James McBride: Der heilige King Kong (btb)

Der Roman Der heilige King Kong von James McBride zählt zu Barack Obamas Lieblingsbüchern des vergangenen Jahr und ist auf Deutsch bei btb erschienen.

Die ruhigen Tage scheinen gezählt in der kleinen Baptistengemeinde Five Ends im Süden Brooklyns. An einem warmen Septembertag im Jahr 1969 tritt der alte Diakon Cuffy Lampkin, genannt King Kong, mit einer Waffe auf den zentralen Platz seines Sozialbauviertels, hält sie vor aller Augen dem hiesigen Drogendealer ins Gesicht – und drückt ab. Ausgerechnet King Kong, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Wie konnte es dazu kommen? Schnell zeigt sich, dass sich die Schicksale aller Gemeindemitglieder – der Afroamerikaner wie der Latinos, der abgehalfterten Mafiosi wie der korrupten Cops – in dieser unvorstellbaren Tat überkreuzen. Und dass himmlische Gerechtigkeit und Strafe manchmal eine ziemlich irdische Angelegenheit sind...

Brooklyn 1969 zwischen Mafia-Kriegen, Rassismus und religiösen Versprechen, das ist das Setting. James McBride macht daraus keine Gangstergeschichte, sondern verleiht der Geschichte eine menschliche und humorvolle Dimension. Er lässt die Leser in eine Welt von Heiligen, Säufern und Dealern eintauchen, die er mit großer Empathie und Liebe zum Detail erzählt.

James McBride – Autor, Musiker, Drehbuchschreiber, Journalist – wurde weltberühmt durch seinen autobiografischen Roman Die Farbe von Wasser. Das Buch gilt inzwischen als Klassiker in den Vereinigten Staaten, es stand zwei Jahre lang auf der New York Times Bestsellerliste. McBrides Debüt Das Wunder von St. Anna wurde vom amerikanischen Kultregisseur Spike Lee verfilmt. Für Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford erhielt McBride den renommierten National Book Award. 2015 wurde James McBride von Barack Obama mit der National Humanities Medal ausgezeichnet.

Der heilige King Kong von James McBride ist bei btb erschienen.
(JK 05/21)

Franzobel: Die Eroberung Amerikas (Zsolnay)

Ein Feuerwerk des Einfallsreichtums: Nach dem Bestseller Das Floß der Medusa begibt sich Franzobel in seinem neuen bei Zsolnay erschienenen Roman Die Eroberung Amerikas auf die Spuren eines wilden Eroberers der USA im Jahr 1538.

Fernand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner.

Franzobels Roman ist ein Gleichnis auf die von Gier und Egoismus gesteuerte Gesellschaft, die von eitlen und unfähigen Führern in den Untergang gelenkt wird. Er verwischt in seinem Roman bewusst die Grenzen von Fakten und Fiktion, von Historie und Gegenwart. Brutal und blutrünstig sind Desotos Eroberungszüge. Von Dorf zu Dorf plündern, vergewaltigen, brandschatzen und morden Desotos Männer. Über vier Jahre lang hinterlassen sie Schutt und Asche im Südosten Nordamerikas, von Florida bis zum Mississippi, bis ihre Reise mit Fieber, aber ohne Pulver, Blei und Proviant am Mississippi zu Ende geht. Franzobel benutzt einen bemerkenswerten und intelligenten Humor und Ironie, um diese verstörende Barbarei für die Leser*innen erträglich zu halten. Die Handlung ist ungemein temporeich und dicht. Jeder Absatz birgt ein kleines, oftmals nicht unbedeutendes Detail. Jede Geschichte findet irgendwo einen Ankerpunkt in den Geschichten der anderen und damit schafft er wunderbar ausgestaltete Figuren. Steffen Herrmann von der Frankfurter Rundschau kann sich Franzobels Roman mit all seinen Cliffhangern, rasanten Schnitten, Gags und skurrilen Figuren sogar als Netflix-Serie vorstellen.

Franzobel, dessen eigentlicher Name Franz Stefan Giebel ist, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Mit seinem Roman Das Floß der Medusa stand er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet.

Die Eroberung Amerikas von Franzobel ist bei Zsolnay erschienen.
(JK 04/21)

Martin Mosebach: Krass (Rowohlt)

Der neue Roman Krass von Martin Mosebach, erschienen bei Rowohlt, ist eine große Erzählung, die den Bogen von Neapel über Frankreich bis nach Kairo schlägt.

Ralph Krass – so heißt ein verschwenderisch großzügiger Geschäftsmann, der Menschen mit kannibalischem Appetit verbraucht. Ist er unendlich reich oder nur ein Hochstapler, kalt berechnend, oder träumt er hemmungslos? Er will sich seine Gesellschaft kaufen, immer nur selbst der Schenkende sein. Als in Neapel Lidewine in seinen Kreis tritt – eben noch die Assistentin eines Zauberers, eine junge Abenteurerin –, bietet er ihr einen ungewöhnlichen Pakt an. Beobachtet wird das Ganze von seinem Sekretär, dem Pechvogel Dr. Jüngel, mit einem Blick voll Neid und Eifersucht. Aber erst nachdem die Gesellschaft von Herrn Krass durch einen Eklat auseinandergeflogen ist, gelingt es ihm, an seinem Zufluchtsort in der französischen Provinz, die Mosaiksteine des Geschehenen zu einem Bild zu ordnen – während Menschen wie der stumme Kuhhirte Toussaint, der Schuster Desfosses und Madame Lemoine mit ihren Wellensittichen ihm eine Ahnung davon vermitteln, wie alles mit allem rätselhaft zusammenhängt.

