Alejandro Zambra: Die Erfindung der Kindheit (Suhrkamp)

Ein kleiner Junge, verraten vom Schweigen seiner Eltern. Seine Kindheit ein falsches Idyll in politisch prekären Zeiten. Wie aber leben mit der ängstlichen Suche nach sicherem Halt? Alejandro Zambra erzählt in seinem bei Suhrkamp erschienen Roman Die Erfindung der Kindheit  die unheimliche Geschichte einer bodenlosen Vergangenheit, die nicht aufhören will.

Es sind die Jahre der chilenischen Militärdiktatur, aber seine Eltern verlieren kein Wort darüber. Er selbst lernt gerade zu lesen und zu schreiben und malt schöne Bilder, und wie sollte er da begreifen, dass seine heile Vorstadtwelt so harmlos nicht ist? Als ein Mädchen aus der Nachbarschaft ihn bittet, ihren Onkel zu beschatten, willigt er unbedarft ein. Und verstrickt sich auf eine Weise, die ihn sein Leben lang quälen wird. Die Erfindung der Kindheit handelt von dem mal melancholischen, mal wütenden Unterfangen, in den Trümmern der eigenen Geschichte eine verbindliche Wahrheit zu finden.

Alejandro Zambras entwickelt in seinem Roman eine intime Erzählweise und beherrscht einen fokussierten und raffinierten Stil mit einfacher und schnörkelloser Sprache. Er verbindet in seiner Geschichte auf ungewöhnliche Weise das Politische mit dem Persönlichen. Er traut einen gewagten neuen Blick auf die fade Seite der chilenischen Militärdiktatur. Er schreibt die Geschichte der Kinder von Eltern, die unter der Diktatur gelebt haben. Er schreibt über Menschen, die unpolitischen waren, Menschen, für die die Pinochet Regierung ein Alptraum der Anderen war, nie einer für sich selbst. Die Vergangenheit, die zuvor harmlos und sogar trivial erschien, wird eine drohende Wolke, unter der der Protagonist die Sinnlosigkeit seines jetzigen Lebens erkennt, das Fehlen von Heldentum und die Entzauberung der Zugehörigkeit zu einer Familie der chilenischen Mittelklasse, die nichts mehr tat als in der Diktatur zu überleben. Die Erfindung der Kindheit ist ein Buch, so wie es von keinem chilenischen Autor bisher über die Diktatur geschrieben wurde. Es ist eine notwendige und schöne Geschichte, die die komplexe Erfahrung einfängt, wenn man sich traut der eigenen Banalität gegenüber zu treten. Es ist das bewegende Porträt einer ganzen Generation, die sich um ihre Vergangenheit betrogen fühlt.

Alejandro Zambra, geboren 1975, lehrt Literaturwissenschaft in Santiago de Chile und arbeitet als Kritiker für die wichtigsten Zeitungen Chiles. Seine Artikel, Erzählungen und Gedichte sind mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Die Erfindung der Kindheit ist sein erstes Buch in deutscher Sprache.

Die Erfindung der Kindheit  von Alejandro Zambra ist bei Suhrkamp erschienen. 
(JK 11/12)

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