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Margaret Atwood: Die Zeuginnen / Der Report der Magd (Piper)

Für ihren Roman Die Zeuginnen erhielt Margaret Atwood den Booker Prize 2019. Er ist die Fortsetzung ihres 1985 erschienenen und vor Kurzem in einer aufsehenerregenden Serie verfilmten Kultromans Der Report der Magd. Beide sind nun als Taschenbuch erhältlich.

„Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.“ – Als am Ende vom Report der Magd die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds „Report“ zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit Die Zeuginnen nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. „Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls. Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“

Der Roman Der Report der Magd, erschienen bereits 1985, war provokant, erschreckend und geradezu prophetisch, wenn man die Entwicklungen in den USA während der letzten zehn Jahre betrachtet. Der Roman ist die provozierende Vision eines totalitären Staats: Nach einer atomaren Verseuchung ist ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung unfruchtbar. Die Frauen werden entmündigt und in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Letztere werden zur Fortpflanzung rekrutiert und sollen für unfruchtbare Ehefrauen Kinder empfangen. Auch die Magd Desfred wird Opfer dieses entwürdigenden Programms. Doch sie besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben...

Im Fortsetzungsroman Die Zeuginnen schließt Margaret Atwood die Lücken, die beim Report der Magd bewusst offen gelassen wurden. Anders als der erste Band, ist Die Zeuginnen ein Pageturner, liest sich wie ein Abenteuerroman. Das Ende ist sogar so gestaltet, dass es Raum für eine Fortsetzung bietet. Sprachlich vielleicht nicht so wuchtig wie in 1985, so schafft es Margaret Atwood allerdings den Finger in der Wunde zu halten und uns bewusst zu machen, dass unsere Wirklichkeit nicht so weit entfernt ist von ihrer Fiktion. Beängstigend.

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr Report der Magd wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.

Die Zeuginnen und Der Report der Magd von Margaret Atwood sind bei Piper erschienen.
(JK 11/20)

Die Bestseller-Autorin Sophie Passmann und der kanadische Pianist Chilly Gonzales beim 12. Harbour Front Literaturfestival in der Laeiszhalle (Kleiner Saal) am Donnerstag, 18. Oktober

12. Harbour Front Literaturfestival 
Laeiszhalle (Kleiner Saal) 
Donnerstag, 18.10.2020 20.00 Uhr 
Gorch-Fock-Wall 29 (Eingang Kleiner Saal), Hamburg 
Eintritt: 25 Euro

Im vergangenen Jahr startete der Verlag Kiepenheuer & Witsch seine „Musikbibliothek“, in der Autor*innen ihrer Leidenschaft zur Musik Ausdruck verleihen. Sie schreiben über ihre Lieblingsbands und erzählen, was ihnen die jeweilige Musik, die von ihnen gewählte Gruppe, der Sound, der Stil, die Sängerin oder der Sänger bedeutet. Die Texte sind Herzensbekenntnisse der Autor*innen. Die Autorin Sophie Passmann und der Musiker Chilly Gonzales treffen bei Harbour Front aufeinander, um darüber zu sprechen, was Musik ausmacht, wie sie unser Leben begleitet und prägt, uns retten kann. Die Bestseller-Autorin Sophie Passmann und der kanadische Pianist Chilly Gonzales haben Bände für die Reihe geschrieben: Passmann über Frank Ocean, Gonzales über Enya.

Frank Oceans Album Blonde ist für Sophie Passmann ein Souvenir aus einer Zeit, in der nichts gut war. Und doch ist es das Album ihres Lebens. Es erschien in dem Sommer, in dem sie in Arztpraxen saß, mal ominöse, mal seriöse Pillen nahm, sich hektisch verliebte und alles in allem brachial lebte. Song für Song seziert sie das Album und damit ihre Gefühle. Sophie Passmann zeigt auf ihre unnachahmliche Weise, wie eng Musik mit dem verknüpft ist, was man so Leben nennt.

Sophie Passmann, 1994 geboren, ist Satirikerin, Autorin und Moderatorin. Ihr Buch Alte weiße Männer stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, sie schreibt eine monatliche Kolumne im ZEIT Magazin und war Ensemble-Mitglied beim Neo Magazin Royale. Sie twittert mehrmals täglich, ohne, dass sie jemand darum bittet.  

Frank Ocean von Sophie Passmann ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Chilly Gonzales ist einer der aufregendsten Musiker unserer Zeit. In Pantoffeln und Bademantel füllt er weltweit Konzertsäle. Seine Klaviermusik changiert zwischen Klassik, Pop und Jazz, seine Haltung ist die eines Rappers. Enya, die Frau mit der Engelsstimme und den unzählbaren Goldenen Platten, mag manche schmunzeln lassen, Chilly Gonzales jedoch ist begeistert von ihren sanften Songs und der mysteriösen Musikerin. Das bringt ihn zu der Frage: Muss Musik immer klug sein oder darf sie auch einfach nur ins Herz gehen?

Chilly Gonzales ist ein in Kanada geborener Musiker. Er brachte sein Publikum über viele Jahre hinweg mit Elektro-Beats zum Tanzen, produzierte mehrere Grammy-nominierte Alben, schaffte es mit einem 27-stündigen Konzert ins Guinness-Buch der Rekorde und veranstaltete mit einem Sinfonieorchester ein Rap-Konzert - Chilly Gonzales ist sicher eine der kreativsten und schillerndsten Persönlichkeiten im Musikzirkus. Enya ist sein erstes Buch.

