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Péter Nádas im Literaturhaus am Dienstag, 25. September

Literaturhaus
Dienstag, 25.09.2018  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 6 Euro

Péter Nádas stellt seine Lebenserinnerungen Aufleuchtende Details vor, die bei Rowohlt erschienen sind. Iris Radisch moderiert.

Der Untertitel kündigt es bereits an: Péter Nádas legt mit Aufleuchtende Details  keine Autobiografie vor, sondern die Memoiren eines Erzählers. Der 1942 in Budapest geborene Autor spürt den Stationen seines von politischen Umbrüchen geprägten Lebens in losen Assoziationen nach. Daraus ergibt sich ein persönliches Dokument, das subjektive Empfindungen einer Chronologie der Zeitgeschichte vorzieht. Jene aufleuchtenden privaten Momente sind es, die Geschichte greifbar werden lassen – als seine Mutter am 14. Oktober 1942 mit der Straßenbahn zur Entbindung fährt, liquidiert ein Einsatzkommando das Ghetto in Mizocz. Der große europäische Erzähler reflektiert seine Erinnerungen als mitunter konstruierte, seiner bedrohten Identität aber Stabilität gebende. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Identität unter schwierigsten politischen Bedingungen wachsen kann. „Ich sage es ohne Pathos und ohne Trauer, dass mein Leben im Zeichen eines zweimaligen Verblutens gestanden hat.“ Der rote Faden, der sich durch die Memoiren des Schriftstellers zieht, ist blutrot. Und doch  –  den erlebten gewaltvollen politischen Ausschreitungen, den Demütigungen, den Publikationsverboten und der Zensur zum Trotz – leuchten im Strom der schwierigen Zeiten immer wieder Details eines glücklichen Lebens hervor, das nicht zuletzt Erfüllung in der Literatur und Fotografie gefunden hat.

Aufleuchtende Details von Péter Nádas ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 09/18)

Abschied von wichtigen literarischen Stimmen: Péter Esterházy (*14.04.1950 †14.07.2016)

Am 14. Juli 2016 ist der ungarischer Schriftsteller Péter Esterházy im Alter von 66 Jahren gestorben. Er hatte seine Krankheit selbst öffentlich gemacht und auch literarisch verarbeitet. Nun ist Péter Esterházy dem Krebs erlegen.

Sein Werk ist ein Spiel aus frivolem Ernst und hartnäckiger Aufklärung. Die meisten seiner Romane wurden ins Deutsche übersetzt. Esterházy pflegte einen geistreichen post-modernen Stil. Bekannt wurde er unter anderem durch die Werke Kleine ungarische Pornographie (1997), Donau abwärts (1992) und Harmonia Caelestis (2001). 2004 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 1980 war Esterházy Stipendiat des DAAD in Berlin, damals hatte er seine Liebe zu der noch geteilten Stadt entdeckt, und seit dieser Zeit scharten sich die Kenner um ihn in immer größeren Kreisen. In Berlin war er beinahe so zu Hause wie in Budapest, er liebte Italien und hat die Bibliotheken wiederholt seine Heimat genannt. Allerdings hatte er auch seinen Geruch- und Geschmackssinn bewusst geschult, um Weine richtig einschätzen, um Speisen treffend beschreiben zu können. Die Devise hieß offensichtlich, dass in der Literatur alle Sinne mitspielen müssen.

Vor gut einem halben Jahr hatte Esterházy seine Erkrankung in seinem neuesten Buch A bünös (Der Schuldige) thematisiert. Esterházy hatte im vergangenen Oktober erstmals erwähnt, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet. Damals hatte er damit eher beiläufig und selbstironisch sein Fernbleiben von der Buchmesse im schwedischen Göteborg begründet.
(JK 07/16)

Abschied von wichtigen literarischen Stimmen: Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz (*09.11.1929 †31.03.2016)

