Philippe Besson: Venice Beach (dtv)


Im Roman Venice Beach des französischen Autors Philippe Besson, erschienen bei dtv, geht es um einen Cop, einen Filmstar und eine Liebe bis in den Tod.

Der eine ist ein Polizeiinspektor in Los Angeles und mit einer Bibliothekarin verheiratet. Der andere heißt Jack Bell, wohnt mit einer rothaarigen Beauty am Maple Drive und gilt als der neue Star in Hollywood. Diese beiden Männer wären sich nie begegnet, gäbe es da nicht den Mord an einem Prostituierten in Beverly Hills. Als der Polizist vor der Villa am Maple Drive steht, weiß er noch nichts von der Liebe seines Lebens. Beeindruckend schildert Besson die Gefühle zweier Männer, die eigentlich alles voneinander trennt.

Philippe Besson hat eine Geschichte geschrieben, die manchmal banal, manchmal aufwühlend ist, vor allem aber manche Leser verstören wird. Ist es wirklich wahr, dass man erst so spät seine wahre Sexualität entdeckt und vorher nichts geahnt hat, wie die Geschichte glauben machen soll? Das ist schwer vorstellbar. Vielmehr darf man unterstellen, dass es einen konkreten Auslöser bedarf, damit das, was aus welchen Gründen auch immer unter der Oberfläche gehalten wurde, endlich seinen Weg nach außen bahnt. Es gibt zwar Parallelen in der Literatur wie z.B. bei Joy Fielding in ihrem Buch Grand Avenue. Ihre Heldin wandte sich jedoch den Frauen zu als Reaktion auf die Misshandlungen ihres Ehemanns. Auch gibt es natürlich den Hinweis, dass Menschen sich von beiden Geschlechtern angezogen fühlen, mit dem Erreichen eins gewissen Alters hingegen das Pendel in eine Seite ausschlägt. Philippe Besson wählt in Venice Beach einen anderen Ansatz. Abgesehen von diesem diskussionswürdigen Ansatz schafft es Besson, den Leser in das Dilemma der Hauptfigur hineinzuziehen. Man fühlt tiefes Mitleid mit dem Mann, dessen Gefühlsleben sich plötzlich um 180 Grad dreht und dessen Innerstes in dem Buch schonungslos entblättert wird. Gleichzeitig ergreift einen Abscheu gegenüber derselben Person, wie schamlos er seine Frau belügt und ihr sogar noch Hoffnung vorgaukelt, obwohl seine Entscheidung längst gefallen ist. Diese komplexe und doppeldeutige Figur ist in der Tat faszinierend. Auch die Perspektive des Erzählers zwischen verschiedenen Zeitebenen zu wechseln, hat seinen Reiz. Man könnte dem Autor vorwerfen, dass durch diese Zeitsprünge dem Leser vorab schon verraten wird, wie die Geschichte ausgehen wird. Aber das ist eigentlich eine weitere Stärke des Romans, denn die Motive und Blicke in das Innere der Person, wie es schließlich zum Ausgang der Geschichte kommt, sind genauso wichtig wie die Handlung. Melancholie und Verzweiflung liegen ganz nah beieinander.

Philippe Besson wurde 1967 in Barbezieux, einem Dorf in der Charente, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Bordeaux und der Oberstufe in Rouen, ging Besson 1989 nach Paris, wo er zunächst eine Laufbahn als Jurist und Dozent für Sozialrecht einschlug. 1999 begann er an seinem ersten Roman Zeit der Abwesenheit zu schreiben, der Anfang 2001 in Frankreich erschien. Fortan veröffentlichte Philippe Besson fast jährlich einen neuen Roman. Sein Roman Sein Bruder wurde von Patrice Chéreau verfilmt.


Venice Beach von Philippe Besson ist bei dtv erschienen.
(JK 06/12)

Keine Kommentare: