blick in den Abgrund: In dem Heim ‚Sonnenkind‘ landen Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind unerwünscht. Und was ihnen dort fehlt, das fehlt ihnen oft ihr Leben lang: Wärme, Familie, Liebe. Angenommensein. Deshalb stürzt sich die siebzehnjährige Gianna im Heim aus dem obersten Stock in die Tiefe, deshalb werden Stefaan und Sarah zu Mördern ihrer eigenen Kinder.

Dimitri Verhulst wurde 1972 in Aalst, Belgien, geboren und gilt als einer der besten auf Niederländisch schreibenden Schriftsteller. Der Roman Die Beschissenheit der Dinge, in dem er seine eigene Geschichte erzählt, war ein Nr.-1-Bestseller, wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit dem Publikumspreis Goldene Eule ausgezeichnet. Die Verfilmung von Felix van Groeningen wurde in Cannes mit dem Prix Art et Essai prämiert. Dimitri Verhulsts Werke sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Die Unerwünschten von Dimitri Verhulst ist bei Luchterhand erschienen. 
(JK 10/16)

Ida Simons: Vor Mitternacht (Luchterhand)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Antwerpen, in den 1920er Jahren: Als die zwölfjährige Gittel nach dem Besuch der Synagoge zu der Bankiersfamilie Mardell eingeladen wird, weiß sie noch nicht, dass dies der Anfang vom Ende ihrer Kindheit ist. Sie, die leidenschaftlich gern Klavier spielt, darf endlich auf einem Steinway-Flügel spielen. Immer häufiger verbringt sie ihre Vormittage in dem vornehmen Haus auf der anderen Seite der Allee. Genießt die ernsthaften Gespräche über Kunst und Musik, die Eleganz des großbürgerlichen Lebens, nur um danach wieder in die umtriebige Welt ihrer eigenen Großfamilie zurückzukehren. Mit Lucie, der einzigen Tochter der Mardells, die fast dreißig und immer noch unverheiratet ist, verbindet sie rasch eine Freundschaft. Die soll jedoch schon bald auf den Prüfstand gestellt werden.

Ida Simons (geborene Rosenheimer), 1911 in Antwerpen geboren, war Schriftstellerin und Konzertpianistin. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurde sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn über das Durchgangslager Westerbork ins KZ Theresienstadt deportiert. In beiden Lagern gab sie Konzerte. Nach dem Krieg musste sie ihre Karriere als Pianistin aufgeben, da ihre angegriffene Gesundheit den Strapazen eines Solistenlebens nicht mehr gewachsen war. 1959 erschien der Roman Vor Mitternacht, dessen Erfolg Ida Simons nicht mehr voll miterleben durfte. Sie starb im Jahr darauf im Alter von nur 49 Jahren.

Vor Mitternacht von Ida Simons ist bei Luchterhand erschienen. 
(JK 10/16)

Paul Baeten Gronda: Straus Park (Luchterhand)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Zwischen New York, Amsterdam und London, von den 1930ern bis heute entfaltet sich dieser rasante, intelligente Roman über Erfolg und Sex, über Schuld und Überlebenswillen, über Familie und die Suche nach Liebe. Und auf beeindruckende Weise macht der flämische Schriftsteller Paul Baeten Gronda mit dieser Geschichte zweier Liebender nachvollziehbar, wie sehr jeder Einzelne von uns durch die Taten seiner Eltern und Großeltern, durch das Schicksal seiner Familie geprägt wird.

Paul Baeten Gronda wurde 1981 in Belgien geboren und lebt mit seiner Frau abwechselnd in Italien und in Leuven. Gronda ist Kolumnist für die Zeitungen De Morgen und Knack und Schriftsteller. Mit seinem ersten Roman kam er 2010 auf die Shortlist des Academica Debütantenpreis. Straus Park ist der vierte Roman des in Belgien und den Niederlanden sehr erfolgreichen flämischen Schriftstellers.

