Einen Skandal erlebte die Hamburger Literaturszene
im Februar diesen Jahres. Kurz nach Erscheinen des Buches durfte der Verlag es
nicht weiter ausliefern. Eine reale Person meinte, sich in einer der Romanfiguren
wieder erkannt zu haben und fühlte sich in ihren Persönlichkeitsrechten
verletzt. Die Autorin wies zwar
entschieden von sich, jemanden persönlich aufs Korn genommen zu haben, musste
dennoch einige Passagen überarbeiten. Diese Überarbeitung ist nun am 23. Mai
erschienen und das Buch somit wieder im Buchhandel. Es handelt sich um den vierten
Roman der Hamburger Autorin Tina Uebel mit dem Titel Last Exit Volksdorf und ist bei Beck erschienen.
In ihrem Buch beschreibt Tina Uebel das Bild eines
scheinbar gediegenen Mikrokosmos und seiner Bewohner, der Fluchtrituale und
Schutzmechanismen, die zuschnappen, wenn sich das Leben dort als weitaus
unheiler entpuppt, als das Selbstverständnis der Menschen und ihre soziale
Großwetterlage vermuten lassen. Aus wechselnden Perspektiven, aus der Sicht von
Jugendlichen und ihren Eltern und Großeltern, Lehrern und Schülern, Mächtigen
und Ohnmächtigen, setzen sich in diesem spannenden und meisterhaft komponierten
Roman Stück für Stück die ebenso berührenden wie empörenden Geschichten von
Schicksalen und Skandalen zusammen. Komisch, grotesk, mit Sarkasmus und
Mitgefühl und in immer wieder neuen Tonlagen erzählt Tina Uebel von der oft
vergeblichen Suche nach dem Glück oder wenigstens einem Ausweg.
Volksdorf ist ein gutbürgerlicher Stadtteil im
Nordosten Hamburgs, idyllisch und grün. In schmucken Einfamilienhäusern leben
die Gewinner unserer Gesellschaft und bereiten die Zukunft ihrer Kinder, der
nächsten Siegergeneration, liebevoll, homöopathisch, ökologisch und ganzheitlich
vor. Aber so ein Viertel kann man auch als „Spießerfreigelände“ sehen, so wie
Joshua, jugendlicher Punk und Anarchist. Die alternde Klara Voss hingegen,
tapfer gegen ihre Demenz ankämpfend, liebt das dörfliche Ambiente dieses
Vororts.
Tina Uebel hat in der Tat kein harmloses Buch
geschrieben und dem Volk in Volksdorf wohl zu gut aufs Maul geschaut. Wunderbar
erzählt sie die Vorstadtidylle und wie sie langsam aber sicher zerbröselt und
die wahre Fratze der Vorstadtidylle sichtbar wird. Dies muss – wie die Autorin
beteuert – nicht das real existierende Volksdorf sein, jedoch prangert sie die
Mechanismen des Zusammenlebens, die gesellschaftliche Kontrolle der Vorstädte,
das Verlangen nach Perfektion und Erfolg, per se an. Und lag dann wohl nicht
ganz so falsch, wie die Unterlassungsklage bestätigt. Der Roman ist verstörend,
weil nichts bleibt, wie es ist und Tina Uebel rechnet mit ihrer eigenen Jugend
ab. Sie versprüht viel bösen Humor. Als Leser fühlt man sich ein wenig als
Voyeur und mag nach dem Lesen auf seinen Spaziergängen gar nicht mehr in die
Fenster der Häuser geschweige denn der Nachbarn schauen. Man könnte ja etwas
Schreckliches gewahr werden…
Tina Uebel wurde 1969 in Hamburg geboren. Neben
ihrer Arbeit als Schriftstellerin, ist sie als freie Journalistin und
Literaturveranstalterin des Machtclub und Slamburg tätig. Sie veröffentlichte
neben vielen Erzählungen und Anthologiebeiträgen die Romane Ich bin Duke (2002), Horror Vacui (2005) und Die Wahrheit über Frankie (2009). Sie
lebt in Hamburg, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist.
Last Exit Volksdorf von Tina
Uebel ist bei Beck erschienen.
(JK 06/11)

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