Auf hohem literarischem Niveau hat Martin Mosebach einen atmosphärischen, bildstarken Roman geschrieben, ganz im Stile eines Thomas Mann. Originelle Charaktere in stimmungsvollen Landschaftsbildern, opulent und detailverliebt. Er zelebriert geradezu seinen anspruchsvollen Sprachstil und umrankt ihn raffiniert mit der Handlung. Das entzweit die Leserschaft. Die einen werden es als geschwätzig empfinden, währen die anderen die hohe Kunst sehen. Es gibt allerdings in der Tat nur wenige, die so virtuos schreiben können wie Martin Mosebach.

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, war zunächst Jurist, dann wandte er sich dem Schreiben zu. Seit 1983 veröffentlicht er Romane, dazu Erzählungen, Gedichte, Libretti und Essays über Kunst und Literatur, über Reisen, über religiöse, historische und politische Themen. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, etwa den Heinrich-von-Kleist-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, den Georg-Büchner-Preis und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Er ist Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung, der Deutschen Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und lebt in Frankfurt am Main.

Krass von Martin Mosebach ist bei Rowohlt erschienen.
(JK 04/21)

Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam (Kiepenheuer & Witsch)

Ein furioser Schelmenroman über einen Juristen, dem die Sicherungen durchbrennen: Der Roman Wie alles begann und wer dabei umkam von Simon Urban, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ist böse, treffsicher und extrem witzig.

Wo endet ein inselbegabter Jurastudent, der an den starren Regelwerken des Gesetzes verzweifelt und beschließt, das Recht selbst in die Hand zu nehmen? In einer Gefängniszelle! Was aber zwischendurch geschieht, ist so unglaublich und derart gnadenlos und witzig erzählt, dass einem die Luft wegbleibt. Bereits als Kind findet der Held dieses Romans zur Juristerei: Er bereitet ein Verfahren gegen seine Großmutter vor, den Drachen der Familie – und verurteilt sie im Wohnzimmer in Abwesenheit zum Tode. Berufung: nicht möglich. Dass ein Jurastudium im beschaulichen Freiburg einem solchen Charakter nicht gut bekommt, ahnt man schnell. Auch hier kann er die Finger nicht von den Gesetzen lassen, und nimmt das Recht in die eigene Hand.

In Wie alles begann und wer dabei umkam entfesselt Simon Urban eine furiose Geschichte um einen Außenseiter, der zum dunklen Rächer wird. Und der zuvor auszieht, um sich auf einer weltweiten Recherchereise am Unrecht und Recht der Welt zu schulen. Der Roman ist eine bitterböse Gesellschaftsanalyse und eine literarisch brillante Auseinandersetzung mit den Regelwerken, die unser aller Leben bestimmen. Wo sind Widerworte gegen das Gesetz gefragt – und wo eskaliert das eigene Ungerechtigkeitsempfinden in wahnwitzige Selbstjustiz?

Simon Urban erzählt die Geschichte ausgesprochen kurzweilig. Äußerst schlau inszeniert er mit skurrilen Ideen und Exkursen in merkwürdige Rechtsfälle die überdrehte Handlung.

Simon Urban, geboren 1975 in Hagen, studierte Germanistik und Komparatistik in Münster und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sein Roman Plan D (2011), in dem die DDR heute noch existiert, wurde in elf Sprachen übersetzt. 2014 erschien der Roman Gondwana. 2013 war er Writer in Residence beim International Writing Program der Universität Iowa. Für die ARD schrieb er die Erzählvorlage zum Spielfilm Exit (2020). Er lebt in Hamburg und Techau (Ost-Holstein).

Wie alles begann und wer dabei umkam von Simon Urban ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
(JK 04/21)

Karin Smirnoff: Mein Bruder (Hanser Berlin)

Ein Familiendrama, das auf dem einsamen schwedischen Land spielt: Der Debütroman Mein Bruder von Karin Smirnoff, ist bei Hanser erschienen.

Jana fährt an den Ort ihrer Kindheit, um ihren Zwillingsbruder zu besuchen, und beschließt zu bleiben. Denn in Smalånger ist alles wie immer: Ihr Bruder trauert einer Liebe nach, die es nicht hätte geben dürfen, und trinkt zu viel, ihre Mutter lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim, und ihre ehemaligen Freunde sinnen auf Rache. Und dann ist da noch John mit Augen wie schwarze Löcher, der ihr mit leidenschaftlicher Liebe, aber auch unkontrollierter Aggression begegnet und Erinnerungen an ihre Kindheit im Schatten des bedrohlichen Vaters wachruft. Ein Familiendrama, das auf dem einsamen schwedischen Land spielt – erzählt mit rauer Zärtlichkeit und einer ganz eigenen Sprache voller Leidenschaft, Spannung und Humor. Es geht um das Leben. Um Liebe und Gewalt. Um das, was schön, und das, was kaputt ist. Und um das Allerwichtigste: Vergebung.