Enya von Chilly Gonzales ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Klaus Modick liest aus seinem Roman über Leonard Cohen in der Freien Akademie der Künste am Montag, 17. Februar

Freie Akademie der Künste
Montag, 17.02.2020 19.30 Uhr

Klosterwall 23, Hamburg
Eintritt: 5 / 8 Euro

Klaus Modick über Leonard Cohen: Klaus Modick stellt sein in der KiWi Musikbibliothek erschienenes Buch über Leonard Cohen vor.

Um 1968 tingeln Lukas und Harry als Zwei-Mann-Band durch die deutsche Provinz, covern Beatles, Kinks und Donovan, und denken: Besser geht’s nicht. Bis Lukas eines Nachts im Radio Leonard Cohens Suzanne hört, aber sich weder Titel noch Interpret merken kann. Die kokette Gitte und die erfahrene Julia werden ihm auf der Suche nach dieser einen lebensverändernden Platte behilflich sein. Zehn Jahre später macht Lukas sich auf nach Nirgendwo, nur mit Cohens Gedichten im Gepäck. Er landet auf einer griechischen Insel und trifft dort die mysteriöse Dänin Meret. Doch am Ende bleiben weder Gitte, Julia noch Meret, am Ende bleibt Leonard Cohen. Für immer.

Klaus Modick, geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte mit einer Arbeit über Lion Feuchtwanger und arbeitete danach u.a. als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach diversen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Nicolas-Born-Preis, dem Bettina-von-Arnim-Preis und dem Rheingau Literatur Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo sowie der Villa Aurora. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Der kretische Gast (2003), Sunset (2011), Konzert ohne Dichter (2015) und Keyserlings Geheimnis (2018).

Leonard Cohen von Klaus Modick ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
(JK 02/20)

Miriam Toews liest im Ökumenischen Forum HafenCity, Weltcafé ElbFaire am Dienstag, 26. März

Ökumenisches Forum HafenCity, Weltcafé ElbFaire
Dienstag,  26.03.2019  19.00 Uhr
Shanghaiallee 12, Hamburg
Eintritt frei
Anmeldung unter info@oefh.de

Außerhalb von Zeit und Raum: Miriam Toews liest aus ihrem neuen Roman Die Aussprache, der bei Hoffmann und Campe erschienen ist.

Es ist eine fremde Welt, in der sich der Heuboden von Earnest Thiessen befindet. Eine kleine Gruppe von Frauen hat sich dort zum Gespräch getroffen. Sie leben in einer der Zivilisation fernen Zone, die sich mit der unseren kaum überschneidet, sind Regeln und Kräften ausgesetzt, die im Hier und Jetzt scheinbar keinen Widerhall finden. Das will man bei der Lektüre dieses Romans jedenfalls nur allzu gern glauben, denn er spielt in einer Mennonitengemeinde. Es gibt dort keine Smartphones und kein Streaming, es gibt noch nicht einmal elektrisches Licht, die Leute glauben an Gottes Reich und an das Werk des Teufels. Dennoch zielt Miriam Toews Die Aussprache mitten hinein in Finsternisse, die es überall gibt, weil sie allzu menschlich sind.

International bekannt wurde die kanadische Schriftstellerin Miriam Toews mit ihrem Roman Ein komplizierter Akt der Liebe (2005), einer biografisch-literarischen Aufarbeitung ihrer eigenen Kindheit und Jugend in einer Mennonitengemeinde außerhalb von Winnipeg. Sie hat seitdem mehrere Romane veröffentlicht, wurde vielfach ausgezeichnet und ist heute eine der profiliertesten Autorinnen ihres Landes.

Als „fiktionale Reaktion“ auf die Ereignisse in einer mennonitischen Gemeinde in Bolivien und als einen „Akt der weiblichen Phantasie“ bezeichnet Toews in einer kurzen Einleitung ihren neuen Roman Die Aussprache. Zwischen 2005 und 2009 wurden in der Manitoba-Kolonie in Bolivien dutzende Mädchen und Frauen in ihren Schlafzimmern von sieben Männern betäubt und vergewaltigt. Nur durch einen Zufall wurden sie entlarvt. In der Gemeinde glaubte man lange, die Vergewaltigungen seien ein Werk des Teufels, der die Frauen für schmutzige Phantasien bestrafen würde. Acht Mütter, Töchter und Ehefrauen treffen sich in Miriam Toews Roman nun auf einem Heuboden, während ihre Peiniger vor Gericht stehen. Die Männer haben das Dorf verlassen, um der Gruppe der Vergewaltiger beizustehen, nur der demente Earnest Thiessen und der Lehrer August Epp sind zurückgeblieben. 48 Stunden haben die Frauen Zeit, um sich zu entscheiden, wie es weitergehen soll, wie sie sich und ihre Kinder in Zukunft vor den Männern schützen können. Nichtstun, bleiben und kämpfen oder gehen, das sind die ihre Optionen. Das Protokoll über das Treffen der Frauen führt August, der als Schullehrer kein hohes Ansehen genießt und als „unmännlicher Mann“ gilt, weil er kein Bauer ist. Er kann lesen und schreiben, er hat in London gelebt und ist für seinen Glauben in die Gemeinde zurückgekehrt. Sein Protokoll erzählt am Ende nicht nur von Verletzungen, die nicht heilen und von einer existenziellen Entscheidung, deren Folgen unwägbar sind, weil sie in die Freiheit führt. August Epp erzählt auch von der zarten Liebe, die er für Ona Friesen empfindet, die unter den Kolonisten als zu gutmütig und „damit untauglich für die wahre Welt“ gilt. Ona ist unverheiratet und hochschwanger, nachdem sie mehrmals vergewaltigt wurde. Dennoch hat sie ihren Glauben an die Liebe nicht verloren, sie hat eine „ganz eigene Vision“ von der Zukunft der Frauen. Und diese Vision gibt sie auch August für sein Protokoll mit auf den Weg: „Uns sind viele Dinge bewusst, instinktiv, sagt Ona leise, aber wenn man sie auf eine bestimmte erzählerische Weise präsentiert bekommt, ist das schön und macht Spaß.“

