António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit (Luchterhand)

Der neue Roman Der Archipel der Schlaflosigkeit des portugiesischen Autors António Lobo Antunes erzählt eine Geschichte von der Allgegenwärtigkeit archaischer Gewalt und ist bei Luchterhand erschienen.

Ein Landgut in Trafaria, südlich von Lissabon, auf der anderen Seite des Flusses Tejo: Hier leben, über ein halbes Jahrhundert lang, drei Generationen einer portugiesischen Familie, gefangen im Würgegriff des patriarchalischen Großvaters, vor dessen tyrannischer Herrschaft es für sie fast kein Entrinnen gibt.

Der Roman beginnt mit der Beerdigung des Großvaters, der das Gut vor Jahrzehnten gegründet und es mit äußerster Kälte, Rücksichtslosigkeit und Gewalt zu wirtschaftlicher Blüte geführt hat. Eine gefühlslose Gier, sowohl in materiellen wie in sexuellen Dingen, prägt ihn bis ins hohe Greisenalter. Er ist gewohnt, sich einfach zu nehmen, was er begehrt, er unterdrückt und betrügt seine Frau, und er verachtet seinen Sohn und seine Enkel, die er für Idioten und Schwächlinge hält. Zusammen mit seinem ebenso gefürchteten Verwalter und mit Unterstützung auch des Priesters herrscht er über das Gut und seine Bewohner mit harter Hand. Gleichwohl verfällt das Gut über die Jahre unaufhaltsam. Und erst als sein jüngster Enkel auf das Erbe verzichtet und alles daransetzt, wenigstens seinen Bruder zu retten, scheint der Teufelskreis aus Unterdrückung und Angst durchbrochen zu werden.

Der Archipel der Schlaflosigkeit ist das Zwanzigste Buch dieses vielleicht größten portugiesischen Autors unserer Zeit und das erste einer Trilogie über die ländliche Welt. Dieser Roman ist im Alentejo angesiedelt und Lobo Antunes sagte selber, dass die folgenden Bände im Ribatejo und im Beira spielen könnten. Die Geschichte der Familie ist gekennzeichnet durch eine Polyphonie der Stimmen – der mächtige Großvater, der autistische Enkel, unterwürfige Vorarbeiter und Knechte, lebendige oder schon verstorbene Personen. Es ist eine Geschichte des Verfalls und der Desillusionierung, die sich über drei Familiengenerationen spannt. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Themen, die Lobo Antunes Werk bis heute prägen: der Aufstieg und Niedergang des Landes und seiner Menschen und die Frage, wie es dazu kommen konnte, der Schrei nach Liebe und menschlicher Wärme und die Suche nach dem Sinn unserer Existenz in einer grausamen Welt, in der selbst Gott, wie es scheint, den Menschen nicht mehr helfen kann. Im Roman konvergieren nicht nur Echos der Charaktere, die die Seiten des Autors früherer Romane bevölkern, viele von ihnen sind Motive und Obsessionen seines Schreibens – die Uhr, Bilder, Geister, die Suche nach Stille. Er erzählt eine Geschichte wie in einem Traum, in dem verschiedene Stimmen verschmelzen oder eingefügt werden, und schließlich der zeitlichen Abfolge entrinnen. Aus diesem Gesamtkonstrukt an Eindrücken ist ein kompakter Roman entstanden von einem Meister der zeitgenössischen Prosa.

António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als zwanzig Titel umfasst und in über dreißig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den „Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes“, den „Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur“, den „Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft“ und zuletzt 2007 den Camões-Preis.

Der Archipel der Schlaflosigkeit von António Lobo Antunes ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 11/12)

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