Es ist keine leichte Kost, die Karin Smirnoff mit ihrem Roman serviert. Ihr ungewöhnlicher, hervorragender Schreibstil macht das Lesen zum Vergnügen. Mal mit schwarzem Humor und durchaus mit schönen Wortbildern malt sie die Geschichte des Zwillingspaars und lässt die Leser*innen in die raue Welt Nordschwedens eintauchen. Tiefste familiäre Abgründe tun sich auf, eine bedrohliche, aggressive Stimmung der Dorfbewohner und der Umgebung, all das schafft Karin Smirnoff wohl verpackt und erträglich zu erzählen.

Karin Smirnoff, geboren 1964 in Umeå, hat als Altenpflegerin, Fotografin, Karatelehrerin und Journalistin gearbeitet. Ihr Debütroman, den sie im Alter von 54 Jahren schrieb, wurde für den wichtigsten schwedischen Augustpreis nominiert und in zehn Länder verkauft.

Mein Bruder von Karin Smirnoff ist bei Hanser Berlin erschienen.
(JK 04/21)

Alaa al-Aswani: Die Republik der Träumer (Hanser)

Hoffnung, Aufbegehren, Scheinheiligkeit und Unterdrückung: Die Republik der Träumer von Alaa al-Aswani, erschienen bei Hanser, ist der große Roman über die ägyptische Revolution zum 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings.

Kairo, 25. Januar 2011, 25.000 Menschen demonstrieren gegen Mubarak. Sie träumen von der großen Veränderung, doch während in der euphorischen Menge Liebesbeziehungen aufblühen, wird der Bürgerrechtler Khaled vor den Augen aller ermordet. Seine Freundin Dania will ihren Widerstand nicht aufgeben – und sei es gegen den eigenen Vater, den bigotten Geheimdienstchef, der islamische Werte predigt und heimlich Pornos schaut. Al-Aswanis Figuren verkörpern in diesem mitreißenden Buch, das in Ägypten verboten wurde, alle Facetten der Revolution, die für jede von ihnen einen Wendepunkt in ihrem Schicksal bedeutet. Ein großartiges Porträt der modernen ägyptischen Gesellschaft.

Politisch gescheitert, literarisch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, so könnte man al-Aswani und seinen neuen Roman beschrieben. Mit einfachen aber sehr effektiven literarischen Mitteln beschwört er noch einmal die Umbruchstimmung in Ägypten. Seine „Reportage“ der Rebellion auf dem Tahrir-Platz ist berührend und desillusionierend gleichermaßen. Einige Fragen, auch zur Haltung des Autors, bleiben offen, so wie der Arabische Frühling insgesamt mit zwiespältigen Gefühlen im Nachhinein den Außenstehenden zurücklässt.

Alaa al-Aswani, 1957 geboren, ist Zahnarzt, Journalist und Schriftsteller und lebt im Exil in New York. Er beteiligt sich aktiv an der Oppositionsbewegung „Kifaya“, die das Leid Ägyptens den korrupten Eliten zuschreibt und den Staat und die religiösen Autoritäten herausfordert. Sein Roman Die Republik der Träumer wurde in Ägypten verboten.

Die Republik der Träumer von Alaa al-Aswani ist bei Hanser erschienen.
(JK 04/21)

Durian Sukegawa: Die Katzen von Shinjoku (DuMont)

Durian Sukegawas Roman Die Katzen von Shinjoku, erschienen bei DuMont, ist ein bittersüßer Roman mit Blick für die kleinen Dinge, einfühlsam und mit viel Wärme erzählt.

Shinjuku, ein Viertel in Tokio: Hier treffen sie aufeinander – Yama, ein gescheiterter Fernsehautor Mitte zwanzig, und Yume, eine wortkarge Kellnerin. Beide sind sie Außenseiter, beide haben sie die Hoffnung, ihren Platz im Leben zu finden, fast aufgegeben. Yume arbeitet in einer Bar namens Karinka, die schrägen Vögeln ebenso eine Heimat bietet wie streunenden Katzen. Als Yama diesen Ort das erste Mal betritt, ist er völlig fasziniert: von den Menschen, der Stimmung und der besonderen Rolle, die die Vierbeiner im Karinka spielen. Er fasst Vertrauen zu Yume, mit der er sich bald gemeinsam um die Straßenkatzen kümmert. Aus der Freundschaft der beiden scheint mehr zu werden, doch dann holt Yume ihre Vergangenheit ein…

Auf poetische Weise und mit feinfühligen Bildern erzählt Sukegawa die Geschichte zweier Verlierer, denen ihre Welt niemals eine wirkliche Chance gibt. Es ist ein melancholischer, düsterer Roman mit zwei wunderbar gezeichneten Figuren. Immer wieder flackern Hoffnungsschimmer auf in der Geschichte, die sich in leisen Tönen entwickelt mit einem überraschenden und bittersüßen Ende.

Durian Sukegawa, geboren 1962, studierte an der Waseda-Universität in Tokio Philosophie. Er schreibt Romane und Gedichte, außerdem ist er in Japan als Schauspieler, Punkmusiker und Fernseh- sowie Radiomoderator bekannt. Kirschblüten und rote Bohnen war in Japan ein Bestseller und wurde von Naomi Kawase als Beitrag für Cannes 2015 verfilmt.

Die Katzen von Shinjoku von Durian Sukegawa ist bei DuMont erschienen.
(JK 04/21)

Benedict Wells: Hard Land (Diogenes)

Eine Hommage an 80’s Coming-of-Age-Filme wie The Breakfast Club und Stand By Me – das Geheimnis eines Sommers ist Benedict Wells neuer Roman Hard Land, der bei Diogenes erschienen.

Missouri, 1985: Um vor den Problemen zu Hause zu fliehen, nimmt der fünfzehnjährige Sam einen Ferienjob in einem alten Kino an. Und einen magischen Sommer lang ist alles auf den Kopf gestellt. Er findet Freunde, verliebt sich und entdeckt die Geheimnisse seiner Heimatstadt. Zum ersten Mal ist er kein unscheinbarer Außenseiter mehr. Bis etwas passiert, das ihn zwingt, erwachsen zu werden.

Benedict Wells hat einen hinreißenden Roman geschrieben, der es auf raffinierte Weise versteht, bei den Lesern mit den Zitaten aus der Popkultur durch die Figur des Teenagers Sam Turner als Ich-Erzähler ein Gefühl der Nostalgie, Rückkehr zu Erinnerungen aus der eigenen Jugend hervorzurufen. Umso erstaunlicher, da Wells so treffsicher aus einer Zeit erzählt, in der er selbst gerade erst das Licht der Welt erblickte. Besonders sympathisch ist, dass Benedict Wells im Gegensatz zu den in den oben genannten 80er Jahre Filmen auch People of Colour und queere Figuren auftreten lässt, was seiner Geschichte noch mehr Authentizität verleiht. Ein tiefsinniger und doch überaus leicht daherkommender Roman, emotional verpackt aber nie kitschig.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 37 Sprachen veröffentlicht. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.

Hard Land von Benedict Wells ist bei Diogenes erschienen.
(JK 04/21)

Henrik Siebold: Inspektor Takeda und die stille Schuld (Aufbau Taschenbuch)

Feuer in der Nacht. Der fünfte Fall des ungewöhnlichsten und charismatischsten Helden im deutschen Kriminalroman, Inspektor Taneda. Inspektor Takeda und die stille Schuld von Henrik Siebold ist bei Aufbau Taschenbuch erschienen.

Beim Brand einer Hamburger Seniorenresidenz sterben acht Bewohner. Alles deutet auf Brandstiftung hin, so dass Inspektor Ken Takeda und Claudia Harms die Ermittlungen aufnehmen. Eine verdächtige Heimleiterin, sich seltsam verhaltende Angehörige – viele der Befragten machen sich verdächtig. Dann stoßen Takeda und Harms auf ein deutsch-japanisches Joint Venture, das einen neuartigen Pflegeroboter erprobt. Bald müssen die Ermittler eine Frage stellen, die ihnen selbst geradezu aberwitzig erscheint: Kann ein Roboter einen Mord begehen?

Der fünfte Fall für das Team Takeda und Claudia Harms ist komplex und wieder erfreulich mit viel Hamburger Lokalkolorit versehen. Spannend und mit vielen Wendungen, rätselt man bis zum Ende über die Auflösung. Ein sympathisches Duo, dem man mit viel Empathie folgt. Interessant ist die Verbindung über Takeda zu Japan, die dem Krimi eine Prise Exotik einhaucht.

Henrik Siebold ist Journalist und Buchautor. Er hat unter anderem für eine japanische Tageszeitung gearbeitet sowie mehrere Jahre in Tokio gelebt. Unter einem Pseudonym hat er mehrere Romane veröffentlicht. Zurzeit wohnt er in Hamburg.

Inspektor Takeda und die stille Schuld von Henrik Siebold ist bei Aufbau Taschenbuch erschienen.
(JK 03/21)

John Boyne: Maurice Swift, die Geschichte eines Lügners (Piper)

Psychologisch raffiniert, hochspannend und mit funkelndem Humor erzählt John Boyne in seinem Roman Maurice Swift, die Geschichte eines Lügners, erschienen bei Piper, von der verführerischen Macht des Vertrauens und von einem, der für Ruhm alles tut.

Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff…

Wieder ein Meisterwerk des irischen Schriftstellers John Boyne. Es ist die Geschichte eines zutiefst unsympathischen und hinterhältigen Manipulators, eines Anti-Helden wie Tom Ripley von Patricia Highsmith. Dabei lässt Boyne tief in den Literaturbetrieb blicken, den er in- und auswendig kennt. Bissig, ironisch, spannend und brillant erzählt erleben wir die sich uns öffnenden Abgründe, in der Hoffnung, dass man der Figur Maurice Swift endlich das Handwerk legt.

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde.

Maurice Swift, die Geschichte eines Lügners von John Boyne ist bei Piper erschienen.
(JK 02/21)

Benjamin Lebert: Crazy (Aufbau Taschenbuch)

Als erweiterte Neuausgabe mit einem Vorwort von Robert Stadlober und einem Interview mit Benjamin Lebert, ist der Roman Crazy von Benjamin Lebert bei Aufbau Taschenbuch erschienen.

Mit den Worten „Hallo Leute. Mein Name ist Benjamin Lebert. Ich bin 16 Jahre alt, und ich bin ein Krüppel“ stellt sich Benni seinen neuen Mitschülern im Internat vor. Und genauso schnörkellos, unverkrampft und direkt erzählt er seine Geschichte vom Leben, Lieben und Leiden eines 16-Jährigen. Crazy wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation, ein Weltbestseller, der mit Robert Stadlober in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Der Stern jubelt, dass so prägnant noch keiner das Drama Jugend auf den Punkt gebracht hat. The Guardian lobt Crazy als ein wunderbares Buch über jemanden, der zum ersten Mal im Leben Freiheit spürt.

Benjamin Lebert, ist zweimal in der Schule sitzengeblieben und brach diese Karriere schließlich ganz ab. Erst Jahre später sollte er den Hauptschulabschluss in Abendkursen nachholen. Da war er schon ein berühmter Autor, und sein Roman Crazy stand auf den Lehrplänen der Mittelstufe. Crazy erschien, als er 16 war, wurde ein Jahr später verfilmt und in 32 Ländern veröffentlicht. Benjamin Lebert arbeitet heute immer noch als Schriftsteller, hat mittlerweile seinen achten Roman veröffentlicht und lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Crazy von Benjamin Lebert ist bei Aufbau Taschenbuch erschienen.
(JK 02/21)

Philipp Kerr: Trojanische Pferde (Wunderlich)

Der Schein trügt, aber die Wahrheit kennt keine Gnade. Trojanische Pferde, posthum erschienen bei Wunderlich, ist der 13. Fall der Bernie-Gunther-Serie von Bestseller-Autor Philipp Kerr.

München 1957. Bernie Gunther ist bei einer Versicherungsgesellschaft gelandet. Er wird nach Athen geschickt, um die Forderungen eines Versicherten namens Witzel zu prüfen, dessen Schiff vor der griechischen Küste gesunken ist. Als Bernie herausfindet, dass das Schiff einst einem griechischen Juden gehörte, der nach Auschwitz deportiert wurde, ist die Sache für ihn klar: ein Racheakt. Dann wird Witzel tot aufgefunden, mit zwei Schüssen in die Augen hingerichtet. Wer steckt dahinter? Gezwungen, der griechischen Polizei bei den Ermittlungen zu helfen, muss sich Bernie mit der Deportation der Juden von Salonika, dem heutigen Thessaloniki, beschäftigen. Und schon bald wird ihm klar: Jemand hat noch längst nicht mit der Vergangenheit abgeschlossen...

Philipp Kerr war nahezu besessen von der deutschen Geschichte rund um das Naziregime. Daraus entstand seine literarische Figur Bernie Gunther. Sein Vorbild war Raymond Chandler mit seinem einsamen und zynischen Held Philipp Marlowe. Auch im 13. Fall kann Kerr überzeugen. Ihm ist wieder ein spannender Agenten- und Politthriller mit gut recherchierten historischen Hintergründen gelungen. Mit seinem typisch britischen Schreibstil gelingt es ihm, die tragischen Handlungen immer mit einer Prise schwarzen Humor zu versehen, ohne dass es anstößig rüberkommt.

Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. 1989 erschien sein erster Roman Feuer in Berlin. Aus dem Debüt entwickelte sich die Serie um den Privatdetektiv Bernhard Gunther. Für Band 6, Die Adlon-Verschwörung, gewann Philip Kerr den weltweit höchstdotierten Krimipreis der spanischen Mediengruppe RBA und den renommierten Ellis-Peters-Award. Kerr lebte in London, wo er 2018 verstarb.

Trojanische Pferde von Philipp Kerr ist bei Wunderlich erschienen.
(JK 01/21)

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume (Piper)

Der Roman Das Volk der Bäume von Hanya Yanagihara ist bei Piper erstmals im Taschenbuch erschienen.

Der junge Arzt Norton Perina kehrt mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu’ivu zurück: Hat er wirklich ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden? Eine uralte Schildkrötenart soll die Formel des ewigen Lebens bergen. So kometenhaft er damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerstörung der Insel. Mit gnadenloser Verführungskraft zieht Hanya Yanagihara uns hinein in den Forscherrausch im Urwald und lässt uns auch dann nicht entkommen, als Perina dort eine weitere Entdeckung macht: seine fatale Liebe zu Kindern. Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? Ein brillant geschriebener, gefährlicher Dschungel von einem Roman.

Hanya Yanagihara ist eine Autorin, die das Besondere wagt und auch mit diesem Roman und seiner Erzählform überrascht. Intensiv und mit Wucht erzählt sie die Geschichte, die auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Die Wahrheit erkennt man hingegen zwischen den Zeilen. Ein anspruchsvoller, doch sehr lohnenswerter Roman.

Hanya Yanagihara, 1974 geboren, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Mit ihrem Roman Ein wenig Leben gewann sie den Kirkus Award und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, des National Book Award und des Baileys Prize. Ein wenig Leben ist eines der bestverkauften und meistdiskutierten literarischen Werke der vergangenen Jahre. Yanagihara ist Chefredakteurin des "T Magazine" der New York Times.