Miriam Toews (sprich: Teyfs), geboren 1964 in Steinbach/Manitoba, ist eine der wichtigsten kanadischen Gegenwartsautorinnen. Mit Ein komplizierter Akt der Liebe wurde sie international bekannt. Für Die fliegenden Trautmans und Das gläserne Klavier erhielt sie den Rogers Writers' Trust Fiction Prize. Sie lebt und arbeitet in Toronto.

Die Aussprache von Miriam Toews ist bei Hoffmann und Campe erschienen.
(JK 03/19)

Michael Ondaatje liest im Rolf-Liebermann-Studio am Dienstag, 11. September

Rolf-Liebermann-Studio
Dienstag, 11.09.2018  19.30 Uhr
Oberstraße 120, Hamburg
Eintritt: 10 / 14 Euro

Stille Korrekturen: Michael Ondaatje liest aus seinem neuen Roman Kriegslicht, der bei Hanser erschienen ist. Matti Krause liest die deutschen Texte. Jan Ehlert moderiert.

Den Heldinnen und Helden im erzählerischen Kosmos von Michael Ondaatje ist gemeinsam, dass sie aus vermeintlich sicheren Koordinaten des Lebens gefallen sind und sich im Ungewissen behaupten müssen. Das Erzählen, das Konstruieren von Geschichten und von Erinnerung ist der Rettungsanker, an dem sie sich dabei festhalten. So ist es in seinem weltberühmten Roman Der englische Patient und nun auch in Kriegslicht. Wie macht man aus einem Sandkorn, aus dem Bruchstück einer Wahrheit, das man entdeckt hat, eine ganze Geschichte? Das ist die existenzielle Frage, die diesen großen Roman vorantreibt.

Es ist September 1945, der Krieg gerade erst zu Ende, als Nathaniel, 14, und Rachel, 16, allein in London zurückbleiben. Während der Vater in Asien auf einen großen Karriereschritt hofft und dabei von seiner Frau begleitet wird, finden sich die Geschwister in der Obhut von Falter und Boxer wieder, „zweier Männer, die möglicherweise Kriminelle“ sind, wie Nathaniel, der Erzähler des Romans, gleich zu Beginn anmerkt. Und auch sonst tauchen im Haus der Familie immer wieder dubiose Gestalten auf, dennoch beginnt für Nathaniel ein neues und beinahe unbeschwertes Leben, in dem die Schule eine immer geringere Rolle spielt. Er arbeitet in einem nahegelegenen Hotel, schmuggelt mit Falter Windhunde, verliert sich an magischen Abenden in leer stehenden Villen mit seiner Freundin Agnes. Und entdeckt mit Rachel, dass ihre Mutter Rose tatsächlich gar nicht mit ihrem Vater verreist ist. Warum hat sie die Familie dann verlassen? In einem actionreichen Mittelstück des Romans taucht Rose unvermittelt wieder auf, ohne den Kindern zu erklären, was vorgefallen ist. Michael Ondaatje lässt die vielen Puzzleteile, Anspielungen und Verweise, die es bis dahin gab, im zweiten Teil des Romans durch einen Erinnerungskünstler zu einem Gesamtbild zusammensetzen: Nathaniel arbeitet inzwischen als Archivar für den Nachrichtendienst und ist vor allem mit den stillen Korrekturen beschäftigt, die sich nach dem Krieg als notwendig erweisen, bewertet Geheimdienstaktionen, sichtet Akten und Dossiers. Dabei entdeckt er auch die wahre Geschichte seiner Mutter, und sie wird ihm zu einem Irrgarten, aus dem er erst wieder herausfindet, als er ganz am Ende dieses an überraschenden Wendungen reichen Romans endlich bei sich selbst ankommt – und seinen ebenfalls nicht immer ruhmreichen Taten.

Michael Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, lebt heute in Toronto. Mit seinem Roman Der englische Patient, für den er den Man Booker Prize und zum 50-jährigen Jubiläum des Preises im Jahr 2018 den Golden Man Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt.

Kriegslicht von Michael Ondaatje ist bei Hanser erschienen.

Eine Veranstaltung des Literaturhaus Hamburg.
(JK 09/18)

Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts (Luchterhand)

Madeleine Thiens Roman Sag nicht, wir hätten gar nichts ist ein preisgekrönter Roman über China von den 1940er Jahren bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

Madeleine Thien besitzt einen sehr gewinnenden Schreibstil und erzählt auf berührende Weise wie viel Schrecken sich in der Geschichte China versteckt. Ihrem Roman unterliegt das Thema, wie man sich selbst und seiner Leidenschaft treu bleiben kann, wenn das eigene Land durch politische Unruhen zerrüttet und man um das Leben seiner Familie und das eigene fürchten muss. Die wirft die Fragen auf, wie viel man von sich selbst aufgeben muss, um am Leben zu bleiben? Wie viel Leid kann man ertragen, und seinen eigenen Traum doch nicht aufgeben? Sie nimmt sich Zeit für die Gefühle ihrer Figuren und bringt so treffend das Innenleben ihrer vielseitigen Charaktere zum Vorschein.

Madeleine Thien wurde 1974 in Vancouver, British Columbia, geboren. Ihre Eltern stammen aus Malaysia und China und emigrierten in den 1960er Jahren nach Kanada. Als Kind begann Thien mit Ballett, Stepptanz und Akrobatik, später studierte sie Tanz, wechselte dann 1994 über zu Literatur. Ihr erstes Buch Einfache Rezepte, eine Sammlung von Kurzgeschichten, wurde mit vier kanadischen Literaturpreisen ausgezeichnet, und ihr Debütroman Jene Sehnsucht nach Gewissheit wurde in sechzehn Sprachen übersetzt. Für ihren Roman Flüchtige Seelen wurde Thien 2015 mit dem LiBeraturpreis von Litprom ausgezeichnet. Ihr neuer Roman kam 2016 auf die Shortlist des Man Booker Prize und wurde ausgezeichnet mit dem Governor General's Literary Award und dem Scotiabank Giller Prize, den höchsten Literaturpreisen Kanadas. Madeleine Thien lebt in Montreal.

Sag nicht, wir hätten gar nichts von Madeleine Thien ist bei Luchterhand erschienen. 
(JK 12/17)

Margaret Atwood: Hexensaat (Knaus)

Alles ist Illusion – Margaret Atwoods Verneigung vor dem großen Bühnenmagier William Shakespeare in ihrem Roman Hexensaat, der bei Knaus erschienen ist.

Felix ist ein begnadeter Theatermacher und in der Szene ein Star. Seine Inszenierungen sind herausfordernd, aufregend, legendär. Nun will er Shakespeares Der Sturm auf die Bühne bringen. Das soll ihn noch berühmter machen – und ihm helfen, eine private Tragödie zu vergessen. Doch nach einer eiskalten Intrige seiner engsten Mitarbeiter zieht sich Felix zurück, verliert sich in Erinnerungen und sinnt auf Rache. Die Gelegenheit kommt zwölf Jahre später, als ein Zufall die Verräter in seine Nähe bringt.

Die Adaption eines Stücks von Shakespeare in eine andere Umgebungs - und Zeitform ist überaus faszinierend. Margaret Atwood nimmt gekonnt Shakespeares Erzählform auf und macht sie unserem heutigen Leseverständnis zugänglich. Leise und humorvoll führt sie in die Hauptfigur ein und gestaltet diese mit der nötigen Gerissenheit und Schläue, ohne dass diese weniger sympathisch erscheint. In ihrem brillanten Roman schafft die große kanadische Autorin Margaret Atwood mit der Figur des Theaterdirektors Felix ein würdiges Pendant zu Shakespeares Prospero aus Der Sturm, jenes Zauberers, der als ein Selbstporträt des alternden Barden aus Stratford-on-Avon gilt. Das Buch ist  Teil einer Reihe von Neuerzählungen der Werke Shakespeares, die zu seinem 400. Todestag bei namhaften Autoren beauftragt wurden und bei Knaus in der Hogarth Shakespeare Reihe erscheinen.

Margaret Atwood, geboren 1939, ist unbestritten eine der wichtigsten Autorinnen Nordamerikas. Ihre Werke liegen in über 20 Sprachen übersetzt vor und wurden national wie international vielfach ausgezeichnet. Neben Romanen verfasst sie auch Essays, Kurzgeschichten und Lyrik. Margaret Atwood lebt in Toronto.

Hexensaat von Margaret Atwood ist bei Knaus erschienen. 
(JK 07/17)

Barbara Gowdy liest im Literaturzentrum im Literaturhaus am Donnerstag, 9. November

Literaturhaus
Donnerstag  09.11.2017  19.30 Uhr 
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 4 / 7 Euro

Im Körper einer Anderen: Barbara Gowdy liest im Literaturhaus aus ihrem Roman Kleine Schwester, der bei Kunstmann erschienen ist. Den deutschen Text liest Antje Kunstmann, Brigitte Neumann moderiert und Georg-Felix Harsch dolmetscht.

Die kanadische Schriftstellerin Barbara Gowdy erweist sich mit ihrem neuen Roman einmal mehr als Spezialistin für schräge Perspektiven und Figuren. Mit ihrer Heldin Rose probt sie in Kleine Schwester einen fatalen Aufstand – gegen die Beschränkungen des Ichs und des eigenen Körpers. Und sie erzählt mit großer Eindringlichkeit von den tiefen familiären Bindungen, die uns prägen, ob wir wollen oder nicht. 

Hat sie das wirklich erlebt? Oder war das nur eine tückische Form von Migräne? Das fragt sich Rose Bowan, eine Mittdreißigerin, die zusammen mit ihrer Mutter Fiona ein Kino betreibt, immer dann, wenn in diesen heißen Tagen ein Gewitter ausbricht. Sie verliert das Bewusstsein und wacht mit Nasenbluten wieder auf. War sie in der Zwischenzeit wirklich im Körper einer Anderen? Oder hat sie sich das nur eingebildet? Mit ihrem Freund Viktor, einem Meteorologen, hat sie jeden Dienstag und jeden Freitag spät abends Sex, sie trifft sich am Montag und Mittwoch mit ihm zum Abendessen, am Sonntag zum Brunch und für einen gemeinsamen Film, sofern er sich nicht dafür entschieden hat, an einem der zwei Bücher zu schreiben, an denen er arbeitet. Das Leben von Rose ist streng durchgetaktet und das seit Jahren. Doch jetzt gerät das alles ins Rutschen, weil ihre Mutter an Demenz leidet und vor allem, weil sie sich plötzlich immer wieder in den Körper von Harriet verirrt, einer zierlichen Person, in dem sie selbst nur noch als „vager Schimmer“ existiert. Als sie Victor davon erzählt, tut der es als hyperrealen Traum ab. Rose ist sich jedoch sicher, dass sie mehr als einen Traum erlebt hat. Tatsächlich lebt Harriet sogar ganz in ihrer Nähe, sie findet ihre Telefonnummer heraus und dass sie als Lektorin arbeitet. Ihre Recherchen im Internet über „Astralreisen“ und „außerkörperliche Erfahrungen“ bringen sie dagegen kein bisschen weiter. Erst als sie anfängt, sich mit ihrer Schwester Ava zu beschäftigen, die in ihrer Kindheit gestorben ist, scheint sich der Spuk aufzuklären, denn Harriet schaut ihr mit genau jenen Augen aus dem Spiegel entgegen, wie sie Ava hatte. 

Barbara Gowdy, geboren 1950, lebt in Toronto. Ihre Romane sind mit vielen Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Zwei ihrer Kurzgeschichten wurden verfilmt. Vor allem mit Mister Sandman und Der weiße Knochen  wurde sie hierzulande bekannt und war auf Lesereise in Deutschland.

Kleine Schwester von Barbara Gowdy ist bei Kunstmann erschienen.
 
Eine Veranstaltung des Literaturzentrum e.V. 
(JK 11/17)

Dany Laferrière: Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden (Das Wunderhorn)

Frankreich – Ehrengast 2017 der Frankfurter Buchmesse

Es geht um das Begehren zwischen Schwarz und Weiß, auf allen Beziehungsebenen, auf denen Stereotypen zwischen den Rassen wirksam werden. Sein erster Roman hat Dany Laferrière 1986 mit einem Schlag im gesamten französischsprachigen Raum berühmt gemacht und wurde 1989 verfilmt.

Anfang der 1980er in Montreal: Zwei arbeitslose schwarze Migranten hausen zusammen in einer versifften Einzimmerwohnung in der Rue St. Denis, mitten in der Altstadt. Der eine liegt auf der Couch, hört den ganzen Tag Jazz, liest im Koran und zitiert Freud. Der andere schreibt auf dem ihm einzig wichtigen Besitz, seiner Remington 22 – das nächtliche Klappern der Tastatur weckt natürlich die Neugier der weißen Studentinnen einer angesehenen Universität. Welcher Entgrenzungswunsch ist es, der aus den bildungshungrigen Bürgertöchtern Dauergäste in der Bude der Habenichtse macht? Für die beiden Freunde ist jede eine „Miz“, Miz Literatur, Miz Snob, Miz Sophisticated Lady, Miz Suizid … und aus dem Versuch, sich einen Reim darauf zu machen - unter Befragung der literarischen Tradition jeglicher Couleur – , wächst der Roman in einer souveränen, gewitzten Sprache, wird aus dem exotischen Lover ein Autor.

Dany Laferrière, geboren 1953 in Port-au-Prince, Haiti, arbeitete zunächst als Journalist bis er sich unter dem Druck des politisch repressiven Klimas 1976 gezwungen sah, nach Montréal ins Exil zu gehen. 1985 veröffentlichte er seinen ersten Roman unter dem provokativen Titel Comment faire l‘amour avec un nègre sans se fatiguer, der ihn als Autor unmittelbar bekannt machte. Er wurde mit dem Prix Carbet de la Caraïbe und dem Buchpreis des französischen Auslandsrundfunks ausgezeichnet. Für seinen Roman L’énigme du retour (deutscher Titel: Das Rätsel der Rückkehr) erhielt er 2009 den prestigeträchtigen Prix Médicis. Dany Laferrière lebt in Montréal und Miami. Seit 2014 ist er Mitglied der Académie française. 2014 bekam er gemeinsam mit seiner Übersetzerin Beate Thill den renommierten, vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin vergebenen, Internationalen Literaturpreis. 

Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden von Dany Laferrière ist bei Das Wunderhorn erschienen.
(JK 08/17)

Kim Thúy: Die vielen Namen der Liebe (Kunstmann)

Frankreich – Ehrengast 2017 der Frankfurter Buchmesse

Acht Jahre ist Vi, als sie mit der Mutter und den drei großen Brüdern aus Vietnam flieht, in einem Flüchtlingslager in Malaysia landet und schließlich in Kanada neu beginnt. Erst als erwachsene Frau kehrt sie eine Weile nach Vietnam zurück, in ein Land, das ihr nach so vielen Jahren fremd ist. Umso stärker ist die Gegenwart der Erinnerungen: an die abgöttische Liebe der Mutter zu ihrem Mann, den sie im entscheidenden Moment zurücklässt, um die Kinder zu retten. An Ha, deren kluge und elegante Freundin, die Vi ermunterte, sich aus der Tradition zu lösen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und an der Geschmack der Sehnsucht, der in all den liebevoll zubereiteten Mahlzeiten der Mutter immer präsent war.

Von dieser Sehnsucht erzählt Kim Thúy und den vielen Formen der Liebe, poetisch und anschaulich: „Mein Vorname Vi kündet von der Absicht meiner Eltern, ‚die Kleinste zu beschützen‘. Wörtlich übersetzt heiße ich ‚winzige Kostbarkeit‘" – und eine Kostbarkeit ist dieser Roman der Erinnerung an eine fremde Heimat, an Flucht und Ankunft, an Familie und Tradition. Und an die Freiheit, das Leben selbst in die Hand zu nehmen.

