Die Geschichte über einen
Dinnergast, der sich weigert zu gehen, entwickelt sich in Ali Smiths neuen,
angenehm verspielten Roman Es hätte mir genauso, der bei Luchterhand
erschienen ist, zu einer Satire auf die Art, wie wir heutzutage leben.
Man stelle sich vor:
Jemand gibt eine Dinner Party, man unterhält sich gepflegt über Gott und die
Welt, und zwischen Hauptgang und Dessert steht einer der Gäste auf und geht
kurz nach oben. Und kommt nicht wieder. Hat sich im Gästezimmer eingeschlossen.
Auf Tage, Wochen, Monate.
Zu einer Dinner Party
bringt der Freund eines Freundes einen Fremden mit, Miles Garth. Man unterhält
sich, wird angenehm betrunken, die Diskussionen werden lebhafter, und manchmal
schrammen sie auch kurz am Streit vorbei. Man kennt das. Miles fügt sich
einigermaßen in die Runde ein, auch wenn er als Vegetarier, der nicht trinkt
und manchmal allzu offen spricht, irgendwie anders ist. Doch dann steht Miles
mitten im Essen auf, schließt sich im Gästezimmer ein und ist fortan nicht mehr
dazu zu bewegen, wieder herauszukommen. Das kennt man eher nicht. Und es ist
überdies ganz schön peinlich, zumal der ungebetene Dauergast bald überregionale
Prominenz erlangt und sich um das Haus in Greenwich eine Miles-Fangemeinde
schart, inklusive Protestbannern und Merchandising. Währenddessen versuchen
vier Personen das Rätsel um Miles zu lösen: Anna, die vor dreißig Jahren mit
Miles durch Europa reiste; Mark, der Miles zur Party mitgebracht hat; May, eine
alte, demente Frau, deren Verbindung zu Miles sehr überraschend ist (und sehr
zu Herzen geht); und die neunjährige Brooke, die vor Wissbegierde strotzt und
Wortspiele über alles liebt.
So ganz neu ist Ali
Smiths Idee gar nicht. Bereits 1939 gab es mit The Man Who Came to Dinner einen
Broadway Erfolg, wo ein berühmter Kritiker bei einer Einladung zum Dinner in
einer Kleinstadt in Ohio sich das Bein bricht und auf unbestimmte Zeit bei den
Gastgebern bleiben muss. Und sogar in Molières Tartuffe gab es den sich
einnistenden Gast. In ihrem neuen Roman wendet Ali Smith diesen Kniff an, um
die Eitelkeit der zeitgenössischen Kultur zu persiflieren – und schwierige
Fragen zur Geschichte, Zeit, Erkenntnistheorie und Erzählung zu stellen. Das
Ergebnis ist ein spielerisch ernster bzw. ernsthaft verspielter Roman voller
Witz und Freude mit einigen vorsätzlich untergebrachten Frustrationen.
Wie bei den meisten
Büchern von Ali Smith liegen die Freuden hier in den kleinen Momenten, in ihrem
Interesse noch an den kleinsten Worten und Randfiguren. Der Protagonist Miles
bleibt ein Rätsel und fast nichts passiert - eine bewusste Entscheidung, die Erwartungen
des Lesers zu durchkreuzen. Wenn auch einige der Versatzstücke in der
Geschichte weniger erfolgreich sind als andere, gerät die zentrale Dinner Party
im Roman von einer Burleske zur Karikatur, wenn die Gäste langsam nach einander
entgleisen.
Ali Smith erzählt diese
aberwitzige Geschichte, die eigentlich jedem hätte genauso passieren können mit
rasantem Charme. Ihr Roman ist eine umwerfende Satire über die Brüchigkeit
gesellschaftlicher Konventionen – und wie wenig es nur braucht, um die geheiligte
Ordnung unseres bürgerlichen Lebens gehörig durcheinanderzubringen.
Ali Smith wurde 1962 in
Inverness in Schottland geboren und lebt heute in Cambridge. Sie hat bisher
vier Romane und vier Erzählbände veröffentlicht, stand bereits zweimal auf der
Shortlist für den Booker Prize und einmal auf der Shortlist des Orange Prize.
Für Die Zufällige wurde sie mit dem Whitbread Award für den besten Roman
des Jahres ausgezeichnet.
Es hätte mir genauso von Ali
Smith ist bei Luchterhand erschienen.
(JK 12/12)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen