Der Engländer Tom
McCarthy schildert in seinem bei DVA erschienenen Roman K mit
faszinierender Präzision die große Ära, in der die Technologie das Licht der
Welt erblickt, ihre Obsessionen, Ängste und Wahrheiten: Kommunikation, Kokain,
Karbon – K.
England, vor der Wende
zum 20. Jahrhundert: Serge Karrefax kommt mit einer Glückshaube zur Welt, was
dem Jungen eine außergewöhnliche Zukunft verheißt. Und tatsächlich, sein Leben
spiegelt all die Wunder des soeben angebrochenen neuen Zeitalters. K
steht für Kommunikation: Begeistert von der neuen Funktechnologie, verbringt
Serge die Nächte mit der Suche nach Signalen im Äther. K steht für
Krieg: Im Ersten Weltkrieg wird er als Funker eingezogen, und er liebt es, in
seiner Flugmaschine, Kokain im Blut, Hölderlin auf den Lippen, über die
Verwüstungen hinwegzufliegen. K steht aber auch für Krypta: Nach
Séancen, Sex und Paranoia im Swinging London der Zwanziger verschlägt es
Karrefax in das Ägypten Howard Carters. Bis sein Leben an jenem Tag, an dem er
in eine der altägyptischen Grabkammern hinabsteigt, eine Wendung nimmt.
McCarthy ist für die
angelsächsische Literatur ungewöhnlich, ist doch seine Schreibe geprägt von einem
eher kontinentaleuropäischen Muster, beeinflusst vom französischen Nouveau
Roman und sogenannten post-strukturalistischen Gedankenwelten. Neben ihm tun
dies außer Samuel Beckett und James Joyce nur wenige Autoren aus der
angelsächsischen Welt. Leicht könnte man ihm manierierte Anmaßung andichten
aber McCarthy ist ein talentierter und intelligenter Romancier, der fest und
klar schreibt und über einen funktionierenden Sinn für Humor verfügt.
Eigentlich kann man K als einen Antiroman im Stile der 60er Jahre
bezeichnen und so ist die Held Serge auch keine abgerundete Figur. McCarthys
Roman besticht durch seine Dichte und sauber konstruierte Erzählung. Es gibt
Längen im Buch, jedoch humorvolle und seltsam schöne Momente wechseln ab. Das
Buch ist anspruchsvolle Literatur, denn der Autor verweist auf philosophische
Konzepte von Heidegger zu Freud oder Paul Virilio, auf die der Leser Appetit
haben muss.
Tom McCarthy, Jahrgang
1969, studierte Englisch in Oxford und lebt heute als Künstler und
Schriftsteller in London. Er hat Erzählungen, Essays und Artikel über
Literatur, Philosophie und Kunst veröffentlicht. Außerdem ist er
Generalsekretär der International Necronautical Society (INS), einem
semifiktiven Avantgarde-Netzwerk. Sein Erstling 8 1/2 Millionen, erschienen
2009 in Deutschland, wurde in der englischsprachigen Welt zum Bestseller,
erhielt den Believer Book Award und wird zurzeit verfilmt. K, McCarthys
dritter Roman, verschaffte ihm den internationalen Durchbruch; er wurde
ebenfalls ein großer Leser- und Kritikererfolg und u.a. 2010 für den
Booker-Preis nominiert. Seine Romane sind in mehr als zwanzig Sprachen
übersetzt.
K von Tom
McCarthy ist bei DVA erschienen.
(JK 05/12)

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