„Kim Thúy erzählt ihre leise Geschichte auf sehr asiatische Weise: Dinge und Speisen werden hier zu Trägern der Gefühle. Heimatgefühl entsteht beim Duft von geröstetem Zitronengras und dem von in Limetten-Fischsoße sautierten Bambussprossen. (...) Kim Thúy lässt offen, ob es Vi gelingen wird, eine starke und unabhängige Frau zu werden, oder ob sich in ihrem Leben das Schicksal der Mutter wiederholt. Aber vielleicht ist Vis Erkenntnis, dass Vietnam nicht mehr ihre Heimat ist, ein erster wichtiger Schritt in die Freiheit.“ (Margrit Irgang, SWR2 Forum Buch)

„Ein reichhaltiger Roman, der eine Fülle an spannenden Themen und Geschichten zu bieten hat – trotzdem aber knapp gehalten ist. Diesen reichen Stoff, den andere auf 800 Seiten auswälzen würden, konzentriert Kim Thúy auf abendfüllenden 140 Seiten – extrem angenehm.“ (Ulrich Noller, WDR Cosmo)

„Mit dieser kleinen, aber eindrücklichen Geschichte zeigt Kim Thúy, dass ein 'sogenanntes Leben zwischen den Kulturen' nicht von verweigerter Aufnahme und erzwungener Anpassung geprägt sein muss. Vielmehr findet Vi ihre eigene Identität, wie die Autorin auch. Ein wichtiges Beispiel in der heutigen Zeit, das Mut macht.“ (Birgit Koß, Deutschlandradio Kultur)

„Kim Thúy erzählt mit sinnlichem Gespür. (…) In knappen, prägnanten Bildern pulsierender Lebendigkeit wird die Welt erfasst.“ (Anja Hirsch, FAZ)

„Kim Thúy schreibt die Geschichte ihres Volkes im kanadischen Exil, die sich ja auch dort fortsetzt. Sie tut das in einer faszinierenden Sprache, die fragil wirkt wie Magnolienblüten, aber auch fest und dicht wie tropische Hölzer - behutsam in westliche Kultur getauchte asiatische Philosophie.“ (Annemarie Stoltenberg, NDR Kultur)

„Eines der wenigen Bücher, die ich zweimal gelesen und mich kein einziges Mal gelangweilt habe.“ (Christine Westermann, WDR2 Buchtipp)

„Aus Kim Thúys leise mäanderndem Erzählfluß entsteht eine assoziative Chronologie mit Vor- und Rückblenden, bei der sich der Bogen von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart spannt.“ (Susanne von Schenck, hr2 Kulturfrühstück)

Kim Thúy wurde in Saigon geboren und floh als Zehnjährige zusammen mit ihrer Familie in den Westen. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rechtsanwältin und war Gastronomin, Kritikerin und Moderatorin für Radio und Fernsehen. Als Autorin wurde sie 2010 mit ihrem in zahlreiche Sprachen übersetzten Überraschungserfolg Der Klang der Fremde bekannt. Kim Thúy lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montreal.

Die vielen Namen der Liebe von Kim Thúy ist bei Kunstmann erschienen. 
(JK 08/17)

6. Hamburger Graphic Novel Tage am Mittwoch, 31. Mai: Anna Haifisch und Sydney Padua

Literaturhaus
Mittwoch, 31.05.2017  19.00 Uhr
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 12 / 6 Euro, Kombiticket 35 / 20 Euro

Prominenz braucht Phantastik: Mit der Britin Sydney Padua und der Deutschen Anna Haifisch treffen zwei Zeichnerinnen zusammen, die in ihren Bildergeschichten be¬rühmte Persönlichkeiten auftreten lassen – wenn auch auf ironisch-verdrehte Art und Weise. Bei Sydney Padua widmen sich die (realen) Pioniere der künstlichen Intelligenzforschung Charles Babbage und Ada Lovelace im England des 19. Jahrhunderts der (fiktiv-unorthodoxen) Kriminalitätsbekämpfung. In Anna Haifischs Comic Von Spatz begibt sich Walt Disney in eine Nervenklinik, verbringt seine Zeit mit Pinguindienst und trifft unter anderem auf Tomi Ungerer. Andreas Platthaus moderiert den Abend. 

Sydney Padua wurde 1971 geboren und wuchs in Kanada und Mexiko auf. Sie studierte Theater und begann in der Trickfilmbranche als Zeichnerin zu arbeiten. Ihr Steampunk-Comic The Thrilling Adventures of Lovelace and Babbage erschien zuerst im Web und liegt bislang nur in englischer Sprache vor. Sydney Padua lebt in London.

Anna Haifisch wurde 1986 in Leipzig geboren, wo sie später Illustration studierte. Mit Freunden gründete sie das Comicfestival The Millionaires Club, das jährlich parallel zur Leipziger Buchmesse stattfindet. Nach ihrem ersten Buch Von Spatz aus dem Jahr 2015 veröffentlichte sie The Artist, dessen Folgeband The Artist: Der Schnabelprinz (Reprodukt) pünktlich zu den Graphic Novel Tagen erscheint. Anna Haifisch lebt in Leipzig.
(JK 05/17)

Yann Martell: Die hohen Berge Portugals (S. Fischer)

Nach dem Bestseller Schiffbruch mit Tiger ist bei S. Fischer der neue Roman von Yann Martel Die Hohen Berge Portugals erschienen.

