Der tschechische Autor Jaroslav Rudiš erzählt seinen
bei Luchterhand erschienenen Roman Die
Stille in Prag mit Eleganz und Coolness – mal still und leise, dann wieder
laut und knallend. Er erzählt von Menschen, die von Hoffnung, Liebe und
Einsamkeit getrieben werden – und manchmal auch dem Leben selbst.
Jeder Aufbruch hat einmal ein Ende. Die Revolution,
die Anfang der 90er Jahre das Leben in Prag zu einer einzigen großen Party
machte, ist längst vorbei. Jetzt ist Spätsommer, das Licht ist bereits schwach
und träge geworden. Doch bevor sich der Sommer endgültig dem Ende zuneigt, wird
für fünf Menschen nichts mehr so sein, wie es vorher war.
Fünf Menschen zwischen Straßenbahnlärm und dem
Techno des Herzens, zwischen Lichteffekten und Rockmusik – und ein Konzert der
Stille, das alles verändert. Petr, von seiner großen Liebe verlassen, arbeitet
nach einem abgebrochenen Studium als Aushilfe bei der Straßenbahn. Auf einer
seiner Fahrten trifft er die junge Punkerin Vanda, die sich fest vorgenommen
hat, mit 18 das Koksen sein zu lassen. Ein Monat ist es bis dahin noch. Der
angesehene Anwalt Wayne hat es dagegen geschafft, sein Leben auf Erfolgskurs zu
bringen. Doch dann meint er, in den Nachrichten seinen im Irak stationierten
Bruder blutüberströmt auf einer Trage zu erkennen und wird völlig aus der Bahn
geworfen. Er weiß noch nicht, dass Hana, die im Flieger nach Prag sitzt, nicht
bereit ist, ihn aufzufangen. Und dann ist da noch der alte Vladimír, der seine
Frau verloren hat und sie nicht gehen lassen kann. Den Auslöser für das ganze
Übel auf der Welt sieht er im Lärm. Den Rest seines Lebens verschreibt er dem
Kampf für die Stille.
An einem Tag im Spätsommer werden die Erlebnisse von
fünf verschiedenen Personen in parallelen Geschichten entwickelt, die in einem
kleinen Moment wie ein Anker in Raum und Zeit stehen. Die clip-artige Natur der
kurzen Kapitel ist fast ein Markenzeichen des Autors. Er arbeitet mit der
Sprache und schafft Sequenzen von kurzen knappen Sätzen mit sich wiederholenden
Elementen. Diese verknüpft Jaroslav Rudiš. Abgesehen von Wladimir stecken die
anderen Figuren nicht in irgendwelchen dramatischen extremen Situationen, ihre
Geschichten könnten sogar für banal gehalten werden. Das Bild von Prag an
diesem besagten Tag zeichnet Jaroslav Rudiš mit einer Reihe wenig
schmeichelhafter Adjektive, die Stadt reduziert sich auf wenig mehr als ihren
Namen. Der Erzähler hält eine deutliche ironische Distanz zum Leben der jungen
Generation, zu MySpace und iPod und anderen trendigen Markennamen.
Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller,
Drehbuchautor und Dramatiker. Mit seinem tschechischen Verleger hat er darüber
hinaus die Band The Bombers
gegründet. Grand Hotel, nach Der Himmel unter Berlin sein zweiter auf
Deutsch erscheinender Roman, wurde 2006 verfilmt. Die Verfilmung seines Comics Alois Nebel wird 2012 auch in die
deutschen Kinos kommen.
Die Stille in Prag von Jaroslav Rudiš ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 05/12)

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