Laurence Gonzales: Lucy (dtv)


Der amerikanische Autor Laurence Gonzales erzählt in seinem Roman Lucy, der bei dtv erschienen ist, die atemberaubende Geschichte eines jungen Mädchens, das anders ist als alle anderen.

Das Mädchen Lucy wächst im afrikanischen Dschungel bei ihrem Vater, einem englischen Naturforscher, in völliger Abgeschiedenheit auf. Sie ist vierzehn, als er stirbt. Durch Zufall wird sie von der amerikanischen Wissenschaftlerin Jenny gefunden, die sie mit nach Amerika nimmt. Lucy ist hübsch und sehr begabt. Was niemand ahnt: Sie ist das Ergebnis eines unglaublichen Experiments, ihr Erbgut eine Kreuzung zwischen dem von Mensch und Menschenaffe. Irgendwann lässt sich das nicht mehr geheim halten – woraufhin Medien, Militär und Wissenschaftler eine erbarmungslose Jagd auf Lucy beginnen.

Dieser Stoff hat schon immer die Fantasie von Schriftstellern erregt: Ein Mensch-Tier-Hybrid, das zum vermeintlichen Fortschritt erzeugt wird, es entzieht sich seinen Grenzen, und richtet Chaos in der ahnungslosen Öffentlichkeit an. Diese vertraute Handlung aus dem Reich der Mythen und Science-Fiction, ist das Sprungbrett für Laurence Gonzales neuen Roman Lucy, eine Umwelt-Fabel.

Wenn eine Plot-Linie so vertraut ist wie diese, dann braucht es einen starken und innovativen Schriftsteller, damit aus dem Plot etwas Neues entsteht. Geglückte jüngere Beispiele waren z.B. bei Michael Chabon in seiner Behandlung des Kriminalromans im Buch Vereinigung jiddischer Polizisten oder Cormac McCarthys Remake des alten Western-Showdown im Buch No Country for Old Men. Diese Autoren konnten die alten Klischees zu etwas frischem und aufregenden umformen, zu etwas, das verwendet werden konnte als Kommentar auf die heutige Gesellschaft, indem das jeweilige Genre als Ausgangspunkt genommen wurde. Im Vergleich dazu ist dies Gonzales leider nicht gelungen und er kommt an die Qualität von Chabon oder McCarthy nicht heran. Gonzales hat die Geschichte zwar sehr gut konstruiert und baut sehr viel Spannung auf ähnlich wie Dan Brown oder Dean Koontz. Aber er bringt nichts Neues auf den Tisch. Dabei bleiben die Nebenrollen unscharf. Seine Versuche zur Charakterisierung bleiben leider merkwürdig blutarm und nicht genug konkret, um sie real und nachvollziehbar. Auch die Hauptfigur Lucy ist eine Spur zu gut und zu perfekt, das sie wie ein Stereotyp erscheint: die heilige Kreatur, das evolutionäre ideal. Indem Gonzales sie als eine Art Sprecherin für die Umweltbewegung aufbaut, hebt der Autor seinen Zeigefinger in Richtung Leser, denn die Hybridin Lucy ist grüner als du und ich. Leider vermisst man auch seine Auseinandersetzung zur schwerwiegenden ethischen und moralischen Problematik der Gentechnik. Gonzales lässt diesen Aspekt gänzlich unbeantwortet. Somit reduziert Gonzales seinen Roman auf die Spannung um die Jagd auf Lucy durch ihre vielen Widersacher. Es hätten jedoch in dem Stoff viele Möglichkeiten für den Autor gegeben, aus dem spannenden Thriller qualitativ mehr zu machen: Lucy als Allegorie auf rassische Diskriminierung beispielsweise. In unserer politisch aufgeladenen Welt hätte Gonzales aus seinem Thriller noch viel Aufregenderes heraufbeschwören können als das, was wir in seiner Geschichte bekommen. So liest sich Lucy zwar als spannender Thriller und guten Zeitvertreib, die Möglichkeiten, die dieser Plot dem Autor hätte zusätzlich liefern können, lässt er leider ungenutzt liegen.

Laurence Gonzales wurde in St. Louis, Missouri, geboren und wuchs in Texas auf. Er wurde für seine journalistische Arbeit mehrfach ausgezeichnet und hat bereits eine Reihe von preisgekrönten Büchern veröffentlicht.

Lucy  von Laurence Gonzales ist bei dtv erschienen.
(02/12)

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