Lissabon, Anfang des 20. Jahrhunderts: In einem sogenannten Automobil begibt sich der junge Tomás auf eine abenteuerliche Expedition in die hohen Berge Portugals. Damit beginnt ein tragikomischer Roadtrip, der ein unvorhergesehenes Ende nehmen soll. Doch das ist erst der Anfang einer phantastischen Geschichte, die die hohen Berge Portugals noch Jahrzehnte später umweht wie ein tragischer Zauber. 

Yann Martells Buch entpuppt sich eher als drei Erzählungen als ein einzelner zusammenhängender Roman. Die Geschichten, die genial miteinander verbunden sind, variieren stark in Ton und Qualität. Bei den ersten beiden Geschichten erahnt man das erzählerische Geschick des Autors, doch erst in der dritten zeigt Yann Martell seine Klasse.

Der erste Teil beginnt mit Tomás, einem portugiesischen Witwer, der zu einer Zeit lebt, in der das Auto eine bizarre neue Erfindung ist, die in den ländlichen Gemeinden der hohen Berge selten gesehen wird. Die Reise, die er beginnt, ist eine spirituelle Mission, die, wie er hofft, auch seine eigene Seelenheilung unterstützen wird – er trauert und sucht nach einem „verlorenen“ Affen-Kruzifix. Das Kreuz kann zu etwas Wichtigem führen und so folgt man seiner abwechselnd traurigen und pikaresken Reise, bis ein Unfall passiert.

Der zweite Teil springt zu Eusebio Lozora, einem weiteren Witwer und Pathologen, der zwei seltsame Besuche erhält. Dieses Mal manifestiert sich der Affe in einem plötzlichen Ausbruch des magischen Realismus. Existenzielle Fragen des Lebens, des Todes und des Wortes tauchen auf. 

Der dritte – und fesselndste – Teil folgt Peter Tovy, einem kanadischen Senator und dritten Witwer des Buches, der einen Affen namens Odo adoptiert und zu einem Road Trip mit Affen in die portugiesischen Hügel aufbricht. Man wünscht, Martel hätte den Roman hier begonnen und von dort weitergeführt. Denn die beiden vorangegangen Geschichten stoppen bewusst in dem Moment, wenn sie Fahrt aufnehmen. Der dritte Teil ist nicht nur der gelungenste, weil Martell die losen Enden der Geschichten zufriedenstellend zusammenbringt, sondern weil Martel es auf eigentümliche Weise schafft, die emotionale Aufladung und den Charme einer Tier-Mensch-Beziehung zu erfassen. Peters Freundschaft basiert hier auf der gleichen Mischung aus Angst, Ehrfurcht und Not, die Pi gegenüber seinem Tiger empfand, und Odos tiefes Anderssein beruhigt Peter auf den turbulenten Höhen und Tiefen der Trauer, Einsamkeit und des Alters.

Yann Martel wurde 1963 in Spanien geboren. Er wuchs in Costa Rica, Frankreich, Mexiko, Alaska und Kanada auf, als Sohn eines Diplomaten, und lebte später im Iran, in der Türkei und in Indien. Sein Roman Schiffbruch mit Tiger erschien in über 50 Ländern, wurde millionenfach verkauft und 2002 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Die Verfilmung von Regisseur Ang Lee wurde 2013 mit vier Oscars prämiert. Yann Martel lebt mit seiner Familie in Saskatoon, Kanada. 

Die hohen Berge Portugals von Yann Martell ist bei S. Fischer erschienen. 
(JK 08/16)

Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb (Berlin Verlag)

Eine Pandemie ist über die Erde hinweggefegt und hat die Menschheit ausgelöscht. Nur einige wenige haben überlebt. Verlassene Städte, überschwemmtes Land, mutierte Tiere – kunstvoll verbindet Margaret Atwood in ihrem Roman Die Geschichte von Zeb, der im Berlin Verlag erschienen ist, Abenteuer, Thriller und Liebesgeschichte und zeigt sich erneut als eine Autorin von verblüffender Jugendlichkeit und Kühnheit. Kein Untergang, dem diese Autorin nicht mit Humor und erzählerischer Verve beikommen würde. 

Die wasserlose Flut, eine Pandemie ungeheuren Ausmaßes, ist über die Erde hinweggegangen und hat die Menschheit ausgelöscht. Bis auf einige wenige Überlebende, die im Lehmhaus eines verwahrlosten Parks zusammenfinden und den Gefahren einer entvölkerten, anarchischen Welt trotzen. Unter ihnen Toby, die ehemalige Gottesgärtnerin, und Zeb, ein großherziger Draufgänger, der zum Anführer der kleinen Truppe wird. Während der Flut hat Toby, in einem Spa verschanzt, auf ihn gewartet; beharrlich an seine Rückkehr geglaubt; nun treffen sie, am Ende der Welt, wieder zusammen. 

