Helon Habila: Öl auf Wasser (Wunderhorn)

Der dritte Roman des nigerianischen Autors Helon Habila Oil on Water ist der erste Roman, der auf Deutsch erscheint. Sein deutscher Titel lautet Öl auf Wasser und ist bei Wunderhorn erschienen.

Port Harcourt, Nigeria, im Delta des Niger. Eine Frau verschwindet. Dies wäre keine Nachricht in den Medien wert, würde es sich nicht um eine Britin, die Ehefrau eines hochrangigen Mitarbeiters einer ausländischen Ölgesellschaft, die im Delta und vor der Küste Öl bohren, handeln.

Die Entführung ist offensichtlich das Werk einer Rebellengruppe, die gegen die Ölgesellschaften kämpft, die das Land ausbeuten und zerstören. Als eine Lösegeldforderung eingeht, wittert der junge Journalist Rufus die Chance zu einer großen Story und macht sich mit dem gealterten Starreporter Zaq auf die Suche nach der Entführten, eine Reise ins Delta des Nigers hinein, ins „Herz der Finsternis“, eine apokalyptische Welt. Mit wachsendem Entsetzen nimmt Rufus die Zerstörung der Umwelt wahr, die Eskalation der Gewalt, die Profitinteressen, die die widerstreitenden Kräfte – Ölgesellschaften, Polizei und Armee, Politiker und lokale Würdenträger auf der einen Seite, die Rebellen mit ihren Sympathisanten auf der anderen – in ihren Auseinandersetzungen verfolgen, die Entmenschlichung auf beiden Seiten der Front. Opfer sind in jedem Fall die einfachen Menschen, Fischer zumeist, die im Delta des Flusses leben. Sie haben nicht die Mittel, sich zur Wehr zu setzen, ihre Dorfgemeinschaften werden zwischen den Fronten zerrieben. Hoffnung vermittelt einzig ein Dorf auf der kleinen Insel Irikefe, das einen humanistischen, egalitären Gegenentwurf lebt, ähnlich dem, den Wole Soyinka in Zeit der Gesetzlosigkeit beschreibt: im Einklang mit der Natur, ihren Rhythmen und Gesetzen folgend.

Habilas Roman Öl auf Wasser entblößt die real existierende Tragödie des Niger-Delta, in der Petrodollars menschliche Beziehungen so sicher vergiften wie die auslaufenden Gifte Vögel und Fische zerstören. Habilas kraftvoller dritter Roman drückt auch seinen wachsenden Pessimismus über die Fähigkeit des Journalismus aus, Veränderungen bewirken zu können. Nigerias journalistisches Gewissen scheint von innen heraus zu verfaulen. Da passt es in das Bild, das die Geschichte, die sie jagen nicht die ist, wie es zu Anfang scheint. Wenn Rufus, auf der Flucht um sein eigenes Leben, schließlich die entführte Frau findet, macht er eine schockierende Entdeckung über ihre Entführung. Sein lang erwarteter Coup ist denn auch weniger eine triumphale Entlarvung des Bösen als die langsame Erkenntnis, dass in einem Land, das so süchtig nach Öl ist, die Wahrheit genauso vertrackt und unergründlich ist wie die trüben vergifteten Deltagewässer.

Helon Habila, 1967 in Nigeria, geboren, studierte Literatur und lehrte an der Universität bevor er nach Lagos ging, um dort als Journalist zu arbeiten. Für sein erstes literarisches Werk Waiting for an Angel, welches in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt er den internationalen Caine Prize for African Writing und 2003 den Commonwealth Writers’ Prize für die Beste Erstveröffentlichung. Measuring Time, Habilas zweiter Roman, erhielt 2008 den Virginia Library Foundation Fiction Award und stand auf der Kandidatenliste für den Hurston/Wright Legacy Award 2008. Die Kurzgeschichte The Hotel Malogo gewann den Emily Belch Prize und wurde für die Anthologie The Best American Nonrequired Reading ausgewählt und veröffentlicht. Habila lehrt kreatives Schreiben an der George Mason University und lebt in den USA und Nigeria.

Öl auf Wasser  von Helon Habila ist bei Wunderhorn erschienen.
(JK 07/12)

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