Fesselnd, schockierend, ergreifend ist der Roman Die Stumme der iranischen Autorin Chahdortt Djavann, der
bei Goldmann erschienen ist.
Fatemeh ist fünfzehn Jahre alt. Sie sitzt in einem
Iraner Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Wie es dazu kam, vertraut sie
einem Tagebuch an – damit niemand ihre geliebte Tante, „die Stumme“, und sie
selbst vergessen wird.
Die Stumme war nicht von Geburt an stumm. Erst seit
sie im Alter von zehn Jahren Zeugin wurde, wie ihr Vater ihre Mutter zu Tode
prügelte, kam nie wieder ein Wort über ihre Lippen. Inzwischen ist aus dem
kleinen Mädchen eine 29-jährige, attraktive Frau geworden, die nach ihren ganz
eigenen Gesetzen lebt: Sie weigert sich, ein Kopftuch zu tragen, kleidet sich
in den farbenprächtigsten Gewändern, läuft barfuß. Fatemeh ist fasziniert von
dem Freiheitsdrang ihrer Tante, von ihrer Andersartigkeit. Doch in einer Welt,
in der die Mullahs regieren, bleibt dies nicht unbestraft. Und als die Stumme
sich dem Mann hingibt, den sie liebt, kommt es zur Katastrophe – zu einer
Katastrophe, die auch Fatemehs Schicksal besiegeln wird.
Ein interessanter Gegensatz wird in der Mutter und
der Tante der Fatemeh deutlich. Auf der einen Seite ist da eine traditionelle
Frau, die verschleiert und religiös ist und Klatsch kolportiert. Auf der
anderen Seite gibt es die Tante, die sich nach der Selbstbestimmung der Frau
nach westlichem Vorbild sehnt und dabei gegen das Gesetz der Mullahs verstößt
und sich der Lebensgefahr aussetzt. Sie wird Opfer einer Verschwörung, soll
verheiratet werden. Anhand dieser fiktiven Geschichte stellt Chahdortt Djavann
eindrucksvoll die Lage der Frau im religiös-totalitären Iran drastisch dar.
Zugleich wird wieder vor Augen geführt, wie die Mullahs in ihrer Herrschaft
ihre eigenen Ideale des Islam verraten und missbrauchen.
Chahdortt Djavann, 1967 im Iran geboren, verbrachte
ihre Kindheit und Jugend in Teheran. Djavann war zwölf Jahre alt, als Khomeini
1979 im Iran die Macht ergriff, Terror und Gewalt in ihr Leben drangen und ihr
Vater im Zuge der Islamischen Revolution verhaftet wurde. 1993 gelang es ihr,
über Istanbul nach Frankreich zu fliehen, wo sie Sozialwissenschaften
studierte. Chahdortt Djavann ist Autorin mehrerer Sachbücher und Essays über
die Gefahren des Islamismus. Nicht nur ihre schriftstellerischen Werke, die in
Frankreich auf der Bestsellerliste landeten, sondern auch ihre aktive
Beteiligung an der Kopftuchdebatte etablierte sie über Frankreichs Grenzen
hinaus zur anerkannten und vielzitierten Islam-Expertin. Chahdortt Djavann lebt
heute in Paris.
Die Stumme von Chahdortt Djavann ist bei Goldmann erschienen.
(JK 04/12)

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