Straus Park  von Paul Baeten Gronda ist bei Luchterhand erschienen. 
(JK 10/16)

Kris van Steenberge: Verlangen (Klett-Cotta)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt und hält fortan dem Vater und den anderen Dorfbewohnern den Spiegel vor.

Kris Van Steenberge, geboren 1963 in Lier/Belgien, arbeitet als Dramatiker, Regisseur und Lehrer. Die Geschichten seines Großvaters über den Großen Krieg waren der Ausgangspunkt für seinen ersten Roman. 2014 wurde Verlangen mehrfach als das beste flämische Debüt ausgezeichnet und wird derzeit verfilmt.

Verlangen von Kris van Steenberge ist bei Klett-Cotta erschienen.
(JK 10/16)

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau (btb)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Es muss doch noch mehr geben als eine langweilige, vorgezeichnete Existenz ins Grab hinein, eine lieblose Ehe, die einem jede Selbstachtung raubt, und Kinder, die einem fremd sind – sagt sich der gut siebzigjährige Désiré Cordier eines schönen Tages. Und entwirft eine ungewöhnliche Strategie: Er beschließt, einen auf dement zu machen. Die Rolle des senilen Vergesslichen bereitet dem ehemaligen Bibliothekar nicht nur ein diebisches Vergnügen, er spielt sie auch so gut, dass ihn die Familie schließlich ins Pflegeheim bringt, wo er endlich frei zu sein meint…

Dimitri Verhulst wurde 1972 in Aalst, Belgien, geboren und gilt als einer der besten auf Niederländisch schreibenden Schriftsteller. Der Roman Die Beschissenheit der Dinge, in dem er seine eigene Geschichte erzählt, war ein Nr.-1-Bestseller, wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit dem Publikumspreis Goldene Eule ausgezeichnet. Die Verfilmung von Felix van Groeningen wurde in Cannes mit dem Prix Art et Essai prämiert. Dimitri Verhulsts Werke sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau von Dimitri Verhulst ist bei btb erschienen. 
(JK 10/16)

Griet Op de Beeck: Komm her und lass dich küssen (btb)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Mona ist neun, als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt. Fortan kümmert sie sich um den kleinen Bruder und versucht, den Erwachsenen nicht im Weg zu sein. Artig und gleichzeitig unsichtbar sein, lautet ihr Überlebensmotto. Mona ist Mitte zwanzig, als sie die große Liebe trifft. Doch wie tritt man ein fürs eigene Glück? Mona ist Mitte dreißig – und will nun endlich begreifen, wie Leben wirklich geht … Dies ist die Geschichte von Mona, als Kind, als junge Frau, als Erwachsene. Eine Geschichte darüber, wie wir werden, wer wir sind. Über gebrochene Lebensläufe und die Suche nach dem Sinn. Über die Angst vor dem Starksein. Über den Mut, sich allem zum Trotz ins Leben zu stürzen. Und natürlich über die Liebe. Auch zu uns selbst.

Griet op de Beeck, Jahrgang 1973, arbeitete als Dramaturgin, Journalistin und Kolumnistin, bis sie Anfang 2013 mit Vele hemels boven de zevende ihren ersten Roman vorlegte. Sie wurde mit dem De Bronzen Uil Publikumspreis ausgezeichnet und für den AKO-Literaturpreis nominiert. Der Roman wurde in Flandern und den Niederlanden ein sensationeller Bestseller. Griet op de Beecks zweiter Roman Komm her und lass dich küssen verkaufte sich bereits 250.000 Mal.