Die Geschichte von Zeb ist der dritte Band in Margaret Atwoods Science Fiction Trilogie, die mit dem Band Oryx und Crake startete und mit Das Jahr der Flut weiterging. Die Welt ist außer Kontrolle geraten, sie hat sich selbst bezwungen und auf null zurückgesetzt. Margaret Atwood hat ein gewaltiges Endzeitszenario entworfen.  Das Buch ist mit bewundernswerter Energie und Bravour geschrieben, aber zur gleichen Zeit beschleicht einen das Gefühl, dass das, was als umfassend entworfene Schreckensvision gedacht war, in der Tat eher einen überladenen und ungeordneten Genuss bereitet. Man stellt sich irgendwann die Frage, was eine so begnadete Schriftstellerin wie Margaret Atwood verleitet hat, eine Science Fiction Trilogie zu  schreiben über eine Welt biotechnologisch erzeugter Menschen mit blauen Genitalien. Der Roman ist ohne Frage spielerisch, manchmal lustig und leicht satirisch, und doch hat man das Gefühl, dass diese Welt von der Autorin aber auch in der eigentlichen Handlung noch nicht zu Ende gedacht ist. Der Erfolg eines dystopischen Romans, also eines Romans mit einer Schreckensvision, ist stark damit verknüpft, dass seine Wurzeln in einer Realität stecken, die entweder dem Leser vertraut ist oder vor der er sich fürchtet. An dem Punkt hat die Geschichte einen schrulligen Beigeschmack und wirkt daher weniger mitreissend. Abgesehen davon ist Margaret Atwoods Schreibstil ein Genuss.

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr Report der Magd wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize und dem Nelly-Sachs-Preis. Margaret Atwood lebt in Toronto.

Die Geschichte von Zeb  von Margaret Atwood ist im Berlin Verlag erschienen. 
(JK 08/14)

Larry Tremblay: Der Name meines Bruders (C.H. Beck)

Larry Tremblays Roman Der Name meines Bruders, erschienen bei C.H. Beck, ist ein eindrucksvolles Plädoyer gegen den Krieg, in Kanada ein großer Verkaufserfolg und mittlerweile dort Schullektüre.

Dies ist die Geschichte einer Familie im Krieg, an einem Ort ohne Namen, die in vielen Gegenden der Welt spielen könnte. Wie in einem Kammerspiel, hochaktuell und zugleich von überzeitlicher Gültigkeit, erzählt der Roman in einer klaren und poetischen Sprache von Manipulation und Moral, von Bruderliebe und von einem Geheimnis. Als ihre Großeltern ums Leben kommen, endet die Kindheit der Zwillinge Amed und Aziz abrupt. Einer der Brüder soll zum Märtyrer werden. Der unheilbar kranke Aziz darf aus religiösen Gründen nicht geopfert werden, sagt der Vater. Aber Amed hat Angst. Und seine Mutter will nicht beide Söhne verlieren.

Larry Tremblays Antikriegsroman erschüttert und fesselt den Leser mit seiner klaren, emotionalen Wucht. Man erkennt im ständigen Kreislauf der ewigen Manipulation und Instrumentalisierung jede Nuance des religiösen Fanatismus, der die Welt beherrscht und wie ein Taifun über die Opfer und Täter gleichermaßen tobt. Der Roman macht sprachlos und dringt tief in die eigenen Gedanken ein.

Larry Tremblay, 1954 in Chicoutimi/Québec geboren, ist Schriftsteller, Theaterregisseur, Schauspieler und Spezialist für das altindische Tanztheater Kathakali. Seine Stücke wurden vielfach ausgezeichnet, in zwölf Sprachen übersetzt und in vielen Ländern aufgeführt, in Deutschland zuletzt 2014. Larry Tremblay wurde mit dem Preis der Buchhändler von Québec ausgezeichnet.

Der Name meines Bruders von Larry Tremblay ist bei C.H. Beck erschienen. 
(JK 12/15)

Kenneth Bonert liest beim 7. Harbour Front Literaturfestival

7. Harbour Front Literaturfestival
Cap San Diego
Samstag, 19.09.2015   21.00 Uhr 
Überseebrücke, 20459 Hamburg
Eintritt: 14  Euro

Was für eine wuchtige Geschichte: Kenneth Bonert liest aus seinem Roman Der Löwensucher, der bei Diogenes erschienen ist. Charly Hübner liest die deutschen Texte. Bernhard Robben moderiert.

Einer Naturgewalt gleich entrollt sich in diesem Debüt das Epos einer Familie jüdischer Auswanderer, die im Südafrika der 1930er Jahre von einem neuen Leben träumen. 1924 flieht die junge Gitelle aus Litauen auf die andere Seite des Erdballs zu ihrem Mann Abel nach Johannesburg. Dort zieht ihr kleiner rothaariger Sohn Isaac im jüdischen Ghetto mit den schwarzen Jungs um die Häuser, während Vater Abel in seiner Uhrmacherwerkstatt mit seinen Freunden der verlorenen Heimat nachweint. Gitelle dagegen arbeitet rigoros an einem Neuanfang und träumt von einem Haus, in dem auch ihre in der alten Welt verbliebenen Schwestern Platz hätten. Als Isaac von der Schule fliegt, sieht sie darin eine Chance für ihn, mit Phantasie und Chuzpe auf der Überholspur erfolgreich zu werden – alles für ihren Traum. Von Klein auf unter großem Druck, trifft der Junge schließlich eine schicksalhafte Entscheidung. Atmosphärische Familiensaga und literarischer Schelmenroman – eine grandiose literarische Entdeckung.

Kenneth Bonert, geboren 1972 in Johannesburg, wo er auch aufwuchs, bis er 17-jährig mit den Eltern nach Kanada emigrierte. Er studierte Journalistik an der Ryerson University in Toronto, wo er heute als Reporter und Schriftsteller lebt. Sein Romanerstling Der Löwensucher gewann 2013 den National Jewish Book Award und den Edward Lewis Wallant Award und war auf der Shortlist für den Governor General’s Award.

Der Löwensucher von Kenneth Bonert ist bei Diogenes erschienen. 
(JK 09/15)