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Andrej Iwanow: Hanumans Reise nach Lolland (Kunstmann)

In  das Alltagsleben von Flüchtlingen im Asylbewerberheim führt uns der Roman Hanumans Reise nach Lolland des estnischen Autors Andrej Iwanow, der bei Kunstmann erschienen ist.

Ewgeni Sidorow, von allen Sid genannt, ist auf der Flucht vor Interpol. In schrecklich drückenden Schuhen ist er aus Estland bis in die dänische Provinz gewandert. Zusammen mit seinem Leidensgenossen Hanuman, einem Inder, der den Namen des vielgesichtigen Affengottes nicht umsonst trägt. Unterschlupf finden die beiden Illegalen im Flüchtlingslager Farsetrup – hier, zwischen unerträglich nach Gülle stinkenden Feldern und blendend strahlenden Vorgärten, vegetieren die Gestrandeten dieser Welt vor sich hin. Immer bedroht von der Abschiebung, warten sie apathisch auf Bescheide eines ominösen Direktoriums und erzählen sich das Asylantenmärchen vom Paradies: Amerika, und wenn schon nicht Amerika, dann doch wenigstens Lolland, wo einem Ecstasy in den Mund fällt und scharenweise bildhübsche Mädchen warten. Doch auch wenn die Legende von Hanuman erzählt, er könne mit einem Sprung ganze Ozeane überqueren, aus der Ödnis des Lagers scheint es kein Entkommen zu geben. Ständig abgebrannt und auf der Suche nach dem nächsten „business“, um an ein wenig Geld zu kommen, lassen sich die beiden mit dem diabolischen Potapow und seinem Lakai Duratschkow ein – und das kann böse enden…

Mit diesem Buch war Iwanow für den russischen Booker Prize nominiert. In Deutschland wird es die Leser polarisieren. Die Protagonisten sind keine Gutmenschen, Diebstahl und Betrug bestimmen ihren Alltag und dabei gehen sie auch skrupellos vor. Iwanow lässt sie in ihrer eigenen Sprache reden und das ist die Gossensprache der übelsten Sorte. Als Leser entscheidet es sich hier, ob man sich darauf einlassen möchte oder einem das Lesen verleidet. Sieht man davon ab, wird man mit einer Fülle von Asylantengeschichten gefüttert und bekommt einen umfassenden Einblick in die Nöte, Zwänge und Träume der gestrandeten Menschen.

Andrej Iwanow wurde 1971 in Tallinn, Estland, geboren. Er hat an der philologischen Fakultät Tallinn studiert und als Lehrer gearbeitet, lange in Skandinavien gelebt und war dort u.a. in einem Flüchtlingslager tätig. Er lebt und arbeitet in Tallinn. Hanumans Reise nach Lolland war auf der Shortlist des russischen Booker Price und wurde mit dem estnischen Kulturkapitalpreis ausgezeichnet.

Hanumans Reise nach Lolland von Andrej Iwanow ist bei Kunstmann erschienen.
(JK 12/12)

Sofi Oksanen: Fegefeuer (btb)


Das international gefeierte Meisterwerk Fegefeuer der finnischen Autorin Sofi Oksanen über Liebe, Verrat und Angst – vor allem vor der Gewalt der Männer ist bei btb als Taschenbuch erschienen.

Wer Äußerstes erlebt hat, ist auch Äußerstes zu tun im Stande – das zeigt dieser vielfach ausgezeichnete und hoch spannende Roman über zwei Frauen, die sich wie zufällig begegnen und die doch eine gemeinsame Geschichte verbindet.

Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein. Während Zara noch Beweise für die Verwandtschaft sucht und nach einer Möglichkeit, Estland zu verlassen, fühlt sich Aliide von der jungen Frau bedroht: Zu oft musste sie Leib und Seele, Hab und Gut vor Eindringlingen schützen. In Rückblenden entsteht das immer schärfer werdende Bild einer Familientragödie, die fast fünfzig Jahre zuvor, als Estland von den Russen besetzt wurde, ihren Höhepunkt fand. Rivalität und Eifersucht, Scham, Schutzbedürftigkeit und vor allem Angst vor der Brutalität der Männer gegenüber den Frauen – das sind die Motive, die Aliide zu unvorstellbaren Entscheidungen zwangen. Man lernt das Schicksal zweier Frauen kennen, die ganz unterschiedlich sind und im Kern doch vergleichbare Erfahrungen gemacht haben: Egal welches politische System auch herrscht, Opfer sind immer die Frauen.

Fegefeuer war anfangs als Theaterstück konzipiert und wurde am finnischen Nationaltheater in Helsinki aufgeführt. Sofi Oksanen, geboren 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki. Mit ihrem dritten Roman Fegefeuer  gelang ihr der literarische Durchbruch: Der Roman stand monatelang auf Platz eins der finnischen Bestsellerliste, wurde in 38 Länder verkauft und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Finlandia-Preis, dem Nordischen Literaturpreis und dem Europäischen Buchpreis.


Fegefeuer von Sofi Oksanen ist bei btb erschienen.
(JK 06/12)