Komm her und lass dich küssen von Griet Op de Beeck ist bei btb erschienen. 
(JK 10/16)

Peter Terrin: Monte Carlo (Berlin Verlag)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Monaco im Mai 1968. Minuten vor dem Start des Grand Prix. Die Beau Monde tummelt sich zwischen Fahrern und Wagen, so auch die bardothafte Deedee, die Schauspielerin der Stunde. Ein Treibstoffleck verursacht eine höllische Stichflamme, die Deedee verbrannt hätte, wäre nicht Jack Preston, ein einfacher Mechaniker, dazwischen gesprungen, um sie zu schützen. Er erleidet schwerste Verletzungen. Ein Leibwächter zerrt Deedee fort. Prestons Heldentat wird kaum bemerkt. Er kehrt in sein englisches Heimatdorf zurück, wo er für seine Tat zunächst verehrt wird. Doch dann erscheinen Zeitungsberichte, in denen der Leibwächter als Retter gefeiert, und Preston überhaupt nicht erwähnt wird. Er hofft, ein Fernsehinterview mit Deedee werde seine Ehre retten, doch es kommt ganz anders. Ein Roman über Heldentum, den Wunsch nach Anerkennung und die Fragwürdigkeit dessen, was wir für die Wahrheit halten.

Peter Terrin, geboren 1968 in Wingene, ist einer der anerkanntesten flämischen Autoren und wird im Oktober 2016 offizieller Gast der Buchmesse Frankfurt sein. Er gewann 2010 den Europäischen Literaturpreis, 2012 wurde er mit dem AKO Litertuurprijs geehrt und steht momentan auf der Shortlist des Libris Literatuus Prijs 2015. Monte Carlo ist sein fünfter Roman.

Monte Carlo von Peter Terrin ist im Berlin Verlag erschienen. 
(JK 10/16)

Diane Broeckhoven: Was ich noch weiß (C.H. Beck)

Flandern und die Niederlande – Ehrengast 2016 der Frankfurter Buchmesse

Manon geht in ihrer Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter auf, bis ihr Mann sie plötzlich für eine jüngere Frau verlässt. Sie bleibt mit den drei Kindern zurück und muss von nun an allein für die Familie sorgen. Sieben Jahre später entdeckt ihr Sohn Peter durch einen Zufall, dass Manon kurz nach dem Tod ihrer Schwiegermutter eine Affäre mit ihrem Schwiegervater gehabt haben muss. In jugendlicher Empörung und ohne seiner Mutter Gelegenheit zu geben, sich zu erklären, zieht er zu seinem Vater. Die Kinder werden erwachsen und kurz bevor Peter mit seiner frischangetrauten Ehefrau für einige Zeit nach Japan ziehen will, erleidet Manon einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Trotz ihrer früheren Differenzen legt Peter seine Pläne auf Eis, um für seine Mutter da sein zu können. Als Manon erwacht, muss sie sich ins Leben zurückkämpfen. Sie notiert, was sie noch weiß, und wird liebevoll von ihren Kindern und ihrem früheren Ehemann unterstützt. Ein Neuanfang wird möglich.

Diane Broeckhoven, 1946 geboren, hat zahlreiche, vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher geschrieben. Unter ihren Romanen für Erwachsene, etwa Eine Reise mit Alice und Herrn Sylvains verschlungener Weg zum Glück, wurde Ein Tag mit Herrn Jules zu einem Bestseller. Das Buch ist inzwischen in sechzehn Ländern erschienen und wurde über 250.000 Mal verkauft. Diane Broeckhoven lebt in Antwerpen. 

Was ich noch weiß von Diane Broeckhoven ist bei C.H. Beck erschienen. 
(JK 10/16)

Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016: Flandern & die Niederlande


Dit is wat we delen = Dies ist, was wir teilen
Unter diesem Motto präsentieren sich Flandern & die Niederlande als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016. 

Flandern und die Niederlande teilen nicht nur eine gemeinsame Sprache, das Niederländische, sie können auch auf eine gemeinsame Geschichte zurückblicken, besonders im Bereich der Kultur und Literatur. Nach 1993 werden Flandern und die Niederlande in diesem Jahr zum zweiten Mal gemeinsam Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Der damalige Buchmessenauftritt löste geradezu einen Boom an niederländischsprachiger Literatur im deutschen Sprachraum und darüber hinaus aus, und die Popularität niederländischer Autorinnen und Autoren ist seitdem ungebrochen. Mit etwa 250 ins Deutsche übersetzten Titeln aus den Bereichen Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Sachbuch und Poesie wird 2016 eine neue Rekordmarke erreicht werden. 

