Ein Roman um eine
schillernde und geheimnisvolle Figur ist das Buch Des Fremden Kind von
Alan Hollinghurst, das bei Blessing erschienen ist.
Im Sommer 1913 verbringt
der junge aristokratische Dichter Cecil Valance ein Wochenende bei der Familie
seines Cambridge-Kommilitonen George Sawle. Besonders Georges kleine Schwester
Daphne ist sofort von dem gut aussehenden Gentleman eingenommen, und Cecil
widmet ihr ein Gedicht. Es wird zum lyrischen Symbol einer ganzen Generation.
Nach Cecils Tod im Ersten Weltkrieg ranken sich immer neue Mythen und
Geheimnisse um die Person und das Werk des Dichters. Cecils Leser und sogar
seine Familie stehen vor einem Rätsel. In den folgenden Jahrzehnten werden
nicht nur Daphne und George, sondern vor allem Cecils literarischer Nachlass
von Öffentlichkeit, Biografen und Wissenschaft instrumentalisiert –
entsprechend der jeweiligen literarischen und kulturellen Mode der Zeit. Doch
dann macht sich ein junger Literaturfreund daran, Cecils Geheimnis zu lüften,
und ein Antiquar macht eine überraschende Entdeckung.
Mit seiner Ausgewogenheit
zwischen glitzernder Oberfläche und scharfer Präzision, Ironie und tiefer
Ernsthaftigkeit, wird Alan Hollinghurst im angelsächsischen Raum in der Regel
als Erbe von Henry James gesehen. Hollinghurst muss jedoch irgendwann einen
entscheidenden Moment, eine fast leidenschaftliche Verliebtheit mit dem
Romanstoff von Wiedersehen mit Brideshead gehabt haben. Seine Figuren
bekunden eine wiederkehrende Fixierung auf schöne Häuser und deren glamouröse,
erotisierende Bewohner. Dabei bedient sich Hollinghurst einer ländlichen
homoerotischen Kulisse, egal ob die explizite Handlung in den Gärten Notting
Hills, in der Atmosphäre Londoner Clubs oder der sommerlichen englischen
Landschaft spielt. Sein fesselndes neues Buch ist ein Landhaus-Roman, der in
einem Garten im Spätsommer des Jahres 1913 beginnt. In einer Umkehrung des
Brideshead Themas ist der Außenseiter, des Fremden Kind, ein Aristokrat auf
Besuch in einem bürgerlichen Haus und verführt deren Familie. Der Rest des
Romans besteht aus vier Abschnitten, in Abständen zwischen 1926 und 2008
eingeflochten.
Hollinghurst zählt zu den
besten zeitgenössischen englischen Schriftstellern. Seine Romane sind ehrgeizig
und genügen höchsten ästhetischen Standards. Er kann sowohl dem individuellen
Gewissen in erstaunlicher Detailliertheit folgen als auch die allgemeineren
sozialen und historischen Strömungen subtil dramatisieren. Auch Hollinghursts
neuer Roman enthält diese Qualitäten. Er ist elegant, bisweilen verführerisch
und sehr angenehm zu lesen, gespickt mit klugen, scheinbar beiläufig erwähnten
Bemerkungen. Er bewegt sich auf gleichem Terrain wie seiner Vorgängerwerke:
Klasse und Geld, verschwiegene Geschichten schwulen Lebens in England, triste
Provinz im Gegensatz zur spannenden Metropole, mit Ausflügen in die Architektur
und viktorianischem Lebensgefühl. Und doch kann man Änderungen feststellen: Sex
ist reduziert, es dominiert in diesem Roman die emotionale über die körperliche
Liebe, ein großer Teil der Erzählung ist in Form von Dialogen und relativ
einfachen Beschreibungen im Gegensatz zu der beobachtenden Stimme in seinen
früheren Werken. Es gibt auch zum ersten Mal eine wichtige weibliche Figur, die
Geschichte ist generell wärmer und versöhnlicher.
Alan Hollinghurst wurde
1954 in Stroud geboren. Er studierte in Oxford und arbeitete anschließend als
Literaturkritiker für das Times Literary Supplement. Hollinghurst hat
zahlreiche Preise erhalten, darunter den Sommerset-Maugham-Award und 2004 den
Booker Prize für seinen Roman Die Schönheitslinie. Er lebt in London.
Des Fremden Kind von Alan
Hollinghurst ist bei Blessing erschienen.
(JK 11/12)

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