Francis Spufford: Rote Zukunft (rororo)


Es gab eine Zeit nach Stalins Tod, da glaubten nicht wenige in Ost und West, die Sowjetunion werde den Westen bald technisch und wirtschaftlich überholt haben. Der Sputnik zog seine Bahn durchs All, die Industrie wuchs und wuchs – bis das rote Wirtschaftswunder von der Ideologie erdrosselt und die Ideologie anschließend von der Realität gefressen wurde. Die Maschinen begannen zu rosten, die Menschen resignierten.

Diesen Stoff erzählt Francis Spufford in seinem Buch Rote Zukunft, das bei rororo erschienen ist,  wie einen großen historischen Roman: mit Helden, Opfern und Schurken, mit Hoffnungen und Tragödien.

Wenn wir an die Sowjetunion denken, dann kommen uns Bilder von Stalin in den Sinn, von grausamen Arbeitslagern, Paraden auf dem Roten Platz und eindringliche Propaganda-Plakate. Es werden kaum Bilder von Männern in Anzug und Krawatte in einem Moskauer Wolkenkratzer sein, die darüber beraten, wie viele Sommerkleider den Damen in Wladiwostok erlaubt sein sollte zu kaufen. Das tägliche Leben im sowjetischen Russland, der Ukraine oder Zentralasien im Allgemeinen kann durch ein Wort charakterisiert werden: Warteschlangen. Francis Spufford hat in seinem Buch eine Sammlung von Szenen zusammengestellt, die andere Bilder heraufbeschwören. In den 1950er Jahren wächst die Sowjetunion schneller als jedes andere Land mit Ausnahme von Japan. Die Sowjetunion scheint für so manchen im Westen eine funktionierende Alternative zum Kapitalismus zu sein. Der Wettbewerb an der wirtschaftlichen Front zwischen den Supermächten war in den Zeiten des kalten Krieges ebenso intensiv wie an der militärischen. Es wird deutlich, dass es in den Zeiten Chruschtschows in der Tat eine Bewunderung Russlands für den amerikanischen Konsum gab. Doch Moskau scheitert, Moskau verliert den Idealismus, das sowjetische kommunistische Projekt scheitert.

Spuffords Methode ist es, fiktive Charaktere zu erstellen und mit ihnen Vorfälle zu fabrizieren, die sich eng an reale zeitgenössische Anekdoten und Beobachtungen halten. Eigentlich müsste dies trockene Lektüre sein, doch die Dreistigkeit dieses Buchprojekts und die gekonnte Schreibtechnik überzeugen. Spufford stattet seine Figuren mit Liebe, Lust, Launen und Schwächen aus und stellt sie in glaubhaft wirkende Handlungen. Seine Geschichten sind subtil und auf den Punkt gebracht.

Francis Spufford, geboren 1964, ist in England seit langem bekannt als Autor erzählender Sachbücher. Er hat mit seinen auch literarisch ambitionierten Werken schon zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Somerset Maugham Award, den Sunday Times Young Writer of the Year Prize und den Writers' Guild Award für das beste Sachbuch des Jahres. Der Autor lebt in der Nähe von Cambridge.


Rote Zukunft von Francis Spufford ist bei rororo erschienen.
(JK 06/12)

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