Am Anfang dieses Erfolgs standen insbesondere Harry Mulisch (1927-2010) und Cees Nooteboom (geb. 1933) mit einigen Büchern, die mittlerweile zu Klassikern geworden sind, wie Harry Mulischs Roman Die Entdeckung des Himmels oder Cees Nootebooms Novelle Die folgende Geschichte und einige Jahre später dessen Berlin-Roman Allerseelen. Die langfristige Popularität der niederländischsprachigen Literatur beruhte aber nicht auf Einzeltiteln, sondern auf der breiten Etablierung einer Autorengeneration, die vielfach mit ihren neuen Werken zeitnah auf Deutsch erscheinen. Dazu gehören neben den beiden Galionsfiguren Mulisch und Nooteboom etwa Adriaan van Dis (geb. 1946), Anna Enquist (geb. 1945), Maarten 't Hart (geb. 1944), A. F. Th. van der Heijden (geb. 1951), Margriet de Moor (geb. 1941), Connie Palmen (geb. 1955) und Leon de Winter (geb. 1954). 


Bei allen Unterschieden zwischen diesen Autorinnen und Autoren entwickelte und festigte sich ein Bild von dem, was niederländischsprachige Literatur ausmacht: Hier trat eine Generation von Erzählern auf, die in erster Linie eine Geschichte zu erzählen hatte, durchaus klug und tiefsinnig, aber ohne artifiziell zu werden, und immer ihrer Geschichte verpflichtet; Romane, die sich durch einen starken Gegenwartsbezug, sogar Alltagsnähe auszeichnen, die realistische Erzählweisen variieren, die fesselnd und auch unterhaltend erzählen. Diese Konstellation traf auf eine Situation zu Anfang der 1990er Jahre, in der man für die deutschsprachige Literatur gerade mehr Welthaltigkeit und die Rückkehr zum Erzählen einforderte, etwas, was insbesondere die Literatur aus den Niederlanden offensichtlich einlöste. Das Realismus-Konzept in der niederländischsprachigen Literatur geht teilweise so weit, dass sich Grenzen zwischen Fiktion und Autobiografie aufheben und so sehr persönliche, intime Bücher entstehen. Die Literatur der Nachbarn bedeutete für den deutschen Leser aber auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen nationalen Vergangenheit und den Gräueln des Dritten Reiches – nicht zuletzt durch die Tagebücher Anne Franks, aber auch durch Romane wie Tessa de Loos‘ Die Zwillinge


In den letzten Jahren haben sich einige jüngere Autoren zu den genannten Schriftstellern gesellt, die mit Regelmäßigkeit auf Deutsch erscheinen, etwa Gerbrand Bakker (geb. 1962), Arnon Grünberg (geb. 1971), Erwin Mortier (geb. 1965), Dimitri Verhulst (geb. 1972) und Tommy Wieringa (geb. 1969). Die niederländischsprachige Literatur war und ist keine Verlängerung des Strandurlaubs mit erzählerischen Mitteln – das führt zu einem Phänomen, das vielleicht am erstaunlichsten an ihrer Popularität ist: Hier gab es keine bekannten und mitunter auch lieb gewonnenen holländischen Klischees wiederzuentdecken, sondern es präsentiert sich eine andere, urbane, moderne Literatur, die gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert und von der Situation des Einzelnen in der sich ändernden Wirklichkeit erzählt.