Das Volk der Bäume von Hanya Yanagihara ist bei Piper erschienen.
(JK 01/21)

John Niven: Die F*ck-it-Liste (Heyne)

Der neue Roman Die F*ck-it-Liste von John Niven, erschienen bei Heyne, ist gleichzeitig politische Satire und gnadenloser Thriller.

Amerika in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, ist jetzt seine Tochter Ivanka an der Macht. Das Land ist tief gespalten, die Jahre populistischer Politik haben ihre Spuren hinterlassen. Derweil erhält Frank Brill, ein anständiger Zeitungsredakteur in einer Kleinstadt, der gerade in den Ruhestand getreten ist, eine folgenschwere Diagnose: Krebs im Endstadium. Anstatt sich all die Dinge vorzunehmen, die er schon immer machen wollte, erstellt er eine sogenannte F*ck-it-Liste. In seinem Leben musste er wiederholt Tiefschläge erleiden, nun beschließt er sich an den Menschen zu rächen, die für diese Tragödien verantwortlich zeichneten.

Der Kelch einer zweiten Amtszeit von Donald Trump ist Gott sei Dank an uns für dieses Mal vorbeigegangen. Doch es ist noch nicht ausgestanden und kann uns schneller als es uns recht ist wieder einholen. Erschreckend realistisch war die Vision von John Niven und hat nichts von ihrer Brisanz eingebüßt. Die Geschichte lebt vor allem von der unheilvollen Prognose des zukünftigen Amerikas, wenn sich die eine Hälfte des politischen Betriebs von der Demokratie verabschieden will. Abgesehen von diesem düsteren Szenario, präsentiert John Niven einen sehr kurzweiligen Unterhaltungsroman mit kritischen Untertönen.

John Niven, geboren 1966 in Schottland, spielte in den 80er-Jahren Gitarre bei der Indieband The Wishing Stones und arbeitete nach dem Studium als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. 2006 erschien sein erstes Buch Music from Big Pink. 2008 landete er mit dem Roman Kill Your Friends einen internationalen Bestseller. Es folgten zahlreiche weitere Romane, darunter Kultklassiker wie Coma oder Gott bewahre. Neben Romanen schreibt John Niven Drehbücher. Er wohnt in der Nähe von London.

Die F*ck-it-Liste von John Niven ist bei Heyne erschienen.
(JK 01/21)

Roberto Saviano: Die Lebenshungrigen (dtv)

Die verlorenen Kinder der Camorra: Die Lebenshungrigen, erschienen bei dtv, ist der Nachfolgeband zu Roberto Savianos Roman Clan der Kinder über den jugendlichen Nachwuchs der Mafia.

Sie sind gierig, sie sind jung, sie sind skrupellos – und sie haben nichts zu verlieren. Für Maraja und seine Freunde beginnt der Kampf um die Vorherrschaft in Neapel früh. Maraja ist noch keine achtzehn, als er nach dem Mord an seinem Bruder Blutrache schwört. Doch eigentlich will der Clan vor allem eins: Die nächste Million mit Kokain machen. Als es zu Lieferschwierigkeiten kommt, muss Maraja Allianzen mit den Rivalen schmieden – und unterschätzt die Gefahr aus den eigenen Reihen.

Brutal und schonungslos schreibt Roberto Saviano über die unbarmherzige Wirklichkeit in Neapels Camorra. Die Jugendlichen haben keine Chance, der Geldgier in ihrem Umfeld zu entkommen. Die grenzenlose Brutalität mit der vorgegangen wird, verschlägt einem immer wieder den Atem. Düster fängt Saviano diese verrohte Wirklichkeit ohne Filter ein, es gibt keine sympathischen Helden. Saviano schafft es, den Figuren nahe zu kommen, man versteht ihre Verletzlichkeit unter ihrem Panzer. Man wünscht sich, es wäre wirklich nur Fiktion.

Roberto Saviano, geboren 1979 in Neapel, ist Autor des internationalen Bestsellers Gomorrha. Wegen andauernder Morddrohungen von Seiten der Camorra steht Saviano unter Polizeischutz und lebt seit mehr als acht Jahren im Untergrund. Er erhielt 2009 den Geschwister-Scholl-Preis und 2011 den Olof-Palme-Preis für seinen publizistischen Einsatz gegen organisiertes Verbrechen und Korruption.

Die Lebenshungrigen von Roberto Saviano ist bei dtv erschienen.
(JK 01/21)

Marcial Gala: Die Kathedrale der Schwarzen (Nagel & Kimche)

„Kuba von unten“ zeigt der kubanische Autor Marcial Gala in seinem Roman Die Kathedrale der Schwarzen.

Ausgerechnet in Punta Gotica, einem Viertel Cienfuegos, in dem nur vergessene Schwarze und arme Weiße wohnen, wird eine neue Kirche errichtet. Das Gotteshaus soll ein Symbol sein, über die Stadt und Kuba hinaus, etwas Aufstrebendes in Zeiten, in denen alles verfällt. Geld und freiwillige Mitarbeiter fließen den Erbauern nur so zu, beständig wird die Kirche erweitert – und gerade deshalb nie fertiggestellt.