Mit dem Tod von Imre Kertész verliert die Weltliteratur einen ihrer ganz Grossen. Als Überlebender von Auschwitz hat Kertész radikal wie kein anderer über den „Holocaust als Kultur“ nachgedacht. Er war ein aufrichtiger Dichter und präziser Denker, ein eminenter Zeuge und tapferer Mensch. Imre Kertesz starb am 31. März 86-jährig in Budapest, seiner geliebt-gehassten Geburtsstadt – fernab von Berlin, das er sich 2000 aus Gründen der seelischen Hygiene zur zweiten Heimat erwählt hatte. Es ist dies ein Widerspruch mehr in einem zutiefst von Widersprüchen geprägten Leben.

Imre Kertész wurde am 9. November 1929 in Budapest geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde er mit vierzehn Jahren im Juli 1944 über Auschwitz in das Konzentrationslager Buchenwald und in dessen Außenlager Wille in Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt. Am 11. April 1945 wurde er befreit und kehrte nach Budapest zurück. Diese ihn bis heute prägende Zeit im Lager verarbeitete er zuerst in dem 1973 vollendeten Roman eines Schicksallosen.

Nach seinem Abitur 1948 fand Kertész von 1949 bis 1950 eine Anstellung als Journalist bei der Tageszeitung Világosság, die er jedoch wieder aufgeben musste, da diese zum Parteiorgan der Kommunisten erklärt wurde. Daraufhin arbeitete er zunächst in einer Fabrik und dann in der Presseabteilung des Ministeriums für Maschinenbau und Hüttenwesen. Ende 1951 wurde er zum Militärdienst einberufen.

Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 1953 begann Kertész in Budapest als freier Schriftsteller und Übersetzer zu arbeiten. Seine schriftstellerische Tätigkeit wurde in seiner Heimat besonders nach dem Aufstand von 1956 durch die kommunistische Diktatur eingeschränkt. Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich zunächst mit dem Schreiben von Texten zu Musicals und kleinen Theaterstücken, die er aber nicht zu seinem schriftstellerischen Werk zählt. Als Übersetzer übertrug er unter anderen Werke von Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Joseph Roth, Ludwig Wittgenstein und Elias Canetti, welche allesamt sein eigenes Werk entscheidend prägten.

1960 begann er mit der 13-jährigen Arbeit an dem Buch Roman eines Schicksallosen, das zu einem der bedeutendsten Werke über den Holocaust zählt und das seinen Ruhm begründete. Die meisten seiner Texte sind autobiographisch inspiriert. Seine jüngste Buchveröffentlichung Letzte Einkehr. Ein Tagebuchroman, die Kertész selbst als Abschluss seines Werkes bezeichnete, datiert von 2014 (dt. 2015).

Eine breitere Rezeption seiner Arbeit setzte erst nach der Wende von 1989 ein. Seine Werke wurden übersetzt und er hatte zum ersten Mal ein größeres Publikum.
2002/2003 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, von dem er eine Förderung zur Fertigstellung seines Romans Liquidation erhielt. Im Oktober 2002 wurde Kertész mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Am 3. Oktober 2003 hielt Kertész auf Einladung der Landesregierung von Sachsen-Anhalt die Festrede zur zentralen Feier der Deutschen Wiedervereinigung in Magdeburg.
Am 29. Januar 2007 war Kertész Gastredner im Deutschen Bundestag anlässlich des offiziellen Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Im Rahmen der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus las er aus seinem Roman Kaddisch für ein nicht geborenes Kind.

Im November 2012 wurde in der Berliner Akademie der Künste das Imre-Kertész-Archiv der Öffentlichkeit präsentiert. Dem Archiv hatte Kertész schon seit Ende 2001 Manuskripte und Korrespondenz überlassen.

Im November 2012 zog Kertész wegen seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung wieder nach Budapest: Tatsächlich stand er seinem Heimatland kritisch gegenüber. Schon 1990 verließ er den ungarischen Schriftstellerverband, über den er 2004 anlässlich antisemitischer Vorfälle, die eine größere Austrittswelle verursachten, auch einen polemischen Essay verfasste. Kritisch über Ungarn äußerte er sich weiterhin in zwei Interviews von 2009. Als er jedoch 2014 von Ministerpräsident Viktor Orban für den Sankt Stephans-Orden nominiert wurde, nahm er diesen höchsten ungarischen Staatspreis trotz der Gefahr einer politischen Vereinnahmung seiner Person an, denn er sehe die Notwendigkeit, in seinem Land einen „Konsens“ herzustellen.

Péter Gárdos liest im Abaton Kino am Dienstag, 27. Oktober

Abaton Kino
Dienstag  27.10.2015   19.00 Uhr 
Allendeplatz 3, Hamburg
Eintritt: 7,50 – 8 Euro

Péter Gárdos stellt seinen Roman Fieber am Morgen vor, der bei Hoffmann und Campe erschienen ist. Aus der deutschen Übersetzung liest Christian Brückner, Gabriella Gönczy moderiert.

Er wiegt nur noch 29 Kilo, als man ihn aus dem KZ befreit, hat fast alle Zähne verloren und Tuberkulose. Auf dem Schiff, mit dem Miklós in ein Sanatorium nach Schweden gebracht wird, rettet ihm ein Arzt mit viel Glück das Leben, seine Prognose lautet, dass er höchstens noch ein halbes Jahr leben wird. Doch Miklós hat ganz andere Pläne: 117 jüdische Frauen aus seiner Heimatstadt Debrecen in Ungarn sind, wie er erfahren hat, mit Hilfe des Roten Kreuzes in Krankenhäusern oder Kurheimen in Schweden untergebracht. Und eine davon soll seine Frau werden.

Miklós Gárdos schreibt 117 Briefe und erhält tatsächlich eine Antwort von einer gewissen Lili Reich, die seinen Brief so sympathisch findet, dass sie gerne mit ihm korrespondieren möchte. Sie schreiben einander sechs Monate lang, von September 1945 bis zum Februar 1946, in dem sie in der großen Synagoge von Stockholm von Rabbi Kronheim getraut werden. Sogar der schwedische König schickt dem jungen Ehepaar seine Glückwünsche. Eigentlich kennt man solche Liebesgeschichten sonst nur aus Filmen und Romanen, doch diese hier ist tatsächlich wahr und verbürgt: Jahrzehnte später überreicht seine Mutter dem vielfach ausgezeichneten Film- und Theaterregisseur Péter Gárdos zwei Stapel mit den Briefen aus Schweden.
Péter Gárdos kannte die Liebesgeschichte seiner Eltern, dass die Briefe aber über all die Zeit sorgsam gehütet worden waren, wusste er nicht. Tief bewegt von der Lektüre schreibt er die ungewöhnliche Liebesgeschichte anhand der Briefe auf und dreht einen Spielfilm. Die ungarisch-schwedisch-israelische Koproduktion kommt voraussichtlich im nächsten Jahr weltweit in die Kinos – und das Buch erscheint in über 20 Ländern. In Deutschland hat es der Hoffmann und Campe Verlag „in allerletzter Minute“ und obwohl es „noch nicht einmal ein Cover gab“, wie es in der Verlagsvorschau heißt, ins Herbstprogramm aufgenommen. Inzwischen liegt Fieber am Morgen mit einem sehr edlen, weißen Leineneinband in den Buchhandlungen. Auf dem Buchrücken steht: „Es gibt keine andere – entweder sie oder ich sterbe.“ Für Unentschlossenheit oder Sentimentalität hatte dieser Miklós Gárdos, wie man daran sieht, absolut keine Zeit. Und wenn man das Buch dann aufschlägt, findet man vielleicht auch noch dieses Zitat aus einem der Briefe, in dem sich seine Lili als nicht weniger entschlossen zeigt: „Mein lieber Miklós, ich bin sehr wütend auf Dich! Wie kann ein ernster, intelligenter Mann von fünfzwanzig Jahren bloß so ein großer Esel sein? Reicht es Dir nicht, dass ich mir über Deine Krankheit völlig im Klaren bin und es kaum erwarten kann, dich zu treffen?“

Fieber am Morgen von Péter Gárdos ist bei Hoffmann und Campe erschienen.
(JK 10/15)

Péter Esterházy kommt ins Literaturhaus am Donnerstag, 19. März

Literaturhaus
Donnerstag, 19.03.2015   19.30 Uhr 
Schwanenwik 38, Hamburg
Eintritt: 9 – 12  Euro

Péter Esterházy liest aus seinem Buch Die Mantel-und-Degen-Version, das bei Hanser Berlin erschienen ist. Lothar Müller moderiert den Abend.

Mit seinem opulenten Vaterbuch Harmonia Caelestis (2001), das auf 900 Seiten die Chronik der Familie Esterházy de Galántha erzählt, einer weitverzweigten Adelsfamilie, die im Laufe ihrer viele Jahrhunderte um-fassenden Geschichte Feldherren und Kleriker, Mäzene, Palatine, Diplomaten und Schriftsteller hervorgebracht hat, wurde der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchtenstein, Herr auf Csákvár und Gesztes, geb. 1950 in Budapest, wo er heute lebt, auch hierzulande berühmt. Es folgten mehrere Romane, zuletzt Esti (2013), für die er u.a. den „Ungarischen Literaturpreis“ und den „Sándor-Márai-Preis“ erhielt, in Deutschland wurde er mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ ausgezeichnet. In diesem Frühjahr ist mit die Die Mantel-und-Degen-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten nun ein historischer Roman von Péter Esterházy erschienen.

Kutschen rauschen, von Spionen verfolgt, durch ein Mitteleuropa avant la lettre – wir befinden uns in den Jahren der Rückeroberung Budas zur Zeit der Türkenherrschaft – kein noch so geheimes Treffen bleibt unbespitzelt. Denn sowohl Pál Nyáry, der über die Geschicke von Ungarn verhandeln soll, als auch sein Vertrauter, Hauptmannn Mihály Bárány, haben ihre Herzen leichtsinnigerweise der Liebe geöffnet. Natürlich pfeift Esterházy auf das historische Genre und hält sich an die Gegenwart, um jede sich bietende Gelegenheit für Abschweifungen zu nutzen – bis niemand mehr sicher sein kann, ob die eigentliche Erzählung sich nicht in der Fußnote ereignet.

Die Mantel-und-Degen-Version von Péter Esterházy ist bei Hanser Berlin erschienen.
(JK 03/15)


Terézia Mora kommt am Mittwoch, 4. September, ins Literaturhaus

Literaturhaus
Mittwoch, 04.09.2013  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, 22087 Hamburg
Eintritt: 6 – 10 Euro

Terézia Mora stellt ihren neuen Roman Das Ungeheuer vor, der bei Luchterhand erschienen ist. Hubert Spiegel moderiert.

Darius Kopp, Hauptfigur in Terézia Moras viel gerühmtem Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent aus dem Jahr 2009, meldet sich zurück. Mit dem unter Asthma und Übergewicht leidenden Mittvierziger Kopp hatte Mora damals eine hoch originelle Figur geschaffen, die binnen kürzester Zeit alle privaten und beruflichen Sicherheiten verlor: In einer September-Woche des Jahres 2008 verließ ihn seine wie die Autorin aus Ungarn stammende Gefährtin Flora, und sein lukrativer, wenngleich rätselhafter Job bei der US-Firma Fidelis Wireless schien sich in Luft aufzulösen. Genau dort knüpft Terézia Moras neuer Roman Das Ungeheuer an. Kopps Leben ist inzwischen gänzlich aus den Fugen geraten: Flora hat sich im Wald erhängt; der verzweifelte Darius ist arbeits- und mittellos, verschanzt sich monatelang zwischen Kaffeepulverdosen und Pizzaschachteln in seiner Wohnung und erwacht erst zu neuem Leben, als er sich aufmacht, Floras Wunsch zu erfüllen und ihre Asche zu verstreuen. Von diesem Vorhaben beseelt, reist er quer durch Osteuropa: Ungarn, Albanien, Georgien, die Türkei und Griechenland sind Stationen seines abenteuerlichen Trips.

Anders als im vorangegangenen Roman belässt es Mora jedoch nicht dabei, die Geschichte ihres in die Krise geratenen Helden vergleichsweise linear auszubreiten. Das Ungeheuer ist ambitionierter und verlangt von seinen Lesern einen Kraftakt: Rund zwei Drittel der knapp 700 Seiten sind zweigeteilt und geben in der unteren Hälfte Dateien wieder, die Darius auf Floras Laptop gefunden hat: Diese versammeln, kunterbunt gemischt, unterschiedlichste Texte Floras: Gedichte, Kindheitsszenen, Erinnerungen an erniedrigende männliche Übergriffe, Übersetzungsproben aus Floras Werkstatt, Befindlichkeitsprotokolle, ärztliche Ratschläge und wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit jener Krankheit, an der Flora wohl zugrunde ging: der Depression. Eine Herausforderung, ein provokanter Roman wie es in diesem Herbst kaum einen zweiten gibt, ein formales Experiment, dessen Risiko sich auszahlt.

Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn, geboren. Sie lebt seit 1990 in Berlin und gehört zu den renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Ungarischen. 1999 sorgte sie mit ihrem literarischen Debüt, dem Erzählungsband Seltsame Materie, für Furore. Für diese Erzählungen wurde sie mit dem Open-Mike-Literaturpreis, dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1999) und dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2000) ausgezeichnet. 2004 erschien der Roman Alle Tage, der ausnahmslos von der Kritik gelobt wurde und großen Anklang bei den Lesern fand. Für den Roman erhielt sie den Mara-Cassens-Preis für das beste Roman-Debüt des Jahres, den Kunstpreis Berlin, den LiteraTour-Nord-Preis und den Preis der Leipziger Buchmesse.

Das Ungeheuer von Terézia Mora ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 09/13)

Sándor Márai: Die Schwester (Piper)


Verfasst in den letzten ungarischen Jahren vor seinem Exil, ist Sándor Márais Roman Die Schwester, der jetzt bei Piper erschienen ist, das Zeugnis einer verhängnisvollen Ménage-à-trois und zugleich eine tief empfundene Psychologie des  Schmerzes. Liebe, Moral und Schmerz sind unauflöslich miteinander verbunden.

Der Zufall führt die beiden zusammen: den Erzähler und den berühmten Pianisten Z. In einem Kurort  in den transsilvanischen Bergen begegnen sie sich. Es ist Weihnachten, und eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft verbringt die Feiertage in einem kleinen Gasthof. Schockiert müssen  die Anwesenden zur Kenntnis nehmen, dass sich ein elegantes Liebespaar gemeinsam das Leben  genommen hat. Tief betroffen vertraut der Pianist dem Erzähler ein Manuskript an, aus dem wir von  seiner eigenen großen Liebe erfahren – einer Liebe, die ihn seine Bestimmung finden ließ, für die er aber einen hohen Preis bezahlen musste. Vor dem Hintergrund eines fernen Krieges erzählt Márais dunkel funkelnder Roman von einer unerfüllten Liebe, deren Schmerz unerhörte Folgen hat.

Der Piper Verlag hat sich große Verdienste erworben, die Literatur des Ungarn Sándor Márai nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und auf Deutsch neu aufzulegen. Sein nun erschienener Roman ist geprägt vom Faschismus und dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs und appelliert an die großen Gefühle.

Sándor Márai wurde 1900 in Kaschau (heute Košice, Slowakei) geboren. Die Schwester, 1946 verfasst und publiziert, war der letzte Roman, der in seiner Heimat erschien. 1948 verließ Márai Ungarn, exilierte nach Italien und lebte zwischen 1952 und seinem Freitod im Jahre 1989 im amerikanischen San Diego.

Die Schwester von Sándor Márai ist bei Piper erschienen.
(JK 11/11)

Péter Nádas am Dienstag, 21. Februar, im Literaturhaus


Literaturhaus
Dienstag, 21.02.2012  19.30 Uhr
Schwanenwik 38, 22087 Hamburg
Eintritt: 8 -12 Euro.

Péter Nádas liest aus seinem Roman Parallelgeschichten, der bei Rowohlt erschienen ist. Lothar Müller moderiert.

Die Frankfurter Rundschau schreibt „Nádas ist ein erzählender Philosoph.”

20 Jahre, nachdem er mit seinem Buch der Erinnerungen Weltruhm erwarb, legt der große ungarische Autor Péter Nádas mit Parallelgeschichten ohne Zweifel sein Opus magnum vor. Der mehr als 1700 Seiten starke Roman wurde bei seiner Publikation in Ungarn 2005 als ein „Krieg und Frieden” des 21. Jahrhunderts gefeiert. Der Roman entwirft ein Panorama europäischer, vor allem aber deutsch-ungarischer Geschichte, in einer überwältigenden Fülle von Anekdoten und Schicksalen. Beginnend 1989 mit einem Mord im Berliner Tiergarten und den familiären Verwicklungen des jungen Studenten Döhring, zieht uns Nádas rasch in den Bann seines Schreibens: „Sie nahm den emotionalen Gehalt der Sätze wahr, und instinktiv begann auch sie zu brüllen. Du rührst dich nicht von der Stelle, verstanden? Du machst ohne mich niemandem das geringste Geständnis, verstanden? Sie brüllte aus voller Brust, aus vollem Bauch, die Töne kamen nicht aus der Kehle, nicht aus dem Kopf, sondern von unten herauf, stark, ausladend, schallend und hallend.”

Nádas lässt uns in bewegenden Szenen die ungarische Revolution 1956 miterleben, beleuchtet die nachrevolutionäre Zeit und schwenkt zurück über die brutalen Kriegstage bis in die dreißiger Jahre in Berlin. Die vielen, scheinbar voneinander unabhängigen Geschichten bringen in ihrer Vielstimmigkeit ein Konzert zum Klingen, wie es eine einzelne Geschichte (ähnlich einem einzelnen Instrument) nie vermocht hätte. Zur Klaviatur seines Erzählens gehört auch das Eintauchen in die Körperlichkeit und die Sexualität seiner Figuren, denn sie sind „das glühende Magma, das in der Tiefe ihrer Seele und ihres Geistes ruhende Zündmaterial”. Ein kraftvolles Meisterwerk, auf dessen Präsentation Sie zu Recht gespannt sein dürfen.

Parallelgeschichten von Péter Nádas ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 02/12)

Eine gemeinsame Veranstaltung von NDR Kultur und Literaturhaus

Vilmos Kondor: Der leise Tod (Knaur)

Der Krimi Der leise Tod des ungarischen Autors Vilmos Kondor, der als Taschenbuch bei Knaur erschienen ist, führt in das Budapest der Dreißiger Jahre.

Budapest 1936: Eine Prostituierte wird brutal ermordet. In ihren Taschen findet sich seltsamerweise nichts weiter als das jüdische Gebetbuch für Frauen. Ein brisanter Fall ahnt Polizeireporter Zsigmond Gordon, hatte er doch vor kurzem im Büro des Chef-Kriminalinspektors gut versteckte Aktfotos dieses toten Mädchens entdeckt. Dieser versucht denn auch weitere Nachforschungen zu vereiteln. Reporter Gordon lässt jedoch nicht locker und macht sich zusammen mit Lebensgefährtin Krisztina und Großvater Mór auf, Licht ins Dunkel zu bringen.

Das verregnete und düstere Budapest bietet eine stimmige Kulisse in diesem Krimi. Kondor hat hier eine spannende und fast schon exotische Geschichte komponiert, denn Krimis aus Ungarn sind ausgesprochen selten und natürlich noch seltener, wenn sie dann in den Dreißiger Jahren spielen. Vilmar Kondor schafft es, diese stürmische Atmosphäre in Budapest zu jener Zeit glaubwürdig einzufangen, ohne von dem Kriminalfall jedoch abzulenken. Wer gute Unterhaltung garniert mit europäischer Zeitgeschichte sucht, ist hier bestens aufgehoben.

Vilmos Kondor wurde 1954 in Ungarn geboren. Der leise Tod ist sein erster Roman. Kondor studierte an der Universität in Szeged und später in Paris, wo er seinen Abschluss als Chemieingenieur machte. Heute unterrichtet Kondor Mathematik und Physik an einem Gymnasium.

Der leise Tod von Vilmos Kondor ist bei Knaur erschienen.
(JK 07/10)

Literatursoiree mit Péter Esterházy am 8.2.2011 im Literaturhaus

Literaturhaus Hamburg

Dienstag, 08.02.2011 20.00 Uhr

Schwanenwik 38, 22087 Hamburg

Eintritt: 6 – 10 Euro

Andreas Isenschmid trifft Péter Esterházy. Ein Gespräch.

Wo Monat für Monat Autorinnen und Autoren ihre druckfrischen Neuerscheinungen präsentieren und wo leidenschaftlich über aktuelle Strömungen der Literaturen debattiert wird, da tut es mitunter gut, sich aus dem immer schneller rotierenden Literaturbetrieb zu entfernen, die Langsamkeit wiederzuentdecken und über grundsätzliche ästhetische Fragen nachzudenken. Die Reihe „Literatursoiree” schafft einen solchen Raum. Philologen, Literaturkritiker oder Schriftsteller treten hier auf die Bühne, um die Grundfragen der Literatur in ein neues Licht zu rücken und Zusammenhänge herzustellen, für die das Feuilleton immer weniger Platz zur Verfügung stellt. Unkonventionalität ist dabei gefragt – und der Mut, festgefahrene Bahnen zu verlassen und den Eigensinn des Literarischen zu stärken.

Moderator der „Literatursoiree” ist der Literaturkritiker Andreas Isenschmid („Die Zeit”, „Neue Zürcher Sonntagszeitung”). Als seinen fünften Gast begrüßt er den 1950 geborenen ungarischen Schriftsteller und Essayisten Péter Esterházy, dessen epochaler Roman Harmonia Caelestis auch hierzulande viele Leser fand. Vor kurzem veröffentlichte der Berlin Verlag Esterházys im Original bereits 1979 erschienenen Produktionsroman, der ihn seinerzeit mit einem Schlag bekannt machte und der für manchen Ärger im sozialistischen Ungarn sorgte. Esterházys Werk wurde unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Deutschen Fußball-Kulturpreis ausgezeichnet – auch das ein Indiz für den Reichtum seines Schaffens und für seine ästhetischen Möglichkeiten. An Themen – das steht zu vermuten – dürfte es also kaum mangeln, wenn Andreas Isenschmid mit seinem renommierten Gast ins Gespräch kommen wird.

Ein Produktionsroman von Péter Esterházy ist beim Berlin Verlag erschienen.

Péter Esterházy zu Gast im Literaturhaus

Literaturhaus

Montag, 23.3.2009 20.00 Uhr

Schwanenwik 38, 22087 Hamburg

Eintritt: 6 – 10 Euro

Péter Esterházy liest aus seinem neuen Roman Keine Kunst, der im Berlin Verlag erschienen ist, Christoph Bartmann moderiert.

Keine Kunst steht drauf, doch große Kunst ist drin: In seinem neuen, im Berlin Verlag erschienenen Roman nähert sich Péter Esterházy der Biografie und den kleinen Marotten seiner Mutter, dieser faszinierenden, eleganten Dame mit den wunderbaren Beinen, deren ungarisches Blut im Stadion zu kochen beginnt. Nach dem Generationen umspannenden Opus Magnum Harmonia Cælestis und der Verbesserten Ausgabe richtet der Friedenspreisträger seinen Fokus auf einen scheinbar winzigen Ausschnitt seiner Familiengeschichte und zieht gerade daraus die Welthaltigkeit. Auf seine unnachahmlich mäandernde Weise erzählt Esterházy, der von sich sagt, er „schreibe mit dem ganzen Körper”, im Kleinen vom Erwachsenwerden im kommunistischen Ungarn, von der liebevollen, ja, symbiotischen Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter und im Großen von Vertreibung, dem Überleben in einem Regime und darüber, was das eigentlich ist, die Wahrheit. Das Spiel zwischen den Toren wird so unversehens zum Spiel des Lebens. Die Sätze perlen dabei nicht selten eine halbe Seite hinunter, ganz wie die Bläschen im Soda aus Onkel Scharlies Sodawasserfabrik.

Keine Kunst ist amüsant und hochpoetisch. Péter Esterházy knüpft aus Welt und Ich ein Netz der Selbstreflexion, indem er immer wieder das eigene Schreiben zum Thema macht: „Péter Esterházys Kopf hat zwei Hälften. Den Spaß und den Ernst oder das Leben und das Sein. Beide Hälften kann er leicht miteinander vereinen”, so das Deutschlandradio. Die Autorin Terézia Mora hat das Werk ihres Kollegen kongenial ins Deutsche übertragen.

Keine Kunst von Péter Esterházy ist im Berlin Verlag erschienen.
(JK 03/09)

György Dragomán: Der weiße König (Suhrkamp)

Rumänien im Jahr von Tschernobyl, 1986. Ein Elfjähriger wird Zeuge, wie Beamte des Geheimdiensts seinen Vater abholen. Von Monat zu Monat schwindet die Hoffnung, ihn wieder zu sehen. Mit rührender Aufmerksamkeit versucht der Junge, der tapferen, als Jüdin und „Dissidentin“ geächteten Mutter den Vater zu ersetzen, während er ihr die Schikanen in der Schule verschweigt. Er begleitet sie zum „Genossen Botschafter“, von dem sie sich Hilfe erhofft, sinnt auf eigene Wege, um den Vater aus dem Arbeitslager am „Donaukanal“ freizubekommen. Im Turnlehrer, der die Kinder bei Radioaktivitätsalarm zum Fußballspiel zwingt, in den verrohten Jugendlichen, die vor keiner Gewalttat zurückschrecken, in den Bauarbeitern, die behaupten, seinen Vater gesehen zu haben - überall begegnet ihm das zynische Spiel mit Angst und Hoffnung, Erpressung und Verrat. Doch er führt seinen Krieg, wehrt sich gegen die Unmenschlichkeit, und in einem grandiosen Finale kämpft er um seinen Vater - gegen die ganze Welt. Konsequent aus der Sicht eines Kindes schildert György Dragomán die Amoralität einer politisch terrorisierten Gesellschaft. Sein suggestiver Stil nimmt vom ersten Satz an gefangen. Die traumwandlerische Leichtigkeit und Schönheit der Sprache, in der souverän von menschlicher Größe und Niedertracht erzählt wird, machen die Lektüre unvergesslich.

György Dragomán, 1973 in Marosvásárhely (Târgu-Mures) / Siebenbürgen geboren, lebt seit 1988 in Budapest. 2002 erschien sein preisgekrönter erster Roman Das Buch der Zerstörung. Er hat über Beckett promoviert, übersetzt aus dem Englischen und arbeitet als Webdesigner. Der weiße König wird zur Zeit in fünfzehn Sprachen übersetzt.

Der weiße König von György Dragomán ist bei Suhrkamp erschienen.

(JK 21/06/08)