Offensichtlich ist der komplexe Familienroman dafür prädestiniert, eine andere, urbane, moderne Literatur zu repräsentieren, die gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert und von der Situation des Einzelnen in der sich ändernden Wirklichkeit erzählt. Der Familienroman erlebt zurzeit eine Renaissance, auch weil er die Möglichkeit bietet, ganz unterschiedliche thematische Akzente zu setzen: Saskia de Coster (geb. 1976) beobachtet in Wir und Ich scharfzüngig das Leben und dessen Deformationen in einem belgischen Villenviertel des ausgehenden 20. Jahrhunderts, vor allem die Mühen des Selbständigwerdens in dieser Umgebung. Dimitri Verhulst erzählt in seinem aktuellen Buch Die Unerwünschten, der Fortsetzung von Die Beschissenheit der Dinge, in zwei Erzählungen auf drastische Weise vom Aufwachsen im Heim bzw. dem Zerfall der Familie. Stefan Brijs (geb. 1969) hat mit Taxi Curaçao eine Vater-Sohn-Geschichte über mehrere Generationen auf den Niederländischen Antillen geschrieben. Für Aufsehen sorgte das Debüt von Kris Van Steenberge (geb. 1963), Verlangen, ein Familienroman, der vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs in der belgischen Provinz spielt. 

Rückblickend fällt auf, dass erst in den letzten Jahren vermehrt flämische Autorinnen und Autoren auf Deutsch publiziert werden. Das mag auch damit zu tun haben, dass einige der wichtigsten flämischen Gegenwartsautoren stilistisch Wege gehen, die nicht dem gefestigten Bild der niederländischsprachigen Literatur entsprechen. In diesem Sinne darf von der Frankfurter Buchmesse 2016 auch eine Differenzierung dieses Stereotyps erwartet werden. Zu den ‚literarischen Schwergewichten‘, die endlich (bzw. z.T. endlich wieder) auf Deutsch erscheinen, gehört Yves Petry (geb. 1967). Im Mittelpunkt seines Romans In Paradisum steht ein Fall von einverständlichem Kannibalismus zwischen zwei Männern; Petry gelingt ein hochintensives und psychologisch genaues literarisches Meisterstück. Peter Verhelst (geb. 1962), einer der experimentellsten Erzähler, geht in Die Kunst des Verunglückens von einer eigenen Gewalterfahrung aus, nämlich einem dramatischen Autocrash, und spürt den Möglichkeiten adäquaten literarischen Erzählens für eine derart wirklichkeitsdeformierende Erfahrung nach. Als dritter flämischer Autor gehört Peter Terrin (geb. 1968) in diese Reihe der in ihrer Heimat äußerst bekannten Stilisten; von ihm erscheint der kurze Roman Monte Carlo, dessen Ausgangspunkt ein Unglück auf der Rennstrecke ist. 


Und die ganz junge Generation? In Flandern und den Niederlanden ist die Diskussion, wer die maßgeblichen jungen Autorinnen und Autoren im beginnenden 21. Jahrhunderts sind, in vollem Gange. Von einer ganzen Reihe von ihnen erscheinen jetzt auch erstmals auf Deutsch Romane: Mano Bouzamour (geb. 1991), Daan Heerma van Voss (geb. 1986), Thomas Heerma van Voss (geb. 1990), Wytske Versteegs (geb. 1983), Joost de Vries (geb. 1983) und Niña Weijers (geb. 1987). Unter anderem stellt sich für diese Generation die Frage, welchen Blick sie auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts haben, insbesondere auf den Zweiten Weltkrieg, und wie sich ihr eigenes Schreiben darüber von dem der vorherigen Generationen unterscheidet. Joost de Vries treibt ein virtuoses Spiel mit Fiktion und Realität – in seinem Roman Die Republik versucht ein junger Nachwuchswissenschaftler an den Nachlass seines Mentors zu kommen, einem Fachmann für so genannte „Hitlerstudien“ und verwickelt sich in die Fallstricke eines teils absurden Wissenschaftsbetriebs. Im nächsten Jahr erscheint Der letzte Krieg von Daan Heerma van Voss auf Deutsch, in dem die Frage, wie man über den Holocaust und das Dritte Reich schreiben kann, noch einmal sehr radikal gestellt wird, wenn der Protagonist, ein Autor mit jahrelanger Schreibblockade, beginnt, Zeitzeugnisse zu fälschen.


