In ihrem Roman Morgenröte,
der im Rotpunktverlag erschienen ist, erzählt die große haitianische
Autorin Yanick Lahens vom Lebenslauf dreier Geschwister, die im von Gewalt
geprägten Port-au-Prince leben, ein Leben im alltäglichen Ausnahmezustand.
Als Angélique eines
frühen Morgens ruhelos aufwacht, hat sich ihre Welt mit einem Schlag verändert:
Das Bett ihres Bruders ist leer. Wo hat Fignolé die vergangene Nacht verbracht?
Keine harmlose Frage in einem Land wie Haiti, das dem Teufel anheimgefallen
ist, wie Angélique es ausdrückt. Seit Jahrhunderten ist es im Würgegriff
diktatorischer Herrscher, von Gewalt geprägt, die sich auch in den letzten
Winkeln der Gesellschaft eingenistet hat. Angélique, ihre Mutter und ihre
jüngere Schwester Joyeuse haben Anlass zu größter Sorge.
Angelehnt an Haitis
wechselvolle Geschichte, erzählt Lahens’ Roman Lebensgeschichten von Besiegten,
die sich nicht geschlagen geben wollen. Wie Joyeuse, die, im Gegensatz zu ihrer
älteren Schwester, noch vorhat, ihr Leben ausgiebig zu genießen. Wie Fignolé,
der sich aus tiefster Überzeugung im Widerstand gegen bestehende Verhältnisse
engagiert: gegen Gewaltherrschaft, Ungerechtigkeit, Zerstörung, Chaos...
Yanick Lahens verwendet einen
präzisen, kondensierten Stil, der an William Faulkner erinnert, dem Yannick
Lahens sogar einen Aufsatz gewidmet hat. Ihr sinnliches, einfühlsames und
poetisches Schreiben umhüllt den Leser wie eine fesselnde Melodie. Sie erzählt
uns eine ergreifende Geschichte, in der sie als Autorin das Kunststück fertig
bringt, nie Mitleid mit dem Schicksal ihrer Figuren zu haben, die alle aufrecht
stehen, wo sie schiere Katastrophe umgibt. Lahens bringt das Lebensgefühl ihrer
so außergewöhnlichen Heimat nahe.
Yanick Lahens, geboren
1953 in Port-au-Prince (Haiti), studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne
in Paris. Nachdem sie viele Jahre als Dozentin für Literatur an der École
Normale Supérieure in Port-au-Prince sowie als Publizistin für Radio und
Printmedien tätig war, engagiert sie sich heute neben dem Schreiben vorwiegend
in Projekten der Jugendarbeit. Seit 1994 Publikation von Erzählungen, Romanen
und Essays; 2002 Förderpreis der „Initiative Literaturpreis“. 2004 erschien ihr
erster Roman Tanz der Ahnen in deutscher Übersetzung, im Frühjahr 2011 Und
plötzlich tut sich der Boden auf, ein Journal über das Erdbeben vom 12.
Januar, ein Zeugnis der Ereignisse, ein Trauergesang auf die verlorene Stadt
und eine Reflektion des Nord-Süd-Konflikts. Im Herbst 2012 folgte Morgenröte,
ein Roman über drei Geschwister, die im von Gewalt geprägten Port-au-Prince
leben.
Morgenröte von Yanick Lahens ist im Rotpunktverlag erschienen.
(JK 11/12)

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