Dem italienischen Autor Davide Longo ist mit seinem
Roman Der aufrechte Mann, der bei
Rowohlt erschienen ist, eine grandiose Parabel gelungen auf das heutige Italien
und ein bestechendes Porträt eines Mannes, der vieles verlieren muss, um zu
sich selbst zu finden.
Das Land ist komplett abgeschottet. Seine Straßen
sind leer; streunende Hunde und Männer mit Gewehren durchqueren die Felder;
Lebensmittel, Benzin und Zigaretten werden knapp; Geschäfte und Banken
schließen, es ist kein Geld mehr im Umlauf. Das Staatsfernsehen sendet
Berichte, denen keiner glaubt. Wer kann, flieht. Nur Leonardo, 52, ehemaliger
Universitätsprofessor und Autor, zögert. Sein Leben ist aus den Bahnen geraten,
seit er wegen einer Affäre mit einer Studentin, die ihn mit einem heimlich
gedrehten Video verklagte, die Universität verlassen musste. Leonardo will
lange nicht wahrhaben, was vor seinen Augen geschieht. Erst als er selbst
angegriffen und sein Haus ausgeraubt wird, zieht auch er mit seiner
siebzehnjährigen Tochter Lucia und dem zehnjährigen Alfonso zu Fuß los. Auf dem
Weg zur Landesgrenze geraten sie in die Fänge eines selbsternannten Herrschers,
der die Jugend mit Drogen betäubt und vor dem Leonardo mit nackten Füßen im
Feuer tanzt. Erst jetzt, verletzt und versehrt, lernt Leonardo zu handeln und
gewinnt die Kraft, das Böse zu besiegen. Longos Roman mündet in einen
überraschenden politischen und persönlichen Neubeginn.
Davide Longo legt eine apokalyptische Situation in
der Zukunft an, um aufzuzeigen, wie viel Barbarei bereits heute um uns herum
ist. Er drängt den Leser sich zu fragen, welchen Weg er einschlagen würde, wie
man die Guten und die Bösen in einer extremen Situation erkennt? Longos Roman
kommt in die Nähe von William Goldings Klassiker Der aufrechte Mann und schaut
auf die Dimensionen der menschlichen Natur in einer aus den Fugen geratenen
Welt. Am Ende winkt Läuterung und der Wille für die Werte der Zivilisation
einzustehen. Und damit kommen dem Leser wieder Vergleiche zum Italien in der
Ära nach Berlusconi.
Davide Longo, 1971 in Carmagnola im Piemont geboren,
lebt in Turin, wo er mit Alessandro Baricco an dem Literaturinstitut Scuola
Holden unterrichtet. Er schreibt Prosa, Hörspiele und Drehbücher für Kurzfilme.
Für seinen Roman Der Steingänger
erhielt er den Premio Grinzane Cavour, den Premio Via Po und den Premio
Scritture Giovane.
Der aufrechte Mann von Davide
Longo ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 06/12)

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