Auch die jungen Autoren thematisieren moderne Familienbeziehungen, insbesondere das Prekäre familiärer Bindungen: Niña Weijers in ihrem Coming-of-Age-Roman Die Konsequenzen und Thomas Heerma van Voss in Stern. Darin erzählt er von der Lebensbilanz eines frühpensionierten Lehrers und von dessen Bemühungen um seinen ursprünglich aus Korea stammenden Adoptivsohn. In Wytske Versteegs Boy macht sich eine Mutter auf die Suche nach den Ursachen des Todes ihres Adoptivsohnes, der nach einem Schulausflug leblos am Strand gefunden wurde. 

Es gibt wahrscheinlich kaum eine andere kleinere Sprache, die in der Breite derart präsent auf dem deutschen Buchmarkt ist. Das rührt auch daher, dass zahlreiche deutschsprachige Verlage, Literaturagenten und Übersetzer mitverfolgen, was an neuen Titeln auf Niederländisch erscheint. Ist die Frankfurter Buchmesse 2016 daher vor allem ein schönes Wiedersehen mit einem alten Bekannten, den man nie aus dem Blick verloren hat? In den 1990er Jahren stand die niederländischsprachige Literatur auch für ein anderes Lebensgefühl, das vielleicht am besten zum Ausdruck kommt in A. F. Th. van der Heijdens anarchisch-unbändigem Romanzyklus Die zahnlose Zeit. Nach der Jahrtausendwende lieferte dann das konsensorientierte, so genannte niederländische Poldermodell neue Vorstellungen für das Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert, von der Arbeitszeitgestaltung bis hin zur Stadtplanung und Architektur. Erinnert sei an den niederländischen Pavillon auf der Expo 2000. Die belgische Hauptstadt Brüssel steht längst synonym für die Europäische Union. Diese gesellschaftlichen Veränderungen und Visionen schlagen sich auch in der alltagsnahen niederländischsprachigen Literatur nieder, beispielsweise in Form neuer Selbst- und Lebensentwürfe, in Beziehungsmodellen, Vorstellungen vom Altern und in Biografien; also weniger als explizite Themen sondern eher als soziokultureller Unterstrom.

Die Literatur in Flandern und den Niederlanden ist in diesem Sinne aber nicht nur ein Versuchslabor für Visionen des Zusammenlebens, sie muss sich auch den Konflikten und Desillusionierungen des beginnenden 21. Jahrhunderts früh stellen: etwa den Morden an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn oder an dem islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh, den Leon de Winter in seinem Roman Ein gutes Herz verarbeitet. In Belgien ist das staatliche Zusammenleben von Wallonen, Flamen und der deutschsprachigen Gemeinschaft ein beständiges, stets neu auszuhandelndes und bisweilen brüchiges Experiment. Die scheiternde Integration vieler junger Migranten entzündet sich in Gewalt und Aggression, eine Radikalisierung, wie sie der marokkanisch-flämische Autor Fikry El Azzouzi (geb. 1978) in Wir da draußen darstellt. In Samir, genannt Sam, einem Coming-of-Age-Roman, schildert der marrokanisch-niederländische Autor Mano Bouzamour (geb. 1991) das schwierige Aufwachsen zwischen zwei Kulturen in Amsterdam. Auch Kader Abdolah (geb. 1954), ein iranischer Exilschriftsteller, der auf Niederländisch schreibt, erzählt in der Novelle Die Krähe vom Ankommen in den Niederlanden. Migration ist das Thema des vielstimmigen und labyrinthischen Romans Das schönste Mädchen von Genua von Ilja Leonard Pfeijffer, der selbst nach Genua emigriert ist und die Geschichten der in der Hafenstadt strandenden afrikanischen Flüchtlinge aufzeichnet. Flüchtlingsschicksale spielen ebenfalls eine zentrale Rolle in Tommy Wieringas Parabel Dies sind die Namen.

Von Stefan Wieczorek. (www.frankfurt2016.com/de/cover/fiktion)

Eine Liste aktueller Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt anlässlich des Ehrengastauftritts: