Héctor Tobar: In den Häusern der Barbaren (Piper)

Die amerikanischen Literaturkritiker vergleichen Héctor Tobar mit Charles Dickens und Tom Wolfe. Und sein rasanter Gesellschaftsroman In den Häusern der Barbaren, erschienen bei Piper, hat es in sich: Als das wohlhabende Paar Thompson nach einem heftigen Ehestreit plötzlich verschwindet und die Kinder allein zurücklässt, sieht sich das Hausmädchen gezwungen, auf eigene Faust Hilfe zu suchen…

Der Blick aus dem Garten geht direkt auf den majestätischen Pazifik. Die Familie Thompson kommt gut zurecht. Nein, angebrachter wäre wohl zusagen: Sie kamen gut zurecht. Inzwischen hat auch sie die Krise erreicht, zwei ihrer Hausangestellten sind bereits entlassen. Einzig Aracelli Ramirez ist noch übrig. Und deshalb trifft es Aracelli, als nach einem schrecklichen Streit zwischen Señor Scott und Señora Maureen plötzlich niemand mehr für die Kinder da ist. Das Ehepaar ist spurlos verschwunden, und so greift die tatkräftige und fantasiebegabte Aracelli zum letzten Mittel – sie steigt mit den beiden Jungen in den Bus, um mit ihnen und einer bestenfalls vagen Ahnung nach dem Großvater zu suchen, den sie in einem der schlechteren Viertel von Los Angeles vermutet. Was sie den Jungen als Abenteuer verkaufen will, setzt eine tragische Kette von Ereignissen in Gang…

Der Autor Héctor Tobar ist Journalist der Los Angeles Times, für seine Berichterstattung 1992 über die Unruhen um den Fall Rodney King hat er den Pulitzer-Preis gewonnen. Seine Sicht auf die komplexe soziale und ethnische Struktur Südkaliforniens ist das stärkste Element dieses Buches. Er bewegt sich leichtfüßig von den abgeschotteten, wohlhabenden Bewohnern des Orange County, zu den nur ein paar Meilen entfernten erschreckend verarmten Barrios von Los Angeles. Es überrascht daher nicht, dass Héctor Tobar mit sehr viel Insiderwissen über die Medien schreiben kann, die immer auf der Lauer liegen, eine Krise zu konstruieren. Mit Aracelli hat er einen bezwingend nuancierten Charakter geschaffen. Ihr Schicksal verkörpert die große Kluft zwischen den Anglos und Latinos. Obwohl erbarmungslos abhängig von ihrem Arbeitgeber, ist sie eine stolze, komplizierte Frau, die ihren Traum nicht aufgeben will, Künstlerin zu werden. Die provokativen Gemälde und Skulpturen, die sie in ihrem Angestelltenzimmer  schafft, liefern dem weißen Establishment alle Beweise, die es braucht, um ihr ein schreckliches Vergehen anzuhängen.

Abstriche im Roman gibt es im Aufbau des Plots. Tobar neigt dazu, seine Figuren hinzubiegen, damit sie in seinen ehrgeizigen und umfangreichen Plot passen. Am deutlichsten wird dies, wenn die auf den ersten hundert Seiten als Übermutter beschriebene Maureen, die das Leben ihrer Jungen bis ins kleinste Detail managet, diese plötzlich für ein langes Wochenende in einem luxuriösen Spa im Stich lässt und sich kein einziges Mal zu Hause meldet. Tobar hat eher einen Roman geschrieben, der als Panorama glänzt, weniger als dynamische Geschichte wirkt. Er fängt das Klima der südkalifornischen Gesellschaft ein, wobei das menschliche Drama als Vehikel funktioniert.

Héctor Tobar, 1963 Los Angeles geboren, kam mit seinen Eltern aus Guatemala in die USA und lebt heute als Schriftsteller und Journalist in Los Angeles. Für seine Reportage über die Getto-Aufstände in Los Angeles wurde er 1992 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. 2006 wurde Héctor Tobar als einer der 100 wichtigsten Vertreter der spanischsprachigen amerikanischen Bürger gewählt. In den Häusern der Barbaren wurde von der New York Times unter die 100 wichtigsten Bücher des Jahres gewählt und erhielt glänzende Kritiken.

In den Häusern der Barbaren von Héctor Tobar ist bei Piper erschienen.
(JK 12/12)

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