Patrice Nganang: Der Schatten des Sultans (Peter Hammer Verlag)

Patrice Nganang legt mit Der Schatten des Sultans, der im Peter Hammer Verlag erschienen ist, einen erstaunlichen historischen Roman vor. Durch die raffinierte Verbindung aus mündlich überlieferten Geschichten mit den in Archiven dokumentierten Ereignissen wird der Leser unmittelbar an der Frage beteiligt: Was ist wahr? Eine anregende und aufregende literarische Konstruktion von Geschichte!

Die junge Historikerin Bertha kommt aus den USA nach Yaoundé, um die Geschichte Kameruns zu erforschen. Hier lernt sie die 80jährige Sara kennen, die bis dato für stumm gehalten wurde und – befragt von Bertha – endlich ihr Schweigen bricht. Sara war als Neunjährige ihrer Mutter entrissen und dem Sultan Njoya als Frau geschenkt worden. Njoya, von 1894–1933 Herrscher des Königreichs Bamum, lebte mit seinem Hofstaat in Mont Plaisant. Einige Jahre konnte sich das Mädchen – als Junge verkleidet – ihrem Los entziehen. Als vermeintlicher Sohn einer Sklavin und später dann doch als eine der vielen Ehefrauen des Sultans blieb Sara am Hof und wurde im Laufe ihres langen Lebens Zeugin eines ganzes Panoramas von Lebensgeschichten. Ihre bisweilen ungeheuerlichen Geschichten von Liebe, Eifersucht, Macht und Tod erzählt Sara nun der Historikerin. Diese recherchiert ihrerseits, überprüft und ergänzt Saras Berichte. So wachsen Überlieferung und Forschung zu einem lebendigen Bild zusammen, dem es gelingt, die Afrikaner kulturell auf Augenhöhe mit den Kolonisatoren zu zeigen.

Patrice Nganang hat einen sehr eleganten Roman geschrieben gespickt mit Metaphern. Er reiht sich damit ein in die viel versprechende neue Generation afrikanischer Schriftsteller, die den afrikanischen Roman derzeit wieder beleben. Er vermittelt ein Bild Kameruns, das durchaus abweicht von der Wahrnehmung der afrikanischen Kulturen in Europa.

Patrice Nganang, 1979 in Yaoundé, der Hauptstadt von Kamerun geboren, studierte in Yaoundé, Frankfurt und Berlin Literaturwissenschaft. Seit 2000 lebt er in den USA, wo er an der Universität Shippensburg, Pennsylvania als Assistant Professor für Französisch und Deutsch arbeitet. Er ist Autor von Gedichten, Prosa und literaturtheoretischen Arbeiten. Sein Roman Temps de chien – der erste in deutscher Übersetzung – wurde 2001 mit dem renommierten Prix Marguerite Yourcenar und 2002 mit dem Grand Prix de la Littérature Africaine, dem wichtigsten Literaturpreis Afrikas, ausgezeichnet.

Der Schatten des Sultans von Patrice Nganang ist im Peter Hammer Verlag erschienen.
(JK 12/12)

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