Als Taschenbuch ist im Berlin Verlag William Boyds
Roman Der
Eiskremkrieg erschienen.
„Wir schmolzen wie Eiskrem in der Sonne“, berichtet
ein englischer Soldat im Oktober 1914 in Ostafrika. Gestern waren sie noch
Freunde, die kernigen Deutschen und steifen Engländer in Ostafrika im Jahr
1914. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und sie stehen sich auf einmal
verfeindet gegenüber. Heißt es anfangs noch, die Soldaten würden unter der
ostafrikanischen Sonne „dahinschmelzen wie Eis“, sodass der Krieg schnell
beendet sei, erfüllt sich diese Prognose nicht. Im Mittelpunkt des Geschehens
stehen Hamish Cobb, Kopf einer alten britischen Offiziersfamilie, und seine
Söhne Gabriel und Felix. Während Gabriel pflichtbewusst in den Krieg zieht,
landet Hamish in der Irrenanstalt. Und Felix drückt sich vor gar zu viel
Engagement.
William Boyd hat die seltene Fähigkeit, die von den
Kriegshandlungen überraschten und verwirrten Soldaten authentisch einzufangen
ohne dabei den Leser selbst ebenso zu verwirren. Seine präzise Beschreibung der
Kämpfe im Dschungel und des Häuserkampfs in Tanga ist hervorragend, insbesondere
seine Beschreibung der körperlosen Wahrnehmung Gabriels über seine Verwundung. Der Eiskremkrieg ist ein langer Roman, reich an Charakteren und Vorkommnissen, ein
Roman über die Sinnlosigkeit und Absurdität des Krieges. Die Stärke im Roman
William Boyds liegt darin, dass der Autor absichtlich keine Standpunkte
einnimmt. Der
Eiskremkrieg erfüllt den Anspruch
an einen historischen Roman von seiner besten Seite: die Vergangenheit ist nicht
die bunte Kulisse für einen Kostümfilm, sondern als kontrollierende Kraft im
Leben seiner Charaktere zu begreifen. Solche Romane erzählen selten angenehme
Dinge über die Positionen der einzelnen Personen in den Weltläuften und Boyds Roman ist keine Ausnahme.
Seine Charaktere – die Überlebenden im Besonderen – werden
von der Kraft der historischen Ereignisse gnadenlos aus der Bahn geworfen:
durch den Krieg, durch Probleme mit Menschen, die sie befehlen, aber deren
Kultur nicht verstehen und deren Sprache sie nicht einmal sprechen, durch die Grippeepidemie,
die unmittelbar dem Waffenstillstand folgt. Boyd sieht jedoch auch das
häusliche Leben als unerbittliche Herausforderung, wie z.B. Gabriels und Felix'
Mutter ihre Ehe sieht als einen unendlichen Kampf gegen erschreckend widrige
Bedingungen, ihren eigenen Weg gehen zu können. Die Zeit urteilte: „Immer
wieder lockt Boyd den Leser in eine Falle, um sie im nächsten Moment
zuschnappen zu lassen. Der Wahnsinn hat Methode.“
William Boyd wurde am 7.
März 1952 in Accra (Ghana) geboren. Er studierte an der Gordonstoun School, der
Glasgow University und am Jesus College in Oxford. Sein erster Roman A Good
Man in Africa erschien 1981, während er als Englischdozent am St. Hildas Colleges
(Oxford) tätig war, und gewann gleich zwei Preise: den Whitbread First Novel
Award und den Somerset Maugham Award. Das Granta Magazine und das Book
Marketing Council wählte Boyd 1983 zu den 20 besten jungen britischen
Erzählern. William Boyd lebt in London. 2005 wurde er zum Commander of the
British Empire (CBE) ernannt.
Der Eiskremkrieg von William
Boyd ist im Berlin Verlag als Taschenbuch erschienen.
(JK 12/12)

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