Eine Liebeserklärung an das Kino und die Kunst der
Imagination ist der Roman Die
Filmerzählerin des chilenischen Autors Hernán Rivera Letelier, der im Insel
Verlag erschienen ist.
Etwas Aufregenderes als Kino gibt es nicht in dem
Minendorf inmitten der chilenischen Wüste. Die Männer arbeiten im
Salpeterabbau, die Frauen sollen vernünftig wirtschaften und haben die
zahlreichen Kinder am Hals. Da bieten die Hollywoodfilme mit Marilyn Monroe,
John Wayne oder Charlton Heston und die mexikanischen Melodramen mit viel
Gefühl und Musik eine willkommene Abwechslung und den Abglanz einer anderen
Welt.
Doch eines Tages erlebt die Siedlung etwas noch
Schöneres als Kino: María Margarita, ein zehnjähriges Mädchen, kann Filme so
anschaulich und dramatisch nacherzählen, dass die Leute herbeiströmen, um sie
zu hören. Bald drängt sich die halbe Siedlung in der engen Stube ihrer Familie,
wo sie mit kindlicher Freude das Leinwandgeschehen zum Leben erweckt. Als sie
eines Tages jedoch einem alleinlebenden Mann in dessen Haus einen Western
erzählen soll, widerfährt ihr etwas schrecklich Verstörendes.
Das Leben in der Wüste ist hart. Kräftig, mit viel
Sinn für Komik, aber auch für das Schlimme im Leben, erzählt Hernán Rivera
Letelier vom harschen Leben in der Atacamawüste. Er zeigt auf wunderschöne
Weise in seinem Roman, wie das Glück in Form des Kinos und des
Geschichtenerzählens Einzug hält in das eintönige Leben der Minenarbeiter und
ihrer Familien. Aber genauso wie das Glück so hält auch das Unglück in Form des
Fernsehens Einzug. Rivera Letelier zeigt die um sich greifende Vereinsamung und
Verstummung der Menschen. Die Hauptstadt Santiago wie überhaupt das übrige
Chile sind weit weg und die Welt draußen findet nur in knappen Randnotizen
statt. Die Heldin Maria ist ein Beispiel für weibliche Stärke und
Überlebenswillen, die in kurzen Momentaufnahmen eindrucksvoll geschildert
werden. Ihre Gabe des Erzählens liegt wie ein wunderbarer Zauber über diesem
Buch.
Hernán Rivera Letelier, 1950 in Talca/Südchile
geboren, kam als Kind in die Atacamawüste im Norden. Als Heranwachsender
besuchte er als einziger die Werksbibliothek der Minensiedlung und begann mit
einundzwanzig, buchstäblich aus Hunger, mit dem Schreiben: Ein Radioprogramm
lobte als ersten Preis für das beste Gedicht ein Abendessen in einem feinen
Restaurant aus. Er schrieb ein vierseitiges Liebesgedicht und gewann prompt.
Heute gehört er zu den meistgelesenen Autoren der spanischsprachigen Welt.
Die Filmerzählerin von Hernán Rivera Letelier ist im Insel Verlag erschienen.
(JK 05/11)

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