Marcial Gala lässt die Menschen zu Wort kommen, die im Schatten des von Tag zu Tag wachsenden Monumentalbaus leben, er zeigt uns Kuba von unten und ein Land, das der US-Luxuskapitalismus vor eine Zerreißprobe stellt – existenziell, roh und mit vielen Zwischentönen. Prall und roh und ungeschönt ist das Bild, das er zeichnet, nichts für zarte Nerven. Die Zeichnung der Figuren im Buch ist extrem. Doch erfüllt Gala damit genau den Zweck, die Monstrosität der deprimierenden sozialen Situation zu verbildlichen. Dadurch erhält die Geschichte Authentizität. Es ist nicht das Kuba von puderweißen Stränden, karibischem Türkis oder romantisierender Revolution und Fidels Gesellschaftsordnung.

Marcial Gala, 1965 in Havana geboren, ist Autor und Architekt. 1999 wurden seine Kurzgeschichten mit dem Pinos Nuevos Award ausgezeichnet, sein Roman Die Kathedrale der Schwarzen mit dem Alejo Carpentier Award 2012 und dem Critics‘ Award für das beste kubanische Buch 2012. Gala lebt in Buenos Aires (Argentinien) und Cienfuegos.

Die Kathedrale der Schwarzen von Marcial Gala ist bei Nagel & Kimche erschienen.
(JK 12/20)

Arno Strobel: Die App (Fischer Taschenbuch)

Die App
, der neue Psycho-Thriller von Arno Strobel

Du hast die App auf deinem Handy. Sie macht dein Zuhause sicherer. Doch nicht nur die App weiß, wo du wohnst.

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Hamburg-Winterhude, ein Haus mit Smart Home, alles ganz einfach per App steuerbar, jederzeit, von überall. Und dazu absolut sicher. Hendrik und Linda sind begeistert, als sie einziehen. So haben sie sich ihr gemeinsames Zuhause immer vorgestellt. Aber dann verschwindet Linda eines Nachts. Es gibt keine Nachricht, keinen Hinweis, nicht die geringste Spur. Die Polizei ist ratlos, Hendrik kurz vor dem Durchdrehen. Konnte sich in jener Nacht jemand Zutritt zum Haus verschaffen? Und wenn ja, warum hat die App nicht sofort den Alarm ausgelöst? Hendrik fühlt sich mehr und mehr beobachtet. Zu recht, denn nicht nur die App weiß, wo er wohnt…

Das Thema berührt uns alle. Immer mehr wird automatisiert und digitalisiert und auch vor unserem Zuhause macht diese Entwicklung nicht halt. Man gibt die Kontrolle aus der Hand in der Überzeugung, es kann nicht schieflaufen. Das ist die Urangst, mit der Arno Strobel spielt und die verfängt. Er legt Fährten, die ins Leere laufen und hält die Spannung hoch. Mehr sei hier nicht verraten.

Arno Strobel liebt Grenzerfahrungen und teilt sie gern mit seinen Lesern. Deshalb sind seine Thriller wie spannende Entdeckungsreisen zu den dunklen Winkeln der menschlichen Seele und machen auch vor den größten Urängsten nicht Halt. Seine Themen spürt er dabei meist im Alltag auf und erst, wenn ihn eine Idee nicht mehr loslässt und er den Hintergründen sofort mit Hilfe seines Netzwerks aus Experten auf den Grund gehen will, weiß er, dass der Grundstein für seinen nächsten Roman gelegt ist. Alle seine bisherigen Thriller waren Bestseller. Arno Strobel lebt als freier Autor in der Nähe von Trier.

Die App von Arno Strobel ist bei Fischer Taschenbuch erschienen.
(JK 12/20)

Martin Maurer: Die Krieger (DuMont)

In Martin Maurers Krimi Der Krieger macht sich ein Berliner Ermittler im München der Achtziger auf die Suche nach einem Attentäter.

Das Jahr 1984 hat gerade begonnen, die Proteste gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen hören nicht auf, im Radio läuft Joy Division. Nick Marzek, 43, gebürtiger Berliner, ist seit Kurzem Kriminalkommissar bei der Münchner Polizei. Nach dem Tod seiner Frau versucht er sich im Reich von Franz Josef Strauß und dessen CSU ein neues Leben aufzubauen. Mit bescheidenem Erfolg. Da ereignet sich ein verheerender Brandanschlag auf die Diskothek Liverpool im Bahnhofsviertel. Es gibt zahlreiche Verletzte, und der Druck auf die ermittelnden Beamten ist groß. Alles deutet auf Revierkämpfe im Rotlichtmilieu hin. Doch der Fall nimmt eine unerwartete Wendung: Von der italienischen Polizei wird den Ermittlern ein Bekennerschreiben zugeschickt, und Nick bleibt nichts anderes übrig, als dem Hinweis nachzugehen. Er muss nach Italien. Hilfe bekommt er dabei von Graziella Altieri, die bei der Mordkommission eigentlich als Reinigungskraft arbeitet, nun aber als Übersetzerin einspringt. Nick und Graziella beginnen in Mailand mit ihren Nachforschungen – und müssen erkennen, dass der Fall eine politische Dimension hat…

Martin Maurer hat einen packenden Thriller geschrieben mit einer komplexen Geschichte. Dabei nimmt er die wahre Begebenheit um den Brandanschlag auf die Münchner Disko und die Gruppe Ludwig als Grundlage. Erstaunlich, dass von dieser grauenhaften Tat so wenig im kollektiven Gedächtnis geblieben ist. Das Buch entwickelt sich im Verlauf zu einem Politthriller und man erahnt, dass das Thema auch heute noch hoch aktuell ist. Dies erhöht die Dramatik ungemein. Bleibt zu hoffen, dass Martin Maurer seinen Helden Nick Marzek mit weiteren Fällen literarisch am Leben hält.

Martin Maurer wurde 1968 in Konstanz am Bodensee geboren. Er studierte Dramaturgie und Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und arbeitet als Drehbuchautor. 2011 erschien sein Thriller Terror. Er lebt in Berlin und Italien.

Die Krieger von Martin Maurer ist bei DuMont erschienen.
(JK 12/20)

T.C. Boyle: Das Licht (dtv)

Der Bestseller Das Licht von T.C. Boyle ist jetzt bei dtv als Taschenbuch erhältlich.

Endlich wird der aufstrebende wissenschaftliche Assistent Fitz in Harvard auf eine der LSD-Partys seines Professors Leary eingeladen. Doch bald merkt er, dass Learys Ziele weniger medizinischer Natur sind: Es geht ihm um eine Revolution des Bewusstseins und eine von sozialen Zwängen befreite Lebensform. Fitz wird mitgerissen von dieser Vision, mit Frau und Sohn zieht er in eine Kommune. Er experimentiert mit Rauschmitteln und sexuellen Ausschweifungen jeglicher Art. Doch ist LSD wirklich mehr als eine Droge?

T.C. Boyle beschreibt den Ideengeber der späteren Hippiebewegung und kommt damit auf eine seiner Kernaussagen seines Schaffens zurück. Die richtigen Ideale zu haben, falsch umzusetzen und letztendlich zu scheitern. Das setzt T.C. Boyle meisterlich um.

T. Coraghessan Boyle, geboren 1948 in Peekskill, New York, unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles. Für seinen Roman World's End erhielt er 1988 den PEN/Faulkner-Preis. Als Enfant terrible der amerikanischen Gegenwartskultur wurde T. C. Boyle zum Pop- und Literaturstar seiner Generation.

Das Licht von T.C. Boyle ist bei dtv erschienen.
(JK 12/20)

Alex Lépic: Lacroix und die Toten vom Pont Neuf (Droemer)

Alex Lépic hat mit dem Krimi Lacroix und die Toten vom Pont Neuf den ersten Fall für den Kommissar Lacroix aus Paris geschrieben. Eine liebevolle Hommage an seinen berühmtesten Vorgänger, Kommissar Maigret.

Wer hat es auf die Pariser Clochards abgesehen? In drei aufeinanderfolgenden Nächten werden am Ufer der Seine Stadtstreicher ermordet, die Leichen findet man jeweils unter einer Brücke. Obwohl Kommissar Lacroix und seine Kollegen nach dem ersten Mord rund um die Uhr Wache an den Ufern der Seine halten, können sie weder die weiteren Taten verhindern noch Zeugen finden. Die Presse stürzt sich auf den Fall – und auf Kommissar Lacroix: Seit ein junger Kollege eine scherzhafte Bemerkung über seinen altmodischen Hut und Mantel gemacht hat, hängt dem Kommissar ein berühmter Spitzname an: „der neue Maigret“. So viel Aufmerksamkeit ist Lacroix gar nicht recht, schließlich gilt es, einen Mörder zu fassen, der womöglich vor 30 Jahren schon einmal Clochards in Paris ermordet hat.

Kommissar Lacroix ist ein wunderbar nostalgischer Ermittler mit einer Abneigung gegen Handys und einer Vorliebe für gutes Essen und noch besseren Wein. Mit augenzwinkerndem Charme verbeugt sich Krimi-Autor Alex Lépic vor seinem großen Vorbild, George Simenons berühmtem Kommissar Maigret.

Mit der Figur Lacrois reiht sich Alex Lépic in die Reihe deutschstämmiger Autoren ein, die ihren Krimihelden in Frankreich leben lassen. Die Atmosphäre von Savoir Vivre, die französische Art, das Leben etwas leichter zu nehmen, vor allen Dingen die gastronomischen Künste zu feiern, das romantisierende Image Frankreichs und Paris, der Stadt der Liebe. Das alles wird wunderbar bedient, das wollen die Leser von Frankreich-Krimis spüren und erleben. In diesem Sinne tadellos erfüllt, sehr unterhaltsam und gut geschrieben.

Alex Lépic, alias Alexander Oetker geboren 1980 in Paris, ist in Deutschland aufgewachsen, setzt sich aber so oft wie nur möglich in den Zug, um in sein heiß geliebtes Paris zurückzukehren, wo er ein kleines Mansardenzimmer bewohnt, leider nicht im feinen siebten Arrondissement und auch nicht mit Blick auf den Pont Neuf. Lacroix und die Toten vom Pont Neuf ist sein Debüt – und wurde vor allem auf den Terrassen der Pariser Bistros geschrieben, wo zur Zeit auch schon der zweite Fall für Kommissar Lacroix entsteht.

Lacroix und die Toten vom Pont Neuf  von Alex Lépic ist bei Droemer erschienen.
(JK 12/20)